Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Was alles furchtbar nervt an der hervorragenden Talkshow "Roche & Böhmermann"

| 32 Lesermeinungen

"Roche & Böhmermann" bei ZDF.kultur ist unbestreitbar die beste Talkshow, die es derzeit im deutschen Fernsehen gibt. Man muss schon sehr in den Krümeln suchen, um da überhaupt was Negatives zu finden. Das Fernsehblog bröselt's gerne auseinander: von der Lanz-Anhimmelung bis zum Brit-Mythos – sofort damit aufhören!

„Nicht mal wenn man dabei ist, kann man die Sendung ertragen.“
(Ferris MC)

Dieser Vorspann schon! Die tolle Badabadabadabada-Titelmusik! Die Rauchschwaden-Empfänglichkeit der Kulisse! Der Helmut-Kohl-Ansager! Die Einspieler, bei denen man gleichzeitig hinsehen und zuhören muss! Der liebevoll-ruppige Umgang mit den Gästen! Der Alkohol! Diese Toleranz auch gegenüber der größten Spaßbremse! Und die fast schon unheimlich intimen Nachbesprechungen am Schluss! „Roche & Böhmermann“ bei ZDF.kultur ist unbestreitbar die beste Talkshow, die es derzeit im deutschen Fernsehen (und Internet!) gibt. Man muss schon sehr in den Krümeln suchen, um da überhaupt was Negatives zu finden. Aber: hey, dafür gibt’s doch das Fernsehblog.

Und deshalb steht an dieser Stelle jetzt: Was alles furchtbar nervt an der hervorragenden Talkshow „Roche & Böhmermann“.

Bild zu: Was alles furchtbar nervt an der hervorragenden Talkshow "Roche & Böhmermann"

Der ewige Live-Gag
Wir senden doch live, gackern Charlotte Roche und Jan Böhmermann permanent in die Aufzeichnung hinein, wenn wieder irgendein Gast nicht geschnallt hat, dass seine Platte „morgen“ erscheint oder eine neue Sendung „in dieser Woche“ startet, weil bei „Roche & Böhmermann“ ja „heute“ immer schon Samstag (im Internet) oder Sonntag (im Fernsehen) ist, selbst wenn die komplette Staffel schon seit einer kleinen Fernsehewigkeit im Kasten ist. Der Running Gag mit der live gesendeten Aufzeichnung ist schon so alt, dass er bloß noch humpeln kann. Außerdem müssen Witze, die Harald Schmidt schon in Grund und Boden gestandupt hat, irgendwann auch mal in Ruhe gestorben sein dürfen. Sofort damit aufhören!

Die Lanz-Anhimmelung
Es gehört zu den Grenzerfahrungen im Leben jedes „Roche & Böhmermann“-Fans, sich mindestens einmal anzusehen, wie ungeheuer wohl sich die beiden als Gäste in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ gefühlt haben (nämlich hier: leider gerade nicht in der ZDF-Mediathek). Dass L. im Gegenzug auch mal bei „Roche & Böhmermann“ vorbeigeschaut hat, war jedenfalls deutlich harmloser anzusehen. Wenn jetzt aber keine „Roche & Böhmermann“-Sendung mehr vergeht, in der die Moderatoren das Publikum ungefragt mit ihrem Ödilanzkomplex belästigen, geht das fernsehhygienetechnisch doch ein bisschen weit. Böhmermann spricht von einem „heimlichen Liebesverhältnis“, möchte auch gerne so „respektvolle Überleitungen“ wie L. erlernen, erklärte öffentlich: „Wir sind beide so Fan von deiner Sendung, wirklich“, und Roche erklärte: „Wir reden wirklich in jeder Redaktionssitzung darüber, wie wir die Sendung so hinkriegen, dass sie so wird wie bei dir“ (also von L.). Kein Problem: Licht anmachen, den Gästen Fragen vorlesen, die sie schon in Zeitungsinterviews beantwortet haben, und den Lanz’schen Spreizsitzschritt üben. Dann aber auch echt jetzt! Oder: Sofort damit aufhören!

Der Brit-Mythos
Im Laufe der ersten anderthalb Staffeln von „Roche und Böhmermann“ hat sich fälschlicherweise der Mythos etabliert, Jan Böhmermann hätte die Sat.1-Vera Britt Hagedorn in der allerersten Sendung „fertig gemacht“ und sie wegen ihrer ekligen Sendungen („Britt“, „Schwer verliebt“) in die Mangel genommen. Richtig ist: Jan Böhmermann hat in der allerersten Sendung versucht, Britt Hagedorn wegen ihrer ekligen Sendungen fertig zu machen – und nachdem die ziemlich peinlich immer bloß Konterfragen stellte, um auszuweichen, stotternd klein beigegeben anstatt echte Antworten einzuforden. Kann ja mal passieren. Aber Böhmermanns Image als Rächer der Verarschten ist eben doch bloß – ein Mythos. Sofort damit aufhören!

Die Planlosigkeit
Wenn Alexander-Kluge-Kumpel Peter Berling erzählen soll, wie es dazu gekommen ist, dass er mal die Totenmaske von Rainer Werner Fassbinder in einem Jutebeutel durch Venedig getragen hat, und Berling das dann auch bereitwillig zu erzählen beginnt, hilft es ungemein wenig, wenn irgendein Trottelmoderator mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Kabel-1-Programmplaners dazwischen grätscht und sich nachher nicht mehr erinnert, dass die Geschichte noch gar nicht zu Ende gebracht worden ist. (Beispielfall.) Sofort damit aufhören!

Die Gimmick-Fixierung
Mitten in der Sendung die schreckliche neue „Beckmann“-„taff“-Kulisse einzureißen und dem schockerstarrten Publikum wieder das alte „Roche & Böhmermann“-Schummerstudio zurückzugeben (Video), ist eine ganz fantastische Idee – die sich in den darauffolgenden Shows natürlich nur schwer übertreffen lässt. Wenn man’s mit einem erfundenen Softdrinksponsor (Video) und einer reingeschnittenen Blue-Box-Promikommentierparade (Video) trotzdem versucht, kann das nur eines bedeuten: Sofort damit aufhören! (Oder tollere Gimmicks erfinden.)

Die Vorbereitungsverweigerungs-Angeberei
Argumente, die Charlotte Roche dafür hat, dass es eine gute Idee sein könnte, sich auf Gäste nicht vorzubereiten und damit anzugeben: 1. „Muss man aber auch nicht, jetzt mal ehrlich. Für ein Interview in der Talkshow. Fällt doch nicht auf, fällt nicht auf.“ 2. „Das ist doch das Ziel der Sendung: dass wir keine Promo-Gespräche führen. Da wo ich herkomme, haben wir immer total schleimige Promogespräche geführt. Das war früher. Das will ich halt nicht mehr.“ 3. „Ich denk, wir machen keine Sendung, wo nachher alle sagen: Ah ja, toll, danke, tschüß.“ 4. [Unsicherer Blick.] 5. „Talkshomoderatoren bereiten sich alle nicht vor.“ – Mal kurz überlegen, ob das a) überzeugend oder b) wenigstens lässig ist. Nicht? Dann: Sofort damit aufhören!

Soweit die Krümel. Und jetzt: weitermachen! Ganz lange noch, bitte.

Screenshot: ZDF.kultur

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32 Lesermeinungen

  1. nona sagt:

    In meinem Universum stehen bei...
    In meinem Universum stehen bei Talkshows die Talkgäste und was diese zu sagen haben (daher: Talk) im Mittelpunkt – nicht irgendwelche Gimmicks oder Konzepte oder Ablaufplanung oder dergleichen, schon garnicht die Moderatoren. Und gute Talkshows zeichnen sich dann durch die Auswahl der Gäste aus, d.h. zu Gast sind (idealerweise interessante) Menschen, die über interessante Dinge interessantes zu sagen haben, entweder alleine oder in der Runde. Das sei mein Kommentar dazu.
    Davon ab unterschreibe ich mal 98% von dem, was Markus Breitenstein oben anzumerken hatte.

  2. jakob sagt:

    @andi Ich finde es gerade...
    @andi Ich finde es gerade toll, wie es diese Sendung noch schafft von 98 Prozent meiner Freunde als unsehbar angesehen zu werden. Schon dafür schaue ich jede Folge. Und DAS ist doch ein Alleinstellungsmerkmal.

  3. Andi sagt:

    @jakob: die Sendung war von...
    @jakob: die Sendung war von Anfang an eigentlich unsehbar (besser: unansehbar) Aber ich habe gedacht: mei, frisches Format, frische Moderatoren (ich kannte den Böhmermann vorher noch nicht), die müssen halt erst noch rausfinden, wie sie es am besten machen wollen (deswegen ja wohl auch immer die Kommentare am Ende der Sendung über das, was gut war und was nicht)
    Ich erwarte nach einer Staffel sicher kein Format wie „Lanz“ (mir ist ganz unklar, warum die den so toll finden) Ich finde es schon spannend, daß diese Talkshow so ganz anders ist als andere. ABER: ein bißchen was über die Gäste würde ich dann schon gerne erfahren. Wenn aber Leute wie Jessica Schwarz praktisch nie zu Wort kommen, weil Roche und Böhmermann zu sehr damit beschäftigt sind, Gimmicks zu präsentieren, auf ihrem Ego-Trip zu reiten (vor allem Böhmermann) und jeglichen Versuch, ein Gespräch zu vertiefen, im Keim ersticken, dann ist die Sendung tatsächlich irgendwann für garnichts mehr gut. Und damit dann auch wirklich unsehbar. Bzw. Unansehbar…

  4. Karl sagt:

    So schlimm ist die Stimme von...
    So schlimm ist die Stimme von Frau Roche nun auch nicht.Ich finde,die Sendung ist in Ordnung.Der Sprecher(William Cohn),der vorallem die Gäste vorstellt und die dazugehörigen Einspielfilmchen,ist bzw.sind witzig und informativ zugleich.Frau Roche und Herr Böhmermann kommen schon mal etwas provokant rüber(Herre,Britt,Jean Pütz),dies ist erfrischend und eher amüsant.Die vielen Anglizismen stören mich allerdings ein wenig.Die Leute,die im Fernsehen vor der Kamera arbeiten,verwenden halt gerne englische Wörter.

  5. Großartiges Talkformat und da...
    Großartiges Talkformat und da sind sich hier ja auch alle schnell einig. Frau Roche gab als Moderatorin schon bei VIVA 2 ein ganz hervorragendes Bild ab, ihren missglückten NDR-Ausflug und ihre uninteressanten Fornikationsbücher übergehen wir mal großmütig… Herr Böhmermann war mir bisher leider unbekannt, doch die beiden ergänzen sich in ganz glänzender Weise. Wahrlich ein Traum von einer Talkshow, stilistisch und substanziell.

  6. Frau Sokol sagt:

    Was mich nervt: Die Show ist...
    Was mich nervt: Die Show ist eine einzige Pose; im Grunde ist sie eine Inszenierung dessen, von dem man denkt, dass es cool wäre. Den inszenierten Charakter merkt man ihr aber viel zu sehr an. Aus den genannten Gründen scheitert sie daher stets am eigenen Anspruch.

  7. swina sagt:

    auf der ewigen suche nach dem...
    auf der ewigen suche nach dem nicht-langweiligen moment im tv habe ich mir natürlich auch diese talkshow angesehen –
    und war schnell angwiedert vom hedonistischen duktus der moderatoren wie vom umsichselbstkreisenden sendungskonzept, welches das prinzip von talkshows (der moderator entwindet dem gast inormationen) auf den kopf stellt (im mittelpunkt steht der moderator, der gast gibt stichworte).
    gewollt auf den kopf stellt.
    gut,
    ist halt prinzip helge schneider für hipster et al.
    habe ich (49!, sowieso keine zielgruppe) dann gedacht.
    und ausgeschaltet.
    dann doch lieber die alten männer im original (schneider/schmidt) als langweilige asoziale attitude und nichts dahinter.

  8. Nils sagt:

    @petra: trotz deines...
    @petra: trotz deines kommentars wird sich kein mensch deinen blog anschauen…

  9. Andreas sagt:

    Diese Hervorhebung des...
    Diese Hervorhebung des Inszenierungscharakters, das Selbstreferenzielle ist für mich ein wichtiger Teil der Sendung, weil dadurch ein bisschen entlarvt wird, wie Fernsehen funktioniert. Durchinszeniert sind andere Fernsehshows auch aber „Roche & Böhmermann“ versucht eben gar nicht erst, das zu vertuschen, bzw. überhöht alles noch und funktioniert dadurch auch als satirischer Kommentar auf das TV-Business. Dass deswegen der Talk-Anteil der Sendung manchmal etwas zu kurz kommt ist in meinen Augen verschmerzbar, schon alleine weil Fernsehauftritte für viele Gäste wirklich nur reine Promo-Funktion haben.
    Die Sendung tut manchmal weh und ist häufig extrem peinlich. Aber genau deshalb sieht man etwas, was man im Fernsehen heutzutage nur noch selten zu sehen bekommt: Echte Reaktionen. Realismus. Eben nicht nur das einstudierte Geplapper von Leuten, die in 20 anderen Interviews schon genau das gleiche erzählt haben.
    „Roche & Böhmermann“ ist auf jeden Fall eine Ausnahmeerscheinung im deutschen TV-Einerlei und alleine dafür bemerkens- und schützenswert.

  10. Jott sagt:

    Das ist eben der weit...
    Das ist eben der weit verbreitete Irrtum:
    Das es sich um eine „normale“ Talkshow handelt.
    Es ist eine Inszenierung.
    Und spätestens nach der ersten Staffel muss jeder eingeladene Gast das wissen.
    Was solche Auftritte wie der eines Max Herre oder Ferris MC umso peinlicher macht…
    Jeden Samstag spätabends danke ich dem fliegenden Spaghettimonster für diese Sendung!

Kommentare sind deaktiviert.