Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Vox-Chefredakteur Kai Sturm: Der Fernsehdirigent

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Wie um Himmels Willen kommt man als Student der klassischen Musik zum Privatfernsehen? Ganz einfach: über den Umweg als Ferienclub-Animateur und "Ruck Zuck"-Sprecher. Jedenfalls war's bei Kai Sturm so. Heute ist er Chefredakteur von Vox und kann Unterhaltung machen, die nicht so schrill sein muss wie die der Mitbewerber. Ein Porträt.

Es gibt viele gute Schulen, die einen darauf vorbereiten, später beim Fernsehen Karriere zu machen. Kai Sturm hat sich mit Mitte zwanzig einfach für die mit den meisten Sonnentagen entschieden: auf Fuerteventura, im Senegal und in der Türkei. Morgens um 8.30 Uhr war Teambesprechung, vorher Frühsport und abends die große Show mit Publikum. Was man eben alles so organisieren muss als Chefanimateur im Ferienclub.

„Das ist, wenn man den Job ernst nimmt, eine ganz erfüllende Tätigkeit“, sagt Sturm heute. Weil man lernt, Aufgaben gleich zu erledigen, anstatt sie vor sich herzuschieben bis die Gäste wieder abgereist sind. Und weil die Menschen in den Ferien, wenn sie nicht von der Arbeit abgelenkt sind, sich nichts sehnlicher wünschen als – gut unterhalten zu werden. „Sie haben jeden Abend 600 Leute im Theater sitzen, die einen Gratistischwein getrunken haben, also leicht enthemmt sind – und wenn die Dramaturgie auf der Bühne nicht stimmt, gehen die sofort. Denn die Bar ist nur 20 Meter entfernt. Das ist eine super Schule.“

Eine super Schule für eine noch größere Show. Zum Beispiel bei Vox, wo Sturm seit fünfeinhalb Jahren als Chefredakteur arbeitet, Zuständigkeit: fast alles.

Bild zu: Vox-Chefredakteur Kai Sturm: Der Fernsehdirigent

„Deshalb ist es ja ein so toller Job“, sagt der 50-Jährige. Zumal es bei Vox nicht darauf ankommt, genauso schrill wie die Konkurrenz zu sein. Eher im Gegenteil. Der Sender scheint beim Publikum eine Art Vertrauensvorschuss zu haben. Deshalb funktionieren auch Programme wie „Das Perfekte Dinner“, die nicht auf maximale Skandaldichte geschraubt sind.

Gleichzeitig ist Sturm derjenige, der das aufs Spiel setzt. Weil sich ausschließlich mit Reportage-Themenabenden und ironischen Vorabend-Dokusoaps dann doch nicht so gut Quote machen lässt. Aber mit Daniela Katzenberger. „Ich bitte jeden, der sich eine Meinung zu Daniela aufbauen möchte, vorher die Sendung anzusehen und sehr genau zuzuhören, was sie zu sagen hat“, verteidigt Sturm die Pfälzerin. Eigentlich ist Katzenberger vor zwei Jahren eher zufällig ins Programm gestolpert. „Unser Verdienst als Sender für Danielas Erfolg ist sicher: Wir haben ihn zugelassen“, meint Sturm.

Im Grunde genommen ist es sein Job, Vox in der Unterhaltung erfolgreicher zu machen ohne sich dabei in dieselben Niederungen wie RTL oder Pro Sieben zu begeben. Katzenberger ist da schon am äußersten Limit (und wird gerade ziemlich verheizt).

Zumindest wäre bis vor wenigen Jahren niemand auf die Idee gekommen, den „Bild“-Alarm wegen einer Prostituierten als Dokusoap-Kandidatin dem eher harmlosen Krimi-und-Koch-Programm aus Köln zuzuordnen. Als in diesem Frühjahr rauskam, dass eine der Protagonistinnen bei „Auswanderer sucht Frau“, in der Katzenberger sich erstmals als Moderatorin probierte, als Prostituierte arbeitete, ließ sich das Fiasko aber nicht mehr vermeiden. „Ich hab mich nicht gefreut, dass das passiert ist, weil beim Zuschauer sofort das Misstrauen aufkommt, wir hätten geschummelt“, sagt Sturm. Und weil solche Pannen seine Überzeugung, dass Massentauglichkeit und Anspruch sich auch in der Unterhaltung nicht ausschließen, ins Wanken bringt.

    „Es macht mir mehr Spaß, hundert Leute zu begeistern als drei“

Sturm sagt: „Ich war mal Dirigent eines Mandolinen-Orchesters. Im Ruhrgebiet war das das Sinfonie-Orchester des kleinen Mannes. Alle Studienkollegen an der Folkwanghochschule haben gesagt: So ein Blödsinn. Ich hab aber versucht, mit denen richtig gute Musik zu machen. Man kriegt das hin.“ Das mit der Musik hat Sturm inzwischen allerdings aufgegeben, zumindest als Berufsalternative. Nach dem Klassikstudium (Hauptfach: Gitarre, Nebenfach: Fagott) hat er eine Zeitlang als Musiklehrer gearbeitet, aber auf Dauer wäre das doch zu eintönig gewesen.

Und zum Profimusiker fehlte ihm Talent, gesteht Sturm. Außerdem kam ja der Job als Animateur dazwischen. „Ich hab damals eine wichtige Erkenntnis für mich gewonnen: Es macht mir mehr Spaß, hundert Leute zu begeistern als drei“, sagt Sturm.

Zurück in Deutschland bekam er die Möglichkeit, sich beim Münchner Klassiksender Radio Belcanto selbst vors Mikro zu setzen. Von dort aus ging’s postwendend zum Fernsehen – zunächst als Warm-Upper und Sprecher zu „Ruck Zuck“ („Und hier kommt der Mann, der beiden Teams die Daumen drückt: Werner Schulze-Erdel!“), später zu RTL, das dringend einen Redakteur brauchte, der die Castings für die vielen neuen Shows organisiert.

    „Ein Deutscher, der Holländisch spricht? Das finden die Holländer großartig“

„Man hatte damals erkannt, dass es vielleicht eine Auswirkung auf die Qualität der Sendungen hat, welche Kandidaten mitspielen“, sag Sturm. „Das war eine wichtige Erkenntnis, wie Sie sich vorstellen können.“ Vor allem war es genau die richtige Zeit, sich beim Fernsehen auszuprobieren, weil die Privaten händeringend Leute suchte, die das Programm füllten. Später betreute Sturm bei RTL „Traumhochzeit“, lernte John de Mol kennen und wusste endlich, wozu es gut war, dass er als Teenager immer mit den Eltern an die niederländische Nordseeküste in Urlaub fuhr und beim Eisverkaufen und Sonnenschirmvermieten die Sprache lernte. „Ein Deutscher, der Holländisch spricht? Das finden die Holländer großartig“, sagt Sturm. Nach drei Jahren wechselte er als Executive Producer zu Endemol nach Hilversum.

Für jemanden, der so lange schon fürs Fernsehen arbeitet, wirkt der Dortmunder geradezu besonnen. Sturm verzichtet auf PR-Geschwafel, hat nicht den branchentypischen Begeisterungsschluckauf und versucht gar nicht erst so zu tun als würde er täglich das Fernsehen neu erfinden. Diese Selbstbeherrschung hilft freilich auch dabei, grenzwertige Experimente im Programm nicht an die große Glocke zu hängen.

Dass Vox ebenso intensiv mit Scripted Reality experimentiert wie RTL und RTL 2, wird in den Zeitungen jedenfalls kaum thematisiert. Die Prügel für das ungeliebte Genre stecken vor allem die anderen ein. Sturm weiß, wann er sich zurückhalten muss. Und verzettelt sich da trotzdem, weil die Quoten stimmen.

Dass er bei seiner eigenen Produktionsfirma Stormy Entertainment nach dem Einstieg des Produktionsriesen Eyeworks vor sieben Jahren von heute auf morgen vor die Tür gesetzt wurde, wirkt immer noch ein bisschen nach. Aber letztlich war das, nach einem kurzen Ausflug zu Constantin Entertainment, sein Ticket zurück in die Verantwortung beim Sender. Seitdem dirigiert Sturm wieder. Und hat es in den vergangenen Jahren geschafft, Vox in der Unterhaltung tatsächlich eine eigene Handschrift zu geben sowie für neue Genres zu öffnen – wie mit „X Factor“, das an diesem Dienstag in die nächste Runde geht.

„Wir wollen auf jeden Fall an Relevanz gewinnen“, sagt Sturm. „In der Primetime werden wir von vielen Zuschauern schon jetzt mit Pro Sieben und Sat.1 auf eine Stufe gestellt. Daraus entsteht auch eine Verpflichtung, wir können uns nicht darauf ausruhen. Die Zuschauer erwarten von uns, dass wir uns weiterentwickeln.“

Das Geheimnis der Sturm’schen Gelassenheit liegt wahrscheinlich darin, sich am Ende der Arbeitswoche – wenn möglich – komplett aus dem ganzen Chaos rauszuziehen. Mit seiner Familie wohnt er auf einem alten Weingut an der pfälzischen Weinstraße in einer komplett anderen Welt (und – aha! – gar nicht weit von der Katzenberger-Heimat Ludwigshafen entfernt). Sturm sagt: „Ein schöneres Wohnen kann ich mir nicht vorstellen.“ Auch weil es in dem kleinen Örtchen die unterschiedlichsten Menschen gibt, die nicht die Nase rümpfen, wenn jemand nicht so ist wie sie. „Da werden nicht die Rollläden runtergelassen, sobald ein Auto mit fremdem Nummernschild durch den Ort fährt.“

Gut, der Arbeitsweg ist ziemlich lang. Aber auf die Fahrgemeinschaft mit seinem Nachbarn, der beim nahegelegenen ZDF arbeitet, will Sturm aber vorerst verzichten. „Ich hatte dieses Jahre fünfjähriges Vox-Jubiläum. Damit hab ich meinen Beschäftigungsrekord eingestellt: Länger hab ich noch nirgendwo gearbeitet“, sagt er. „Aber ich bleib gerne noch ein bisschen.“

Mehr zu „X Factor“ steht an dieser Stelle.

Foto [M]: Vox/Das Fernsehblog

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3 Lesermeinungen

  1. Glückwunsch an Herrn Sturm....
    Glückwunsch an Herrn Sturm. VOX ist tatsächlich der mit Abstand sympathischste Sender und wir schauen dort schon mehr Formate als bei ProSieben oder RTL (den Sender mit dem Ball haben wir quasi komplett von unserer Sehgwohnheit gestrichen).
    Nur bitte Herr Sturm, nicht noch mehr gescriptete Formate. „Mieten, Kaufen, Wohnen“ wird immer nerviger, weil den Autoren nichts mehr einfällt; es immer plumper ist, wie sich die Akteure (Künstler, Sportler, sonstige C-Promis, die etwas Aufmerksamkeit suchen) sich da selbst darstellen; und weil den Maklern etwas mehr Natürlichkeit und weniger Text-Aufsagen ganz gut stehen würde! Das Format war früher besser!
    Ansonsten: weiter so! Und, dass sie den Jochen Schropp entdeckt haben, SUPER!

  2. Schön beobachtet wie sich Vox...
    Schön beobachtet wie sich Vox mit seinen Formaten „verzettelt“.
    Das perfekte Dinner ist aber leider eins der letzten „Urgesteine“ die ohne „vollaständige Eskalierung“ auskommen. Die Auswanderer sind seit Katzenberger (aber sicher nicht wegen ihr) komplett zum Trash vergurkt worden, mit Pseudo-Auswanderer die zur Brustvergrößerung für 2 Wochen nach Bulgarien auswandern.
    Die Kocharena und ihre Vorgänger und Vorianten ist nur noch als Spielwiese für F-Promis existent.
    Die Seire „Mieten, kaufen, Wohnen“ wurde quasi von einem Tag auf den anderen quasi auf Scripted-Reality umgestellt.
    Allen Formaten ist gemein, dass sie dem Publikum naturgemäß auf Dauer etwas langweilig werden, weil die Anzahl von Varianten bei Woghnungsbesichtigungen und Ohne-Job-oder-Geld-oder-Spanischkentnisse-nach-Spanien-auswandern auf Dauer überschuabr sind.
    Dumm nur, dass Vox dafür keine Lösung hat außer den Trash-Faktor solange hochzuschrauben bis man auf RTL2-Niveau angekommen ist.

  3. Auch wenn ich VOX für den...
    Auch wenn ich VOX für den einäugigen unter den Blinden der Privatsender halte, so wird auch VOX nicht umhin kommen den Trash-Anteil zu erhöhen. Wenn alles gesagt und ausgestrahlt wurde, was einen Sympathieanteil hatte, so will der Zuseher am Ende doch noch etwas zum draufsatteln, weil dessen Reizschwelle so hoch ist, dass es ohne Scripted Reality nicht geht.

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