Das Fernsehblog

Eskalation mit Nutzwert: Die Scripted-Trends der Privatsender

Alle reden über Scripted Reality reden (siehe Fernsehblog vom Mittwoch), aber keiner hat mehr den Überblick hat, was gerade läuft. Die bekanntesten Programme sind „Familien im Brennpunkt“, „“Betrugsfälle“, „Verdachtsfälle“ und „Die Schulermittler“, weil sich RTL damit den Nachmittag saniert hat. Und „X-Diaries“, weil die RTL-2-Urlaubsdoku reihenweise Verstöße gegen den Jugendschutz sammelte.

Das Fernsehblog verrät, was sich derzeit noch bei den Sendern tut.

Am Vorabend: Scripted WG – das billigere „Big Brother“

Nach einem eher schwachen Start entwickelt sich „Berlin Tag & Nacht“ für RTL 2 gerade zu einem großen Erfolg am Vorabend. Ende der vergangenen Woche meldete der Sender erstmals über 10 Prozent Marktanteil bei den jungen Zuschauern.

Erzählt werden die Geschichten einer Berliner WG, die es eigentlich gar nicht gibt. Die Bewohner sind allesamt Laienschauspieler, die Geschichten von Autoren erfunden. Eigentlich ist „Berlin Tag & Nacht“ nichts anderes als ein billigere Soap, die ein bisschen nach Doku aussieht und mit exakt den Charakteren arbeitet, die – wenn es sie denn wirklich gäbe – jederzeit ins „Big Brother“-Haus einziehen könnten (Videos bei rtl2.de). „Berlin Tag & Nacht“ hat nicht nur den Sendeplatz der Reality-Show übernommen, sondern ist auch noch viel günstiger herzustellen. Und welche der beiden Prollvarianten RTL 2 am Vorabend zeigt, ist eigentlich egal.

Am Nachmittag: Scripted Nutzwert – Ausrasten mit Rechtstipps

Als sich Richterin Barbara Salesch Ende Oktober eine Auszeit von ihren erfundenen Gerichtsverhandlungen nahm, zeigte Sat.1 testweise „Nachbar gegen Nachbar“ auf dem Sendeplatz um 15 Uhr. Tag für Tag ging es – wie der Titel vermuten lässt – um Streitigkeiten zwischen Nachbarn: um den Mieter, der sich weigert, dem Vermieter Geld für die Wohnung zu bezahlen und ihn damit an den Rand des Ruins bringt, aber keine Lust auf Arbeit hat. Oder um die Frau, die verhindern möchte, dass ihre Nachbarin in der Wohnung nebenan als Prostituierte arbeitet.

Während die Laienschauspieler in „Nachbar gegen Nachbar“ ganz klassisch ihr eigenes Handeln in dazwischen geschnittenen Interviewsituationen kommentierten, bediente sich Vox mit „Mieterzoff“ zwar derselben Thematik. Die vor einigen Wochen auf dem 14-Uhr-Sendeplatz getestete Scripted-Variante war mit zwei Stunden Sendezeit aber nicht nur deutlich länger als die übrigen Programme, sondern hatte auch eine Art Nutzwert-Bonus eingebaut. 

Die gezeigten Spielszenen wurden regelmäßig von einem – realen – Anwalt unterbrochen, der ins Bild gerückt wurde und die jeweilige Situation aus der Rechtsperspektive konkret beurteilte. Die Quoten waren eher bescheiden.

Derzeit unternimmt Vox mit „Verklag mich doch!“ einen weiteren Anlauf, um die Scripted-Sonderform doch noch zu etablieren. In „Verklag mich doch!“, das montags bis freitags um 13 Uhr gezeigt wird, geht es nun nicht mehr nur um Mietstreitigkeiten, sondern generell um Konflikte, die auf eine Klärung vor Gericht hinauslaufen (ganze Folgen bei voxnow.de ansehen). Zum Auftakt wurde die Geschichte eines Ehepaars erzählt, das sich trennen möchte, weil die Frau ihren Partner beim Seitensprung erwischt hat. Fortan machen sich die beiden gegenseitig das Leben schwer, streiten um ihr Eigentum, der Mann lässt seine Geliebte bei sich einziehen, überweist aber keinen Unterhalt an seine Noch-Frau.

Dazwischen kommentiert der – reale – Anwalt die Ereignisse und muss dabei so tun, als handele es sich bei den Protagonisten um echte Menschen: „Die Frau Sattler hat ja Anspruch auf den so genannten Trennungsunterhalt.“

Er erklärt, wie man Schenkungen rückgängig macht, wann der Beschenkte sich „grob treuwidrig“ verhält, was das „Zerrüttungsprinzip“ ist, warum „die Teilungsversteigerung eine Sonderform der Zwangsversteigerung“ ist und wie eine „Zugewinngemeinschaft“ funktioniert.

All das steht in einem lustigen Kontrast zu der permanenten Eskalation in den Spielszenen. Vor allem, wenn der Anwalt die teilweise absurd konstruierten Situationen mit einer gewissen Ironie deutet. Wenn die Geliebte sich mit der teuren Gesichtscereme der Ex die Füße einschmiert und es deswegen zum Zoff kommt, sagt er: „Völlig unabhängig davon, welche Körperteile sich die neue Freundin mit der Gesichtscreme eingecremt hat: natürlich muss sie der Frau Sattler die verbrauchte Creme ersetzen!“

Diese Mischform ist ein seltsamer Versuch, die Zuschauer einerseits mit permanenter Konfrontation zu fesseln, und sie andererseits nebenbei zum Scheidungsexperten zu machen. Dabei ist der Konflikt derart auf die Spitze getrieben, das er durchweg künstlich wirkt. Das Problem wird über zwei Stunden ausgewalzt, die Auflösung dauert nachher keine Minute. Im Bild erscheint der Hinweis „8 Monate später“, und der Off-Sprecher erklärt, dass es der betrogenen Ehefrau blendend gehe, der Ex aber pleite sei, am Boden zerstört und von seiner Neuen verlassen. Ende.

Ähnlich schnell ist der Fall einer Frau abgehandelt, deren Ehemann nach Thailand abgeschoben wurde, weil den beiden eine Scheinehe vorgeworfen wurde. >Zwei Stunden wird gestritten und problematisiert. Kurz vor Schluss stellt sich heraus: Es ist alles gut. Die beiden haben nochmal in Thailand geheiratet, das Verfahren wurde eingestellt, der gerade noch dramatisch in Handschellen abgeführte Gatte ist zurück in Deutschland und seine Frau schwanger. 28 Sekunden braucht „Verklag mich doch!“ dafür.

Das Problem der Scripted Reality ist gar nicht unbedingt, dass sie eine Wirklichkeit vorspiegelt, die es so nicht gibt. Viel kritischer ist, dass Scripted Reality die Lösung für den vorher ausführlich gezeigten Konflikt kurz vor Schluss einfach so aus dem Himmel fallen lässt. 

Mit der Realität hat das nämlich wirklich nichts mehr zu tun.

Screenshots: Sat.1, Vox

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