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Nicht zu vergleichen: "Das Traumschiff" gegen "Stromberg"

Die meisten Sendungen im Fernsehen lassen sich einfach nicht vergleichen. Das Fernsehblog macht’s trotzdem. Mal sehen, was dabei herauskommt. Diesmal: Die „Traumschiff“-Jubiläumsfolge zum 30. Geburtstag gegen den Auftakt zur fünften „Stromberg“-Staffel.

Beschwerden darüber, dass aus diesem Anlass das „Traumschiff“ kurzfristig ernst genommen werden muss, können leider nicht bearbeitet werden.

Dramaturgie: Irgendwann nimmt einem das natürlich kein Zuschauer mehr ab, wenn der Autor seine Serienhauptfigur, die zum permanenten Scheitern verurteilt ist, von Staffel zu Staffel in eine neue missliche Lage hineinrettet, aus der dann doch irgendwie die Befreiung gelingt. Womöglich ist es deshalb von „Stromberg“-Chefschreiber Ralf Husmann nur konsequent, sein Star-Ekel in der fünften Runde fast schon in die Chefetage des Versicherungskonzerns hineinzuschreiben, den Bernd Stromberg schon seit Jahren durch blanke Anwesenheit zu sabotieren versucht. Ob das plausibel ist, fragt sich eh kein Mensch mehr. Und wer weiß: Vielleicht ist es das sogar. Weil die, die am ungeeignetsten dafür sind, doch immer am leichtesten Chef werden. Das „Traumschiff“ hingegen verzichtet ja gerne auf besondere Handlungskniffe und erzählt lieber stur geradeaus. Was das Team zur 65. Folge fertig gebracht hat, ist aber schon arg dreist: Schon lange war kein Erzählstrang mehr so verkorkst wie der des reichen Anzugfuzzis, der zum ersten Hochzeitstag das komplette Schiff für sich und seine Frau mietet, bei der Ankunft in New York seine Ex wiedertrifft, von der er kurz vorher erfahren hat, dass sie ihm ein gemeinsames Kind vorenthalten hat, dessen Sorgerecht er womöglich übernehmen muss, weil die Ex an Leukämie erkrankt ist, was er aber alles seiner aktuellen Gattin noch nicht gebeichtet hat, die den Kleinen erstmal inkognito kennenlernen soll, weswegen die Ex von einem Tag auf den anderen ihre New Yorker Existenz aufgibt, um mit dem Bengel auf dem „Traumschiff“ mitzureisen. Wobei das Schlimmste an solchen Geschichten nicht mal ihre Unfassbarkeit ist, sondern dass sie beim Nacherzählen eine undurchdringliche Gagresistenz aufbauen.

Tragik: Es geht doch immer noch ein bisschen furchtbarer, wenn sich die Angestellten der Capitol-Versicherung in ihrem beruflichen und im privaten Unglück verstricken. Aber nichts ist tragischer als der Typ auf dem „Traumschiff“, der aussieht wie Harald Schmidt, auch mit dessen Stimme redet, aber nichts von dem hölzern vorgetragenen Unfug auch nur ansatzweise ironisch meint. Ganz, ganz traurig.

Kreativität: Dass Produzent Wolfgang Rademann die Seichtheit seiner Serie seit Jahren damit entschuldigt, dass das Publikum es halt so sehen will, geht ja in Ordnung. Unentschuldbar ist jedoch die Lieblosigkeit, mit der die primitiven Dialoge und die hanebüchenen Geschichten zusammengeklatscht und ins Programm gehievt werden. Zum Geburtstag schenkte sich das „Traumnschiff“ einen Haufen Gaststars, von denen nur Hape Kerkeling (als Meeresbiologe) und Ingolf Lück (als piratiger Kajütenchef) in die Handlung der Folge integriert wurden. Eine Viertelstunde vor Schluss, als sämtliche Geschichten fertig erzählt waren, musste Harald Schmidt deshalb in Zwei-Minuten-Szenen nacheinander Til Schweiger, Gabi Dohm, Hannelore Elsner und Otto Waalkes abfertigen, die als vermeintliche Spezialisten alle irgendwas zur 30-Jahr-Feier für Chefstewardess Beatrice beizutragen hatten. Weil dann immer noch so viele Namen übrig waren, aber keine Sendezeit mehr, kam der Rest einfach mit Wunderkerzen in der Torte in den Ballsaal gestapft, baute sich auf der Bühne auf und klatschte stumm vor sich hin. Abspann. Nun kann das ZDF mit Fug und Recht behaupten, die schlechteste Szene, die jemals in einem deutschen Fernsehfilm zu sehen war, ausgestrahlt zu haben. Wie wunderbar ist dagegen „Stromberg“, wo die vermeintliche Doku, die in der Capitol-Versicherung gedreht wird, immer noch als Stilmittel funktioniert und voller Überraschungen steckt. Diesmal beschwert sich eine neue Kollegin beim Kameratema, nicht ins Fernsehen zu wollen – und wird fortan verpixelt während außenherum alles ganz normal weiterläuft.

Klischees: Sanftes Streicheln über Frauenfotos zur Demonstration von Zuneigung und verliebtes Gucken beim gemeinsamen Glückskeksknacken („Traumschiff“) schlägt knapp das von Stromberg wiederentdeckte Misstrauen in Kollegen mit ausländisch klingendem Namen („Da könnse Weihnachten durcharbeiten, Sie haben ja mit diesem Jesus nix am Hut!“) und dessen Abstreiten vor Höherrangigen („Hier gibt es etliche Kolleginnen, bei denen ich sagen würde: gründlich verschleiern!“).

Charaktere: Das Tolle für die Darsteller in „Stromberg“ ist ja: Ihre Figuren dürfen sich weiteentwickeln. Und sie sind herausgefordert, das schauspielerisch auch glaubwürdig abzubilden. Während Bjarne Mädel als Ernie in der vierten Staffel noch vom Tod seiner Mutter gezeichnet war (siehe auch Fernsehblog-Interview mit Christoph Maria Herbst) und kurz vorm Suizid stand, hat er durch seine Kirchengemeinschaft nun wieder neuen Lebensmut geschöpft („Ich bin auch nur aus Mensch“) – und geht damit allen auf die Nerven. Toll ist auch der Kollege, der vor einigen Jahren neu ins Team kam, anfangs arg zurückhaltend das schlimme Bürotreiben beäugte, aber inzwischen so von diesem Alltag vereinnahmt wurde, dass er selbst zu den schlimmsten Deppen gehört. Eine solche Veränderung hätte Strombergs große Büroliebe Jennifer auch verdient. Damit Milena Dreissig mal was anderes spielen kann als das naive Chef-Opfer. Auf dem „Traumschiff“ wird nicht weiterentwickelt, das würde die Fernsteuerung der Schauspielroboter durcheinanderbringen.

Die Entscheidung: Abgefilmte Hochhausschluchten, zu denen mehrminütig „New York, New York“ läuft ohne dass jemand dazwischen quatscht, waren die größte Stärke der 65. „Traumschiff“-Folge. Einen versteckten Lacher gab’s auch: Als Francis Fulton-Smith in New York Feuerwehrauto fährt (fragen Sie nicht!), steht er vorher – in der „Fulton Street“. Das wäre zu schlagen gewesen, aber wegen des gruselig dämlichen Product Placements für Milchreis, bei dem die Darsteller permanent neue Becherchen auslöffeln müssen, geht „Stromberg“ dieser Zusatzpunkt verloren. Trotzdem reicht es natürlich für einen haushohen Sieg. Weil 30 Minuten Milchreis immer noch erträglicher sind als zwei Stunden Dialogbrei. Oder wie’s der Papa formulieren würde: „Mein Humor ist demokratisch – der geht gegen alle gleich.“

Neue Folgen von „Stromberg“ zeigt Pro Sieben ab sofort immer dienstags um 22.10 Uhr. Das „Traumschiff“ liegt in der ZDF-Mediathek vor Anker.

Screenshots: ZDF, Pro Sieben

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