Das Fernsehblog

Das Fernsehblog

Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die Woche im Fernsehen: Sind Sie hier der Chef?

| 10 Lesermeinungen

Anlässlich seiner Rückkehr zu Sat.1 treibt sich Ingo Lenßen an einem der unwirtlichsten Plätze der Erde herum: dem Essener Hauptbahnhof; Jan Böhmermann grantelt seine Co-Moderatorin an den Talkrand; 3sat zeigt Strahlenmesser in der Region um Fukushima; und Vox spielt "Herzblatt" mit Bus. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Lenßen | Sat.1
Roche & Böhmermann | ZDFkultur
Japan – Die Karte der Gefahren | 3sat
Ein Bus voller Bräute | Vox

John McClane hat sich im Dienste der Terroristenabwehr durch den Moloch von Los Angeles, Washington und New York gekämpft. Indiana Jones ist durch den peruanischen Dschungel gestapft, hat die ägyptische Wüste überlebt und ist unbeschadet aus Nazi-Deutschland zurückgekehrt. Aber das alles ist nichts gegen die Strapazen des Orts, an dem Ingo Lenßen seinen ersten neuen Fall lösen musste.

Den Essener Hauptbahnhof!

Mit besorgtem Zwirbelbart steht er zwischen all den Menschen, die sich mit ihren Koffern und Dönern in die haltenden Züge drängeln, was für ein Elend!, und analysiert messerscharf: „Hier zählt jede Sekunde! Jeder Hinweis ist wichtig! Diese Bahnhöfe sind völlig unübersichtlich! Da kann alles passieren!“

Diese Bahnhöfe. Tja. Niemand hat gesagt, dass es leicht werden würde, als Sat.1 anrief und meinte: Hast du Bock, wieder den Ermittler zu machen, uns gehen sonst nämlich bald die „K11“-Wiederholungen aus?

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Sind Sie hier der Chef?

Ein erfahrener Typ wie Lenßen, sozusagen der Jack Bauer der deutschen Scripted Krimi-Reality, zögert da natürlich nicht lange. Prompt hat er die erste Kindesentführung an der Backe: Die kleine Soundso ist aus dem Bahnhofscafé verschwunden, weil das Kindermädchen sie alleine ließ, um sich mit ihrem Freund zu treffen, was der Schwager des gerade aus der Haft entlassenen marokkanischen Ex-Manns der Mutter ausnutzte, um das Kind mitzunehmen, weil es ihm seine Frau (also die Schwester des Ex-Manns) so befahl, um damit ihre Schwägerin als sorgerechtsunwürdig zu blamieren. Eine Geschichte aus dem Leben halt (ganze Folge bei sat1.de ansehen).

Neu an „Lenßen“ – wie die Reihe inzwischen heißt – ist, dass die „& Partner“ aus dem Titel gestrichen wurden und die Kanzlei des designierten Sat.1-Vorabendretters nun in „Essen-Stadtmitte“ liegt. Die Geschichten sind aber weiter so stumpf wie früher. Überraschende Wendungen schreiben erst eine Postkarte, bevor sie endlich passieren, und die Auflösung des jeweiligen Falls ist entweder von vornherein glasklar oder absurd unrealistisch.

Das macht das Zusehen zu einem unverzichtbaren Spaß, weil sich während des Gemüseschnippelns fürs Abendessen so schön mitraten lässt, welchen Standardkniff sich die Autoren wohl als nächstes ausgedacht haben, um die knapp 30 Minuten vollzukriegen.

Im echten Leben möchte man Lenßen freilich eher nicht als Helfer in der Not an der Seite haben. Denn seine Ermittlungen laufen dann doch oft eher schleppend an. Im Bahnhofscafé, aus dem das Kind verschwand, entdeckt Lenßen eine Überwachungskamera und spricht den Filialleiter an:

Lenßen: „Da ist ja ’ne Überwachungskamera! Entschuldigen Sie? Sind Sie hier der Chef?“
Filialleiter: „Das ist richtig, ja.“
Lenßen: „Ist das eine Überwachungskamera?“
Fillialleiter: „Ja, das ist unsere Überwachungskamera.“

Mit einem sanften Fade-Out könnte man sich als Zuschauer an dieser Stelle getrost in einen angenehmes Sekundenschläfchen retten.

Auch wieder da: Charlotte Roche. Obwohl man in der ersten Ausgabe ihres neuen Doppel-Talks „Roche & Böhmermann“ auf ZDFkultur gar nicht so viel von ihr gesehen und gehört hat. Das könnte daran gelegen haben, dass der Kollege gegenüber so arg mit Harald-Schmidt-Eröffnungsmonologen aufgeputscht war, dass er all die fiesen Spitzen, die ihm während der Sendung einfielen, am liebsten mit einem Mal herausgefeuerwerkt hätte (in der ZDF-Mediathek ansehen).

Zum Schluss traf es dann die Sat.1-Talkerin und “ Schwer verliebt“-Ansagerin Britt Hagedorn, die – wie sich herausstellte – eingeladen wurde, um sich für den Unfug schlachten zu lassen, mit dem sie ihr Geld verdient. In den paar Sekunden nach dem Abspann meinte Roche zu Böhmermann: „Ich wusste gar nicht, dass du die so hart rannimmst.“ Dabei hatte der doch bloß gesagt, dass Hagedorn ihm zuviel reinquatscht (was völlig korrekt war, Hagedorn tat die ganze Sendung über so als sei es ihre), dass sie ihre Talks mit Assis vollstopft (auch richtig) und Leute vorführt, die nicht peilen, dass das Fernsehen sie bloß als Schießbudenfuguren benutzt (stimmt).

Daily Britt ist nichts Besseres eingefallen, als die Empörte zu spielen, ihre Assis zu verteidigen und sichtlich eingeschnappt rhetorische Gegenfragen zu stellen: „Das ist deine Interpretation!“, „Woher willst du das wissen?“, „Willst du reden? Willst du dich unterhalten?“

In seiner ganzen Hilflosigkeit war das eine der erbärmlichsten Verteidigungsversuche für das Bloßstellungsfernsehen, wie es derzeit bei den Privatsendern modern ist. Und wenn Böhmermann es geschafft hätte, für die paar Minuten seine Brecheisenironie abzuschalten, wäre es für Hagedorn noch fataler gewesen.

Der Rest im Schnelldurchlauf: Das dunkle Studio ist toll, die Einspielfilme zu den Gästen sind vollgepackt mit Gags (von denen manche sogar zünden), die Atmosphäre im Studio stimmt und die vorher zurechtgelegte Provokation, die Sendung zurückzuspulen, wenn ein Gespräch in die falsche Richtung läuft, war exakt ein Mal lustig. Alles in allem ist „Roche & Böhmermann“ also ziemlich großartig.

Drei Tage nach dem Tsunami und den ersten Störfallen im Atomkraftwerk Fukushima hat sich der Strahlenexperte Shinzo Kimura mit seinem Team ins Auto gesetzt und ist dorthin gefahren, wo alle anderen wegwollten. Um auf eigene Faust die Kontaminierung in der Region zu messen, was ihm offiziell nicht erlaubt war.

Er hat die Belastung der Luft untersucht, Bodenproben genommen und nachher alles im Labor analysieren lassen. Noch schockierender als die gesprengten Grenzwerte sind allerdings die Bilder, die er auf seiner Fahrt gemacht hat. Tagelang ist das Team über Straßen gefahren, auf denen ihm immer nur Autos entgegen kamen, und durch verlassene Orte, in denen die Menschen ihre Haustüren haben offen stehen lassen und geflohen sind.

Alles ist so furchtbar leer als würde Hollywood wieder einen seiner Endzeitfilme drehen. Nur dass die Kulissen diesmal echt sind.

Ein paar Menschen hat Kimura doch noch getroffen: Leute, die in der so genannten „Schutzzone“ in einem Gemeindezentrum unterkamen sind, weil sie ihre Haustiere versorgen wollen – bis ihnen der Experte erklärt, dass die Belastung hier viel höher ist als in ihrem Zuhause, von wo sie geflohen sind. Kinder, die auf Tischen und in Fluren Sportunterricht haben, weil ihr Schulhof kontaminiert ist und die abgetragene Erde nirgendwohin entsorgt werden kann, weil sie keine Deponie haben will. Und einen Bauern, der ihn auf seine Farm lässt, wo die Hühner auf Futter warten, das nicht mehr geliefert wird. Zwei Tage später sind die Tiere in ihren Käfigen verhungert.

Eigentlich ist „Japan – Die Karte der Gefahren“ bei 3sat als „Wissenschaftsdoku“ angekündigt gewesen, mit Messwertvergleichen, Windkarten und kartografierten Verseuchungsgraden. Aber wie unmittelbar Wissenschaft mit den Menschen zu tun hat, in deren Gärten der radioaktive Schnee gefallen ist, ist in diesem Ausmaß sonst nie im Fernsehen zu sehen (komplette Doku in der 3sat-Mediathek).

Vielleicht haben Sie’s schon mitbekommen: Vox tourt gerade mit 20 Großstadt-Junggesellinnen in einem Bus quer durchs Land, lässt sie an wechselnden Niedrigbesiedelungsflecken von paarungswilligen Ortsansässigen bespaßen und, wenn’s gefunkt hat, die jeweilige Dame dann gleich für den ÖPNV (örtlichen Personen-Nahverkehr) da. Moderator Jochen Schropp steht nebendran wie das einundzwanzigste Rad am Wagen, bittet die verbliebenen Kandidatinnen abwechselnd zur Gefühlssprechstunde und sagt ein paar Auf-, Ab- und Zwischenmoderationen in die Kamera. (Hat der Arme irgendwas angestellt?)

In dieser Woche ging’s mit dem „Bus voller Bräute“ nach Greetsiel, wo der Heimatverein ein ziehharmonika- und schnapsreiches Willkommen organisiert hatte, bevor die völlig überdrehten Frauen sich einem der drei ausgesuchten Alleinstehenden an den Hals werfen durften (Montagsfolge und alle anderen bei voxnow.de ansehen).

Nun ist der ganze Spaß, trotz der Teilnahme einschlägig bekannter „Schwiegertochter gesucht“-Ex-Kandidatinnen, verhältnismäßig harmlos. Ein bisschen wie „Herzblatt“ im Freien, nur auf eine ganze Woche gestreckt. Genau das ist auch das Problem: Kein Mensch will unbeholfenen Landmaschinenmechanikern fünf Tage erst beim Gruppendating und dann beim Einzelknutschen zusehen.

Immerhin profitieren die Dörfler davon, dass sich endlich einmal Fernsehen und Frauen für ihre Belange interessieren. „Prima, dass mal’n bisschen Frischfleisch reinkommt“, entfährt es einem Herrn an der Nordseeküste als der Vox-Bus angekommen ist.

Wie praktisch, wenn man fürs Liebesleben und das nächste Schlachtfest aufs selbe Vokabular zurückgreifen kann.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: Sat.1, ZDFkultur, 3sat, Vox

Das gefällt Ihnen? Das Fernsehblog gibt’s auch bei Facebook und Google+.


10 Lesermeinungen

  1. Ich habe diesen Böhmermann...
    Ich habe diesen Böhmermann komplett anders wahrgenommen. Ein fieser, linkischer und völlig unkomischer Selbstdarsteller, der einen Gast einlädt, um ihn dann billig nieder zubrüllen. Herzlichen Dank Sido für den einzig richtigen Satz an dieser Stelle zu Böhmermann: „Du bist geisteskrank!“ Das Publikum hat dankbar für diesen Kommentar applaudiert.

  2. "...und die abgetragene Erde...
    „…und die abgetragene Erde nirgendwohin entsorgt werden kann, weil sie keine Deponie haben will.“
    Wer oder was ist hier „sie“?
    Worauf bezieht sich das „sie“?

  3. Ich fands großartig...mehr...
    Ich fands großartig…mehr davon ins deutsche Fernsehen…

  4. Lenßen und ähnliches ist...
    Lenßen und ähnliches ist natürlich nur für die Leute ein unverzichtbarer, äh, „Spass“, die von dieser unfassbar schlechten Schauspielerei nicht Zahnfleischbluten, Haarausfall und Weinkrämpfe kriegen. Das ist doch nichtmal mehr Trash, das ist einfach nur unerträglicher Schrott.

  5. Wollte mir gerade Roche und...
    Wollte mir gerade Roche und Böhmermann in der Mediathek ansehen, musste aber aus Tinnitusgründen bei der Präsentation des „Selbstzensierungsbuttons“ abschalten. Mir wäre sonst der Schädel geplatzt. Schade eigentlich.
    Meine Empfehlung zum Tsunami in Japan – „Die Helden von Taro“: https://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=9740524

  6. @nurmalsozwischendurch
    Danke,...

    @nurmalsozwischendurch
    Danke, mir ging es genauso. Von „schlachten“ kann bei Britt eh keine Rede sein. Die Frau ist Medienprofi und die Vorwürfe von Böhmermann für sie nichts Neues. Böhmermann war leider einfach nur kindisch und schlecht vorbereitet. Denn seine Vorwürfe hätte er locker mit konkreten Beispielen untermauern können, statt ihr einfach nur immer wieder das Wort abzuschneiden und schließlich gespielt, aber infantil anzubrüllen.

  7. Wir haben gar kein...
    Wir haben gar kein Bahnhofscafé in Essen. 🙂
    Das „Drehbuch“ ist noch schlechter, wenn man die Örtlichkeiten kennt und überlegt, dort ein Kind „zu parken“ – noch größerer Mumpitz, als Lenßen eh‘ schon ist.

  8. @Uli G.: Es handelte sich...
    @Uli G.: Es handelte sich glaube ich um die örtliche Le-Crobag-Filiale.

  9. Ich habe mir die Talkshow mit...
    Ich habe mir die Talkshow mit Roche und Böhmermann komplett angeschaut und ich muss sagen…ich fand sie klasse, die Einspielfilme machen süchtig (übrigens ne wahnsinnig tolle Stimme, auch wenn die nicht zum Äusseren passt :-)) und ich habe selten eine Talkshow gesehen, die irgendwie so locker und ohne starres Abgehandele von Themen gelaufen ist und einfach gute Laune gemacht hat. Auch kann ich nicht zustimmen, dass Böhmermann so schlimm war, aber vlt hab ich auch eine andere Sichtweise …
    Ich werde mir auch die nächsten Folgen anschauen, schade, dass die Zugriffe auf die Mediathek nicht für die Quote zählen

  10. Na, R&B ist doch wirklich mal...
    Na, R&B ist doch wirklich mal was anderes. Die Gäste sprechen offener und ungezwungener als in manch‘ anderer Show. Und die Improvisationen, zugegeben oft durch mangelnde Vorbereitung, machen die Moderatoren noch symphatischer. Das Risiko aber auch der Reiz dabei ist, dass die Sendung in eine falsche, nicht geplante Richtung verläuft.

Kommentare sind deaktiviert.