Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Männer, die auf Handys starren: "Sherlock" ist der erste Krimi mit eingebauter App

| 30 Lesermeinungen

Die BBC hat Sherlock Holmes und Dr. Watson ins London des Jahres 2011 verpflanzt, um sie dort gemeinsam auf Mörderjagd zu schicken. Das Publikum ist direkt dabei: Immer wenn einer der Charaktere auf seinem Handy herumwischt oder eine Kurznachricht kriegt, dürfen die Zuschauer mitlesen und sich als Mitwisser fühlen.

Bild zu: Männer, die auf Handys starren: "Sherlock" ist der erste Krimi mit eingebauter AppNatürlich kann man „Sherlock“ auch einfach wegen seiner Dreistigkeit mögen: dafür, dass die Autoren so vermessen waren, die Protagonisten von Sir Arthur Conan Doyle einfach ins London des Jahres 2011 zu verpflanzen und fest daran zu glauben, dass sie dort immer noch funktionieren.

Sie haben Recht behalten. Noch dazu geben Benedict Cumberbatch und Martin Freeman ein wunderbares Filmduo ab – der eine als sozial völlig inkompetenter Einzelgänger, auf den die Polizei bei Ermittlungen aber nicht verzichten kann, weil er auch ein genialer Beobachter ist; und der andere als Ex-Soldat, der desillusioniert und einsam aus Afghanistan wiederkommt, als linke Hand seines neuen Mitbewohners aber vergessen kann, was ihm im Krieg widerfahren ist und stattdessen auf Mörderjagd geht.

Nebenbei ist die BBC-Filmreihe aber auch noch der erste Fernsehkrimi mit eingebauter App. Die App heißt: Smartphone Reader. Zumindest hieße sie so, wenn es sie gäbe. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, dass auch TV-Unterhaltung mit Apps aufgerüstet wird. Bis es soweit ist, bemüht sich „Sherlock“, dem schon mal möglichst nahe zu kommen.

Immer wenn einer der beiden Hauptprotagonisten eine SMS aufs Handy kriegt und sich der Blick von Holmes oder Watson aufs Display richtet, dürfen die Zuschauer mitlesen, was da steht, weil es direkt daneben ins Bild eingeblendet wird. Bei dem eingehenden Anruf, der wahrscheinlich von dem irren Serienkiller kommt, weiß man gleich: „Nummer blockiert.“ Und wenn Holmes auf seinem Smartphone im Internet nach Hinweisen sucht, kriegen wir dazu in Echtzeit Dropdown-Menüs und Suchbegriffe eingeblendet.

Bild zu: Männer, die auf Handys starren: "Sherlock" ist der erste Krimi mit eingebauter App

Bild zu: Männer, die auf Handys starren: "Sherlock" ist der erste Krimi mit eingebauter App

Das funktioniert auf mehreren Ebenen: als Ankündigung, was als nächstes passieren wird oder wer als nächstes auftritt; und als Hinweis auf die Spur, die das Duo gerade verfolgt.

So clever hat bisher noch niemand einen (im Grunde genommen) klassischen Krimi erweitert: Durch die Einblendungen, die sonst nur die Protagonisten selbst sehen, werden die Zuschauer unmittelbar zu Mitwissern und sind mindestens genauso nah dran an den Ereignissen wie Holmes und Watson. Gegenüber der Polizei haben sie immer einen Wissensvorsprung – was für eine tolle Idee, um dem Publikum das Gefühl zu geben, direkt dabei zu sein! Und zwar ohne irgendwelche dämlichen Interaktionsspielchen zu veranstalten.

In manchen Fällen bleibt die Nachricht sogar im wahrsten Sinne des Wortes im Raum stehen, wenn sich die Kamerperspektive verändert (und wird zum Beispiel kleiner und unleslich wie im folgenden Bild) – fast als sei sie ein weitere Charakter.

Bild zu: Männer, die auf Handys starren: "Sherlock" ist der erste Krimi mit eingebauter App

Gleich in der ersten Folge geht „Sherlock“ noch einen Schritt weiter und visualisiert die Gedanken, die Holmes durch den Kopf schießen, als er eine Leiche inspiziert.

Bild zu: Männer, die auf Handys starren: "Sherlock" ist der erste Krimi mit eingebauter App

Das deutet schon das an, was der Detektiv nachher der verdutzten Polizei ausführlich erklärt, geht aber so schnell, dass man selbst kaum hinterherkommt. Und nachher umso dringender wissen will, wie Holmes aus den Gedankenfetzen eine schlüssige These kombiniert hat.

Mit „Sherlock“ hat die BBC ganz wunderbare, intelligente Krimiunterhaltung hingekriegt, und das Beste daran: das Erste zeigt an den kommenden Sonntagen alle drei bisher produzierten Filme direkt nach dem „Tatort“. (Weitere sind in Vorbereitung.)

Bei dieser Gelegenheit darauf zu hoffen, dass sich die Programmverantwortlichen der ARD bei „Sherlock“ ordentlich was für die eigenen Produktionen abschauen, wäre wahrscheinlich zuviel verlangt. Warten wir erstmal ab, ob für die deutsche Version auch die Texteinblendungen übersetzt wurden. Damit wäre die ARD-Kreativabteilung dann wahrscheinlich für die vergangenen Monate auch schon ausgelastet gewesen.

„Sherlock“ läuft sonntags um 21.45 Uhr im Ersten.

Screenshots: BBC

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30 Lesermeinungen

  1. pschader sagt:

    @tomik_de: Ich hab keinen...
    @tomik_de: Ich hab keinen blassen Schimmer.

  2. Paule sagt:

    @ Stefan "ARD und ZDF ruhen...
    @ Stefan „ARD und ZDF ruhen sich lieber auf altbewährten Konzepten und Ideen aus…“
    Es ist kein Problem von ARD und ZDF, sondern des deutschen Fernsehens ganz allgemein. Bei uns gibt es Stillhalte-Fernsehen und zwar über alle Sender. In GB ist das umgekehrt. Dort hat man über alle Sender eine gewisse Geschwindigkeit.
    Sieht man sehr schön an unserem RTL: Die holen sich alle Show- und Dokusoap-Ideen von den Briten (und Gerichtsshows, sowie Scripted Realitiy holte man sich von Sat.1). Und dem Sender geht es blendend damit.
    Liegt das Problem jetzt bei den Sendern oder beim Publikum, welches Neues ablehnt? Wie war das mit zdf_neo: Die mussten auch merken, dass die viel geforderten Einkaufserien eben nicht ankamen und dass Soko Leipzig besser läuft. Wie viele haben sich die Doku letzten Dienstag im ZDF angesehen (obwohl ständig nach weniger Bergdoktor und mehr Doku verlangt wird)? 1,8% bei den U50. Es ist leicht, auf die Sender einzudreschen, aber bei DEM Publikum ist das Angebot kein Wunder. Das Angebot ist ein Spiegel des Publikums.

  3. Paule sagt:

    @tomik_de "Nun aber eine...
    @tomik_de „Nun aber eine andere Frage: Wie erklären Sie sich…“
    Weil Mad Men und Breaking Bad für einige Zuschauer zwar ganz großes Kino sind (zu recht!), aber die breite Masse kein Stück juckt. Die Serien haben es verdient, gezeigt zu werden, aber in einem entsprechenden Rahmen.
    Wenn Teile des Publikums erwachsen genug sind, sich für Breaking Bad zu interessieren, ist man auch erwachsen genug, Gutes zu suchen und zB. bei arte zu finden. Alles im Ersten finden zu wollen, ist nicht erwachsen. Das ist Zapping-Fernsehen, in dem genannte Serien nichts zu suchen haben.
    Wenn etwas fehlt, dass Sender-Cross-Promotion, die sagt, dass es jetzt im Ersten den Schunkelfilm gibt und auf 3sat die Doku und bei arte die tolle Serie. Möge man selbst entscheiden.

  4. hobbitfreund sagt:

    @Paulie
    "die breite masse kein...

    @Paulie
    „die breite masse kein Stück juckt“: wie auch, wenn die breite Masse keine Ahnung hat, dass besagte Serien überhaupt existieren bzw. wo sie laufen.
    Das hat mehrere Gründe. Einige haben noch kein Digitalfernsehen. Andere kaufen sich nicht jede Woche eine TV- Zeitschrift, sondern nehmen die kostenlose Zeitschrift ihrer Tageszeitung (z. B. Prisma), wo übers Programm der Digitalsender nur wenig zu finden ist. Und sicherlich die meisten haben Abends keine Lust, die ganze Fernsehzeitung zu studieren und zappen nur durch die wichtigsten Sender durch.
    „Das ist Zapping- Fernsehen“: Mag ja sein, trotzdem hätte Mad Men deutlich mehr Zuschauer erreicht, hätte man es z. B. Donnerstag Abend um 20.15 im ZDF gesendet.
    Was die Einschätzungen zum dt. Fernsehen allgemein betrifft kann ich nur zustimmen.

  5. Paule sagt:

    @hobbitfreund: "wie auch, wenn...
    @hobbitfreund: „wie auch, wenn die breite Masse keine Ahnung hat, dass besagte Serien überhaupt existieren bzw. wo sie laufen.“
    Klingt ein wenig so, als würde alles, was auf den „wichtigsten Sendern“ läuft, zum Erfolg. Das ist leider nicht so. Ich würde folgenden Schluss ziehen: Die breite Masse ist mit dem Angebot der „vorderen Sender“ zufrieden. Wäre sie das nicht, würde sie suchen. Soweit ich weiß, vergrößert sich die Anzahl der Sender, in der das Individuum nach passenden Sendungen sucht, nicht proportional mit dem Angebot. Man hat seine 5 Sender egal ob man 15, 50 oder 100 empfangen kann. Es verschiebt sich lediglich zur Seite, also zu anderen Sendern. Kernaufgabe der neuen Fernsehrealität sollte also nicht sein, alle mit allem auf den üblichen Verdächtigen erreichen zu wollen, sondern zu kommunizieren, wo ich denn nun was genau finden kann. Mad Men hatte eine Menge gute Presse. (Der Digitalisierungsanteil ist nach 15 Jahren DVB in Deutschland kein Grund mehr!) Also sollte man vom erwachsenen Zuschauer erwarten, dass er sich informiert. Besonders dann, wenn er unzufrieden ist. Die Unzufriedenheit, die wir ständig zu hören bekommen, ist aber nur Reflexgejammer. Man sollte der ARD zu ihrem Einkauf gratulieren und die Filme genießen, in der Hoffnung, dass es abfärbt und Mut macht. Positiv denken. Was bekommt man in Foren zu lesen? Wie mies der Tatort ist, wie toll das britische Fernsehen sein muss, die unkreativ unsere Sender sind, dass kein erwachsener Mensch in der Lage sein muss, eine Fernbedienung richtig anzuwenden oder gar Programminfos zu lesen. Das ist Kunstpessimismus, der das Angebot präventiv schlecht macht, weil es den Verantwortlichen jede Hoffnung raubt. Wenn das unser Ziel ist, bitteschön. Wir haben Erfolg damit.
    Und um auch nochmal auf die Sender einzudreschen: Unser herrliches förderales System mit zwei getrennten Apparaten sorgt dafür, dass ich mich zwischen Sherlock und den Protectors entscheiden muss. Hurra. Gegenseitige Behinderung als öffentlicher Auftrag.

  6. Jeeves sagt:

    Sonntag, 23:12

    Bei Freunden...
    Sonntag, 23:12
    Bei Freunden gesehen. Grossartig !

  7. rgroth sagt:

    Mir hat die erste Folge schon...
    Mir hat die erste Folge schon einmal sehr gefallen – gerade auch wegen der App-artigen Einblendungen, die m.M.N. innovativ die sonst geläufigen gesprochenen Gedanken etc. ersetzen, und dadurch das Tempo erhöhen
    @tomik_de, andere Frage: Wahrscheinlich waren z.B. bei „Breaking Bad“(arte) und „Mad Men“(ZDFneo) andere Sender schneller 😉

  8. tomik_de sagt:

    @Paule: Ja, gut, arte geht...
    @Paule: Ja, gut, arte geht durch, ok – aber ZDF neo? Auf der anderen Seite: Es gab ja Werbung für Mad Men. Trotzdem frage ich mich, wie die Entscheidungen gefällt werden. Ich garantiere Ihnen Paule, dass jene Produktionen einfach mehr Zuschauer fänden, wenn Sie bei ARD liefen. Das ist der Punkt. So könnte man eventuell etwas gegen diesen Teufelskreis tun – gegen die Tatsache, dass junge Leute nur mit Schund groß werden, erst „erwachsen werden müssen“, wie Sie sagen, um Gutes zu sehen – dann ist es aber nahezu schon zu spät. Jedenfalls wenn man an die junge Filmgeneration denkt. Machen wir uns doch nichts vor: Deutsches Fernsehen ist einfach schlecht, kein Vergleich zu den amerikanischen Experimenten. Vielleicht liegt dies an schlechter Erziehung – würden wir mit besseren Serien aufwachsen, gäbe es vielleicht auch Hoffnung für deutsche Produktionen. Und so: bleiben Sendungen wie „mad men“ etwas für Studenten aus den Geisteswissenschaften und gut informierte Feuilletonisten. Schade.

  9. Petra sagt:

    Ich habe einen neuen Helden -...
    Ich habe einen neuen Helden – den Kameramann. Endlich mal wieder eine Kameraführung, bei der ich nicht seekrank werde. Setzt sich hoffentlich auch in deutschen Krimis wieder durch.
    Und die Briten können Krimis so gut machen, dass einem selbst ein durchgeknallter Soziopath unglaublich sympathisch ist.

  10. TOPCTEH sagt:

    @ Petra: Dass ein...
    @ Petra: Dass ein durchgeknallter Soziopath unglaublich sympathisch dargestellt werden kann, ist außerdem auch bei den Amerikanern (HBO) bei „Dexter“ und „The Wire“ nachzuschauen.

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