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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Nicht zu vergleichen: "Das Herbstfest der Abenteuer" gegen "X Factor"

| 7 Lesermeinungen

Die Vox-Castingshow "X Factor" ist schon deswegen stark, weil da so viele normale Leute auf der Bühne stehen, von denen bisher keiner bekanntermaßen vorbestraft ist. Aber wer einmal anfängt, Florian Silbereisen im ARD-"Herbstfest der Abenteuer" zu schauen, kann sich dem auch nicht mehr so leicht entziehen. Möge das Duell beginnen!

Die meisten Sendungen im Fernsehen lassen sich einfach nicht vergleichen. Das Fernsehblog macht’s trotzdem. Mal sehen, was dabei herauskommt. Diesmal: Florian Silbereisens „Herbstfest der Abenteuer“ im Ersten gegen die erste Live-Show von „X Factor“ bei Vox.

* * *

Intro: Toll, „X Factor“ spielt schon bei der Premiere Finale! Der Vorspann ist gelaufen, auf der Bühne stehen sämtliche Liveshow-Kandidaten, singen zusammen „It’s a Beautiful Day“ von U2, dann rappt Das Bo dazwischen, Till Brönner trompetet aus der Kulisse dazu und Sarah Connor singt den finalen Refrain (7-Tage-Video bei voxnow.de). Wer sich soviel Mühe gibt, muss seine Zuschauer wirklich mögen. Das „Herbstfest der Abenteuer“ hält dagegen – mit Karl Dall, der aus einem Überraschungspaket gesprungen kommt und Silbereisens Assistentin sein möchte. Sagen wir also: unentschieden.

Bühne: Herrschaftszeiten, was ist bloß mit den Kulissenbauern vom Flori los? Depressive Phase? Kein Bock mehr? Das hätten Sie mal sehen sollen, was der MDR früher in Sachen Ausstattung durch ostdeutsche Mehrzweckhallen geschleppt hat! Ganze Skisprungschanzen! Sowas gibt’s heute nicht mehr. Dafür ist die eine Hälfte der Bühne zahnartzpraxishaft mit Sesseln vollgestellt, auf denen sämtliche Gäste nach ihrem Auftritt Platz nehmen müssen und sich nicht so locker wie bei Gottschalk mal eben mit einer miesen Ausrede davonstehlen können. Nein, bei Silbereisen wird sitzengeblieben. Der restliche Platz ist mit jahreszeitengemäßem Schnickschnack aus dem Dekoladen aufgeschüttet, und dazwischen blinkt und flackert die Showtreppe wie das Tor zu einer anderen Welt, das ständig neue Sesselbesetzer ausspuckt.

Bild zu: Nicht zu vergleichen: "Das Herbstfest der Abenteuer" gegen "X Factor"

Mit der neuen „X Factor“-Bühne hingegen räumt Vox so richtig ab. Im Mittelpunkt steht wieder eine X-förmige Videoleinwand, die sich mittig öffnen lässt. Diesmal ist aber viel mehr Platz für die Auftritte und an der Seite stehen jeweils zwei X-Streben zu beweglichen Säulen verdreht. Im Normalzustand strahlt alles knallrot und von einem Augenblick zum nächsten leuchten „Tron“-artig nur noch die Bühnenumrisse im Dunkeln. Das Tollste ist aber, dass die „X Factor“-Bühne tatsächlich lebt: Zumindest klingt es so, wenn am Ende verkündet wird, welcher Kandidat in die nächste Runde kommt, und dazu ein Geräusch ertönt als würde das riesige X im Hintergrund atmen. Ein bisschen wie die Orakel auf der Kirmes. Nur sehr, sehr viel kraftvoller.

Bild zu: Nicht zu vergleichen: "Das Herbstfest der Abenteuer" gegen "X Factor"

Moderator: Huch, schon wieder ’ne neue Sendung für Joko Winterscheidt? Wo ist denn der Kleine, der sonst immer neben ihm steht? Ach nee, Florian Silbereisen trägt jetzt bloß Brille und Anderthalb-Stunden-Flaum im Gesicht. Er kommt auf die Bühne, sagt „Vielen Dank für die vielen lieben Gratulationen zu meinem 30. Geburtstag, nun bin ich wirklich ein alter Mann“ – und: Riesenlacher! So ein, pardon: leichtes Publikum hat Jochen Schropp nicht. Er weiß auch immer noch nicht so genau, ob er nun cool sein will oder doch ausgeflippt-kindisch, was oftmals knapp an der Schreylhaftigkeit vorbeischrammt. Aber so sympathisch wie der Flori ist er allemal. Vielleicht lässt Schropp beim nächsten Mal zum Anzug die riesige Plüschfliege weg, weil man sonst permanent Angst hat, sie könne ihn gleich würgen.

Bild zu: Nicht zu vergleichen: "Das Herbstfest der Abenteuer" gegen "X Factor"

Stars: Na gut, Vox hat halt Leona Lewis, die durch „X Factor“ in Großbritannien bekannt wurde und danach Weltruhm erlangte, indem sie bereits in ihrer Ursprungsversion nicht ganz unkitschige Popsongs durch ihre Neuinterpretation zur Pathosexplosion brachte. Aber gegen den Ministerpräsidenten von Sachsen Anhalt (wie heißt der nochmal?) und seine Gattin bei Florian Silbereisen ist so ein Chartshow-Sternchen natürlich bloß zweite Klasse.

Jury: Bei „X Factor“ gibt’s in der Jury etwas, das Dieter Bohlen nicht mal buchstabieren könnte – Gleichberechtigung. Jeder sagt das, was er denkt, und wenn er seinem Kollegen dafür ans Bein pinkeln muss, ist das für die Konkurrenzsituation der drei Mentoren ja nur förderlich. Anders als bei „DSDS“. Da wär’s die Garantie, nach dem Finale per Bohlen-Zitat aus der Zeitung zu erfahren, dass man nicht mehr dabei ist. Im Ersten werden sämtliche Jury-Aufgaben in Olaf Kuchenbecker zusammengeführt, dem offiziellen Stoppuhrdrücker des Guinness-Weltrekorde-Buchs, das längst eingestellt worden wäre, würde Silbereisen nicht in jeder Show persönlich dafür sorgen, das Ding mit neuen Mini-Stunts vollzukriegen. (Diesmal ist er barfuß über 50 heiße Herdplatten gelaufen.) „Herr Kuchenbecker – wie lautet Ihr Urteil?“, fragt Silbereisen nachher. Und Kuchenbecker antwortet jedes Mal: bestanden! Ist ja wurscht, wenn die Zeitlupe nachher das Gegenteil beweist.

Überregionalität: Offensichtlich ist Florian Silbereisen vertraglich dazu verpflichtet, dem Publikum einmal alle fünf Minuten zu schwören, dass alles, was es gerade erlebt, „zum ersten Mal im deutschen und österreichischen Fernsehen“ zu sehen ist. Und bei vielen Auftritten kann man bloß hinzufügen: ja, hoffentlich! (Anke Engelke und Bastian Pastewka haben als Wolfgang und Anneliese in ihrer Sat.1-Frühlingsshow die Solokarrieren der aufgelösten Flippers – siehe Foto – bereits mit erschreckender Präzision vorhergesehen.) Und s eine Eurovisionyhmne schindet auch erstmal Eindruck. Aber die wahre Show, um die Völker des deutschen Sprachraums vor der Glotze zusammenzuführen, ist „X Factor“. Da dürfen nicht nur Benman auftreten, die Schweizer Antwort auf Jedward, sondern auch zwei Österreicher, die nicht mal dann meckern, wenn man ihnen den Namen Boys II Hot gibt, der schon in den 90ern allenfalls als Boygroupsatire durchgegangen wäre. Dummerweise sind die beiden jetzt schon in der ersten Show schon rausgeflogen. Schon wieder ein Ausgleich mit dem „Herbstfest“.

Bild zu: Nicht zu vergleichen: "Das Herbstfest der Abenteuer" gegen "X Factor"

Bonusfeatures: Janin Reinhardt steht hinter den Kulissen und berichtet aus dem „X Room“? Im Internet lässt sich der Herzschlag der Teilnehmer verfolgen? Und chatten soll man mit denen auch noch, während die Show läuft? Blödsinn, kann man alles weglassen. „Das Herbstfest der Abenteuer“ hingegen überzeugt durch zielgruppengerechte Einblendungen von Teletexttafeln. Internet ist aus.

Die Entscheidung: „X Factor“ ist verdammt stark, alleine schon, weil da so viele normale Leute auf der Bühne stehen, von denen bisher keiner bekanntermaßen vorbestraft ist oder mehr Ausschnitt als Hirn hat. Aber wer mal anfängt, Silbereisen zu schauen, kann sich dem auch nicht mehr so leicht entziehen. Weil es so unglaublich ist, wenn er die Kastelruther Spatzen fragt: „Ihr habt eine Aktion für mehr Menschlichkeit ins Leben gerufen. Warum?“ Und die Kastelruther Spatzen nachher ihr neues Lied über die Nachbarschaft singen: „Die Leute von nebenan“ („Morgens grüßen sie über’n Zaun / Wünschen dir guten Tag / Und sie schieben dein Auto an / Wenn’s mal wieder nicht mag“). Weil Stefan Mross mit den Journalisten abrechnet, die über seine Trennung von der Stefanie Hertel berichtet haben: „Es ist einfach so, dass wir auch Menschen sind. Man muss diese Privatsphäre achten!“ Er sagt das so überzeugend, dass man glatt vergessen könnte, wie kurz davor eine Kollegin in der Sendung ihre Hochzeit vermarktet hat und dass später noch eine andere über ihre überwundene Krebserkrankung singt. Es bleibt halt alles Private auch privat in der Volksmusikwelt. Außer man kann ein Lied drüber schreiben. Abschließendes Urteil fürs Duell: unentschieden.

Screenshots: Das Erste, Vox

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7 Lesermeinungen

  1. Herrlich! Widersprechen muss...
    Herrlich! Widersprechen muss ich nur beim Moderator: für mich ist der frische Schropp mit seiner herzlichen, offenen Art einfach nur super und das komplette Gegenteil von dem aufgesetzten Schreyl.

  2. <p>Ohje, viel zu spät...
    Ohje, viel zu spät gesehen, dass Schmidt den Joko-Gag schon hundert Jahre früher hatte. Und Raab. Jetzt geht es wirklich zu Ende mit diesem Blog.

  3. Bei mir gewinnt Silbereisen,...
    Bei mir gewinnt Silbereisen, allein schon wegen der vermehrfachten Flipperfiguren. Das gibt wieder Stoff für „Frühstück bei Stefanie“.

  4. Herrlicher Artikel. Und was...
    Herrlicher Artikel. Und was kommt dann nächste Woche als Konkurrenzvergleich? 😉 Man mag es oder mag es nicht, aber beides ist „Just for the Show“.

  5. Wenn irgendwo steht "Nicht zu...
    Wenn irgendwo steht „Nicht zu vergleichen“, kommt gleich ein Vergleich. Garantiert. So auch hier.
    Ganz großes Missverständnis: Vergleichen heißt nicht gleichsetzen. Im Gegenteil, vergleichen heißt Unterschiede herausarbeiten.

  6. welch treffender vergleich!...
    welch treffender vergleich! allerdings möchte ich der theorie widersprechen, es handle sich bei silbereisens showtreppe um „das tor zu einer anderen welt“. das ist doch ganz eindeutig die zauberkugel aus der mini-playback-show, die der mdr vom rtl-sperrmüll geklaut hat…

  7. Würd gerne mal wissen, bei...
    Würd gerne mal wissen, bei welchem Optiker der Silbereisen war. Ganz böse, der ARD klammheimlich ein Joko- Winterscheidt- Double unterjubeln zu wollen…
    Ich find diese Vergleichsartikel einfach klasse!

Kommentare sind deaktiviert.