Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Rückblog 2011: Warum die "Super Nanny" nicht wegen Scripted Reality gekündigt hat – ein Sortierversuch

| 13 Lesermeinungen

Mit ihrem Erfolg beim Publikum stellen Scripted-Reality-Programme das Fernsehen ganz schön auf den Kopf. Sie deswegen für sämtliches Bildschirmübel verantwortlich zu machen, geht aber zu weit. Das Problem ist, dass in der Diskussion kaum noch zwischen Produktionsform und Inhalt unterschieden wird.

In diesem Jahr beteiligt sich – endlich! – auch das Fernsehblog am allgemeinen Rückblicksrausch. Völlig ziellos und ohne Plan geht es im Laufe des Monats an dieser Stelle um Programmtrends, die 2011 im und für das Fernsehen wichtig waren. Wenn Ihnen auch noch einer einfällt: nur her damit! (Am besten unten in die Kommentare.) 

Bisher erschienen: Überdosis Castingshow; Die ARD und ihre Reformlaunen.

Diesmal: Was unterscheidet die „Super Nanny“ von Scripted Reality?

Bild zu: Rückblog 2011: Warum die "Super Nanny" nicht wegen Scripted Reality gekündigt hat – ein Sortierversuch

Wir müssen da nochmal was auseinander sortieren, damit’s auch der Kollege vom „Tagesspiegel“ richtig versteht. Es ist völlig korrekt, dass Scripted-Reality-Programme mit ihrem Erfolg beim Publikum das Fernsehen ganz schön auf den Kopf stellen. Dass die „Super Nanny“ ihren Job gerade an den Nagel gehängt hat, weil sie, wie der „Spiegel“ schreibt, sich von RTL in ihrer Arbeit behindert fühlte, hat damit aber allenfalls indirekt etwas zu tun.

Und das kommt so: „Echte“ Dokus bzw. Dokusoaps, die Geschichten über reale Menschen erzählen, stehen im Privatfernsehen seit jeher unter dem Druck, manipuliert zu werden, weil die Geschichten durch diese Manipulationen noch spektakulärer (oder: fernsehtauglicher) gemacht werden können als sie es in Wirklichkeit sind.

Seit es Scripted Reality gibt, also Sendungen, die durch ihren dokumentarischen Stil möglichst echt wirken sollen, aber von Laiendarstellern nach losen Drehanweisungen gespielt werden, braucht das Fernsehen eigentlich gar keine realen Protagonisten mehr. Mit den erfundenen sind ja noch bessere Quoten zu holen.

Natürlich lässt sich einwenden, dass sich durch den Erfolg der erfundenen der Druck auf die echten verstärkt, weil die mindestens genauso spannend erzählt sein müssen. Dadurch wächst die Gefahr der Manipulation. (Zum Beispiel bei der „Super Nanny“.) Außerdem wird Scripted Reality generell als problematisch gesehen, weil die Programme ihrem Publikum eine Wirklichkeit vorspiegeln, die es so gar nicht gibt. Und sicher gibt es Zuschauer, die das nicht auf Anhieb verstehen.

Dass das Fernsehen unser Bild von der Realität beeinflusst wird, ist aber nicht erst ein Problem, seit es „Familien im Brennpunkt“ gibt. Im Gegenteil: Extremfälle gab es auch schon haufenweise vorher. Zum Beispiel die akute Busen-OP-Fixierung deutscher Dokusoap-Produzenten, die bereits vor drei Jahren ein Thema im Fernsehblog war. Scripted Reality hat bloß einen Trend aufgenommen, den es bei den Privatsendern längst gab.

Daraus ergibt sich die spannende Frage: Richtet das Fernsehen nicht weniger Schaden an, wenn es erfundene Geschichten mit Laien nachspielt, als wenn es sich echte Protagonisten und deren Leben so zurecht biegt, dass die sich danach nicht mehr aus dem Haus trauen? Oder ist das egal, weil das Realitätsbild der Zuschauer am Ende sowieso verzerrt wird?

Bevor wir das diskutieren, wäre es hilfreich, die Begrifflichkeiten nicht weiter durcheinander zu werfen. Scripted Reality beschreibt in erster Linie eine Produktionsform. Dass die emotional so negativ aufgeladen ist, liegt daran, dass die Schreiintensität der Geschichten, die im Nachmittagsprogramm erzählt werden, von Anfang an relativ hoch war. Denn das ist aus Sicht der Verantwortlichen der Vorteil der Scripted Reality: dass Konflikte in aller Ausführlichkeit erzählt werden können, um die Spannung zu halten. (Eine Pflicht ist das allerdings nicht.)

Man muss Scripted Reality nicht mögen, und es gibt viele Gründe, es nicht zu tun. Aber von klassischen Dokusoaps sollte man die Programme schon unterscheiden (können). Den Protagonisten kann es nämlich nicht egal sein, ob das Fernsehen ihr richtiges Leben nach seinen Vorstellungen als Dokusoap inszeniert und sie bloßstellt oder ihnen als Laiendarsteller einen Fuffi in die Hand drückt.

Nicht nur Medienjournalisten, die wenig Zeit zum Fernsehen haben, bietet das Fernsehblog deshalb eine kleine Orientierungshilfe, was sich derzeit bei den Sendern in Sachen Scripted Reality so tut. Aber erst morgen.

Und der Rückblog zu den Programmtrends 2011 geht auch weiter. Bald an dieser Stelle.

Screenshots: RTL

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13 Lesermeinungen

  1. Trend kann man vll. nicht...
    Trend kann man vll. nicht sagen, aber die Abwicklung von 9live und ähnlicher Quizshows war im Fernsehjahr 2011 sicher ein wichtiges Ereignis.

  2. Da bin ich ja mal gespannt...
    Da bin ich ja mal gespannt wies weiter geht 🙂
    Ich weiss nicht ob die beschriebene Trennung zwischen „echter“ Krawaldoku und Scripted Reality wirklich trägt, dass sich beide Formate zunehmend vermischen.
    Man denke z.B. an Frautentausch, wo echte Menschen und Familien auftauchen nach Drehbuch herumkrawallieren. Unabhängig davon ob Mutti dafür nachher nen Fuffziger bekommt, wird sie und vor allem natürlich der Rest der Familie blosgestellt.
    Und auch in einer „echten“ Dokusoap lassen sich durch „geschickte“ Schnitte und Sinnentstellungen Spannungsbögen und drehbuchmäßige Dramaturgien erzeugen, ganz unabhängig davon was tatsächlich passiert ist.

  3. Das Problem sind ja nicht...
    Das Problem sind ja nicht Dilettantenstadl wie „Familien im Brennpunkt“ oder diese Gerichtssendungen. Sondern die Tatsache, dass Formate, die mal als Dokus gestartet sind, nach und nach auf Scripted-Reality umgestellt wurden. Als besonders negatives Beispiel wäre „Mieten, kaufen, wohnen“ zu nennen: „Die Geschichten unserer Makler sind teilweise frei nacherzählt.“ Nur teilweise? Was von dem Quatsch soll denn daran noch echt sein? Auch bei „Raus aus den Schulden“ und „Rach“ bekam man zunehmend den Eindruck, dass an den gezeigten Fällen so rein gar nichts mehr echt war. Bei uns zu Hause hat das zur Folge, dass wir uns inzwischen überhaupt nichts mehr ansehen können, ohne uns zu fragen, ob das, was wir da gerade sehen, auch „gescripted“ ist. Die Manipulationen in „Docutainment“-Formaten wie „Einsatz in vier Wänden“, „Raus aus den Schulden“, „Frauentausch“, „Bauer sucht Frau“ usw. sind ja kaum mehr der Rede wert. Wenn ich nicht darauf stehe, unter dem Deckmäntelchen der Doku irgendeinen Mist vorgespielt zu bekommen, sieht es im TV-Programm inzwischen ganz schön düster aus.

  4. also bin nur ich zu doof oder...
    also bin nur ich zu doof oder wo steht, denn nun warum die supernanny nicht wegen scripted reality aufgehört hat? also noch mal aufn punkt gebracht? weil super nanny eh schon immer gesripted war? weil es echte doku ist? weil…? ich finds im text wirklich nicht…Danke

  5. Es ist ja nun mal so das bei...
    Es ist ja nun mal so das bei der Scripted Reality im Prinzip von vornherein zu den Protagonisten gesagt wird also Leute lasst uns mal so tun als ob.
    Bei der Nanny war ja durchgehend das Problem, dass die meisten Familien durch geschickte Regieanweisungen in eine Ecke (meist die der Asoziale) geschoben wurden. Man muss sich vorstellen die Familien wollen Hilfe von der Dame und nebenbei ein bisschen Geld verdienen und dann werden sie vorgeführt und der Schaden ist im Nachhinein größer als vorher. Sei es nun seelischer Schaden oder die allgemein bekannten Strom und Wasserkosten die das dort anwesende Team verursachen.
    So gesehen kann man nur froh sein das die Sendung nicht mehr läuft. Irgendwann wird auch der Scriped Reality Schund verschwinden so wie Gerichtssendungen und Vormittagstalkshows.

  6. Neulich bei ZAPP: Kandidatin...
    Neulich bei ZAPP: Kandidatin von „Schwer verliebt“ (Sat.1) geht jetzt gemeinsam mit der Zeitung aus ihrem Heimatort (die aus Lokalpatriotismus über die Kandidatin berichtet hatte) gegen den Sender bzw. die Verantwortlichen vor, weil sie dazu gebracht wurde, vor der Kamera eine Liebesgeschichte vorzugaukeln, schlüpfrige Sachen zu sagen etc. und sie völlig geschockt war, wie lächerlich sie gemacht wurde.
    Ich hoffe, sie hat Erfolg und zwingt Sat.1 in die Knie.
    Scripted Reality benutzt immerhin bezahlte Menschen, die wissen was sie tun und entwürdigt Menschen nicht so sehr wie vermeintliche echte Dokuformate.

  7. @Sandrine: Sorry, aber "Schwer...
    @Sandrine: Sorry, aber „Schwer verliebt“ ist eben KEINE Scripted Reality, weil keine Laiendarsteller geschriebene Geschichten nachspielen, sondern Leute, die dem Fernsehen zuviel Vertrauen schenken, auf dessen Manipulationen hereinfallen.
    Und wie die „Rhein Zeitung“ den beschriebenen Fall ausschlachtet, halte ich auch für höchst fragwürdig.

  8. @Peer: Die Rolle der...
    @Peer: Die Rolle der Rhein-„Zeitung“ ist in dem Fall wirklich sehr zweifelhaft. Die erste Geschichte zum Thema wurde auf drei(!) Seiten in der Wochenendausgabe ausgewalzt. So viel Platz für ein Thema hab ich in dem Monopolistenblättchen vorher noch nie erlebt (außer 9/11 vielleicht).
    Andererseits werden dadurch die Zuschauer endlich über die Machenschaften der Produktionsfirmen aufgeklärt. Und steter Tropfen höhlt da den Stein. Nur ein paar Kilometer rheinabwärts passierte die Geschichte mit dem eben nicht verkauften Haus in einer RTL-Sendung. Den Zuschauern war es doch auch viel zu lange egal unter welchen Umständen die Sendung, an den sie sich so herrlich ergötzten, zustande kamen. Hauptsache man hatte etwas zum Glotzen.
    Und wenn ich Sendungstitel wie „Helena Fürst – Anwältin der Armen“ (die Produktion sucht gerade wieder neue Opfer) lese kommt mir nur noch die Weihnachtsgans vom letzten Jahr wieder hoch.
    Das Fernsehen an sich ist eben schon lange nicht mehr „dem Wahren, Schönen und Guten“ verpflichtet, das Private war es eh nie. Langsam begreift das auch eine größere Masse in der Bevölkerung und wendet sich von den betrügerischen Auswüchsen ab.

  9. Scripted Reality hat mit der...
    Scripted Reality hat mit der Wirtschaftskrise und und der großen Krise der Privaten-(Werbe-)sender erst so richtig Fahrt aufgenommen. Die Sendungen müssen immer billiger werden, je weniger die Werbeeinnahmen fließen.
    Wir vergessen immer, dass die Privaten Sender der Wunsch der Wirtschaft waren, die ein Plattform für ihre Werbung benötigten. Und wenn es der Wirtschaft schlecht geht, geht es auch den Sendern schlecht, weil die Werbeeinnahmen fehlen. Gleichzeitig aber muss so ein Sender auch noch Gewinn machen. Und wie jede große Firma wird zuerst am Personal gespart.
    @Peer & BlueKO
    Gut, dass endlich die gute Frau Vera Müller auch mal mit ihrer mehr als dubiosen Rolle bewertet wird.

  10. @Peer:
    wiederum sorry, aber...

    @Peer:
    wiederum sorry, aber Schwer Verliebt ist m. M. nach sehr wohl Scripted Reality. was die da teilweise sagen, und auch was sie tun („So, heute gehen wir schwimmen. Zuerst brauchst Du einen Badeanzug. Gehen wir den also mal kaufen“) ist jedenfalls in ganz großen Teilen nicht nur dokumentiert, und auch durch „kreatives Schneiden“ kommt man da nicht hin, wie die fertigen Folgen aussehen.

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