Das Fernsehblog

"TV Lab" bei ZDFneo, der erste Schwung: Panzerparken leicht gemacht

Eine ganze Woche tanzt ZDFneo seinem Publikum im „TV Lab“ vor, dass kleine Sender auch schöne Programme machen können. Zehn neue Sendungen sind eigens dafür produziert worden, am Ende stimmt das (bei zdf.de registrierte) Publikum ab, welche tatsächlich in Serie gehen soll.

Und weil das ZDF bekanntlich den richtigen Riecher hat, was junge Talente angeht, hat man in Mainz (nach Viva, MTV, Pro Sieben und der Sparkasse) Joko und Klaas verpflichtet, um die beiden auf einen Tisch in einen traurig beleuchteten Regieraum zu schrauben und sämtliche Macher der „TV-Lab“-Sendungen interviewen zu lassen. Dazu hat das Duo augenscheinlich nur so mittel Lust, ist aber schwer damit beschäftigt, den Weltrekord zu brechen, wie oft man in einer Anmoderation „Voten“ sagen kann, und lacht sich jedes Mal kaputt, wenn es daran erinnern soll, dass unter allen Teilnehmern eine Reise nach Berlin verlost wird (Berlin, Deutschland).

ZDFneo ist derweil mächtig stolz darauf, dass alle „TV Lab“-Sendungen neu entwickelt wurden und nicht im Ausland abgeguckt sind. Gut, das „TV Lab“ selbst ist im Ausland abgeguckt – aber weil es ja trotzdem eine schöne Idee ist, ganz viel neues Fernsehen auszuprobieren, begleitet das Fernsehblog das Projekt durch die Woche und verrät, was sich anzuschauen lohnt.

(Gegenmeinungen und Kommentare sind dringend erwünscht.)

„German Angst“
Genre: Wissens-Comedy, erste Einschätzung: läuft eventuell beim falschen Sender

Micky Beisenherz arbeitet beim Privatradio, hat schon die „Loveparade“ moderiert und das Buch „Bedienungsanleitung Mann – so macht Frau ihn funktionstüchtig“ geschrieben – insofern kennt er sich ganz gut aus mit Vorurteilen, schon was die Wahrnehmung der eigenen Person betrifft. In „German Angst“ will Beisenherz den tief sitzenden Ängsten seiner Mitbürger auf den Grund gehen, um anschließend die Luft rauszulassen. Fürs erste Mal hat er Grundschüler im Islamunterreicht besucht, sich erklären lassen, wie eine Moschee funktioniert, und ist mit Comedian Murat Topal saunieren gegangen – um herauszufinden, dass Moslems gar nicht alle Terroristen und Hassprediger sind.

Das ist eine schöne Erkenntnis. Für unterdurchschnittlich weltinteressierte RTL-2-Zuschauer. Zumal Beisenherz genau deren Geschmack treffen dürfte, wenn er als gebrochen Deutsch sprechender Moslem verkleidet in der Fußgängerzone Würstchen aus Schweinefleisch verkaufen will. Schnell den Senderwechsel anleiern, dann wird’s auch was mit der Fortsetzung. (Video ansehen.)

„Wie geil ist das denn?“
Genre: Comedy, erste Einschätzung: macht glücklicherweise kein Stück schlauer

Der Titel lässt Allerschlimmstes erahnen, aber dann steht da plötzlich Caro Korneli (von RTL schon mal mit den „TV Helden“ abgesetzt) und arbeitet sehr lustig, sehr schnell sprechend und sehr schlagfertig ihre Liste mit Dingen ab, die wir alle schon immer mal tun wollten, uns aber nie getraut haben: ein Lama anspucken, einen Callboy bestellen, mit Bernd Begemann einen Song schreiben, rückwärts mit einem Panzer einparken, jemanden tätowieren, eine Leiche anfassen – und so weiter. Das Herrliche an „Wie geil ist das denn?“ ist (außer Kornelis Klappe), dass sich die Sendung einen Dreck um den immanenten Weiterbildungs-Anspruch der Öffentlich-Rechtlichen schert – und stattdessen einfach unterhält. Hut ab! (Video ansehen.

„Neo Explorer“
Genre: Reisemagazin, erste Einschätzung: bisschen viel Wischerei

Sagt man überhaupt noch „interaktiv“? Ist das nicht mit dem Ende von „Hugo“ (Kabel 1 hab ihn selig) ausgestorben? Anne Herzlieb und Jan Frerichs haben trotzdem das „erste interaktive Reiseformat“ im deutschen Fernsehen erfunden. Als Alleinstellungsmerkmal hätte es natürlich auch „das inzwischen einzige Reiseformat im deutschen Fernsehen“ getan. Aber dass die beiden in „Neo Explorer“ ausschließlich Orte besuchen, die ihnen Freunde vorher per Facebook empfohlen haben, ist natürlich eine charmante Idee, einerseits. Andererseits aber auch bloß eine Gelegenheit, in Istanbul auf allen möglichen Plätzen möglichst angeberisch mit dem Ipad rumzusitzen und die Filmbeiträge auf dem Bildschirm Tablet-mäßig weiterzuwischen. Ein bisschen doof sieht’s auch aus, wenn erst Geheimtipps versprochen werden, „wo sich Touristen sonst nicht hintrauen“, man als Zuschauer im Ladenfenster aber gleichzeitig den Empfehlungsaufkleber des Reiseführer erspickt.

Ungewöhnliche Eindrücke aus der Stadt gibt’s dann doch noch in Hinterhofwerkstätten, Nachtclubs und Burgerläden zu sehen. Aber sind sich Herzlieb und Frerichs sicher, dass sie echt Fernsehen und nicht doch lieber eine schöne Videokolumne fürs Netz machen wollen? (Video ansehen.)

„Ausgekuschelt“
Genre: Puppen-Comedy, erste Einschätzung: ein Tick zu flauschig

Keine Frage, dem deutschen Fernsehen fehlt es an Redezeit für Stoff-Comedians. Ob der Hase Bernie von Flausch und seine Kumpel, ein Haufen ehemaliger TV- und Werbestars, das ändern können, ist aber unsicher. Dabei stimmt bei „Ausgekuschelt“ schon ziemlich viel: die Hintergrundgeschichte zum Beispiel, und die vielen kleinen Gastaufttritte (Alfred Biolek, Hennes Bender). Am Ende reicht es aber nicht, „Nutten“, „kotzen“ und „Sackgesicht“ zu sagen, um ein Programm für ein Publikum zu machen, das auch nach 22.30 Uhr aufbleiben darf.

Zumindest funktioniert „Ausgekuschelt“ eher wie Unterhaltung für Kinder, bei der nur das Vokabular ausgetauscht wurde. Alles ist immer nur auf den nächsten Gag getrimmt, eine tragende Handlung gibt es keine und die Protagonisten sind viel zu knuffelig und bunt geraten. Selbst in der zerzausten Version nimmt man ihnen die abgerockten Ex-Stars nicht wirklich ab (anders als zum Beispiel den „Mongrels“ der BBC). So geht das leider irgendwie nicht. Aber schön wär’s, wenn’s anders weiterginge. (Video ansehen.)

Gezeigte Sendungen: 4 von 10
Nächstes Format: Die Krimi-Comedy „Scharfe Hunde“ mit Thomas Heinze und Matthias Matschke, am Montag um 22.40 Uhr
Bisheriger Fernsehblog-Favorit: „Wie geil ist das denn?“

Screenshot: ZDFneo

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