Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die Woche im Fernsehen: Die zweitbeste Hoffnung, die wir noch haben

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Der BR trauert in Garmisch-Partenkrichen um die verlorene Olympia-Bewerbung; die "Wochenshow" kommt zum Staffelfinale kein Stück von der Stelle; Sat.1 kopiert für "Schwer verliebt" originalgetreu RTL; die ARD zeigt das beeindruckende Porträt "Zurück in Bismuna"; und Pro Sieben sucht "Sommermädchen", die schwimmen können. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Die Sendungen
  • Bürgerforum live BR
  • Die Wochenshow Sat.1
  • Schwer verliebt Sat.1
  • Zurück in Bismuna
    Das Erste
  • Sommermädchen
    Pro Sieben

Die Gaststätte war perfekt ausgeleuchtet, das Bierglas gefüllt, der ganze Ort bis zur Unkenntlichkeit bedirndlt – und dann kam am Mittwoch die schlechte Nachricht, dass die Olympischen Winterspiele nach Pyeongchang gehen. Selbstverständlich war das bayerische Fernsehen professionell genug, sein für den Abend geplantes „Bürgerforum live“ aus Garmisch-Partenkirchen trotzdem durchzuziehen. Einerseits, damit jeder Olympia-Befürworter noch einmal ins Fernsehen reinsagen konnte, worüber sich fast alle im Wirtshaus einig waren: dass die Entscheidung angesichts der tollen Bewerbung aus Bayern „schwer nachzuvollziehen“ sei, auf jeden Fall „nicht sachlich“ und die IOC-Mitglieder diesen Fehler nun „selber mit ihrem Gewissen ausmachen“ müssten.

Und andererseits, um Moderator Tilmann Schöberl nicht die Gelegenheit zu vermasseln, auch mal Frank Plasberg spielen zu können (Sendung in der BR-Mediathek leider nicht direkt verlinkbar).

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Die zweitbeste Hoffnung, die wir noch habenDass er der Mehrzahl seiner Gäste bloß freundliche Suggestivfragen stellte, in denen permanent mitschwang, die Gegner der umstrittenen Bewerbung seien wohl Schuld am jetzigen Schlamassel, war schon nicht so glücklich.

Nachher bekam der Moderator aber auch noch den meisten Applaus, weil er die beiden Vertreter der Gegenseite als einzige kritisch befragte und sie permanent in ihren Antworten unterbrach. Die zum Teil völlig irren Behauptungen der Olympia-Fraktion zumindest ansatzweise mit der Realität abzugleichen, sparte sich der BR. Hätte im Wirtshaus natürlich auch nicht so viel Applaus gebracht. Am Ende stand Schöberl vor der schönen Bergkulisse draußen und meinte: „Hier hätte Olympia schon einen guten Platz gefunden.“ Wie gut, dass es anders gekommen ist. Sonst hätte der BR seinen Reporter womöglich als PR-Chef ans Organisationskomitee ausleihen müssen.

Als Sat.1 vor zwei Monaten seine „Wochenshow“ entmumifizierte, waren die Kritiken verheerend. Im Interview mit DWDL erklärte Chefautor Chris Geletneky gerade, woran das eigentlich lag: Die 3D-Grafik für den Hintergrund war noch nicht fertig! „Jetzt ist es aber unglaublich funky!“

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Die zweitbeste Hoffnung, die wir noch habenJa, so eine irre 3D-Grafik, in der die Kontinente durch große Punkte zusammengesetzt sind (also wie vor 15 Jahren in den „Tagesthemen“) hilft natürlich enorm, es plötzlich spitze zu finden, wenn Matze Knop sich schon wieder als Dieter Bohlen verkleidet und statt „The Next Osama bin Laden“ nun „Das Superpublikum“ sucht, wenn eine Militärparodie die nächste jagt und der Gastgeber den Gag rausfeuert, bei der Frauen-WM sei eine Spielerin unter Dopingverdacht geraten, weil sie im Stehen gepinkelt habe (ganze Show bei myspass.de ansehen).

Die zweite Möglichkeit ist, dass die „Wochenshow“ auch nach mehreren Ausgaben einfach immer noch unterirdisch schlecht ist.

Immerhin, eine positive Nachricht gibt es: Seit der ersten Sendung im Mai hat Lück seine Frisur in den Griff bekommen. Jetzt muss er nur noch mit dem Flunkern aufhören. Vor der Werbepause „Bleiben Sie dran, es lohnt sich“ zu versprechen, hilft nämlich wenig, wenn danach das Gegenteil bewiesen wird.

Dabei kann Sat.1 doch auch ganz anders: nämlich sich voll und ganz darauf konzentrieren, dem Publikum vorzugaukeln, es sei bei RTL gelandet. So gesehen ist der Auftakt der Kuppelsoap „Schwer verliebt“ hervorragend gelungen: Moderatorin Britt Hagedorn, im neunten Monat schwanger, schlägt sich prima als Ersatz-Vera-Int-Veen. Und die 45 Minuten, in denen vermeintlich übergewichtige Kandidaten vorgestellt werden, die übers Fernsehen ihre große Liebe suchen, bedienten sich exakt derselben Mittel, die bereits „Schwiegertochter gesucht“ (und „Bauer sucht Frau“) zum Erfolg gemacht haben.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Die zweitbeste Hoffnung, die wir noch habenNicht nur die einfachen Haupsätze hat man sich von der Konkurrenz gemopst, sondern auch die Alliterationen. Die Sendung ist vollgestopft mit „rüstigen Rentnern“, „fröhlichen Flötenspielern“, „molligen Märchenprinzen“ und „sanften Südharzern“.

Obwohl permanent darauf verwiesen wird, dass „Pfundskerle“ mit „Herz und Hüftgold“ glücklich gemacht werden sollen und „Wonneproppen“ mit potenziellen Partnern „durch dick und dünn gehen“ werden, macht sich jedoch auch „Schwer verliebt“ bloß mit perfide gespielter Ernsthaftigkeit über Menschen lustig.

ÜDa ist die Kandidatin, die immer noch mit Barbiepuppen spielt und diese gegenseitig verheiratet, der an Schnappatmung leidende Mamasohn und die Handleserin, die sich entschieden hat, ihren Damenbart wachsen zu lassen, woraufhin Sat.1 in der Bauchbinde freundlicherweise einblendet: „Mariam, 47, ist eine Frau“ (Einzelvideos bei sat1.de). Produziert wird das Bloßstellungsfernsehen zur Abwechslung von UFA Entertainment – vielleicht sind die Werte, über die UFA-Chef Wolf Bauer sonst so gerne spricht, da ausnahmsweise mal zweitrangig gewesen.

Wann genau ist das eigentlich aus der Mode gekommen, dass das Fernsehen seine Protagonisten (und deren Probleme) auch mal ernst nimmt?

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Die zweitbeste Hoffnung, die wir noch habenUli Kick würde wahrscheinlich sagen: gar nicht. Im Auftrag der ARD ist der Filmemacher nach Nicaragua gereist, wo drogenabhängige Jugendliche aus Deutschland in einem Camp unter der Anleitung eines Pädagogen und einer Theologin lernen sollen, sich eine Perspektive zu erarbeiten. Zwölf Jahre ist das her.

Im vergangenen Jahr hat sich Kick entschlossen, wieder hinzufahren. In „Zurück in Bismuna“ (Video in der ARD-Mediathek) dokumentiert er nicht nur, wie das Camp wegziehen musste, weil das daran angeschlossene indianische Dorf selbst im Drogensumpf versank. Sondern vor allem, was aus den drei Teenagern geworden ist, die er damals kennenlernte. Wie sie nach Deutschland zurückkamen und die Kurve gekriegt haben – oder eben nicht. Kick lässt die Endzwanziger ihre Geschichte in eigenen Worten erzählen, begleitet sie in ihrem neuen Leben zur Arbeit und auf die Bahnhofstoilette, wo sich einer den nächsten Schuss setzt.

Es geht ums Neuanfangen, ums Scheitern und darum, ehrlich zu sich zu sein. Dafür braucht der Filmemacher keine konfliktscharfe Kamera und keinen reißerischen Off-Kommentar, bloß das Vertrauen derjenigen, die er porträtiert. Dabei herausgekommen ist ein wahrlich beeindruckender Film, der die Erwachsenen mit ihren Träumen von damals konfrontiert und ziemlich schonungslos zeigt, was er im Untertitel verspricht: „Der harte Kampf gegen die Drogensucht.“

Noch so ein Problem, über das sich deutsche Schulen dringend Gedanken machen sollten: der Schwimmunterricht! Notfalls müssen halt ein paar Stunden Mathe oder Deutsch gestrichen werden, um der Jugend beizubringen, wie sie sich im Wasser zielfördernd bewegt – sonst blamieren die sich doch spätestens, wenn sie „Sommermädchen“ bei Pro Sieben werden wollen.

Die Nichtschwimmerquote, zumindest die behauptete, war bei den elf in diesem Jahr ums Berühmtwerden (und den nutzlostesten Titel der deutschen Fernsehbranche) kämpfenden jungen Frauen zumindest riesig, als sie in einem spanischen Freibad vom Fünfer springen sollten. Um nach einem Schlüssel zu tauchen, der ihnen das Zimmer in der Luxusvilla öffnet, in der sie sich gegenseitig bezicken dürfen. In den „vielleicht sieben härtesten Wochen ihres Lebens“. Also eine Art Ersatzwehrdienst im Schnelldurchlauf (und im Bikini).

Immerhin: die Ansage ist klar. Es geht um Zoff, Tränen und möglichst viel nackte Haut. Das ist ganz gut ansehbar, wenn man zufällig gerade eine Gehirnhälfte an den Nachbarn verliehen hat. Denn alles, was den „Sommermädchen“ passiert, wird praktischerweise zweimal erklärt.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Die zweitbeste Hoffnung, die wir noch habenAlles, was den „Sommermädchen“ passiert, wird praktischerweise zweimal erklärt: einmal vom Off-Sprecher und gleich danach von Moderatorin Jana Ina Zarella, die schon vom Kartenablesen leicht überfordert ist, weshalb sie das die meiste Zeit ihrem Gatten Giovanni überlässt. Ansonsten ist die Neuauflage (ganze Folge bei prosieben.de) wieder ein Festival falscher Tränen und Brüste, in der die Glücksbringerkuscheltiere so lange gedrückt werden, bis man das Gefühl hat, da müsse mal der Tierschutz einschreiten, um die vielen Hündchen, Schäfchen und Bärchen zu retten.

Für die Damen kommt wahrscheinlich jede Rettung zu spät, selbst wenn eine vor dem Turmspringen zu ihrem Team sagt: „Ich bin die zweitbeste Hoffnung, die wir noch haben.“ Für Pro Sieben ist sie sogar schon die letzte.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: BR, Sat.1, Das Erste, Pro Sieben

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16 Lesermeinungen

  1. Heißt die überzeugte...
    Heißt die überzeugte Damenbartträgerin wirklich Mariam oder hat der werte Autor dort ein a mit einem i verwechselt ?

  2. die hieß wirklich so...
    die hieß wirklich so

  3. Die Doku von Uli Kick war sehr...
    Die Doku von Uli Kick war sehr beeindruckend: Ein Camp-Leiter, der einfach mal so in die Kamera sagt, daß die deutsche Gesetzgebung den Drogen-Ausstieg von Jugendlichen wenn nicht verhindert, so zumindest sehr schwer macht. Der ehemalige Abhängige, der erzählt, wie ihm und anderen während seines Studiums das blaue vom Himmel versprochen wurde nur um danach bei der Arge zu landen. Obwohl oft nur in Nebensätzen, wurde hier die tatsächliche Wirklichkeit vieler (junger) Menschen in unserem Land dargestellt. Und das ohne auf die Tränendrüse zu drücken, ohne erhobenen Finger und ohne die Protagonisten bloßzustellen. Ich frage mich auch: Warum nicht immer so im deutschen Fernsehen?

  4. Ich beschränke mich in meinem...
    Ich beschränke mich in meinem Kommentar auf das wohl einzig sehenswerte, was hier aufgeführt wird. Die Doku über das Drogen-Camp war beeindruckend. Wei offen die Protagonisten ihre Situation beschreiben und wie entlarvend die Statements gegenüber dem, was hier an Drogenpolitik betrieben wird hatte ich so noch nicht gehört. Leider und wie immer kommen die interessantesten Dokus um nachtschlafende Zeit. Für diese Infos bin ich aber gern am nächsten Morgen müde.

  5. Alles wird zwei mal erklärt....
    Alles wird zwei mal erklärt. Alles wird zwei mal erklärt. 😀 sehr schön!

  6. "Denn alles, was den...
    „Denn alles, was den „Sommermädchen“ passiert, wird praktischerweise zweimal erklärt.
    Alles, was den „Sommermädchen“ passiert, wird praktischerweise zweimal erklärt:“
    Großartig 😉

  7. Winter-Olympiade

    So ist das...
    Winter-Olympiade
    So ist das nun mal. Viele Bewerber und nur einer kann gewinnen. Statt mal die eigene Niederlage zu tolerieren wird … naja … an die eigene Nase fassen und nicht immer alles gleich so persönlich nehmen … ist nicht gut für den Blutdruck.
    Es ist garantiert nicht die letzte Winter-Olympiade … oder haben die Bayern Angst um die Geld-Einnahmen wegen des Länderfinanzausgleichs … macht doch nichts – am Ende zahlt der kleine Steuerbürger

  8. Jade sagt übrigens: "Ich bin...
    Jade sagt übrigens: „Ich bin irgendwie die zweitLETZTE Hoffnung, die wir noch haben.“ Falls es sich auf das Jade-Zitat bezieht vor Ihrem 5m Sprung.
    Minute: 26:54 auf dem ProSieben-Link
    Wollte nur mal drauf aufmerksam machen Peer…

  9. Kommenden Montag hat auf RTL2...
    Kommenden Montag hat auf RTL2 die erste Folge der Hypnose-Trash-Show „Ich weiss, was du letzten Freitag getan hast“ Premiere, der Zonk-Onkel Jörg Dräger wurde dazu noch mal aus der medialen Gruft gebuddelt. Ich kann es kaum erwarten, hier dann was darüber zu lesen…. Um die Vorfreude zu steigern:
    https://absolutobsolet.blogspot.com/2011/04/stuhlerucken-fur-rtl-2.html

  10. Gerade wollte ich in der...
    Gerade wollte ich in der ARD-Mediathek in die hier erwähnte
    Dokumentation reinschauen – und was passiert?
    Es erscheint die Meldung:
    „Diese Sendung ist für Jugendliche unter 12 Jahren nicht geeignet.
    Der Clip ist deshalb nur von 20 bis 6 Uhr verfügbar.“
    Jetzt gibt es also auch schon „Sendezeiten“ im Internet – man
    lernt doch nie aus…

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