Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Kerkelings "Unterwegs in der Weltgeschichte": Ruinenwandern mit Kinderreim

| 28 Lesermeinungen

Anstatt sich auf Erzählkraft und Präsenz seines Stars zu verlassen, verschlimmbessert sich das ambitionierte "Terra X"-Spezial "Unterwegs in der Weltgeschichte" mit 3D-Grafiken und Uralt-Spielszenen aus dem Archiv. Darauf hätte Ersatz-Geschichtslehrer Hape Kerkeling gut verzichten können. Und stattdessen mehr Gags unterbringen.

Und dafür jetzt der ganze Aufwand? Hundert Drehtage und viele tausend Flugkilometer – bloß um mal ein paar Schritte durch eine ägyptische Grabkammer zu laufen, vor der Akropolis ein Witzchen zu reißen und eine Abmoderation von der Chinesischen Mauer aufzusagen?

Ja, genau: dafür der ganze Aufwand.

Es ist ja auch ganz schön geworden, Hape Kerkelings „Unterwegs durch die Weltgeschichte mit Hape Kerkeling“. Außerdem spart sich natürlich den Aufwand, selbst irgendwelche Bildungsreisen zu buchen, wenn einen der Auftraggeber schon um die halbe Welt zu den wichtigsten Orten der Historie fliegt. Aber der Knaller, den das ZDF mit seinem „Terra X“-Spezial abzuliefern glaubt, ist es leider nicht geworden.

Bild zu: Kerkelings "Unterwegs in der Weltgeschichte": Ruinenwandern mit Kinderreim
Hape Kerkeling ist „Unterwegs in der Weltgeschichte“ – und in China ausnahmsweise auch mal unter Menschen / Foto: ZDF

Das Abenteuer beginnt mit einem Spaziergang in der ägyptischen Wüste, saust durchs gelobte Land und einen paar hinduistische Tempel nach Griechenland ins Zentrum der antiken Welt und von dort aus nach China – alleine in der ersten Folge. Es ist der Versuch, „vor allem jungen Menschen den Einstieg in die Geschichte zu ermöglichen“, sagt Kerkeling. Und zwar in der Hoffnung, dass dadurch vielleicht ein tiefergehendes Interesse geweckt wird. Der Auftrag ist also hochgradig öffentlich-rechtlich, und die Umsetzung eher locker, weil Kerkeling auch mal einen Witz machen darf.

In der Theater-Ruine sagt er: „Es kann kein Zufall sein, dass die Griechen Politik und Theater gleichzeitig erfunden haben.“ Über den ägyptischen Flussgott stellt er klar: „Der hieß Hapi – dafür kann ich aber nix.“ Und während im Hintergrund Mireille Mathieus „Akropolis adieu“ läuft, meint Kerkeling an Ort und Stelle: „Toll, dass es Bauwerke gibt, die den deutschen Schlager noch 2500 Jahre danach zu Höchstleistungen inspiriert haben.“

Es hätte ruhig noch etwas scherzkonzentrierter sein dürfen. Denn die meiste Zeit ist Kerkeling hochgradig seriös und ganz und gar nicht so „angelsächsisch“ locker, wie das ZDF es eigentlich versprochen hat. In vielen Szenen wird er sogar nur als normaler Erzähler aus dem Off gebraucht. Dieses Off ist auch das größte Problem von „Unterwegs in der Weltgeschichte“, weil sich die Sendung leider nicht auf Erzählkraft und Präsenz ihres Stars verlassen mag, sondern sich selbst mit dem üblichen Zusatzelementegedöns verschlimmbessert, das in Geschichtsprogrammen offensichtlich unabwendbar ist. Die 3D-Computeranimationen gehen ja gerade noch – aber wer bitteschön hat es für eine gute Idee gehalten, im HD-Zeitalter uralte Archivszenen dazwischen zu schneiden, in denen Schauspieler alte Ägypter, Griechen und Römer spielen? Zwischen den glasklaren Aufnahmen von heute wirken die nämlich wie ein schlechter Witz.

Hätte das ZDF Kerkeling doch nur laufen lassen! Zu Leuten, die was zu erzählen haben oder mittenrein in die Touristenscharen, die von permanenter Ruinenfotografie abgelenkt sind. Die Kamera immer hinterher.

Auf dem Platz des Himmlischen Friedens funktioniert das ja kurz mal. Sonst steht Kerkeling – zumindest in der ersten Folge – aber meist in menschenleeren Räumen und sieht vor mancher antiken Kulisse selbst aus wie ein Denkmal.

Bild zu: Kerkelings "Unterwegs in der Weltgeschichte": Ruinenwandern mit KinderreimDas können auch die lustig gemeinten Zwischenfilmchen unter dem Titel „Hapes Weltgeschichte“ nicht mehr rausreißen, in denen Kerkeling weniger in die Rolle als vielmehr die (durchaus aufwendige) Verkleidung historischer Persönlichkeiten schlüpft. Aber nur, um jeweils eine Grimasse zu schneiden und ein paar sehr billige Gags zu platzieren. Als Kaiser von China fällt ihm ein:

„Kaiser sein ist ziemlich schwer /
Es muss ’ne leckere Ente her /
Oder Schweinefleisch süß-sauer /
Erstmal bau ich eine Mauer.“

Fertig ist der Ausschnitt. Herzlichen Glückwunsch – für den schönsten Kinderreim beim großen Erstklässler-Wettbewerb. Nur eine Frage noch: Und dafür jetzt der ganze Aufwand?

„Unterwegs in der Weltgeschichte“, sechs Teile, sonntags um 19.30 Uhr im ZDF; montags und dienstags um 20.15 Uhr in ZDFneo.

Foto: ZDF/Christiane von Boehm

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28 Lesermeinungen

  1. Hoffnungslos überschätzt der...
    Hoffnungslos überschätzt der Mann, ich fand ihn schon seine „Horst Schlämmer Partei“ nur noch zum fremdschämen.

  2. Mit diesem Machwerk muß es...
    Mit diesem Machwerk muß es einem Angst und Bange um „Wetten dass“ werden – obwohl Kerkeling noch immer der beste Kandidat ist.

  3. Dös passt scho.
    (Ich mein'...

    Dös passt scho.
    (Ich mein‘ die Kritik oben)

  4. "Es ist der Versuch, "vor...
    „Es ist der Versuch, „vor allem jungen Menschen den Einstieg in die Geschichte zu ermöglichen“, sagt Kerkeling. Und zwar in der Hoffnung, dass dadurch vielleicht ein tiefergehendes Interesse geweckt wird.“
    Das ist ja mal ein fulminanter Anspruch, den es noch nie gab! Das Fernsehen traut den deutschen Schulsystemen wohl nun gar nichts zu (zu Recht oder nicht sei hier da hingestellt). Also an die Nichtwissenden richtet sich das Programm, wer Ahnung hat, könnte höchstens noch wegen Kerkeling einschalten, was kein schlechter Grund wäre, aber dank dieses Blogs, muss ich das auch nicht mehr, weil Kerkeling nicht Kerkeling sein darf – vermutlich wegen dieses oben zitierten Anspruchs. Schade.

  5. dann doch lieber gleich das...
    dann doch lieber gleich das hier gucken: https://horrible-histories.co.uk/ 🙂

  6. Eine oberflächliche bis sogar...
    Eine oberflächliche bis sogar inhaltlich falsche Sendung, welche den Eindruck weckt, das die Menschheitsgeschichte nur ein Vorwwand ist um eine Bühne zur Selbstdarstellung für Herrn Kerkeling zu bieten. Wenn dies für die Jugend gedacht ist, kann diese auch gleich MC Donalds Burger dazu essen. Dann stehen geistige und physische Nahrung auf einem Niveau. Die grausamste Geschichtsdokumentation die ich je sah.

  7. Weder unterhaltsam noch lustig...
    Weder unterhaltsam noch lustig noch lehrreich.
    Und die Verkleidungsszenen sind irgendwie total für den Eimer. Hape als Odysseus lässt sich an den Schiffsmast geschnallt mit Wasser bespritzen. Hape als Alexander der Große isst eine Banane. War da auch irgendwo eine Pointe geplant? Ich hab jedenfalls keine entdeckt.
    In der Tat: Und dafür jetzt der ganze Aufwand?

  8. Terra X ist seit Jahren unsere...
    Terra X ist seit Jahren unsere „heilige Sonntagabend-Kuh“, eine ernst gemeinte Informationssendung, für die ich gern Gebühren zahle. Mit „unsere“ meine ich hier Sohnemann (fast 18) und mich. Uns beiden hat Hape überhaupt nicht gefallen. ich weiß nicht, welchen Anspruch man hier hatte! Soll Hape Kerkeling als seriöser Moderator eingeführt werden?
    Dann lieber Wiederholungen von „Deutschland von oben“.

  9. Na ja Kerkelings 50erJahre...
    Na ja Kerkelings 50erJahre Humor war meine Sache noch nie. Mit dem Horst Schlämmer hat er sich halt ein Comeback verschafft und auch dank seines Buches ist er jetzt dauergehypt.

  10. Ach ja, die Weltgeschichte, da...
    Ach ja, die Weltgeschichte, da war ich letztes Jahr auch mal. Eigentlich ganz schön, nur so viele Touristen. Und dann die fremde Sprache halt. Naja, muss man schon mögen. Dieses Jahr dann doch lieber wieder Mallorca. Ich hab gehört, da soll es den Herrn Kerkeling jetzt auch wieder hinziehen.

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