Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Rückblog 2011: Die ARD und ihre Reformlaunen

| 14 Lesermeinungen

Jahrelang dachte man, sie bewegt sich nicht mehr, die dicke Tante ARD. Doch in den vergangenen Monaten hat der Senderverbund eine Reform nach der nächsten durch sein Erstes Programm gejagt. Das muss die Zuschauer derart überrascht haben, dass sie dem noch nicht ganz folgen. Das Fernsehblog analysiert, wo die Probleme liegen.

In diesem Jahr beteiligt sich – endlich! – auch das Fernsehblog am allgemeinen Rückblicksrausch. Völlig ziellos und ohne Plan geht es im Laufe des Monats an dieser Stelle um Programmtrends, die 2011 im und für das Fernsehen wichtig waren. Wenn Ihnen auch noch einer einfällt: nur her damit! (Am besten unten in die Kommentare.)

Bisher erschienen: Überdosis Castingshow.

Diesmal: Die Reformlaunen der ARD.

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Jahrelang dachte man, sie bewegt sich nicht mehr, die dicke Tante ARD. Doch in den vergangenen Monaten hat der Senderverbund eine Reform nach der nächsten durch sein Erstes Programm gejagt. Das muss die Zuschauer derart überrascht haben, dass sie dem noch nicht ganz folgen können. Falls es Ihnen genauso geht: Hier steht, wo die Probleme liegen und an welchen Stellen die ARD nochmal ran müsste.

Der Spätabend

Problemgenre: Talk.
Worum geht’s? Um Reinhold Beckmann zu ärgern, hat die ARD Günther Jauch überreden müssen, sonntagabends einen Polittalk für sie zu moderieren, damit „Anne Will“ auf den Mittwoch verschoben werden konnte, um „Hart aber fair“ auf den Montag ausweichen zu lassen und Beckmann von dort auf den Donnerstag zu vergraulen.
Wo ist das Problem? Jetzt haben alle schlechte Quoten außer Jauch.
Was nun? Jeden Abend einen „Tatort“ zeigen, dann klappt’s auch mit den Talks.

Der Abend

Problemgenre: Nachrichten.
Worum geht’s? Darum, dass das Weltgeschehen sich erdreistet, nicht mehr in 15 Minuten „Tagesschau“ zu passen. Zumindest war das in diesem Jahr mit den Aufständen in Nordafrika, dem Tsunami und der Atomkatastrophe in Japan, dem UN-Einsatz in Libyen, der Gefangennahme Osama bin Ladens und Muammar Gaddafis, der Wahl des ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands, der Griechenland-Pleite und der Euro-Krise der Fall. 27 Mal entschied man sich bei ARD aktuell deshalb, im Anschluss an die 20-Uhr-„Tagesschau“ einen „Brennpunkt“ zu zeigen (eine Auswahl steht noch online) – und der Dezember mit seinem beliebten „Winterchaos“ auf deutschen Autobahnen ist noch nicht mal halb rum. 2010 waren es übrigens 24, 2009 gerade mal 17 „Brennpunkte“.
Wo ist das Problem? Eines? Ha! Da gibt es haufenweise. Zum Beispiel, dass wir uns ausgerechnet an Tagen, an denen die Lage offensichtlich besonders kritisch ist, die Nachrichten plötzlich von Leuten erklären lassen sollen, die besonders wenig vom Moderieren verstehen: von ARD-Chefredakteuren (siehe Fernsehblog 2011 und Fernsehblog 2010).
Und dass die angestrengte Mischung aus Expertenbefragung, Korrespondentenparade und Wiederholung von Fakten, die gerade schon in der „Tagesschau“ erklärt wurden, die Zuschauer oft nicht schlauer macht, sondern bloß verwirrter.
Und dass Korrespondenten, wenn sie sich dafür entscheiden, über Krisen zu berichten, nicht in albernen Columbo-Trenchcoats auf Dächern rumstehen sollten, um von dort in die Kamera hineinzuspekulieren, weil das nämlich vom Nutzwert nicht mehr weit von der „heute show“-Greenbox entfernt ist.
Oder, um’s mal knapp zusammenzufassen: der „Brennpunkt“ ist das Problem. Alles daran.
Was nun? Wenn auf der Welt tatsächlich etwas außerordentlich Wichtiges passiert – kann man dann nicht einfach die „Tagesschau“ verlängern? Einfach nur um exakt soviele Minuten, wie es etwas zu berichten gibt? Und ein allgemeines Chefredakteur-Moderationsverbot verhängen? Ginge das auch?

Der Vorabend

Problemgenre: Unterhaltung.
Worum geht’s? Weil im Laufe der Jahre unterschiedliche ARD-Koordinatoren den Vorabend im Ersten konsequent heruntergewirtschaftet haben, indem sie erfolglos Trends aus dem Privatfernsehen kopierten, kopiert sich die ARD jetzt selbst, um wieder erfolgreich zu werden. Dafür hat sie nicht nur ein schlaftablettiges Kai-Pflaume-Quiz gestartet, sondern auch drei neue Vorabendkrimiserien unter dem Motto „Heiter bis tödlich“, die eine Mischung aus „Großstadtrevier“ und „Mord mit Aussicht“ sein sollen.
Wo ist das Problem? Die Vorabendkrimiserien sind unter dem Motto „Heiter bis tödlich“ gestartet und sollen eine Mischung aus „Großstadtrevier“ und „Mord mit Aussicht“ sein. Das funktioniert nur sehr bedingt, weil die Reihen sich nicht entscheiden können, entweder richtig Mainstream oder richtig ironisch zu sein. Vor allem aber sind sie kaum auseinander zu halten. Das liegt auch daran, dass sich die Konstellationen fast gar nicht unterscheiden (selbst ansehen?). Immer wird irgendein Großstadtermittler aufs Land versetzt und muss sich dort mit den örtlichen Gesetzeshütern zusammenraufen. Im ZDF kriegt das Vorabendpublikum immerhin eine deutliche Differenzierung angeboten: eine Küstenwache ist kein Bergdoktor ist kein Sonderkommando. Die ARD verwirrt hingegen nicht nur mit Titeln wie „Nordisch herb“, „Hubert und Staller“, „Henker & Richter“ – sondern auch mit sage und schreibe 19 (!) neuen Hauptcharakteren, die innerhalb von zwei Wochen mit den drei Krimis eingeführt wurden. Wer soll die denn alle auseinanderhalten?
Ach so, und „Drei bei Kai“: Das ist halt, wie gesagt, viel zu schlaftablettig für den Freitagvorabend.
Was nun? Erstmal den Gottschalk abwarten. Und überlegen, ob das wirklich eine gute Idee ist, die Zahl der Hauptcharaktere nochmal zu verdoppeln, wenn im kommenden Jahr die nächsten Regionalkrimis „Alles Klara“, „München 7“ und „Fuchs und Gans“ starten. Sonst ist’s im Vorabend nämlich bald wieder: Zappen & Duster.

Der Rückblog zu den Programmtrends 2011 geht weiter. Bald an dieser Stelle. Noch Vorschläge?

Screenshots: Das Erste

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14 Lesermeinungen

  1. Wolfgang sagt:

    Kleine Ehrenrettung für die...
    Kleine Ehrenrettung für die „Tagesschau“: Ich habe in letzter Zeit schon mehrfach Ausgaben gesehen, die bis ca. 20.16 bzw. 20.17 Uhr gingen – also ganz so starr wie beschrieben ist das offenbar nicht mehr.
    Hat natürlich den Nachteil, dass man den Anfang von Sendungen verpasst, die in einem anderen Programm pünktlich um 20.15 Uhr beginnen. Wobei das eigentlich eine prima Strategie sein könnte, die Zuschauer bei der ARD zu halten – einfach öfter mal bis 20.20 Uhr senden 😉

  2. Sandrine sagt:

    Ich kann alles 100%ig...
    Ich kann alles 100%ig unterschreiben.
    Talk: von der Qualität müssten eigentlich Will und Maischberger überleben. Die sind doch um einiges besser als Jauch und Plasberg- aber Jauch wird man garantiert nicht absetzen.
    Nachrichten: Tagesschau einfach um 19.45 beginnen lassen und auf eine halbe Stunde ausdehnen. Dann fehlt irgendwo im Vorabend eine Viertelstunde, die man mit Krimisoaps füllen muss.
    Vorabend: Regionalkrimis gibts schon gedruckt in Hülle und Fülle, die meisten davon von bestenfalls schlechter Qualität. Warum also sollte der ARD der große Wurf gelingen, dass sie etwas ala Jörg Juretzka oder Eifelkrimis hinkriegen?
    Na, ich hoff bloß, dass RTL im nächsten Jahr so einen Umbruch durchmacht 😉

  3. Ich sehe gerade Herrn Trittin...
    Ich sehe gerade Herrn Trittin in der Anne Will Sendung am 14.12.2011 in der er den Saubermann betreffend des Bundespräsidenten spielt.
    Mann sollte Herrn Trittin einmal befragen ob es in Ordnung sei dass er sich nach einer Veranstaltung offiziell zum Bahnhof in Leer zwecks Bahnfahrt bringen lässt, nur um sich dort inoffiziell abholen zu lassen und am Flugplatz in Leer Nüttermoor in eine privat gecharterte Turboprop Maschine zu steigen. Das nenne ich echtes Umweltbewusstsein und Aufrichtigkeit!

  4. Howie Munson sagt:

    19:45 geht nicht wenn keine...
    19:45 geht nicht wenn keine Werbepuase in der Tagesschau haben will….
    in der Viertelstunde macht die ARD doch ihren Haubtumsatz bei der regulär gebuchten Werbung… (und nur deswegen gibt es die unter 3 Minuten Sendungen „Wissen vor acht“, „wtter im Ersten“ und „Börse im Ersten“, eben um den Platz zwischen der Werbung zu füllen und paar leute zum durchhalten bis zu den „richtigen“ Nachrichten zu bewegen…
    wäre dann also in zukunft ab 19:40 „Tagesaufmacher vor 8“ „Sport vor 8“ und die beiden anderen und informierter wär man trotzdem nicht…

Kommentare sind deaktiviert.