Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die Woche im Fernsehen: Küsschen links, Küsschen rechts

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RTL schafft mit dem "Bachelor" einen größeren Hohlraum im Mittwochabendprogramm; im NDR entfaltet "Der Tatortreiniger" therapeutische Wirkung; Pro Sieben nimmt mit "New Girl" Anlauf für den nächsten Sitcom-Hit; bei der ARD gibt es dringenden Reformbedarf für die Jahreszwischenreportage; und Vox macht Harald Glööckler unbeliebt. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Die Sendungen:
„Der Bachelor“ | RTL 
„Der Tatortreiniger“ | NDR 
„New Girl“ | Pro Sieben
„8000 Meilen bis Alaska“ | Das Erste
„Herr Glööckler zieht um“ | Vox

Wer mit dem Fingerknöchel in dieser Woche langsam übers RTL-Mittwochabendprogramm geklopft hat, ist dabei auf einen größeren Hohlraum gestoßen, in dem sich ein 30-jähriger Hamburger zurechtschnöselte, um während des Aufenthalts in einer südafrikanischen Villa aus zwanzig liebesenttäuschten Dekolletéträgerinnen die Versicherungskauffrau fürs Leben herauszusuchen, deren Kinder er später erklären möchte, dass die Mama vom RTL organisiert wurde.

Dafür hat sich besagter Herr einen – pfui Teufel! – Bätscheler taufen lassen, was immer das bedeuten mag.

Und die Frauen, die im Fernsehen „Ladys“ heißen, waren einverstanden, dass ihnen außer Alter und Beruf auch die Dauer ihrer letzten Beziehung in die Bauchbinde geschrieben wird (auf halbe Jahre gerundet).

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Küsschen links, Küsschen rechts

Die Auswahlprozedur gestaltete sich schon zum Auftakt nicht ganz einfach. Schließlich waren sich die Damen mit ihren Mittelaltermännerbildern nicht ganz unähnlich. „Ich brauch jemanden, dem ich was kochen kann“, sagte die eine. „Ein Mann muss ein Beschützer sein“, sagte die andere. Und der Bätscheler sagte: „Da kann man schon von lecker, lecker sprechen.“ Weil nämlich ein paar „Ladys“ gleich zur praktischen Anwendung der Flirttipps übergingen, die sie sich in ihrem Pornofilmstudium zusammennotiert haben müssen.

Um bei der Neuauflage des (gerundet) acht Jahre alten RTL-Kuppel-Flops „Der Bachelor“ diese Woche was zu verpassen, musste man sich als Zuschauer trotzdem ganz schön anstrengen (Video bei rtlnow.de). Über 68 quälend-werbepausenlose Minuten schickte der Sender ein Frauchen nach dem nächsten aus der Limousine an der frisch krawatteten Gelwelle vorbei ins Luxusdomizil: Küsschen links, Küsschen rechts, schöner Ausschnitt, nimm dir doch schon mal was zu trinken. Zwanzig Mal waren alle „sehr aufgeregt“, nur der Bätscheler war nach Nummer 8 oder 10 nicht mehr ganz so aufgeregt, hatte dafür aber Zeit, schon mal zu erklären, welches Material er besonders „rassig“ findet, um am Ende der Folge seine ganz persönliche Rassigtrennung vorzunehmen und fünf „Ladys“ gleich wieder heimzuschicken.

Es lässt sich gar nicht so genau sagen, was schlimmer am neuen „Bachelor“ ist: die peinlich-aufdringlich-pornöse Ranschmeiße, mit der sich manche Kandidatinnen um den Aushilfsadonis balzen – oder die biedere Inszenierung, bei der RTL sich nicht zu schade dafür war, die Interviewsituation, in welcher der Bätscheler von seinen verstorbenen Eltern erzählt, mit Schwarzweiß-Slowmotion künstlich zu verlängern.

Dass die symbolhafte Übergabe der Rosen für die Damen, die bleiben dürfen, am Schluss eher nach Meisterbriefaushändigung aussah, half auch nicht bei der Überzeugung, unbedingt die Fortsetzung dieses Topmodel-Zahnpastawerbung-Big-Brother-Verschnitts sehen zu müssen.

Viel schöneres Begegnungsfernsehen macht sowieso der NDR, und damit ist nicht etwa Fortsetzung von „Landwirt sucht Liebe“ gemeint, sondern natürlich Bjarne Mädel als „Der Tatortreiniger“, der sämtliches Vorab-Lob, das in dieser Woche schon auf ihn herabgeprasselt ist, verdient hat (Folgen in der NDR-Mediathek). Wenn Heiko „Schotti“ Schotte mit seiner Putzausrüstung anrückt, um die Spuren zu beseitigen, mit denen ein Mensch aus dem Leben geschieden ist, kommt es jedes Mal zu Gesprächssituationen von geradezu therapeutischer Wirkung. Bloß dass der Therapeut immer einen weißen Kittel und Mundschutz überm Schnauzbart trägt.

Mit der selbstständigen Prostituierten, die zu spät auftaucht, um ihren früheren Kunden ein letztes Mal zufrieden zu stellen, diskutiert er darüber, wie wichtig es ist, sein eigener Chef zu sein, über Eisenschwefelverbindungen und die Bedeutung von Dreck als „Materie am falschen Platz“. Und der aggressiv-schreibblockierte Schriftsteller kriegt kurzerhand die entscheidende Inspiration für sein nächstes Werk verpasst, muss aber eine handsignierte Thomas-Mann-Erstausgabe dafür opfern.

Zum Abspann geht jede Szene mitsamt den Credits im weißen Desinfektionsnebel unter. Wie wunderbar! Und ab sofort bitte wöchentlich.

International wird „New Girl“ schon längst als neuer Sitcom-Hit gehandelt wird. Doch in der Premierenfolge braucht Zooey Deschanel als schusselige Endzwanzigerin Jess noch ein bisschen Anlauf, um zu überzeugen (Video bei prosieben.de). Der Freund hat sie betrogen, aus lauter Verzweiflung zieht sie in einer Männer-WG, stellt die „Dirty Dancing“-Dauerschleife ein und heult sich den Verstand aus den Augen, bis die neuen Kumpels sie zu einem neuen Anlauf in Sachen Mann fürs Leben ermutigen.

Als Basis klingt das ein bisschen dünne. Aber Deschanel spielt die Flirt-Niete, die sich beim ersten Date stilvoll für den Jeans-Overall entscheidet, so schön schusselig, dass nicht bloß Lisa-Plenske-Fans gar nicht anders können als beim nächsten Mal wieder einzuschalten. (Wenn Pro Sieben die zweite Folge an einem völlig anderen Wochentag zu einer völlig anderen Uhrzeit zeigt.)

Alle Jahre wieder macht die ARD zwischen den Jahren Platz für eine Jahreszwischenreportage aus den kalten Regionen dieser Erde: Russland, Alaska, Bad Salzuflen. Schon länger gibt es dafür keinen Primetime-Sendeplatz mehr, und USA-Korrespondent Klaus Scherer, der dieses Mal dran war, hat nicht mal mehr einen Zweiteiler drehen dürfen. Aber vielleicht ist das ganz gut so. Denn mit „8000 Meilen bis Alaska“ hat Scherer es hingekriegt, die eher enttäuschende Vorlage aus dem Vorjahr noch zu unterbieten (Reportage in der Das-Erste-Mediathek ansehen).

Viele, viele Tage war der ZDF ARD-Mann mit seinem Team in Nordamerika unterwegs und hat mit den verschiedensten Leuten gesprochen: einem Niagara-Rettungspiloten, Krabbenfischern an der Atlantikküste, den Leuten eines Farmerkollektivs in Vermont, dem letzten Schneeschuhfabrikanten Amerikas. Kaum jemand darf mehr als ein paar Sätze sagen, bevor der nächste dran ist. Stattdessen hüpft Scherer von der Bahn in den Hubscharuber und zurück auf den Highway, gerade so als sehne er sich danach, die Strecke möglichst bald hinter sich gebracht zu haben.

Das Ergebnis sind 75 Minuten Konzeptlosigkeit – ohne die Muße, eine halbwegs zusammenhängende Geschichte zu erzählen.

Um das hinzukriegen, wäre es schon genug gewesen, wenn Scherer sich auf die interessantesten Stationen seiner Reise konzentriert hätte. Das ist ihm nicht gelungen, trotz der spannenden Protagonisten, die er getroffen hat, und der fantastischen Bilder, die ihm reihenweise vor die Kamera gefallen sind. Vielleicht kann sich die ARD mal dazu durchringen, entweder wieder ihre Altmeister rauszuschicken – oder die Jahreswechselreportage einfach ganz sein zu lassen. Weil ein Korrespondent, der die Kurzatmigkeit der „Tagesschau“ gewohnt ist, nicht automatisch ein guter Reisereporter ist.

Und was bitte schön ist in Vox gefahren? Reicht es nicht, wenn der Sender sich neue Storys für Daniela Katzenberger ausdenkt, um deren Erfolg ebenso künstlich zu verlängern wie sie ihre – Fingernägel? Braucht es da wirklich noch die zweistündige Filmbegleitung der Selbstzentralisierung eines selbstdarstellerischen Modezars, der aus dem Berliner Bezirk Charlottenburg ins Doppelpenthouse Unter den Linden zieht? (Oder wie Harald Glööckler selbst sagt: „nach Midde“.)

Zumindest wird es schwer, Vox den obersten Platz auf Liste der überflüssigsten Dokusoaps 2012 im Laufe der nächsten elfeinhalb Monate wieder abzujagen. Und die Konkurrenz ist bekanntlich groß.

Als Katzenberger-Klon funktioniert Glööckler zumindest nicht, allein schon, weil er mit dem herrischen Herumkommandieren schweigender Angestellter und seiner maßlosen Selbstüberschätzung auf dem Sympathie-Index meilenweit unter ironisch vor sich hinquasselnden Ludwigshafener Mallorcacafé-Besitzerinnen rangiert. Das schränkt auch die Bereitschaft ein, ihm bei der „spirituellen Reinigen“ der neuen Wohnung, der Vorbereitung auf mitternächtliche Teleshopping-Livemoderationen und dem Ausduschen durchfallgeschundener Haustierhintern zuzusehen – und ruiniert nebenbei das Image des verschroben-tuntigen Paradiesvogels, das sich Glööckler mühsam aufgebaut hat.

Wenigstens der Off-Kommentator müsste sich bei „Herr Glööckler zieht um“ irgendwann mal entscheiden, ob er das traurige Geschehen lieber uninspiriert-ernsthaft oder doch dick aufgetragen-ironisch kommentieren möchte (Video bei voxnow.de).

Ganz ernst gemeint, aber zum Ausstrahlungsdatum trotzdem unfreiwillig daneben gerät der Kommentar am Schluss des – bereits im Sommer abgedrehten – Films, als Glööckler sein neues Domzil mit einer völlig überdimensionierten Party für Freunde und Bekannte einweiht:

„Ein Empfang beim Bundespräsidenten aufs Schloss Bellevue könnte kaum festlicher sein. Wer jetzt in Berlin auf dicke Spendierhosen machen will, muss sich fortan an Harald Glööckler messen lassen.“

Da sag noch mal einer, der Wulff müsse unbedingt bleiben, weil Angela Merkel keinen Ersatzkandidaten fürs Amt hat. Dabei wohnt der doch schon um die Ecke.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: RTL, NDR, Das Erste, Vox

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9 Lesermeinungen

  1. Rassigtrennung? Manche sollte...
    Rassigtrennung? Manche sollte man liegen lassen.

  2. @vonfernseher: Wow, ich hab...
    @vonfernseher: Wow, ich hab gewettet, wie lange es dauert. Aber Sie waren schnell.

  3. Ist Klaus Scherer, der die...
    Ist Klaus Scherer, der die ARD-Reportage drehte, wirklich ein ZDF-Mann?

  4. @Paul: Danke für den Hinweis,...
    @Paul: Danke für den Hinweis, schon korrigiert.

  5. Der erste Absatz ist das...
    Der erste Absatz ist das Beste, das ich seit Langem lesen durfte. Tränen gelacht!

  6. Nein, zu kurz, fand ihn...
    Nein, zu kurz, fand ihn einfach nur schlecht. Aber ich musste mir das ja auch nicht ansehen, wer weiß.

  7. "...als beim nächsten Mal...
    „…als beim nächsten Mal wieder einzuschalten. (Wenn Pro Sieben die zweite Folge an einem völlig anderen Wochentag zu einer völlig anderen Uhrzeit zeigt.)“
    Falls dass eine Kritik sein sollte…es ist doch absolut logisch und schlau von Prosieben es so rum zu machen, denn 1) es war mehr ein Pilot als die 1. Folge letzte Woche, 2) Ist 23h wirklich eine tolle Zeit für einen möglichen kommenden Hit, 3) Wurden VIEL mehr Menschen letzte Woche auf die Serie aufmerksam ( was die Quoten belegen) durch die Programmierung nach „The Voice“, 4) Die Serie muss entweder DIenstags oder Mittwochs laufen (die beiden Tage mit Comedy-Formaten), und da die hier keine Lachkonserven hat ist Mittwoch der logische Tag.
    Ich hätte Pro7 solch eine kluge Programierung nicht zugetraut, Respekt…

  8. @Jörg: Richtig! Zumal die...
    @Jörg: Richtig! Zumal die Folge vom Donnerstag auf dem eigentlichen Sendeplatz am Mittwoch wiederholt wird.

  9. Herr Herr Glöckler zieht um...
    Herr Herr Glöckler zieht um hab ich auch gesehen, aber nur einen Teil 🙂
    Umglaublich viel Geld der Kerl. Weiß jemand von euch wo man bei Vox den Teil ansehen kann?

Kommentare sind deaktiviert.