Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die Woche im Fernsehen: Wer hat noch nicht die Buxe voll?

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Bei Sat.1 versucht Julia Leischik hoffnungslose Verbrechen aufzuklären; Itunes zeigt einen Mix aus Teenager-, Superhelden- und Zombieserie; das Erste erklärt mit Cartoongrafiken, warum unsere Rentensystem versagt; der WDR überrascht mit Kreuzfahrt-Kritik; und "Unser Star für Baku" startet mit einer Wegzapp-Provokation. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Die Sendungen:
Zeugen gesucht – mit Julia Leischik | Sat.1
Misfits | Itunes
Das Riester-Dilemma | Das Erste
Kreuzfahrt undercover | WDR
Unser Star für Baku | Das Erste

Die Sat.1-Einundzwanziguhrfünfzehnstimme sagt gleich, wo’s langgeht: „unter mysteriösen Umständen ermordet“, „zuhause brutal überfallen und ausgeraubt“, „nach Discobesuch grausam zu Tode geprügelt“. „Schön, dass Sie dabei sind“, sagt Julia Leischik. Gut, an der Anmoderation lässt sich noch ein bisschen feilen.

Aber sonst ist das ja eine durchweg solide Sendung geworden, dieses „Zeugen gesucht – mit Julia Leischik“. Für die ist die frühere „Vermisst“-Moderatorin zur Konkurrenz gewechselt, vielleicht weil RTL sich nicht getraut hat, nach ungefähr sechzehn gescheiterten Versuchen unterschiedlicher Initiatoren zum siebzehnten Mal ein Privatsender-Pendant von „Aktenzeichen XY“ auszuprobieren. Exakt das ist „Zeugen gesucht“ bei Sat.1 geworden (ganze Folge bei sat1.de ansehen).

Bloß dass sich Leischik auf die sanfte, mitfühlende Tour an unaufgeklärte Verbrechen heranarbeitet. Sie besucht Angehörige und Opfer zuhause, lässt sie die schrecklichsten Stunden ihres Lebens erzählen und geht dann selbst noch einmal durch Wälder, auf Spielplätze und Nebenverkehrsstraßen entlang, um in die Kamera zu sagen: „Vielleicht könnte hier jemandem etwas Ungewöhnliches aufgefallen sein.“ Also: vor sieben Jahren im Halbdunkel auf dem Schulweg in einer Kleinstadt; oder elf Jahre nach einem nächtlichen Discobesuch mit Alkoholgelage.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Wer hat noch nicht die Buxe voll?

Es sind wirklich die allerhoffnungslosesten Fälle, die Sat.1 da von der Polizei zur Verfügung gestellt bekommen hat, um einen letzten Zeugenaufruf zu starten. Und als doch mal was aus dem vorvergangenen Jahr dabei ist, wo tatsächlich Aufklärungshoffnung bestünde, bricht auch bei „Zeugen gesucht“ die Ulrichmeyerhaftigkeit durch: „Jeden Tag könnten die Verbrecher erneut zuschlagen! Denn bis heute sind sie auf freiem Fuß.“ Leischik macht ihren Job schon ganz gut, vor allem weniger roboterhaft als viele ihrer Kollegen. Was genau sie aber als Herausforderung daran gesehen hat, eine Sendung zu machen, die es anderswo schon seit Jahrzehnten gibt, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Wobei man eins gerne noch wüsste: Wie fühlt sich das an, die beiden Frauen, die gerade unter Tränen ihr Trauma nach dem Raubüberfall im eigenen Haus dargelegt haben, zu fragen, ob das wohl in Ordnung ginge, wenn die vom Team mitgebrachten, original nachmaskierten Typen das Verbrechen gleich an Ort und Stelle kurz nachspielen würden? Im Fernsehen soll’s später ja schließlich nach was aussehen.

Ohne groß zu fackeln geht es bei „Misfits“ gleich in die Vollen. Keine fünf Minuten bleiben Zeit, um sich einen ersten Eindruck von dem Haufen undisziplinierter Jugendlicher zu machen, die zur Sozialstrafarbeit eingeteilt sind – bis es plötzlich riesige Eisblöcke vom Himmel regnet, die Truppe vom Blitz getroffen wird und fortan über Superkräfte verfügt: Gedankenlesen, Unsichtbarsein, Zeitanhalten. Was sich prompt als ganz praktisch herausstellt, um den durchgeknallten Sozialarbeiter mit der Axt zu überleben.

Es ist schon eine clevere Idee, eine Teenagerserie mit den Stilmitteln des Zombiefilms zu erzählen. Und zugleich die hundertprozentige Garantie dafür, niemals im deutschen Free TV gezeigt zu werden. Nun hat sich Itunes die britische Serie geschnappt, die bei Channel 4 bereits in der dritten Staffel lief.

Wem schon von der Wackelkamera bei „Berlin Tag & Nacht“ schwindelig wird, wer früher in der „Schwarzwaldklinik“ kein Blut sehen konnte und „The Walking Dead“ für eine Serie über einen spazierengehenden Familienvater hält, der macht besser einen großen Bogen um diesen verhältnismäßig früh aussplatternden Serienauftakt mit Richard-Ashcroft-Soundtrack. Alle anderen können sich die erste Folge kostenlos herunterladen, müssten spätestens ab der zweiten stolze 2,49 Euro berappen – der übliche Itunes-Wucher halt.

Wollten Sie auch schon immer mal in 45 Minuten die Problematik unseres Rentenversicherungssystems erklärt bekommen? Nicht? Doch, doch. Wer die ersten paar Minuten der ARD-Dokumentation „Das Riester-Dilemma“ gesehen hat, weiß nämlich sofort, dass die tatsächlich dafür gemacht wurde, verstanden zu werden (in der Das-Erste-Mediathek ansehen).

Die Autoren Ingo Blank und Dietrich Krauß haben Interviews mit Riestersparern geführt, die exakt so vorsorgen, wie es ihnen die damalige Regierung unter Gerhard Schröder nahe gelegt hatte. Und die wahrscheinlich trotzdem nicht viel davon haben. Warum das so ist, wird mit vielen Schaubildern und Rechenmodellen erklärt, die alle so originell animiert sind, dass man nachher vor lauter Kopfschütteln einen steifen Nacken hat, sich dafür aber hervorragend mit den Tricks der Versicherungswirtschaft und dem kalkulierten Versagen der Politik auskennt. Das Rentenniveau sinkt in der Grafik über die Jahre mit einem lauten Pfeifen, Horden von Rentnern fressen Geldscheine aus den Sicherungssystemen und die Politik baut einen arg schiefen Mehrsäulentempel gegen Altersarmut.

Was Verständlichkeit und die Nachvollziehbarkeit komplizierter Sachverhalte angeht, ist „Das Riester-Dilemma“ geradezu beispielhaft für kritische Reportagen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Da kann sich so mancher Erklärraum auf jeden Fall noch was abschneiden.

150 Euro für die Uniformen, 1000 Euro für Trainingskurse, 250 Euro Provision bei Vertragsabschluss: fast anderthalb Tausender hat die Journalistin mit der Knopflochkamera ihrem neuen Arbeitgeber schon überwiesen bevor sie an Bord des Schiffs geht, um dort unerkannt als Kellnerin zu arbeiten, während ihre Kollegen als ganz normale Urlauber für eine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer eingecheckt haben und an Bord mit der Homevideokamera filmen. „Was sich unter Deck der Luxusdampfer abspielt, zeigt dieser Film“, lautet das Versprechen am Anfang. Und es wird eingehalten.

Mehrere Wochen war das Team unterwegs, um die miserablen Arbeitsbedingungen für die Angestellten zu dokumentieren, die sogar das an Bord verbrauchte Trinkwasser in Rechnung gestellt bekommen, nie länger als anderthalb Tage krankgeschrieben werden können, bei der Abreise ihre Pässe abgenommen kriegen, zu zweit monatelang auf 6 Quadratmetern ohne Tageslicht hausen müssen, und sich heimlich was dazu verdienen, indem sie nach Schichtende die Kabinen von Kollegen reinigen.

Mittenrein in die heile Welt öffentlich-rechtlicher Kreuzfahrtpropaganda platzt diese Reportage mit dem etwas doofen deutschen Titel „Kreuzfahrt undercover“, die diese Woche in der WDR-Reihe „Weltweit“ gezeigt wurde (bei wdr.de ansehen). Dass sie von einer französischen Reporterin mit eigener Mini-Produktionsfirma stammt, und nicht von öffentlich-rechtlichen Journalisten, die den Rückhalt eines großen Senders gehabt hätten, ist wahrscheinlich kein Zufall. Weil das Schiffsideal mit seinen Traumzielen und Sonnenuntergängen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seit Jahren mit freundlicher Unterstützung der Industrie pflegt, sowas niemals zuließe.

Wie gut, dass wenigstens ein Sendeplatz für dieses wirklich journalistische Einzelstück herausgesprungen ist, das Pflichtstoff in jedem NDR-Volontariat sein sollte.

Und was hat sich „Unser Star für Baku“ einfallen lassen, um im allgemeinen Castingshowregen, der momentan auf die deutschen Fernsehzuschauer niederprasselt, die Einschalter augenblicklich davon zu überzeugen, trotzdem dranzubleiben? Genau: eine fünfzehnminütige Anmoderation zur Erklärung des Showprinzips samt Rückblick auf die beiden vergangenen Jahre, eine Vorstellungsrunde der Kandidaten wie im Pfadfinderlager, einen ersten Schnelldurchlauf der Voting-Nummern mit SMS-Kennziffern, die nochmalige Erklärung des Anrufprinzips, die Errechnung der Auftrittsreihenfolge, ein paar warme Worte vom Jurypräsidenten und eine Gewinnspielankündigung. Nach sagenhaften 28 Minuten war die Wegzapp-Provokation beendet – und es konnte endlich gesungen werden (Videos bei unser-star-fuer-baku.tv ansehen).

Oder wie’s Neu-Moderatorin Sandra Rieß formuliert hat: „Wir legen ganz ohne Vorgeplänkel mit den Live-Auftritten los.“

Zum Ende der Show hat Stefan Raabs Abstimmungsmodus glücklicherweise alles wieder rausgerissen. Weil es tatsächlich ganz spannend war, ständig auf dem Bildschirm eingeblendet zu haben, welcher Kandidat wie viele Zuschauerstimmen für sich beanspruchen konnte. Wobei das System auch noch gefährlich werden kann – weil aufgrund einer falschen Jury-Aufforderung auch ein Favorit blitzschnell rausfliegen kann, wenn alle so nah beieinander liegen wie bei der Premierensendung. Oder weil der Vorsprung, wenn nur noch ein paar Sänger übrig sind, bei einem so uneinholbar eindeutig sein könnte, dass man getrost wegschalten kann.

Bis dahin wäre es ein Akt der Rücksichtnahme, wenn das Moderatorenduo nicht ständig das „revolutionierte Zuschauervoting“, den „permanenten Live-Zwischenstand“, das „spannendste Zuschauervoting aller Zeiten“, die „vollständige Transparenz“, überhaupt das ganze „Uiuiui“ herbei hyperventilieren würde.

Dazu gibt es bitteschön ein Generalverbot der Hochfrequenzfrage, wer von den Kandidaten vor seinem Auftritt schon „die Buxe voll“ hat. Weil das doch lieber alle privat mit ihrem Proktologen besprechen sollten.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: Sat.1, Das Erste, WDR, Channel 4/BBC Worldwide/Itunes

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9 Lesermeinungen

  1. von der "vollen Buxe" hatte...
    von der „vollen Buxe“ hatte die Rieß schon in der Pressekonferenz und am Vorabend der Show bei TV Total schon gesprochen. Da hat sie sich aber festgebissen ab dieser vermeintlich lockeren Redewendung. Sie ist eben eine ganz Junge, Freche, Frische, die auch gerne zugibt, selbst die Buxen voll zu haben..

  2. Bezgl. Misfits:
    Die erste...

    Bezgl. Misfits:
    Die erste Folge ist in der Tat ziemlich splattermäßig geraten, im weiteren Verlauf ändert sich das aber. Die Beziehungen und Probleme der Protagonisten rücken in den Vordergrund, teilweise entwickeln sich wirklich abstruse und witzige Situationen, etc. Auch werden andere Filmgenres (Science Fiction, Kriegsfilm, etc.) in ihren Stilmitteln und Stories aufgegriffen.
    Kurz und gut: Grandios erzählte Serie, nicht von der ersten Folge abschrecken lassen!

  3. Hm, von mir will iTunes auch...
    Hm, von mir will iTunes auch für die erste Folge von Misfits Geld sehen. War das zeitlich begrenzt oder hab ich irgendwas übersehen?

  4. @Wolf: Ich fürchte, das war...
    @Wolf: Ich fürchte, das war dann leider begrenzt.

  5. Das mit dem Kapitän fand ich...
    Das mit dem Kapitän fand ich sehr erschreckend. Wieviele Tote waren es jetzt eigentlich?

  6. Danke für den...
    Danke für den „Riester-Dilemma“-Tipp. Ich wollte es mir gerade wirklich gerne angucken, in der Hoffnung, komplizierte Sachverhalte tatsächlich mal zu verstehen. Nach fünf Minuten hab ich leider zuviel Angst bekommen (wie immer beim Thema Rente) und getreu dem Motto „Wenn ich von dem Problem nix weiß existiert es hoffentlich auch nicht!“ aufgehört zu gucken…
    Ansonsten: Toller Blog. Lese ich sehr gerne. Wollte ich immer schon mal sagen.
    Lieben Gruss

  7. Beim WDR ist "Kreuzfahrt...
    Beim WDR ist „Kreuzfahrt Undercover“ leider nicht mehr hinterlegt, in der ARD-Mediathek ebenfalls nicht (zumindest habe ich es nicht gefunden) – dafür bei youtube:
    Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=urx6j57CsjU
    Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=O4hRCZefaEs
    Ansonsten kann ich mich Svenja nur anschließen.

  8. Das freut mich, danke.
    Und das...

    Das freut mich, danke.
    Und das mit den Videolinks ist leider immer ein Problem, weil vieles nach kurzer Zeit wieder aus den Mediatheken fliegt oder kostenpflichtig wird.

  9. Jetzt, einen Monat, nachdem...
    Jetzt, einen Monat, nachdem Sie diesen Beitrag geschrieben haben, ist klar, dass ihn die Macher von „Ein Star für Baku“ nicht gelesen haben. Gelobhudelt, übertrieben und sichaufdieschultergeklopft wird bis zum Abwinken und selbst noch bei der gejaultesten Katzenmusik stellt sich das unter Castingshow-Juroren grassierende „Gänsehaut-Feeling“ ein.

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