Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Von Millionenmelonen zum Extremsportrekord: "heute" und die Kuriositäten-Nachklapps

| 13 Lesermeinungen

Man darf das wahrscheinlich nicht so eng sehen: die Königshaus-News, die Beiträge über Rekordauktionen und die Überleitungen aus der Wortspielhölle, mit denen das ZDF regelmäßig seine "heute"-Sendung beschließt. Aber in konzentrierter Form haben die seichten Rausschmeißer zwischen Sport und Wetter dann doch einen erheblichen Gruselfaktor.

Am vergangenen Freitag zeigte die verantwortliche Nachrichtenredakteurin Ursula Thiele den Zuschauern von „heute plus“, wie im ZDF mediengeforscht wird. Als Beispiel hatte sie den Quotenverlauf einer „heute“-Sendung mitgebracht, um die Tendenzen zu erklären: Am Anfang steigere sich die Zuschauerzahl langsam, bis um 19.05 Uhr, wenn „RTL aktuell“ zu Ende sei, ein ganzer Schwung dazu käme.

„Spannend ist auch, dass wir um 19 Uhr mal schauen können, was macht ‚RTL aktuell‘, also: was setzen die sozusagen gegen den Beginn unserer Sendung“, erläuterte Thiele weiter und demonstrierte, wie praktisch man mit einem Klick auf die jeweilige Zeit ein Video aufrufen kann, was in dieser Sekunde bei der Konkurrenz lief.

„Am Dienstag hatte ‚RTL aktuell‘ den kenternden niedersächsischen Ministerpräsidenten im Drachenboot. Also, die sind dann weg von der Politik und versuchen die Leute mit emotionaleren, ich sag mal: leichteren Themen zu ködern.“

Bild zu: Von Millionenmelonen zum Extremsportrekord: "heute" und die Kuriositäten-Nachklapps

* * *

Und damit zu einem ganz anderen Thema: Gemüse. „Knapp 10.000 Euro für zwei Melonen – kaum zu glauben, aber so viel hat ein Bieter auf einem Großmarkt in Japan bezahlt“, informierte Petra Gerster die Zuschauer der „heute“-Sendung am selben Tag, bevor sie sich zu „heute plus“ setzte. Es habe sich natürlich nicht um irgendwelche Kürbisse Kürbisgewächse gehandelt, sondern um Exemplare, die nur auf der Insel Hokkaido wachsen. „Sie sollen besonders süß und saftig und jeden Euro Wert sein. Und es geht ja noch teurer.“ Vor ein paar Jahren hätten solche Melonen nämlich fast 25.000 Euro gebracht. „Tja, die Leute müssen Geld haben“, kommentierte Gerster am Ende. Und vielleicht war es Einbildung – aber sie sah dabei so aus als sei es ihr ein kleines ein bisschen peinlich gewesen, was sie da gerade erzählt hat.

Aber da kann man nichts machen: Es wird eben nicht jeden Tag eine schwedische Prinzessin getauft („heute“ vom 22. Mai).

Manchmal muss man als Nachrichtenredakteur auch mit der britischen Queen Vorlieb nehmen, die das Parlament eröffnet und die von der Regierung geschriebene Thronrede vorliest („heute“ vom 9. Mai). Gerster, ganz keck: „Was die Königin dazu denkt, das behält sie für sich. Nur die Lottozahlen vom Mittwoch, die behalten wir natürlich nicht für uns“. Außerdem zelebriert die Queen ja gerade ihr 60. Thronjubiläum („heute“ vom 14. Mai), was Matthias Fornoff ins Schwärmen bringt: „Berittene Polizei aus Kanada, Cowboys aus den USA, die Reitschule des Kreml – niemand wollte fehlen bei dieser eindrucksvollen Feier.“ Weil das natürlich länger dauert, muss auch das ZDF immer wieder berichten: „ein imposantes Treffen in London (…)“, „eine Parade, die mal wieder zeigte (…)“ usw. („heute“ vom 19. Mai). Vorsicht: „Wem das schon zu protzig war, der sei gewarnt: Die richtigen Feierlichkeiten kommen erst noch.“ Für regelmäßige „heute“-Zuschauer dürfte das schwer zu verpassen sein.

Es gibt natürlich Tage, da kommt man in Mainz sogar ganz ohne Königshausrausschmeißer aus. Zum Beispiel, wenn ein Surfer einen Weltrekord mit einem besonders hohen Wellenritt aufstellt und Gerster sagt: „Beängstigend“ („heute“ vom 12. Mai). Ist ja eigentlich auch egal, wer da wieder mit was für einer Seltsamkeit sein Leben riskiert, um ins Guinness-Buch und die öffentlich-rechtlichen Hauptnachrichten zu kommen, Hauptsache Matthias Fornoff kann sagen: „Und wir haben noch einen eindrucksvollen Weltrekord zu melden“ („heute“ vom 3. Mai – die „Schrei“-Versteigerung „zum wahren Hammerpreis“). Manchmal auch an zwei Tagen nacheinander. Fornoff: „Das ist kaum zu toppen, aber wir können’s mal versuchen mit einem Extremsportrekordversuch“ („heute“ vom 2. Mai – Rheindurchschwimmung). Im Notfall reicht’s auch, wenn eine querschnittgelähmte Engländerin im Roboteranzug Marathon läuft („heute“ vom 8. Mai), weil Gerster dann ankündigt: „Und wir haben noch eine sportliche Extremleistung für Sie.“

Natürlich gibt’s auch Pech. An manchen Tagen wird niemand getauft, nichts gefeiert – aber wenigstens bald was eröffnet („heute“ vom 7. Mai): in 32 Tagen nämlich die EM! Wenn das mal kein Grund ist, darüber zu berichten, dass es wieder haufenweise Fanartikel geben wird: „Echte Kerle können neuerdings sogar Stulpen überziehen. Obligatorisch für die Bühne: Farben in den Nationalfarben.“

Dagegen ist so eine partielle Sonnenfinsternis natürlich ein Glücksfall („heute“ vom 21. Mai); genau wie die Touristen, die wegen eines ausgefallenen Aufzugs aus einer spanischen Sehenswürdigkeit gekrant werden müssen: „Zum Schluss zeigen wir Ihnen noch, wie aufregend ein Urlaubstag in Barcelona sein kann“ („heute“ vom 1. Mai). Oder, natürlich, wenn die niedersächsische Landesregierung baden geht („heute“ vom 15. Mai), wie Gerster mit einem Schmunzeln kommentierte: „Ein lustiger Ausflug mit Drachenboot ‚Struppi‘ endete im 12 Grad kalten Zwischenahner Meer. Die DLRG zog die Politiker unverletzt raus. Klitschnass nahm’s Landesvater McAllister gelassen. Der Untergang sei kein politisches Symbol für die Zukunft von Schwarz-Gelb.“

Man darf das wahrscheinlich alles nicht so eng sehen: die Extremsportrekordversuchberichte, die Melonenbeiträge und die Überleitungen aus der Wortspielhölle – immerhin beschränken sich diese emotionaleren, ich sag mal: leichteren Köder Themen zwischen Sport und Wetter auf eines pro Sendung.

(Und der „Tagesspiegel“ hat gerade noch ganz andere Defizite herausgearbeitet, um die man sich bei „heute“ erst mal kümmern müsste; ganz zu schweigen vom Fernsehblog im vergangenen November.)

Aber es wäre dann schon mal interessant zu wissen, wie lange die Mainzer Redakteure in ihrer Medienforschung auf die rote Quotenkurve von „RTL aktuell“ weit über der eigenen starren mussten, um sich einzubilden, dass diese überflüssig bis peinlichen Kuriositäten-Nachklapps tatsächlich mehr Zuschauer zufrieden machen als völlig irritiert zurücklassen.

* * *

Einen hätte ich noch – bzw. um’s mit Petra Gerster zu sagen („heute“ vom 17. Mai): „Wir haben noch etwas ganz Anderes für Sie. Erinnern Sie sich noch an die alten Schallplatten? Der Sänger einen kroatischen Punkband erweckt sie nun zu neuem Leben“, und zwar, indem er Schokolade in Vinylpressen gießt. „Und wenn sie musikalisch nicht den richtigen Geschmack treffen, kann man sie immerhin aufessen.“ So ein Spaß.

Zum Wetter.

Screenshot: ZDF

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13 Lesermeinungen

  1. JP sagt:

    Ich halte es für eine kühne...
    Ich halte es für eine kühne Interpretation, wenn man Berichte über eine Person, die 10.000 Euro für „Kürbisgewächse“ ausgibt für eine positive Meldung hält.
    Ich habe im Artikel auch nicht den Hinweis finden können, dass der Autor positive Meldungen für unwichtig hält; ich bitte hier zu differenzieren.

  2. SG sagt:

    Wenn ich "süße Hunde" oder...
    Wenn ich „süße Hunde“ oder Kürbisgewächse sehen möchte, dann schaue ich eine der zahlreichen bunten Magazinsendungen. Sollte ich mich aber dafür entscheiden eine Nachrichtensendung einzuschalten, dann gehe ich davon aus, dass ich dort wichtige Nachrichten präsentiert und gelegentlich analysiert bekomme.
    Ein hoher Preis für ein Exemplar eines Kürbisgewächses oder „süße Hunde“ – das ist keine Nachricht. Das ist Entertainment.

  3. Jakob Kr. sagt:

    <p>Seuftz. Es ist...
    Seuftz. Es ist hart.
    Rudi Carell fasste es einmal sehr schoen zusammen: „Der Nachrichtensprecher begruesst die Zuschauer mit ‚Guten Abend!‘ und erklaert dann fuenfzehn Minuten lang, warum es keiner ist“ (sinngemaesses Zitat).
    Nun hat es sich im Fernseh-Zeitfunk eingebuergert, ein augenzwinkerndes Schlusslicht zu finden. Etwas, was die Bitterkeit der vorhergehenden Zeit ein wenig auffaengt. Etwas, was dem Zuschauer das Gefuehl gibt, dass es — zwischen all dem Grauen, zwischen Folter (wahlweise auf Guantanamo oder in Syrien), E-S-irgendwas, Transplantations- Rechtsextremismus- und Bestechungsaffaehren, Banden-, Banken- und organisierter Kriminalitaet, dem alltaeglichen und immer bedeutungslosen Parteiengerappel und den unverstaendlichen aber scheinbar hochrelevanten Urteilen gesichtsloser Ratingagenturen noch ein Stueckchen Normalitaet gibt. Das es in die Nachrichten schafft.
    „Hund beisst Mann!“ ist keine Nachricht. „Mann beisst Hund!“ hingegen schon. Das lernt jeder Volontaer und es erklaert auch den Kuerbis als Nachricht.
    Natuerlich kann niemand ausserhalb der im ZDF-VR vertretenen Parteien ernstlich fordern, dass sich eine Nachrichtensendung in ihren Quoten mit den „Nachrichten“ des Privatfernsehens messen soll.
    Aber solange das Schlusslicht nicht zur „1“, „2“ oder „3“ gemacht wird, muss man sich wohl noch keine Sorgen um den Untergang des Abendlandes machen. Auch die hier schon gelobte Ernsthaftigkeit der frueheren Tagesschau-Ausgaben kannte Schlusslichter. Mir fallen spontan Zwei ein: Ein geklautes Kanonenrohr eines Fuchs-Panzers und der Mann, der in Muenchen ueber Falschparker im Wortsinne hinwegstieg. Dass man heute andere Schlusslichter hat — ich wuerde es „Zeitgeist“ nennen.
    Wir duerfen natuerlich nicht vergessen, dass dieses Blog sich im Feuilleton zuhause zu sehen scheint. Und es war schon immer edelste Aufgabe des Feuilletonisten, das Gegenwaertige schlimm, die Zukunft gar unertraeglich und nur die Vergangenheit von Hochkultur beseelt zu finden. Insofern findet sich Herr Schader in der Tradition von Plato und all jenen wieder, die schon immer wussten, dass mit der Herrschaft der Nachgeborenen der Untergang jeder Zivilisation beginnen muss. Er wird einfach nie wieder so schoen wie es vorgestern war. Denn die Zukunft kann man nicht verklaeren, bevor sie nicht Vergangenheit ist.
    Nur eine Bitte haette ich. Herr Schader, erklaeren Sie Ihren Kommentar „Für mehr Pony-Rubriken in den Nachrichten!“. Ich hoffe, dass ich sie missverstehe, wenn ich glaube, Sie wuerden hier denjenigen, der sich an einem seichten Schlusslicht erfreuen koennen in eine bestimmte „Internet-Spasskultur“ einordnen. Denn das waere zimlich daneben, zeigte es doch deutlich, dass sie auf (zugegebenermassen scharf vorgetragene) Kritik wie juengst ein ehemliger Tennissportstar reagierten: Ohne Contenance, mit Beissreflex.

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