Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Aus-checken, bitte! Die ARD und ihr nerviger "Check"-Schluckauf

| 37 Lesermeinungen

Der 10. Januar 2012 war ein fataler Tag für das deutsche Fernsehen. Am Abend lief im Ersten "Der Lidl-Check" mit über 6 Millionen Zuschauern, die bei den Programmchefs der Landessender augenblicklich alle Sicherungen durchbrennen ließen. Seitdem jagt ein "Check" den nächsten. Es ist höchste Zeit, den Overkill wieder zu stoppen.

Der 10. Januar 2012 war ein fataler Tag für das deutsche Fernsehen. Nicht, weil der Anwalt des damaligen Bundespräsidenten erklärte, die 400 Journalistenfragen zum Hauskredit seines Mandanten doch nicht veröffentlichen zu wollen; auch nicht, weil der neue Apple-Chef Tim Cook Optionen auf eine Million Aktien des Computerkonzerns erhielt oder CDU und FDP schon fleißig über die Einführung einer Finanztransaktionssteuer stritten; sondern weil im Ersten am Abend „Der Lidl-Check“ lief. In dem wurde mit ungeheurem Aufwand all das abgeprüft, was die WDR-Autoren ein paar Monate zuvor bereits bei ihrem „Aldi-Check“ herausgefunden hatten. Der große Unterschied an diesem Montag war: die Einschaltquote.

6,3 Millionen Zuschauer ab 3 Jahren hatten nach der „Tagesschau“ das Erste eingeschaltet, mehr sogar als „Wer wird Millionär?“ bei RTL. Im jungen Publikum war der „Lidl-Check“ sogar Marktführer.

Die Sendung war also ein Riesenerfolg. Und der Grund, dass bei den Programmverantwortlichen der Landessender augenblicklich die Sicherungen durchbrannten. Offensichtlich hatten sie eine Masche gefunden hatten, mit simpel gestrickten Alltagsreportagen ein riesiges Publikum vor den Fernseher zu locken! Hauptsache, im Titel kommt das Signalwort „Check“ vor.

Bild zu: Aus-checken, bitte! Die ARD und ihr nerviger "Check"-Schluckauf

Angefangen hat alles ein Jahr zuvor mit dem „Tchibo-Check“ im Dritten Programm des WDR (siehe Fernsehblog vom Januar 2011), wo die „Checks“ bald zur Reihe ausgebaut und dann ins Erste gehievt wurden. Nach dem prompten Erfolg mit dem „Lidl-Check“, dem danach gezeigten „McDonald’s-Check“ und dem „H&M-Check“ war die Fortsetzung schnell beschlossen. Zunächst folgte der kurzfristig ins Programm genommene „Media-Markt-Check“, im Mai schließlich der „Coca-Cola-Check“, der „dm-Check“ und der „Adidas-Check“ – allesamt im selben monotonen Scheinaufklärungsduktus, ebenso einfallslos wie humorbefreit.

Die Quoten waren schon nicht mehr so gut, aber da gab es in der ARD kein Halten mehr: der „Check“-Schluckauf ließ sich nicht mehr vermeiden.

Der SWR hat am schnellsten gehickst. Seit kurzem läuft mittwochs ein dreiviertelstündiges Verbrauchermagazin-Spezial unter dem nicht ironisch gemeinten Titel „Marktcheck checkt“, in dem pro Ausgabe gleich drei Firmen aus dem Südwesten eine scheinkritische Unternehmensprüfung über sich ergehen lassen müssen (siehe wieder Fernsehblog): Ritter Sport, Maggi, Bitburger, Uhu, Nescafé, Seitenbacher. Die paar Minuten Sendezeit für jede Firma reichen allenfalls, um ein paar Oberflächlichkeiten abzuklopfen und sich mit Labortestergebnissen wichtig zu machen – aber das hat den Vorteil, für keinen der „Check“-Schnipsel tiefergehend recherchieren zu müssen. In der kommenden Woche folgt der NDR, wieder ausführlicher, aber genauso berechenbar und ohne lästige Regionalitätsanstrengung. Am 27. August läuft als „Markt-Reporter decken auf!“-Sondersendung zunächst „Der große Bahn-Check“, dessen Inhalt sich so liest als sei er von der Redaktion im Schlaf gedreht worden:

„Susann Kowatsch und Rainer Mueller-Delin sind in ICEs und Regionalzügen in Norddeutschland unterwegs. Sie kämpfen sich durch den Tarif-Dschungel der Bahn. Wird ihnen immer das günstigste Ticket verkauft? Sie testen die Sauberkeit: Wo finden sie mehr Keime, im Regionalexpress oder im Kaufhaus? Und sie treffen verärgerte Bahnkunden, die um ihre Entschädigung kämpfen.“

Es folgen: „Der große Rewe-Check“ (für den sich praktischerweise die Supermarkt-Kategorien der WDR-Kollegen übernehmen lassen), „Der große Post-Check“ – und wahrscheinlich zittert die Telekom schon, dass sie als nächstes dran ist. Dabei scheint die größte Eigenleistung des NDR darin zu bestehen, die „Checks“ im Titel zu „großen Checks“ umgebaut zu haben. Ebenfalls geplant sind „Der große Zahnpflege-Check“ und, ähm, „Der große Küchen-Check“, die in ihrer Allgemeinheit schon wieder zu Tim Mälzers ARD-„Ernährungs-Check“ aus dem Frühjahr passen (siehe Fernsehblog vom März). Und zum „Berlin-Brandenburg-Check“, mit dem der RBB sich gerade ein jugendlicheres Image verpassen will, ausnahmsweise aber mal keine Unternehmen testet, sondern Wohngegenden aus dem Sendegebiet.

Vielleicht merkt die ARD das nicht, aber: Die eine eigene Idee, die sich in den vergangenen Jahren in den Senderverbund verirrt hat, in Ketten zu legen und so lange zu klonen, bis sie nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, kann auf Dauer keine Lösung sein. (Andererseits weiß in den Anstalten natürlich auch niemand, wie viele Jahrzehnte es dauert, bis die nächste neue Idee vorbeischaut.)

Im Interesse des Publikums ist es jedenfalls an der Zeit, um den Verbraucherjournalismus-Overkill ein Zäunchen zu bauen, damit er sich nicht weiter unkontrolliert vervielfältigt.

Dummerweise ist das momentan das einzige, was die ARD nicht checkt.

Screenshots: Das Erste, SWR, RBB, WDR

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37 Lesermeinungen

  1. Christoph sagt:

    Die geschilderte Entwicklung...
    Die geschilderte Entwicklung ist doch nur die Folge eines aufgeblähten ÖR. Fakt ist, dass wir – wie viele? – Regionalsender haben, die alle versuchen mit den gleichen Ideen ein Vollprogramm zu bieten. Und so kommt es zu ähnlichen und identischen Inhalten, denen ein lokaler Touch verliehen wird, um die eigene Daseinsberechtigung zu liefern.
    Ist die aktuelle Anzahl der „Vollprogramme“, die ja alle auch bundesweit ausgestrahlt werden eigentlich im Rahmen der Angemessenheit der GEZ-Gebühren mal geprüft / hinterfragt worden?
    Und das Thema „Check“ ist keine Erfindung der ÖR, sondern läuft doch bei Galileo und Co. schon seit Jahren. Wer dann von den ÖR mehr Tiefe erwartet, wird leider enttäuscht.

  2. skeptiker01 sagt:

    @Peer Schader

    1.:
    Ja, Herr...

    @Peer Schader
    1.:
    Ja, Herr Schader, finde und meine ich. Wenn Sie ’nen Tick nach oben scrollen, sehen Sie rechts »Aktuelle Beiträge dieses Blogs«. Alle Themen beziehen sich auf ÖR-Produktionen und kritisieren die positiv wie negativ. Sind die Privaten jeder Kritik unwert? Oder ist die Wahrscheinlichkeit zu hoch, sie negativ bewerten zu müssen? (Empfehle den kostenlosen Newsletter des Kress Mediendienstes https://kress.de/ )
    2.:
    Wenn Sie, geschätzter Herr Schader, gern ne Meinungsumfrage hätten, überlasse ich das gern Ihrer Professionalität, eine zu veranstalten. Meint: Ich bin zefaul und seh grad Bayern vs. Regensburg auf (meine) GEZ-Kosten.

  3. KoenigKenny7 sagt:

    Man mag es als nervig...
    Man mag es als nervig empfinden, aber vielleicht kann man aus so einer Sendung (schaue ich mir eigentlich nicht an) wenigstens noch die ein oder andere Information ziehen. Was die ARD ansonsten zur besten Sendezeit an schlechten Serien und Promi-Shows zeigt, finde ich wesentlich schlimmer.

  4. pschader sagt:

    @skeptiker01: Der Vorwurf, ich...
    @skeptiker01: Der Vorwurf, ich würde zuwenig über die Privaten schreiben, ist in den dreieinhalb Jahren, die ich das hier mache, auf jeden Fall der originellste.

  5. plumtree sagt:

    @teekay: Den H&M Check hatten...
    @teekay: Den H&M Check hatten wir zu Hause seinerzeit gesehen und wenn die anderen „Checks“ ähnlich ablaufen ist es kein Wunder, dass es keine rechtlichen Nachspiele gibt.
    Das war im Prinzip eine einzige riesige Werbeveranstaltung für H&M. Kritische Töne waren da eher in homöopathischen Dosen vernehmbar – bei gleichzeitigem Konkurrenzbashing. Da dürften am Sendetag vermutlich laute Jubelschreie in der Konzernzentrale zu hören gewesen sein.

  6. skeptiker01 sagt:

    Ooch - trööst - war doch nur...
    Ooch – trööst – war doch nur ne kleene kritische Anmerkung, kein beeser Vorwurf. Finde ja den Blog sehr fein – lese indes noch keine dreieinhalb Jahre mit. Und natürlich muss man die ÖR geißeln. U. a. für ihre unselige Tendenz, sich zuseherverachtende Unarten von den Privaten abzuschauen. Nenne da nur die störenden Inserts, die auf andere Sendungen hinweisen. Eine Frechheit. Auch den Autoren der gerade gesendeten Beiträge gegenüber.

  7. lutz-breunig sagt:

    Na ja, andere Sender checken...
    Na ja, andere Sender checken auch, zum Beispiel n-tv die Transparenz der Banken:
    https://www.servicereport.eu/2012/transparenz-der-banken-gute-beratung-offenbart-auch-risiken

  8. Paule sagt:

    So sind die halt. Ein...
    So sind die halt. Ein funkionierender Talk? Schon ist die ganze Woche voll. Eine gelungene zeitgemäße Serie? Schon gibts jeden Tag „heiter bis tödlich.“ Ein funktionierender Check? Schon wird alles durchgecheckt. Der Fehler liegt hier wie immer im System. Das haben wir davon, wenn jeder Sender das machen kann, was er will. Und keiner kann was dagegen tun, weil die Landesrundfunkanstalten intern wie auch im besendeten Gebiet voneinander getrennt sind. Der WDR-Zuschauer (und -zahler) hat keine Möglichkeit, den SWR zu kritisieren, weil ihn der SWR nichts angeht.
    Es wird Zeit, etwas am System zum ändern. Man sollte wirklich Regionales in regionale Hände geben und überregionales (wie die Talks, Serien und Checks) zentralisiert betreuen. Es kann nur mehr Vielfalt rauskommen. Aber so etwas laut zu sagen, führt nur zum Nazi-Hinweis und dem ürsprünglichen Grund, die ÖR nicht zu zentralisieren. Hier liegt der Schlüssel aber nicht in der Aufstellung der Sender, sondern in einer externen Kontrolle, die es derzeit nicht gibt… Gäbe es die, dann gäbe es jetzt bereits nicht so viel teure Einfalt.

  9. Wenn man's eher unter...
    Wenn man’s eher unter „Unterhaltung“ als unter „Information“ subsummiert, sind die „Checks“ teilweise sehr nette Begleitprogramme zum Abendessen – beispielsweise. Verpassen kann man (wegen zu lautem Kauen) auch fast nichts, weil häufig zentrale Infos mehrfach innerhalb der Sendung wiederholt werden. Die Kritik an der inflationären Häufung der „Checks“ ist natürlich dennoch sehr berechtigt – wegen extremer Übersättigungsgefahr.

  10. hier, ich will auch. hatten...
    hier, ich will auch. hatten wir den schon?!
    ich wünsch mir einen ‚GEZ-Check‘ und einen ‚öffentlich-rechtlichen programmauftrag-check‘

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