Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Eskalation mit Nutzwert: Die Scripted-Trends der Privatsender

| 9 Lesermeinungen

Alle reden über Scripted Reality reden, aber keiner hat mehr den Überblick hat, welche Programme gerade laufen. Das Fernsehblog verrät, was sich bei den Sendern tut – zum Beispiel am Vorabend, wo RTL 2 einen "Big Brother"-Ersatz gefunden hat, und nachmittags, wo Vox Scripted Reality mit Nutzwert testet.

Alle reden über Scripted Reality reden (siehe Fernsehblog vom Mittwoch), aber keiner hat mehr den Überblick hat, was gerade läuft. Die bekanntesten Programme sind „Familien im Brennpunkt“, „“Betrugsfälle“, „Verdachtsfälle“ und „Die Schulermittler“, weil sich RTL damit den Nachmittag saniert hat. Und „X-Diaries“, weil die RTL-2-Urlaubsdoku reihenweise Verstöße gegen den Jugendschutz sammelte.

Das Fernsehblog verrät, was sich derzeit noch bei den Sendern tut.

Bild zu: Eskalation mit Nutzwert: Die Scripted-Trends der Privatsender

Am Vorabend: Scripted WG – das billigere „Big Brother“

Nach einem eher schwachen Start entwickelt sich „Berlin Tag & Nacht“ für RTL 2 gerade zu einem großen Erfolg am Vorabend. Ende der vergangenen Woche meldete der Sender erstmals über 10 Prozent Marktanteil bei den jungen Zuschauern.

Erzählt werden die Geschichten einer Berliner WG, die es eigentlich gar nicht gibt. Die Bewohner sind allesamt Laienschauspieler, die Geschichten von Autoren erfunden. Eigentlich ist „Berlin Tag & Nacht“ nichts anderes als ein billigere Soap, die ein bisschen nach Doku aussieht und mit exakt den Charakteren arbeitet, die – wenn es sie denn wirklich gäbe – jederzeit ins „Big Brother“-Haus einziehen könnten (Videos bei rtl2.de). „Berlin Tag & Nacht“ hat nicht nur den Sendeplatz der Reality-Show übernommen, sondern ist auch noch viel günstiger herzustellen. Und welche der beiden Prollvarianten RTL 2 am Vorabend zeigt, ist eigentlich egal.

Am Nachmittag: Scripted Nutzwert – Ausrasten mit Rechtstipps

Als sich Richterin Barbara Salesch Ende Oktober eine Auszeit von ihren erfundenen Gerichtsverhandlungen nahm, zeigte Sat.1 testweise „Nachbar gegen Nachbar“ auf dem Sendeplatz um 15 Uhr. Tag für Tag ging es – wie der Titel vermuten lässt – um Streitigkeiten zwischen Nachbarn: um den Mieter, der sich weigert, dem Vermieter Geld für die Wohnung zu bezahlen und ihn damit an den Rand des Ruins bringt, aber keine Lust auf Arbeit hat. Oder um die Frau, die verhindern möchte, dass ihre Nachbarin in der Wohnung nebenan als Prostituierte arbeitet.

Während die Laienschauspieler in „Nachbar gegen Nachbar“ ganz klassisch ihr eigenes Handeln in dazwischen geschnittenen Interviewsituationen kommentierten, bediente sich Vox mit „Mieterzoff“ zwar derselben Thematik. Die vor einigen Wochen auf dem 14-Uhr-Sendeplatz getestete Scripted-Variante war mit zwei Stunden Sendezeit aber nicht nur deutlich länger als die übrigen Programme, sondern hatte auch eine Art Nutzwert-Bonus eingebaut. 

Die gezeigten Spielszenen wurden regelmäßig von einem – realen – Anwalt unterbrochen, der ins Bild gerückt wurde und die jeweilige Situation aus der Rechtsperspektive konkret beurteilte. Die Quoten waren eher bescheiden.

Derzeit unternimmt Vox mit „Verklag mich doch!“ einen weiteren Anlauf, um die Scripted-Sonderform doch noch zu etablieren. In „Verklag mich doch!“, das montags bis freitags um 13 Uhr gezeigt wird, geht es nun nicht mehr nur um Mietstreitigkeiten, sondern generell um Konflikte, die auf eine Klärung vor Gericht hinauslaufen (ganze Folgen bei voxnow.de ansehen). Zum Auftakt wurde die Geschichte eines Ehepaars erzählt, das sich trennen möchte, weil die Frau ihren Partner beim Seitensprung erwischt hat. Fortan machen sich die beiden gegenseitig das Leben schwer, streiten um ihr Eigentum, der Mann lässt seine Geliebte bei sich einziehen, überweist aber keinen Unterhalt an seine Noch-Frau.

Dazwischen kommentiert der – reale – Anwalt die Ereignisse und muss dabei so tun, als handele es sich bei den Protagonisten um echte Menschen: „Die Frau Sattler hat ja Anspruch auf den so genannten Trennungsunterhalt.“

Er erklärt, wie man Schenkungen rückgängig macht, wann der Beschenkte sich „grob treuwidrig“ verhält, was das „Zerrüttungsprinzip“ ist, warum „die Teilungsversteigerung eine Sonderform der Zwangsversteigerung“ ist und wie eine „Zugewinngemeinschaft“ funktioniert.

All das steht in einem lustigen Kontrast zu der permanenten Eskalation in den Spielszenen. Vor allem, wenn der Anwalt die teilweise absurd konstruierten Situationen mit einer gewissen Ironie deutet. Wenn die Geliebte sich mit der teuren Gesichtscereme der Ex die Füße einschmiert und es deswegen zum Zoff kommt, sagt er: „Völlig unabhängig davon, welche Körperteile sich die neue Freundin mit der Gesichtscreme eingecremt hat: natürlich muss sie der Frau Sattler die verbrauchte Creme ersetzen!“

Diese Mischform ist ein seltsamer Versuch, die Zuschauer einerseits mit permanenter Konfrontation zu fesseln, und sie andererseits nebenbei zum Scheidungsexperten zu machen. Dabei ist der Konflikt derart auf die Spitze getrieben, das er durchweg künstlich wirkt. Das Problem wird über zwei Stunden ausgewalzt, die Auflösung dauert nachher keine Minute. Im Bild erscheint der Hinweis „8 Monate später“, und der Off-Sprecher erklärt, dass es der betrogenen Ehefrau blendend gehe, der Ex aber pleite sei, am Boden zerstört und von seiner Neuen verlassen. Ende.

Ähnlich schnell ist der Fall einer Frau abgehandelt, deren Ehemann nach Thailand abgeschoben wurde, weil den beiden eine Scheinehe vorgeworfen wurde. >Zwei Stunden wird gestritten und problematisiert. Kurz vor Schluss stellt sich heraus: Es ist alles gut. Die beiden haben nochmal in Thailand geheiratet, das Verfahren wurde eingestellt, der gerade noch dramatisch in Handschellen abgeführte Gatte ist zurück in Deutschland und seine Frau schwanger. 28 Sekunden braucht „Verklag mich doch!“ dafür.

Das Problem der Scripted Reality ist gar nicht unbedingt, dass sie eine Wirklichkeit vorspiegelt, die es so nicht gibt. Viel kritischer ist, dass Scripted Reality die Lösung für den vorher ausführlich gezeigten Konflikt kurz vor Schluss einfach so aus dem Himmel fallen lässt. 

Mit der Realität hat das nämlich wirklich nichts mehr zu tun.

Screenshots: Sat.1, Vox

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9 Lesermeinungen

  1. "Wenn die Geliebte sich mit...
    „Wenn die Geliebte sich mit der teuren Gesichtscereme der Ex die Füße einschmiert und es deswegen zum Zoff kommt…“
    Oh diese Schmerzen!
    Für mich hat „Herm“ das Thema Scripted Reality vor über zwei Jahren gut auf den Punkt gebracht:
    https://www.stefan-niggemeier.de/blog/verdacht-auf-internet/

  2. "Viel kritischer ist, dass...
    „Viel kritischer ist, dass Scripted Reality die Lösung für den vorher ausführlich gezeigten Konflikt kurz vor Schluss einfach so aus dem Himmel fallen lässt. “
    Das Problem der Scriptd Reality ist, dass in den Reihen der Kreativen keiner diesen anspruchslosen Dreck machen will. Und so schreiben dafür auch nur die Autoren, die selbst bei den Soaps und Telenovelas abgelehnt wurden. Und denen fallen einfach keine gut gebaute Geschichten ein!

  3. Das Problem kommt wohl von der...
    Das Problem kommt wohl von der Erwartung, ob nun der Redakteure oder der Zuschauer weiß ich nicht, daß jeder in solchen Sendungen gezeigte Konflikt zwingend aufgelöst werden muß. Dieses Prinzip, immer eine abgeschlossene Handlung anbieten zu müssen, läßt sich in dieser Form von Sendung sicher weit zurückverfolgen, bis zu Nachmittagstalkshows mindestens. Die Guten müssen belohnt, die Bösen bestraft, die Fragen beantwortet und die Probleme gelöst werden. Offene Enden werden grundsätzlich gemieden, selbst bei Nebenhandlungen.
    Wenn man nun eine Sendung hat, für deren Konzept die Beendigung des gezeigten Konflikts nun eigentlich gar keine Rolle spielt, ist es logisch, daß darauf auch praktisch keine Mühe verwandt wird, und man im letzten Moment noch irgendetwas ins Drehbuch schludert. Den Versuch, einfach auf diesen Punkt zu verzichten, übersteigt wohl die Vorstellungskraft der Macher.

  4. ...Und die Laiendarsteller...
    …Und die Laiendarsteller sind sogar noch wesentlich billiger als Profis, die sich kürzlich unverschämterweise über die inzwischen übliche schlechte Bezahlung im Fernsehen beschwert haben.
    Die Erklärung der Begriffe „grob treuwidrig“, „Zerrüttungsprinzip“, „die Teilungsversteigerung eine Sonderform der Zwangsversteigerung“, „Zugewinngemeinschaft“ rechtfertig dann natürlich auch ganz eindeutig diese Sendung zum Informationsanteil des Senders zu zählen.

  5. <p>@Jerry: Die Argumentation...
    @Jerry: Die Argumentation der Produzenten ist, dass sie nur so die Spannung halten können und es bei Krimis oft ja auch nicht anders sei. Aber wahrscheinlich wären 28 Sekunden um einen Mörder zu entlarven dann doch irgendwie – schnell.
    Und: sehr lustiger Eintrag.

  6. Das Abschlussargument verstehe...
    Das Abschlussargument verstehe ich nicht. Entweder ist esproblematisch dass man gefakte Realität vorpsielt oder nicht.
    Wenn es das nicht ist, sind Inhalt oder Auflösung doch egal. Traumschiff-Folgen zeichnen sich ja nun auch nicht grade dadurch aus, dass die Konflikte besonders realitätsnah aufgelöst werden.
    Wenn die „aus dem Himmel fallenden“ unrealistischen Auflösungen doch ein Problem sind dann doch nur deswegen, weil die Formate eben Realität(snähe) vortäuschen die es nicht gibt. Das ist aber IMO bei der Auflösung nicht mehr oder weniger problematisch als im restlichen Verlauf der Sendung.

  7. @Daniel: Der letzte Satz war...
    @Daniel: Der letzte Satz war nicht argumentativ gemeint, sondern feststellend.

  8. "Eigentlich ist "Berlin Tag &...
    „Eigentlich ist „Berlin Tag & Nacht“ nichts anderes als ein billigere Soap, die ein bisschen nach Doku aussieht [..]“
    Ich halte Berlin Tag&Nacht für die nächste Evolutionsstufe der Soap. Durch die Injektion der narrativen Techniken der DokuSoap (die sich freilich auch wieder auf Big Brother & Co zurückführen lassen) wird hier eine erzählerische Dynamik erreicht, die klassische Soaps klar in den Schatten stellt. Die allgemeine Prioritätsverschiebung weg vom Zeigen und hin zum Erklären kommt auch sowohl den unbegabteren Autoren wie den fauleren Zuschauern entgegen. Natürlich hilft es dabei auch, dass dort einige Leute tatsächlich schauspielern können.
    Inhaltlich kommt die Kiste allerdings nicht über das Niveau von schimmliger Grütze hinaus, weswegen man sich jetzt zum Glück nicht so eingehend damit befassen muss.

  9. Warum soll ein Journalist...
    Warum soll ein Journalist recherchieren und versuchen die Wahrheit herauszufinden? Und warum soll ein Reality-Format die Wirklichkeit ausstrahlen?
    Dann doch lieber die eigene Meinung als kritisch-unabhängigen Artikel tarnen und den Reality-Schauspielern möglichst paradoxe Situationen spielen lassen.
    Fernsehen ist zusehen, wie andere Geld verdienen, hat mir mal jemand gesagt.
    Eine schlaue Zusammenfassung.
    lg DL
    http://www.luxundpartner.at

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