Das Fernsehblog

Die Woche im Fernsehen: Das ist ja zum Köpfeabhacken

Echo 2012 | Das Erste
München 72 – Das Attentat | ZDF
Eins gegen Eins | Sat.1
Schlachtfeld Politik | Das Erste
Game of Thrones | RTL 2

Preisverleihungen sind wie Fernsehzeitschriften: Im Großen und Ganzen weiß man, was man kriegt, aber ohne Mantelteil sind beide ein bisschen öde. Insofern ist es ein positives Zeichen, wenn die ARD sich entschließt, den Musikpreis der deutschen Plattenindustrie (sagt man das noch: Plattenindustrie?) von Barbara Schöneberger und Ina Müller ummanteln zu lassen. Die Damen haben immerhin ein untrügliches Gespür für unverkrampfte Fernsehunterhaltung und quasseln spontan drauflos ohne irgendwelche Regeln zu benötigen.

Mit anderen Worten: Die Moderation des „Echo“ muss für Schöneberger und Müller die größte Herausforderung ihrer Karriere gewesen sein – eine Veranstaltung, die einem strikten Ablauf folgt, bei der jede „Überraschung“ vorausgeplant ist und die das Vortragen des geschriebenen Witzes zur moderativen Königsklasse erklärt!

(Jetzt ahnen Sie vielleicht, warum das früher bei RTL immer Oliver Geißen gemacht hat.)

Der schönste Moment der gefühlt zwölfstündigen Show (in der Das-Erste-Mediathek ansehen) war dann aber doch der, als Müller von Schöneberger mit einem Echo überrascht wurde, den sie als „Medienpartner des Jahres“ bekam (fragen Sie nicht…), Schöneberger das Ding aber nicht aus der mitgeschleppten Handtasche herausgefitzelt kriegte, was wenigstens für ein paar Momente ungeplante Heiterkeit produzierte.

Was könnte das für eine lustige Veranstaltung sein, wenn man den Moderatorinnen einfach befehlen würde: Macht halt mal! Und natürlich wenn man die störenden Preisverleihungen wegließe.

Was für ein Pech! Da ist dem ZDF sein Krisenstreifen „München 72 – Das Attentat“ kurz vor der Ausstrahlung in den Topf mit den Siebzigerjahrefarben gefallen – und als er wieder rauskam, sah er ganz komisch aus: krisenstabsgrün, olympiadorfhellbau, terroristenorange. Macht nix, die Story war noch zu erkennen. Palästinensische Terroristen nehmen bei den Olympischen Spielen in München die israelische Mannschaft in Geiselhaft; eine junge Polizistin meldet sich spontan als Vermittlerin; die Frau eines Sportlers erkennt zuhause vor dem Fernseher ihren Mann; und der völlig überforderte Krisenstab trifft eine falsche Entscheidung nach der nächsten, bis die Katastrophe ihren bekannten Lauf nimmt.

Abgesehen von ein paar schlecht sitzenden Perücken und den irritierend slapstickhaft inszenierten Fehlleistungen der Polizei war der Film völlig in Ordnung (in der ZDF-Mediathek ansehen). Bloß: Was war noch mal der Grund, den jetzt zu drehen?

Man muss diese Sekunden gesehen haben, als der Vater, dessen Sohn von Jugendlichen überfallen und totgeprügelt wurde, im Publikum aufsteht, weil er es nicht mehr erträgt, dass vorne auf der Bühne der Kriminologe von Gesetzesverschärfungen abrät. Mit einem lauten Rumms prallen Emotionen und Argumente aufeinander, die Situation droht außer Kontrolle zu geraten – und Claus Strunz steht da, hat statt eines Ausdrucks ein großes Ü im Gesicht stehen, Ü für Überforderung, und weiß nicht, was er tun soll.

„Eins gegen Eins“ heißt die Sendung, in der so was möglich ist (ganze Folge bei sat1.de ansehen). Schon der Titel ist Quatsch, weil jedes Mal zwei gegen zwei eingeladen sind, um miteinander zu streiten. Aber wenn sich Sat.1 schon einen Talk leistet, der eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Gesellschaftsthemen simuliert, wäre es enorm von Vorteil, in der Mitte einen Typen stehen zu haben, der die Klappe aufkriegt, wenn ihm gerade die Sendung um die Ohren fliegt.

Filmemacher Stephan Lamby hat Politiker gefragt, wie sich das anfühlt: Machtkämpfe zu verlieren. Und die Gefragten haben nicht nur erzählt, wie fatal es ist, von den eigenen Parteifreunden geschlachtet zu werden, sondern auch, dass dieses Opfern und Geopfertwerden ein ganz alltäglicher Vorgang ist.

Man mag sie sich gar nicht alle bis ins letzte Detail ausmalen, die angedeuteten Intrigen und Manipulationen, mit denen große Karrieren entweder wahr oder jäh beendet werden. Es kommt auch keiner der aktiven Politiker aus Lambys „Schlachtfeld Politik“ ohne sanfte Umschreibung der harten Realität aus – mit den meisten, die einem einst in den Rücken fielen, arbeitet man ja heute noch zusammen (ganze Doku in der Das-Erste-Mediathek ansehen).

Besonders engagiert erzählt Grünen-Politikerin Andrea Fischer, nämlich von ihrem Ende als Gesundheitsministerin nach der BSE-Krise vor zehn Jahren. „Das hat mir ein grundlegendes Selbstbewusstsein genommen“, sagt sie über die Tage, in denen sie von den eigenen Leuten in den Rücktritt gedrängelt wurde, die Depression danach, die Medikamente und die Therapie. Und irgendwie hat man das Gefühl, dass sie sich trotzdem freut: darüber nämlich, dass endlich mal einer gefragt hat.

Merken Sie sich bitte die schöne Jugendschutz-Faustregel: Abgehackte Männerköpfe gehen in Ordnung, zum Leben erwachte Kinderleichen nicht. Noch bevor nach ein paar Minuten Exposition der Vorspann lief, hatte RTL 2 bei „Game of Thrones“ bereits diverse Szenen rausgeschnitten. Weil sonst wahrscheinlich der Jugendschutz vorbeigekommen wäre, ebenfalls zum Köpfeabhacken. Es ist ja prima, dass die düstere HBO-Fantaysasaga überhaupt im deutschen Fernsehen läuft, auch noch ohne größere Verzögerung (und leider nicht bei rtl2now.de). Aber selbst wenn zum Auftakte die Quote stimmte, ist die Programmierung von RTL 2 eine ziemliche Zumutung. 

Drei Folgen am Freitag zu zeigen, vier am Samstag, und noch mal drei am Samstag kann man natürlich „Event“ nennen – oder eben: enorme Angst, bei einer wöchentlichen Ausstrahlung das Publikum nicht halten zu können.

Tatsächlich wäre die Wahrscheinlichkeit nicht gerade gering gewesen, dass „Game of Thrones“ – wie zuvor bereits „Dexter“ und „Californication“ – im regulären RTL-2-Programm absäuft. Weil in einem Programmumfeld, das vornehmlich aus günstig produzierten Schlichtheiten besteht, kaum ein Zuschauer nach außergewöhnlichen Serien sucht.

Es sei denn, der ganze Abend ist damit vollgeknallt – Szenenkastration hin oder her.

Wenn jetzt auch die ARD diese Taktik für sich entdeckt, ist „Gottschalk live“ ja bald gerettet.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: Das Erste, ZDF, RTL 2

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