Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

20. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Ehrenpalme für Alain Delon

Die meisten Stars, bei allem, was man so über sie hört, möchte ich nicht in meiner entfernten Verwandtschaft haben. Die meisten haben keine Manieren, sind eitel, anmaßend, selbstmitleidig und sicher noch eine ganze Menge anderer Dinge, die mir nicht gefallen. Rechts oder auch rechtsradikal sind einige, misogyn eine ganze Menge, und nicht alle engagieren sich für den Klimaschutz. So? Keine Preise mehr für sie?

Das war die Frage, als das Festival sich entschloss, einem der größten Stars des französischen Nachkriegskinos die Ehrenpalme für sein Lebenswerk zu geben: Alain Delon, inzwischen dreiundachtzig. Fraglos ein Schauspieler, der in fast all seinen Rollen den Kinoraum füllte mit einer Präsenz, einer Technik auch, die umwerfend waren. Und sehr gut über die Zeit gekommen sind, wie eine Wiederaufführung von Joseph Loseys „Mr. Klein“ aus dem Jahr 1976 vor Augen führte.

Der Film war eine interessante Wahl für diesen Abend der Preisverleihung. Denn es geht um einen französischen Kunsthändler im Paris des Jahres 1942, der die Notlage vieler Juden ausnutzt, die ihre Kunst verkaufen müssen. Einer rächt sich. Und Mr. Klein / Alain Delon, wird einer von ihnen. Deportiert. Rechtlos. Jüdisch. Interessant war die Wahl, weil Joseph Losey (mit dem Delon eine ganze Reihe von Filmen drehte) Kommunist war, und Alain Delon mit den Le Pens befreundet ist. Auch das wurde ihm und dem Festival im Vorfeld als Ausschlusskriterium für diesen Preis vorgeworfen.    Doch das Festival blieb bei seinem Standpunkt. Es zeichne Künstler aus. Keine Meinungen. Nicht einmal Haltungen. Es gab eine Petition gegen Delon, mit angeblich mehr 20 000 Unterschriften. Aber am Abend selbst macht niemand Krawall. Im Gegenteil. Alain Delon wurde gefeiert.

Und das war richtig so. Niemand war aufgerufen, etwas anderem zu applaudieren als seiner Lebensleistung im Kino. Er selber sagte das in seiner kurzen Dankesrede auch noch einmal. Und er sagte noch etwas: Nicht ein Regisseur macht einen Star. Nicht ein Film macht einen Star. Es ist das Publikum. Und hatte damit alle auf seiner Seite.

Die Kameraleute der Fernsehanstalten haben eine harte Zeit an solchen Abenden. Längst haben sie immer wieder ihre Kamera über das Plakat geschwenkt, auf dem Alain Delon in sehr jungen Jahren umwerfend schön auf einen hinabblickt und das überall im Festivalpalast hängt. Dann bringen sie sich eng an eng in ihren Smokings hinter der letzten Stuhlreihe im abschüssigen Kinosaal in Position, haben eigentlich die beste Sicht zur Bühne hin, aber wenn Alain Delon den Saal betritt, springen vor ihnen alle auf und halten ihre Mobiltelefone hoch, um selbst zu filmen. Und die Fernsehkameras schauen auf tausend Rücken und sonst nichts.

Alain Delon hatte seine Tochter dabei, die für ihren Vater sprach und nicht versuchte zu verbergen, wie bewegt sie war. Tränen auf allen Seiten gehören zu solchen Abenden sowieso dazu. Natürlich bedankte sich Delon auch noch selbst, nachdem er den Kasten mit der Goldenen Ehrenpalme in der Hand hielt und die Menschen so lange applaudiert hatten, bis auch er tränenüberströmt dastand. Er sagte: Das Schwerste sei der Abschied. Dieser Preis werde ihm postum zu Lebzeiten verliehen. Nun bereite er sich darauf vor zu gehen. Und das wolle nicht tun, ohne sich zu bedanken. Beim Publikum.

Viele seiner Meinungen sind indiskutabel. Aber wie Alain Delon diesen Tag hinter sich brachte, das hatte Klasse weit über die Rührung hinaus.


20. Mai. 2019
von Verena Lueken

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19. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Familienromanzen

Vermutlich ist die Zeit bald vorbei, dass bei Werner Herzog immer auch von Klaus Kinski geredet wird. Jetzt, da Herzog für eine Sonderveranstaltung in Cannes ist, wird er aber immer wieder danach gefragt. Wie es war, als Klaus Kinski damals, 1982, als „Fitzcarraldo“ gezeigt wurde, mit dem Rolls-Royce auf den roten Teppich gefahren werden wollte, und einen seiner gefürchteten Wutausbrüche bekam, weil das nicht möglich war.

Niemand fährt mit dem Auto auf den roten Teppich, das ist eiserne Regel. Und Regeln in Cannes werden eingehalten. Vermutlich hat seitdem niemand mehr diesen Wunsch geäußert. In diesem Jahr macht kein Rolls-Royce, sondern das Selfie-Verbot den Sicherheitsleuten Arbeit. Wenn man in einer Galavorstellung vom Auditorium aus den Aufmarsch auf dem roten Teppich beobachtet, hat das Slapstick-Qualität. Denn etwa jeder zweite Besucher muss zurechtgewiesen werden, lächelt dann doch noch mal kurz ins Handy, bevor er oder sie es wieder dahin steckt, wo es Beulen macht, in den Täschchen der Damen oder Jacken der Männer. Die Männer, die dafür sorgen sollen, dass die Mobilgeräte gar nicht erst gezückt werden, laufen von einem verlorenen Posten auf den anderen.

Schnell doch noch ein Selfie: Mathieu Kassovitz (l.) mit anderen Gästen vor der Premiere von „Les Misérables“ am 15. Mai in Cannes

 Der rote Teppich für Werner Herzog lag in diesem Jahr auf der Rückseite des Festivalpalasts, denn sein Film „Family Romance, LLC“ lief im offiziellen Beiprogramm. Auch Herzog, inzwischen 76 Jahre alt, gehört zu den Männern, die unermüdlich weiterarbeiten. Drei Filme hat er in den letzten Monaten fertiggestellt, neben diesem Spielfilm zwei Dokumentationen über große Männer, über Michail Gorbatschow den einen, den anderen über Bruce Chatwin.

Werner Herzog am Samstag in Cannes

„Family Romance“ ist auf Japanisch gedreht. Herzog spricht kein Japanisch und versteht es auch nicht, aber von solchen Hindernissen hat er sich nie von einer Idee abhalten lassen. Das Thema: Offenbar kann man in Japan Menschen mieten, damit sie die Stelle verschwundener oder toter Freunde oder Verwandter einnehmen. Oder sich für einen Fehler, den man gemacht hat, beim Chef entschuldigen. Oder sich als Paparazzi verkleiden und mit Kameras hinter einem her sind, damit eine in den sozialen Medien Aufmerksamkeit bekommt.

In „Alpeis“ hat Yorgos Lantimos, der in diesem Jahr hier in der Jury sitzt, über die Geschäftsidee der Miet-Trauernden einen Spielfilm gedreht, der bizarr und komisch und todaurig war und an merkwürdigen griechischen Schauplätzen spielte. Herzog war in Japan. Aber sein Japan sieht aus wie in zahllosen Hobbyfilmchen von Urlauben dort. Die Kirschblüte aus Drohnensicht. Die Marionetten-Wahrsagerinnen im Kasten. Die heiligen Hunde mit roten Lätzchen.  

Es war tatsächlich eine Familienromanze, das sagte er vor Beginn zur Begrüßung, denn bei der Produktion waren seine Frau und auch sein Sohn dabei, wie jetzt in Cannes auch. Muss man traurig darüber sein, dass der Regisseur von „Fitzcarraldo“ mit einem solchen Filmchen nach Cannes kommt? Einem Film, in dem lange Minuten einem Igel in einem Igelstreichelzoo gewidmet sind und der Anleitung, wie dessen rosafarbener Bauch richtig zu massieren sei? Ich glaube nicht. Werner Herzog hat seine Sicht der Welt nie infrage gestellt. Wenn sie mir lachhaft erscheint, voller Klischees, ohne Bilder, die uns mehr zeigen als ein schlecht gemacht Tourismusprospekt, würde er vermutlich sagen: ist das mein Problem.

19. Mai. 2019
von Verena Lueken

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18. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Jede Party hat ihren Preis

Abtanzen mit Leo: Szene aus Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“

Gerade veröffentlichte ein englisches Branchenmagazin die Preise für Eintrittskarten zu den beliebtesten Vorführungen und Parties. Schwarzmarktpreise, versteht sich. Kein Ticket wird hier offiziell verkauft. Wer für die Eröffnung mit Jim Jarmuschs „The Dead Don’t Die“ 5500 Dollar bezahlt hat, um im Orchester zu sitzen, werden wir nicht erfahren. Auf dem Balkon war das schon für 2800 Dollar zu haben, die Party danach musste einem weitere 2500 Dollar wert gewesen sein. Doch an den meisten anderen Tagen kosten die Eintrittskarten fürs Kino nur zwischen 1000 und 2000 Dollar, allerdings ist für „Rocketman“, Tarantino und „Rambo“ zum Abschluss unter 2300 Dollar nichts zu machen gewesen: Die Preise für diese Filme gehen hoch auf 4500Dollar.     

Kino ist ein Volksvergnügen, deshalb sind die Partys danach teurer. So stand es in „Screen Daily“ zu lesen: 6000 Dollar für die Elton-John-Party, 8000 für die von Chopard, 11.000 bei Vanity Fair, alles Feste mit strikter Einladungspolitik und penibel kontrollierten Namenslisten.  Aber irgendwie kommen die Leute, die soviel Geld bezahlt haben, offenbar doch überall rein, mit falschen Identitäten vermutlich? Die hat hier sowieso fast jeder. Am teuersten ist der Eintritt, so will ich es mal nennen, für die „AMFAR Night Before – Leonardo DiCaprio Villa Dinner Party mit Tarantino“. Er kostet 13.500 Dollar. Termin ist der 22. Mai. Vielleicht ist die eine oder andere Restkarte noch da. Vielleicht aber ist das Ganze auch ein großes Betrugsgeschäft, und es gibt gar keine Tickets, selbst nicht für soviel Geld?

Es traf sich gut, dass ich bei einem Mittagessen am selben Tag (auf Einladung) einen Kollegen von der „Bunten“ traf, der vermutlich der berühmteste Gesellschaftsreporter Deutschlands ist und gern Auskunft gab, wie er das macht – überall eingeladen zu sein, auf allen Listen zu stehen, von einer Party zur nächsten zu hüpfen, und das schon seit vielen vielen Jahren und natürlich ohne zu bezahlen. Von Elton John zu Chopard, vom Hotel Eden Rock in Antibes zur exklusiven Starvilla in den Bergen hinter Cannes. Die verblüffende Auskunft des Kollegen: Er telefoniert herum. Ich hatte gedacht, er sortiert zu Hause in München schon seit Anfang Mai die Einladungen, sagt zu oder ab, wählt aus. Weit gefehlt. Er überlegt,wo er hinwill, und dann hängt er sich ans Telefon. Meistens ist es mit einem Mal nicht getan. Alles, was im privaten Umgang absolut verboten, unangemessen, peinlich ist, ist im Business offenbar Geschäftsgrundlage. Sich selbst einladen! So kommt man zum Ziel. Sollte die Party das Ziel sein.

Ob es für Maradona eine Party geben wird, habe ich den Fachmann vergessen zu fragen. Der Fußballer, der größte aller Zeiten nach oder mit Pelé, wie viele meinen, wird für den Dokumentarfilm von Asif Kapadia erwartet. Nach „Senna“ und „Amy“ ist „Diego Maradona“ die dritte übermächtige Persönlichkeit, der Kapadia sich gewidmet hat, mit dem Unterschied, dass dies kein Nachruf ist.

Ich gehe, vor allem in Cannes, lieber ins Kino als auf Parties. Und das schon seit zwölf oder dreizehn Jahren. Bei Pédro Almodovars „Dolor y Gloria“ stellte sich plötzlich und unerwartet, wie es immer heißt, das Gefühl ein, nicht Almodovars Leben finde dort auf der Leinwand statt, fiktionalisiert, stilisiert und so weiter, sondern stilisiert und auf verdrehte Weise auch meines, meines als Kritikerin, so viele Filme habe ich von ihm in Cannes schon gesehen, an so viele erinnerte mich dieser. Vielleicht laden die Verantwortlichen genau für dieses melancholische Gefühl immer wieder dieselben Leute ein: um nicht allein alt zu werden. Sondern gemeinsam mit diesen großen Künstlern.

18. Mai. 2019
von Verena Lueken

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17. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Der alte Hase und die Debütantin

Taron Egerton als Elton John in „Rocketman“

Wie viele Arten des Prominentenkults es gibt? Mindestens drei, mit Untergruppen. Die erste ist klar: Hingehen, wo die Berühmtheit ist, Handy draufhalten, posten. Die zweite ist eine Ableitung: Hingehen, wo ein Monitor steht, auf dem übertragen wird, was die Berühmtheit gerade macht, Handy draufhalten, posten. Die dritte ist eine weitere Ableitung: Sich erzählen lassen, wo eine Berühmtheit war, mitschreiben, weitererzählen.

Was Sie hier lesen, ist eine Mischung aus allen dreien. Elton John war da. Wegen des Films „Rocketman“, der seine Geschichte erzählt, der seine volle Unterstützung hatte, in dem er aber nicht mitspielt. Ob er zur Premiere an die Croisette kommen würde, schien eine Weile unklar. Doch er kam, als Teil seiner Abschiedstour. Verbreitete schon von weitem Menschenwärme. Zum Fotocall trug er einen herrlichen türkisfarbenen Anzug mit passender Brille, flirtete und schien sich auf den Abend zu freuen. Auf die Premiere. Vielleicht auch auf den Auftritt auf dem roten Teppich in Gesellschaft seines Mannes und des Filmteams und neben den Darstellern seiner jüngeren Ichs. Es sind zwei.

Elton John beim Photocall in Cannes

Das war morgens, und wer es verpasst hatte, konnte den ganzen Tag im Festivalpalast von Monitor zu Monitor laufen und es sich ansehen. Draußen an der Strandpromenade liefen dieselben Bilder auf riesiger Projektion, aber die Sonne störte. Am Abend kam Elton John wieder. Er hatte sich umgezogen, natürlich, dunkel, mit dem Filmtitel graffitiartig auf den Rücken des Smokingjacketts gesprüht. Statt der türkisfarbenen hatte er seine herzförmige, brillantengerahmte rote Brille auf und eine Rakete am Revers und verbreitete wieder Menschenwärme. Und wurde vor der Premiere und danach in einer Weise beklatscht, die selbst ihn rührte, der sehr viel Applaus in seinem Leben schon bekommen hat.

Wie fühlt es sich an, wenn es das erste Mal ist? Am selben Ort einige Stunden früher erlebte das Mati Diop. Ihr Langfilmdebüt „Atlantique“ zog mehr Afrikaner in festlichen Roben an als Elton John, auch die Botschaft von Senegal war vertreten. Die Erwartungen an Mati Diops Film waren riesig und positiv, trotzdem hatte sie als Debütantin, als junge, als erste farbige Frau im Wettbewerb, nichts, was in der Filmindustrie zählt, worauf sie sich stützen konnte. Keinen Ruhm vorab, noch keine große Karriere, keinen unerschütterlichen Ruf. Nur ihren Film. Das galt auch für ihr Team.

Mati Diop (Mitte) mit ihren senegalesischen Schauspielern Mama (links)Sane und Ibrahima Traore (rechts)

Die Spannung war immens. Entlud sich erst einmal im Applaus für jeden Vorspanntitel, jeden Namen, jede Firma, die dort genannt wurden. Doch als es losgeht, als die ersten Bilder einer Großbaustelle in Dakar auf der Leinwand stehen, als die Arbeiter vergeblich ihren Lohn einfordern und dann auf der Ladefläche eines Kleinlasters in die Stadt zurückfahren, ihre T-Shirts vom Wind gebläht, und sich erst nach einer Weile der Blick zum Meer hin öffnet, das ihre Sehnsucht ist und ihr Grab werden wird, da ist klar: Dies wird einer der Filme des Festivals, der unvergessen bleibt. Der Applaus hinterher übermannte die Regisseurin wie ihr Team. Er dauerte lange, Tränen flossen. Vielleicht gewöhnen sie sich daran. Andererseits – auch Elton John hat geweint. Immer noch.

Szene aus „Atlantique“

17. Mai. 2019
von Verena Lueken

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15. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Ein Mädchen beim Rodeo

Wer über die Vereinigten Staaten etwas erfahren will, was nicht in der Zeitung steht und nicht aus dem Marvel Cinematic Universe kommt, ist in Cannes in diesem Jahr ganz gut aufgehoben. Auch wenn Jim Jarmuschs Zombie-Film, was die Lage seines Landes anging, eher unergiebig war mit seinen hölzernen Horrorfilm- und Selbstzitaten und einer Art zu filmen, die an Arbeit auf Autopilot grenzte.

Szene aus „Bull“

Ganz anders Annie Silverstein. „Bull“ heißt ihr Film einfach, es ist ihr Langfilmdebüt (mit einem Kurzfilm war sie schon mal hier), und statt mit großer Posen inszenierte sie ihre Figuren und ihre abgehängte Welt irgendwo in Texas mit genauer Beobachtung und einer herben, zurückhaltenden Zärtlichkeit. Wer nicht weiß, was das ist, kann es hier lernen. „Bull“ ist mehreres – die Geschichte vom Aufwachsen eines jungen Mädchens, Kris, und allen Überforderungen, die damit zusammenhängen, in der Schule, der Sexualität, zu Hause. Zu Hause besonders, denn das besteht hier nur aus einer Großmutter, die Diabetes hat, und einer kleinen Schwester; die Mutter ist im Knast. Und es ist die Geschichte einer unwahrscheinlichen Freundschaft zwischen Kris und ihrem Nachbarn Abe, der beim Black Rodeo arbeitet. Seine besseren Zeiten liegen hinter ihm, er versucht, den Anschluss nicht ganz zu verpassen, dazu gehören Eisverbände auf die Prellungen, OxiCodin für die Schmerzen, und eine Menge Alkohol. Kris bricht einmal bei ihm ein und schmeißt für ein paar Freunde eine Party mit seinem Gin, seitdem muss sie für ihn arbeiten. Die Welt dieser Figuren ist, anders als bei Jarmusch, aus dem Kino fast gänzlich unbekannt, arm, das vor allem, nicht immer gut ausgeleuchtet, abgeschnitten von allem, was im Rest der Welt passiert, und nur mit den Folgen konfrontiert. Nach dem Film draußen staunt man über die Croisette, die Sonne und das Meer.

Ein guter Augenblick, wieder fliegen zu gehen in Laurie Andersons VR-Installation „Falling off Snow Mountain“. Heute hat es geklappt. Das ist bei VR nicht die Regel, oft braucht es mehrere Anläufe, bis die Technik läuft, die jung ist und unausgereift und immer noch die großen schweren Brillen braucht und die Steuerungsgeräte, die man in den Händen halten muss. Aber als es im dritten Anlauf tatsächlich losging, und ich die Arme ausbreitete, am Handgelenk ein rotes Licht erkannte und auf dieses Zeichen hin die Hände auf den Rücken legte und dann die Arme nach vorn schnellen ließ – da hob ich tatsächlich ab. Und landete irgendwann auf dem Mond, die Milchstraße vor mir. Und unter tausend Sternschnuppen vergaß ich Texas, OxiCodin, Trump und Jim Jarmusch und schwebte eine Viertelstunde lang durchs All. Ein All, in dem ein Einhorn auftauchte und eine Riesengiraffe und ein Esel, auf dem ich zu reiten schien. In einem Film ein paar Stunden vorher hatte es psychotrope Drogen gegeben, die Sache kam mir also gar nicht sonderbar vor. Die Erde tauchte auf und ging wieder unter, und Laurie Anderson erzählte in ihrer Tante-am-Lagerfeuer-Stimme davon, wie wenig wir den Sternen anhaben können. Alles andere, was wir anfassen, geht ja kaputt. So war das neben ein paar ziemlich guten Filmen die beste Nachricht dieses Tages: bis auf weiteres sind die Sterne vor uns sicher.

15. Mai. 2019
von Verena Lueken

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15. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Die Phalanx des Kinos steht

Nur eine der Großen des Kinos, wie Cannes es feiert, fehlte am Eröffnungsabend. Das war Agnès Varda. Sie ist vor einigen Wochen gestorben. Auf der Bühne stand ein Regiestuhl mit ihrem Namen. Und das Plakat in diesem Jahr, das überall im Ort in den Geschäften hängt und riesig groß am Festivalpalast, zeigt ein herrliches Foto von ihr. Da steht sie auf den Schultern eines Assistenten und schaut durch eine Kastenkamera auf einem Stativ, das wiederum auf einem hohen Holzgestell steht. Das Bild hat eine eigene Dynamik. Agnès Varda sieht aus, als setzte sie zum Sprung an, und der Assistent lacht und ich würde mich nicht wundern, wenn sie einfach abheben und aus dem Foto fliegen würden. Als Agnès Varda starb, starb mit ihr diese Lust am Sehen, am Zeigen, am Inszenieren von Geschichten, die vor Leben so sprühten wie diese Frau. Im vergangenen Jahr war sie noch hier und demonstrierte neben Cate Blanchett, die ungefähr doppelt so groß ist wie sie es war.

Erinnerung an Agnès Varda in Cannes

Was dem Rest der Kinowelt bleibt, ist die Beschwörung des Kinos. Das taten alle zum Auftakt. Schwärmten von der gemeinsamen Erfahrung. Dem öffentlichen Raum. Der gesellschaftlichen Bedeutung. Der Kraft des gemeinschaftlichen Guckens. Warum hört sie niemand? Warum sind die Kinos leer? In Frankreich nicht so leer wie bei uns, aber leerer als in den letzten Jahren auch hier.

Am Abend der Eröffung des Festivals sollte das anders sein. Und zwar mit Hilfe des Festivals. Es übertrug nämlich die Veranstaltung in sage und schreibe 600 Kinos im ganzen Land. Dort konnten die Zuschauer miterleben, wie Edouard Baer (in der Rolle von Anke Engelke bei der Berlinale) die Internationale Jury vorstellte. Wie auch Alejandro González I ñárritu die Kinoerfahrung beschwor. Wie schließlich, endlich Charlotte Gainsbourg und Javier Bardem das Festival für eröffnet erklärten. Die festen Regeln des Festivals sorgten dafür, dass das Ganze äußert glamourös aussah.

Ganz anders Laurie Anderson. Sie ist zu Gast bei der Quinzaine des Réalisateurs. Das ist die Nebenreihe mit eigenen Regeln (ohne Smoking, dafür mit Netflix), die einst als Gegenfestival zum etablierten gegründet wurde und bis heute nicht Teil des offiziellen Programms ist, sondern friedlich koexistiert. Laurie Anderson hat mit ihrem künstlerischen Partner Hsin-Chien Huang („das Gehirn dieser Operation“, sagte sie) eine Installation aus drei Virtual Realities mitgebracht. Titel: „Go Where You Look!“ Der Ort: das ehemalige Leichenschauhaus von Cannes. Die Sache fand bei strahlendem Sonnenschein am Nachmittag statt, Laurie Anderson trug einen kleinen Hut und verwandelte sich, während sie sprach, in ein junges Mädchen, wie es immer geschieht, wenn sie über ihre Kunst redet.

„Dies ist eine neue Art von Kino“, sagte sie. „Wohin damit? Es findet keinen Platz in einer Box, wie es das Kino ist. Es ist eine Kunst, in die wir hineingehen werden. Wie auch in die Musik.“ Während im Festivalpalast kurz darauf alle von lebendiger Anwesenheit an einem Ort sprachen, sagte Laurie Anderson: „Jeder erlebt in diesem neuen Kino etwas anderes allein.“ „Falling Off Snow Mountain“ heißt die Installation, die eine ganz andere Art von Zukunft fürs Kino verspricht als wir es kennen. Laurie Anderson will fliegen, wie in ihren Träumen. Wie Angès Varda. Ich werde mehr von diesen VR-Stücken erzählen, morgen und immer, wenn das alte Kino dafür Platz und Zeit läßt.

15. Mai. 2019
von Verena Lueken

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06. Mai. 2019
von F.A.Z. - Feuilleton

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Die 72. Filmfestspiele von Cannes

Mit Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, Ken Loach, den Dardenne-Brüdern und Terrence Malick gehen 2019 einige prominente Namen in das Rennen um die Goldene Palme von Cannes, das stand lange fest. Anfang Mai kam noch ein großer dazu: Auch der amerikanische Regisseur Quentin Tarantino („Pulp Fiction“) will seinen neuen Film „Once Upon a Time in Hollywood“ (Es war einmal in Hollywood) im Wettbewerb des Filmfestivals präsentieren. Das Drama mit Leonardo DiCaprio, Margot Robbie und Brad Pittsoll im Los Angeles der späten sechziger Jahre zwischen Hippie-Bewegung und den Morden der Sekte um Charles Manson spielen.

Das Festival wird am 14. Mai eröffnet werden. Präsident der Jury der 72. Internationalen Filmfestspiele ist der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu. Er übernimmt den Vorsitz von Cate Blanchett, die das Festival 2018 geleitet hatte. Der französische Schauspieler Alain Delon, der mit Filmen wie „Der eiskalte Engel“ und „Der Leopard“ Weltruhm erlangte, erhält die goldene Ehrenpalme. Die Festspiele dauern bis zum 25. Mai. In diesem Blog wird Verena Lueken aus Cannes berichten.


Margot Robbie in Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ 

06. Mai. 2019
von F.A.Z. - Feuilleton

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17. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Tempel zur Reinigung

„Long live the struggle of the Sudanese people!” Der Kampfruf von Suhaib Gasmelbari verlieh der Preisverleihung bei der Berlinale am Samstagabend eine unvermutete politische Dimension. 1700 Gäste waren gekommen, es wäre spannend gewesen, hätte man eine kleine Umfrage abhalten können: Haben Sie in den letzten Wochen vom Kampf des sudanesischen Volkes Notiz genommen? Es gab durchaus Berichte in den Zeitungen, aber so richtig Schlagzeilen machen Demonstrationen für eine bessere Regierung in einem afrikanischen Land nicht. Der Film, für den Suhaib Gasmelbari mit dem Glashütte-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde, heißt „Talking About Trees“, er erzählt von vier Veteranen des Kulturbetriebs im Sudan, und von der Tatsache, dass man von einem Kulturbetrieb nicht wirklich sprechen kann. Das hat historische und politische Gründe, die Protagonisten sind alle alt genug, um viele von diesen Gründen quasi am eigenen Leib erfahren zu haben.

Die Berlinale ging als Fest der Freundschaft zu Ende. Früher sprach man von Völkerfreundschaft, und zwei Systeme versuchten, einander wechselseitig die Völker abspenstig zu machen. Heute kommen bei einem kulturellen Großereignis im Westen alle Völker zusammen: Suhaib Gasmelbari hat eine französische Produzentin, Angela Schanelec hat einen serbischen Kameramann, der Argentinier Manuel Abramovich (Silberner Bär der Kurzfilmjury für „Blue Boy“) hat einen rumänischen Creative Producer, und der israelische Regisseur Nadav Lapid hat einen tunesisch-französischen und einen Schweizer Produzenten, und er hat seinen Film „Synonymes“ in Paris gedreht.

Manuel Abramovich und Bogdan Georgescu

Am Ende des Abends gab es für „Synonymes“ den Goldenen Bären für den besten Film. Das war dann zu diesem Zeitpunkt schon keine Überraschung mehr. Die Verleihung der Bären folgt einem Protokoll, sie soll spannend sein, aber ein bisschen Planung muss auch sein. So kann man im Grunde schon beim Vorlauf am roten Teppich erkennen, die sich der Abend entwickeln könnte. Der goldene Handschuh war zum Beispiel schon draußen vor der Tür nicht eben stark repräsentiert, Fatih Akin wurde nicht gesichtet, Jonas Dassler immerhin kam. Die beiden deutschen Vertreterinnen im Wettbewerb waren beide mit Entourage erschienen: Nora Fingscheidt und Angela Schanelec. Beide erhielten einen wichtigen Preis, Schanelec für die beste Regie (Silberner Bär für „Ich war zuhause, aber“), Fingscheidt den Alfred-Bauer-Award für einen Film, der künstlerische Perspektiven eröffnet („Systemsprenger“).

In dem Moment, in dem diese beiden Preise durch waren, muss Nadav Lapid gewusst haben, dass er nun Favorit auf den Hauptpreis war, und als Francois Ozon für den Großen Preis der Jury (Silberner Bär für „Grace à Dieu“) auf die Bühne gerufen wurde, konnte Lapid innerlich jubeln. Denn nun war nur noch sein Film übrig.

Die Entscheidung für „Synonymes“ ist auch Ausdruck einer Jury-Zusammensetzung, die intellektueller und cinephiler (und sinnvollerweise auch kleiner) war als der übliche Mix aus Funktionen und Regionen: unter dem Vorsitz von Juliette Binoche wurde der Wettbewerb der 69. Berlinale mit plausiblen Entscheidungen abgeschlossen.

Den leidenschaftlichsten Moment gab es allerdings bei einer Entscheidung, die noch im Vorfeld der Bären lag: Der GWFF-Preis für den besten Erstlingsfilm ging an „Oray“ von Mehmet Akif Büyükatalay, eine Auseinandersetzung mit dem Buchstaben islamischer Regeln und dem Geist der freien Zuneigung. Der junge Regisseur dankte seinen zwei Familien (der richtigen in Hagen in NRW, und der Kunstfamilie in Köln an der KHM), und bekannte sich dann zu der Religion, der am Samstagabend gehuldigt wurde: er rief dazu auf, „an das Kino zu glauben“, und brachte sehr unmittelbar zum Ausdruck, wieviel es ihm bedeutete, in diesem „Tempel“ gewürdigt zu werden. „Tempel aber müssen zerstört und neu aufgebaut werden.“

Zu den wichtigsten Errungenschaften der Religion des Kinos zählt der Umstand, dann man damit Tempel einreißen kann, ohne auch nur einem Ziegelstein etwas zuleide zu tun. Das mit dem Aufbauen ist wieder eine andere Sache. Dafür sind im kommenden Jahr bei der Berlinale einige neue Menschen zuständig. Lang lebe in jedem Fall der Kampf des sudanesischen Volkes.

17. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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16. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Das Ende der Geschichte in Zeitlupe

1994 war ich zum ersten Mal bei einer Berlinale. Als Filmkritiker war ich ein Anfänger, als Berlin-Besucher auch. Das Festival fand damals noch im Westen statt, in einem Kudammkino, das es heute nicht mehr gibt, liefen in der Retro die Filme von Erich von Stroheim. Zu den Pressevorführungen des Wettbewerbs musste man in die Akademie der Künste am Hanseatenweg. Das Forum fand im Delphi statt, das ist bis heute so, allerdings war das Arsenal, zu dem das Forum gewissermaßen gehörte, noch unweit des KaDeWes und nicht, wie heute, in den Quartieren am Potsdamer Platz.

Im Delphi fand 1994 der Höhepunkt meiner Initiation in die Welt der großen Filmfestivals statt. Die Vorführung von „Sátántangó“ begann schon am Nachmittag. Siebeneinhalb Stunden mit einem ungarischen Film in Schwarzweiß, der jeden Unterschied zwischen kommunistischer und postkommunistischer Apokalyptik belanglos werden ließ. Ein Film in Zeitlupe über das Ende der Geschichte.

Ich war von der ersten Szene an, in der eigentlich nur Pferde unruhig herumlaufen, gebannt, musste aber irgendwann raus. Ein Interview mit dem australischen Regisseur Peter Weir stand auf dem Programm, das war der andere Höhepunkt in diesem Jahr, einen Begegnung mit dem Mann, der „Picknick am Valentinstag“ gemacht hatte, und nun mit „Fearless“ bei der Berlinale zu Gast war. Jeff Bridges spielte einen Mann, der einen Flugzeugabsturz überlebt, danach aber nicht mehr derselbe ist. Peter Weir erwies sich als höflicher, kluger Mann, das Interview lief gut.

Danach eilte ich ins Delphi zurück. Ich erinnere mich nicht, wie „Sátántangó“ ausging, um ehrlich zu sein, könnte ich nicht einmal mehr mit Sicherheit sagen, dass ich danach bis zum Schluss geblieben bin. Die zwei Stunden, die mir zwischendurch fehlten, ließen sich an diesem Tag sowieso nicht mehr aufholen.

Vielleicht fünfzehn Jahre später wollte ich mit „Sátántangó“ noch einmal Ernst machen. Und zwar dieses Mal wirklich. Ich las das Buch von László Krasznahorkai, besorgte mir die DVD – inzwischen war das Zeitalter der Beamer angebrochen – und machte mich voller Erwartung an die Arbeit. Über ein Wochenende verteilt wollte ich die 450 Minuten Schwarzweißaufnahmen aus einem verregneten ungarischen Provinzkaff endlich vollständig schauen.

Aber es ist wie verhext: ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, ob ich das damals geschafft habe. In dem Buch steckt ein Lesezeichen eher in der Mitte, danach sind keine Unterstreichungen mehr. Jetzt weiß ich nicht, ob ich die abgebrochene Lektüre auf den Film projiziere, oder die Ereignislosigkeit des Films auf meine Erlebnisse damit, oder vielleicht passiert ja sogar eine Menge, und ich habe es vergessen – oder doch nie gesehen. Dass es sich bei „Sátántangó“ um einen Höhepunkt der Filmgeschichte handelt, kann ich, glaube ich, in jedem Fall, vertreten.

Heute Nachmittag lief eine digital restaurierte Fassung. Eigentlich hätte ich da unbedingt hin gemusst. Allerdings möchte ich um halb sieben zum Fußball. Jetzt bin ich unschlüssig: vielleicht heute nur den halben Film anschauen? Wenn ich um neun aus dem Olympiastadion ins Delphi zurückkomme, dann könnte ich in jedem Fall den Schluss sehen. Aber dann fehlt mir wieder gerade der Teil, der damals wegen des Interviews ausfiel. Ich seh’s schon, das wird noch eine Lebensaufgabe mit „Sátántangó“. Vielleicht lese ich jetzt erst mal das Buch zu Ende. Und zwar am besten noch mal von Anfang an.

16. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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15. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Seidenstraßensperren

Seit gestern gibt es auf der Berlinale einen Favoriten für den Goldenen Bären: „So Long, My Son“ ist ein bitteres Epos über die Geschichte der Volksrepublik. Der dreistündige Film hat nebenbei auch den ganzen Tag hindurch den Tratsch über die Absage von Zhang Yimou beflügelt. Denn heute sollte ja noch ein Film aus China laufen: „One Second“ wurde kurzfristig wegen „Problemen bei der Postproduktion“ zurückgezogen. Das Festival hat damit Gesprächsstoff bekommen. Die naheliegende Frage wäre: Wenn „One Second“ tatsächlich, wie manche mutmaßen, in Wahrheit aus politischen Gründen zurückgehalten wurde, wegen des heiklen Themas der Kulturrevolution, wie konnte „So Long, My Son“ dann die Freigabe bekommen? Denn in diesem Film türmen sich die Probleme mit dem brutalen Eingriff des Staates in die Leben der Menschen ja noch viel deutlicher auf, als bei Zhang Yimou, über dessen Film bisher nur spekuliert werden kann? Reicht es da wirklich, dass Wang Xiaoshuai letzlich alles auf einen östlichen Stoizismus hinauslaufen lässt, um das fragile Verhältnis zwischen Gegenwart und Geschichte ins Lot zu bringen?

Die zweite Hälfte der Berlinale stand für mich nicht nur dieser Fragen wegen im Zeichen der Diplomatie. Mitte der Woche hatte ich eine Einladung aus der Botschaft von Usbekistan erhalten: Der Delegationsleiter der Uzbekkino National Agency auf dem European Film Market stünde zu einem Gespräch zur Verfügung. Usbekistan hat keinen Film auf dieser Berlinale, trotzdem fand ich diese Sache interessant. Denn das zentralasiatische Land öffnet sich gerade ein wenig nach langen Jahren despotischer Herrschaft. Ich vereinbarte einen Termin. Als ich tags darauf um die Mittagszeit zu dem Stand des Filmlandes Usbekistan im Gropiusbau kam, war der besagte Delegationsleiter bereits abgereist, wurde aber hochrangig vertreten durch Mukhlisa Azizova, Chairman of Uzbekistan National Film Commission. Bald stellte sich heraus, dass sie auch Regisseurin des Films ist, mit dem Usbekistan auf dem European Film Market besonders wirbt: „Scorpion“.

Usbekistan ist ein muslimisch geprägtes Land, das nun auf den westlichen Filmmärkten vor allem eines sein will: modern. Ich unterhielt mich mit dem weiblichen Chairman eine Weile über staatliche Subventionen, Märkte und kulturelle Fragen. Dann bedankte ich mich für das Gespräch, zum Abschied erhielt ich eine Tasche, und das Versprechen, mir Links zu usbekischen Filmen zuzuschicken. Diese Streams sind bisher nicht eingetroffen, ich habe mir aber in jedem Fall vorgenommen, „Scorpion“ dieses Jahr noch irgendwo zu sehen. Auf Instagram, wo Frau Azizova fast 9000 Follower hat, kann man sehen, dass sie inzwischen in Hamburg ist. Ein anderes Bild deutet an, dass die Zeit in Berlin erfolgreich war.

Der Abstecher nach Usbekistan hätte ich wahrscheinlich nicht gemacht, hätte sich nicht ein kleiner geopolitischer Schwerpunkt in meinen Berlinale-Interessen ergeben: von meiner Begegnung mit Mariam Ghani habe ich bereits berichtet. Und dann war da noch dieser Film in der Reihe Generation Kplus: „Di yi ci de li bie“ von Wang Lina. Da hatte mich vor allem die Inhaltsangabe neugierig gemacht: ein Kinderfilm über die Kultur der Uiguren in China.

Die Regisseurin stand für Interviews zur Verfügung, ich bekundete mein Interesse. Und dann begannen die Verhandlungen: ich dürfte alles fragen, außer über Politik. Mich interessierte aber in erster Linie die Politik. Allerdings nicht in dem Sinn, wie es die Produzenten von „A First Farewell“ offensichtlich befürchteten. Ich wollte nicht über Umerziehungslager in Xinjiang sprechen. Ich wollte verstehen, zu welchen Bedingungen eine chinesische Regisseurin dieses heikle Thema kultureller Differenz in der Volksrepublik überhaupt behandeln darf.

Die Antwort ist ganz einfach: es wird universalisiert. Wang Lina stammt selbst aus der Gegend. Wenn am Ende der kleine Held ihres Film weiter die Schafe hütet, während die Töchter einer Nachbarsfamilie in die Stadt in eine Mandarin-Schule müssen, dann geht es nicht um unterschiedliche Wege auf dem chinesischen Weg in die Moderne, sondern um die alte Frage zwischen einer agrarischen und einer urbanen Kultur. „A First Farewell“ entspricht voll und ganz offiziellen chinesischen Lesarten des Konflikts in Xinjiang. Trotzdem fühlen sich die Produzenten bemüßigt, die Regisseurin zu „schützen“ – vor möglichen Rückwirkungen in der chinesischen Filmpolitik, die daraus entstehen könnten, dass ein Journalist in Deutschland zu einem anscheinend vollkommen harmlosen Kinderfilm die falschen Fragen stellt. Ganz am Rande der Berlinale habe ich da also noch ein Beispiel für die spezielle Diplomatie erlebt, mit der die Volksrepublik dem Austausch von Bildern die Bedingungen diktiert.

Zum Abschied frage ich Wang Lina noch nach ihren Lieblingsregisseuren. Sie nennt Nuri Bilge Ceylan aus der Türkei. „Der wilde Birnenbaum“ war letztes Jahr auch einer meiner Favoriten. Wir treffen uns also irgendwo in der Mitte der Kulturen, die in Zentralasien einmal zusammenkamen. Heute treffen sie dort wieder aufeinander. Ich hoffe, der Link zu „Scorpion“ kommt bald.

Wang Lina

15. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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14. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Familiengeschichten

Im Jahr 1978 wird in Afghanistan ein Film über die Revolution im Jahr 1978 gedreht. Man könnte von einer ergebnisoffenen Erzählung sprechen: Kommunisten übernehmen in einem Staatsstreich die Macht, danach zerstreiten sich die Kommunisten, einer von ihnen, Hafizullah Amin, setzt sich (in einem „Coup im Coup“) durch, und beginnt dann gleich, sich in die Produktion von „The April Revolution“ einzumischen. Der Film soll nun seine Version erzählen, worauf das Team einen naheliegenden Vorschlag macht: dann soll er eben selbst mitspielen, der neue Präsident. So kam es, dass von Hafizullah Amin ein paar denkwürdige Meter Filmgeschichte überliefert sind. Er starb wenig später kurz vor Jahresende 1979, im Zuge des Einmarsches sowjetischer Truppen in Afghanistan.

„What We Left Unfinished“ von Mariam Ghani

„The April Revolution“ ist Fragment geblieben, ein Zeugnis für die vielen Unterbrechungen und Umbrüche in der Geschichte des Landes. Die Künstlerin Mariam Ghani beschäftigt sich seit längerer Zeit mit den Überresten der Filmproduktion aus dem Jahrzehnt, in dem Afghanistan unter kommunistischer Herrschaft war, während die USA muslimische Fundamentalisten dafür bezahlten, diese Herrschaft anzugreifen. Daraus wurde ein langer Bürgerkrieg. 1996 übernahmen die Taliban die Macht in Kabul, und vernichteten nebenbei auch einen Großteil der Filmbestände der Behörde Afghan Films. Was davon verschont blieb (unter anderem deswegen, weil eine geheimnisvolle Figur aus den Reihen der Taliban sich, gegen die strenge Ideologie seiner Gruppe, für das Kino interessierte), bildet nun die Grundlage für „What We Left Unfinished“ (Forum).

Mariam Ghani

Am Mittwoch saß ich Mariam Ghani in einer Interview-Lounge im Berlinale-Palast gegenüber. Für unser Gespräch war eine halbe Stunde reserviert. Ich hatte mich vorbereitet, natürlich den Film gesehen, ihre Webseite studiert, und über sie gelesen. Dabei entging mir ein wichtiges Detail, das mir erst während des Gesprächs dämmerte: als sie von ihrer Familie erzählte, von ihrer Kindheit in Amerika, von ihrem Vater, da erinnerte ich mich an eine große, enorm spannende Geschichte, die ich 2016 im New Yorker über den Präsidenten von Afghanistan gelesen hatte. Der heißt doch …

Die Sache war mir zu heikel, um sie während des Interviews direkt anzusprechen, denn ich hatte ja ein Band mitlaufen, und ich hoffte, die Aufzeichnung auch als Audio-Dokument verwenden zu können.

Nachdem ich das Telefon ausgeschaltet hatte, fragte ich Mariam Ghani: „Der Präsident von Afghanistan heißt, wenn ich mich nicht täusche, Aschraf Ghani. Besteht eine Verwandtschaft?“ „Er ist mein Vater“, sagte sie.

Das Gespräch mit Mariam Ghani als Audio (in Englisch)


14. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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13. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Intelligenz und Intuition

Am Dienstag lief mit „Ich war zuhause, aber“ von Angela Schanelec der dritte deutsche Beitrag im Wettbewerb. Ich habe im Lauf der Jahre mehrfach ausführlich mit der Regisseurin über ihre Filme gesprochen. Dabei brauchen wir immer ein bisschen, bis wir ins Gespräch kommen. Denn mit den üblichen Fragen („Warum haben Sie das gemacht?“, „Was haben Sie sich dabei gedacht?“) kommt man bei Angela Schanelec nicht weit. Sie meint, und mit Recht, dass die Filme eigentlich schon die Antwort sind. Trotzdem gibt es natürlich eine Menge, was sich explizieren lässt. Manches wird schriftlich ergänzt, und so habe ich schließlich ein Protokoll einer Reflexion, die vielleicht doch ein wenig helfen kann, zu „Ich war zuhause, aber“ einige Verständnishorizonte zu öffnen.

Angela Schanelec

Der Titel

Der Titel war das erste, was ich geschrieben habe. Wahrscheinlich hatte ich dadurch das Gefühl, an meinem eigenen Film „Ich bin den Sommer über in Berlin geblieben“ (1994) weiter zu schreiben, und dann war da natürlich der Titel des Films von Yasujiro Ozu: „Ich wurde geboren, aber“ . Ich glaube, das ist der schönste Titel, den man sich vorstellen kann. Bei Ozu geht es um das Bild, das sich die Söhne von ihrem Vater machen, und dieses Bild ist bei mir eine Leerstelle. Und darum kreist der Film, nicht nur, aber auch.

Die Idee

Es hat angefangen mit der Geschichte des Jungen, der nicht mehr da ist beziehungsweise der auftaucht, nachdem er nicht mehr da war, und der nicht einzuschätzen ist, in den man nicht dringen kann, der sich ganz unabhängig bewegt. Im Grunde wie ein Erwachsener, oder wie der Vater, den er nicht mehr hat. Aber er ist erst 13. Und was bedeutet das dann für die Anderen, was bedeutet das für seine Mutter. Das hat mit Nachmittag angefangen, dass ich versuche, etwas über das Verhältnis Mutter und Sohn rauszufinden.

Das lange Gespräch mit dem Filmemacher

Ich finde es schön, eine Schauspielerin sagen zu lassen, dass das Spiel immer Lüge ist.

Hamlet

Bei Hamlet gibt es auch das Verschwinden des Vaters. Ich weiß aber gar nicht, ob dieser Inhalt so den Ausschlag gegeben hat. Hamlet ist verzweifelt und auf sehr schmerzhafte Weise bei Verstand. Da ist etwas Körperliches, was mich beim Übersetzen zu dieser Figur hingezogen hat wie zu einem Menschen, den man sehr gerne verstehen möchte, aber man kann es nicht, und die Empfindung dieser Lücke, dieses Versagens, von der kann man sich nicht mehr befreien. Es ist das Bedürfnis, den Anderen erfassen zu wollen. Und natürlich ist es schmerzlich, wenn er dann geht. Und ebenso schmerzlich ist es, Ich spreche von der Liebe zwischen Mann und Frau, wenn diese Lücke geschlossen wird, und die Liebe damit endet. Ich glaube, das ist von Marguerite Duras, es ist jedenfalls nicht von mir: die eigentliche Liebe, die wirkliche, entscheidende Liebe, in der man gibt ohne zu nehmen, das ist die zwischen Mutter und Kind.

Verstehen

Ich glaube auch, dass das, was wir mit Verstehen meinen, völlig überbewertet ist. Es gibt das Verständnis, aber es gibt auch das Missverständnis, aus dem etwas entstehen kann, was dann existiert und wahr ist. Wir aber wollen immer verstehen, und weil es so überbewertet ist, verlässt man sich darauf, aber im nächsten Moment ist es nicht mehr existent und man weiß nicht mehr, wieso man glaubte, sich darauf verlassen zu können. Jemanden zu verstehen hat eine große Kraft, aber nur für einen Moment. Der Wert dieses Moments ist nicht zu messen und unwiderruflich, aber es ist ein Moment. Es ist sinnlos, zu bedauern, dass er vergeht. Woran also halten wir uns fest?

Kindertheater

Mein Bedürfnis, Hamlet mit Kindern zu machen, hat mit der Sprache zu tun. Sie die Sätze sagen zu lassen. Dahinter steht die Frage, inwieweit Spielen bedeutet, etwas zu sagen, in einer Sprache, die bereits Ausdruck ist – was heißt das überhaupt? Dialog müsste doch eigentlich Zurückkehren zum Sagen sein. Und können wir herausfinden, ob das so ist, indem wir die Sätze einen 13 Jährigen sagen lassen? Die Kinder spielen in genau dem Maße, in dem es ihnen passiert, zu spielen. Sie nehmen sich nichts vor, weil was sie sagen, viel zu weit weg ist von ihnen. Das, was sonst verdeckt ist durch das „Schauspiel“, liegt jetzt offen.

Ideen

Es gibt nicht Ideen hinter etwas. Man schreibt eine Szene und dann sucht man den Ort dafür. Ich schaue mich um, in dem Fall mit dem Kameramann, und wir sprechen darüber: Kann es dieser Ort sein? Spielfilm bedeutet ja eigentlich nur, etwas passieren zu lassen, was sonst nicht passieren würde.

Der Kameramann Ivan Markovic

Ivan Markovic ist jung. Ich habe zwei seiner Kurzfilme gesehen, und dann auch einen langen Film, „All the cities of the north“ von Dane Komljen. Er zeigt jetzt auch einen eigenen Film im Forum. Über ihn kam es am Ende auch zu der Koproduktion mit Serbien. Die ganze Zusammenarbeit war ein Glücksfall.

Kinderwunsch

Wenn es eine Mutter gibt, ist immer das Gegenbild auch präsent: eine Frau, die kein Kind haben möchte. Natürlich ist das eine interessante Frage, die ich nicht erschöpfend erörtern kann – deswegen mache ich einen Film darüber: Warum pflanzen wir uns überhaupt fort? Klar, darauf gibt es eine Antwort, aber was ist die Ausprägung heute, in dieser Welt? Womit ist man konfrontiert, wenn man sich diese Frage stellt?

Lehrer

Ich habe nie Lehrer gesehen, die sich so verhalten, aber ich fände es interessant, wenn sie sich so verhalten würden. Ich glaube, dann würde mehr zum Ausdruck kommen von ihrer Situation und Befindlichkeit, als wenn sie das ständig zudecken. Diese Umkehrung: die Kinder sind die Weisen und die Lehrer sind die Hilflosen, gibt es immer wieder in diesem Film.

Die Hauptdarstellerin Maren Eggert

Die Verbindung zwischen Intelligenz und Intuition ist bei Maren eins. Sie begreift, und das führt aber nicht zu einer Überlegung, sondern zu einer Handlung Die Handlung kann auch Sprechen sein. Ich finde sie sehr schön, ich habe Lust, sie zu fotografieren. Ihre Größe.

Tiere

Ich dachte an die Bremer Stadtmusikanten. Das Märchen handelt von Tieren, die von Menschen nicht mehr gebraucht werden, und die sich zusammentun und in ein Haus ziehen und in der Gemeinschaft nicht zu überwältigen sind, sondern stark.

Publikum

Man wirft mir manchmal vor, ich würde etwas verweigern, aber ich verweigere nichts.

13. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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12. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Unterricht in Utopie

Szene aus „One Second“

Wann muss ein Film eigentlich fertig sein, damit die Berlinale ihn zeigen kann? Manchmal wird buchstäblich bis zur letzten Minute an Details gearbeitet, hier noch ein Stück Ton hinzugefügt, dort noch die Lichtbestimmung optimiert. Dass die Postproduktion aber noch im Gange ist, während das Festival schon läuft, das ist dann doch ein bisschen sehr auf Kante genäht. Gestern wurde jedenfalls bekannt gegeben, dass „One Second“ von Zhang Yimou „aufgrund von technischen Problemen bei der Post-Production“ aus dem Wettbewerb zurückgezogen wurde. Damit sind nur noch 16 Filme in der Konkurrenz um den Goldenen Bären. „One Second“ wäre der letzte Beitrag im Wettbewerb gewesen, das kann man möglicherweise als einen Hinweis darauf sehen, dass da von vornherein eine äußerst knappe Zeitkalkulation vorlag.

Gestern Abend habe ich im Forum einen Film gesehen, der mit Sicherheit zu den aktuellsten im diesjährigen Programm zu zählen ist: „Nos défaites“ von Jean-Gabriel Périot wurde im Mai und Juni 2018 gedreht, im Dezember wurde dann aber noch eine längere Passage hinzugefügt, und damit gibt es nun aus Frankreich einen Debattenbeitrag, bei dem man fast noch die Druckerschwärze riechen kann. Das ist nun zwar ein Bild, das gar nicht in die digitale Welt passt, das aber daran erinnert, dass das Kino auch einmal so etwas wie ein Flugblattmedium sein sollte – also das Gegenteil des schwerfälligen Apparats, den man normalerweise damit verbindet.

Périot hat in der Pariser Vorstadt Ivry-sur-Seine mit einer Schulklasse gearbeitet, die sich für das Wahlfach Kino zusammengefunden hatte. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren zum Zeitpunkt der Dreharbeiten um die 16 Jahre alt. Sie nahmen sich gemeinsam Filme aus der Zeit um 1968 vor, also just aus der Zeit, in der das Kino als revolutionäres Medium seine langwierigen Produktionsrhythmen aufgeben sollte, und schnelle Interventionen in die Arbeitskämpfe versuchte. Selbst in dieser intensiven Phase der Agitation vergaßen die französischen Filmemacher aber nicht auf die Bedeutung von Kultur. So stammt aus dieser Zeit auch eine Szene, in der ein Mädchen einem Jungen ein Gedicht von Heine vorliest, das einen Horizont für ein neues Zeitalter öffnet.

Heine heißt in Frankreich „Ein“, man muss sich davor eines dieser Häkchen als Lautzeichen denken, über das wir uns im Kindesalter beim Asterix-Lesen abgehaut haben – oder eben abgeaut! Périot dreht mit den jungen Leuten also Revolutionsfilme nach, dazwischen stellt er Fragen: „Ce quoi le politique pour toi?“ „Was ist eine Klasse?“ „Was ist eine Gewerkschaft?“ Die Antworten sind enorm interessant, denn man sieht in diesem Moment politischen Subjekten dabei zu, wie sie sich konstituieren. Eines der Mädchen wirkt anfangs ein wenig unbedarft, entwickelt dann aber einen Begriff von Politik, der so überraschend und auch systematisch ist, dass man aus dem Staunen kaum mehr herauskommt.

„Nos défaites“ hat dann eben im letzten Moment noch einen Nachspann bekommen, der sich mit den Protesten in Frankreich beschäftigt. Die „Gelben Westen“ forderten Macron heraus, die Proteste der „élèves“ in den „lycées“ wurden daneben meist nur beiläufig erwähnt. Die Stimme der Heranwachsenden zählt eben nicht so richtig. In „Nos défaites“ zählt sie.

Ich hatte kurz vor Beginn des Films die Pressemitteilung über Zhang Yimou gelesen, und dachte dann zwischendurch mehrfach daran, wie „Nos défaites“ sich im Wettbewerb der Berlinale machen würde. Eine „wild card“ im besten Sinn, eine Alternative zu dem doch recht gleichförmigen Ablauf aus mittelmäßigen Qualitätskinobemühungen, die in Berlin dominieren. Es wäre ein utopischer Akzent, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Jugendlichen in dem Film sich für das Kino auch in praktischer Hinsicht interessieren: manche von ihnen würden gern einmal in diesem Bereich arbeiten. Das Schlimmste, was man ihnen vor dem Hintergrund ihrer derzeitigen Träume prophezeien könnte, wäre im Grunde, dass sie in dem Kino Karriere machen, das derzeit in Europa dominiert. Da müsste man dann einer neuen Generation die Revolutionsfrage stellen.

12. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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11. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Langsame Erlösung

Es ist noch gar nicht so lange her, da war dauernd von 1968 die Rede. Das hatte mit dem runden Geburtstag des globalen Revoltenjahrs zu tun. Das nächste Jahr mit einem ähnlichen Bedeutungsstatus wäre dann 1979, und tatsächlich kann man derzeit vielerorts lesen, welche Weichen für die Gegenwart damals gestellt wurden. Ein Jahr nach 1979 wurde die Berlinale-Sektion Panorama gegründet, die dieses Jahr also 40 wird. Den Rückblick auf die „Seele des Programms“, den Wieland Speck kuratiert hat, kann man sich durchaus nicht nur mit filmhistorischem, sondern auch mit allgemeinhistorischem Interesse ansehen.

Mit dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan begann 1979, wie man heute meint, die letzte Phase des Zerfallsprozesses der kommunistischen Regimes. Was daraus hervorging, beschäftigt die Welt bis heute. Einen denkbaren, anderen Verlauf vor allem für Russland kann man sich vielleicht erträumen, wenn man „100 Tage, Genosse Soldat“ (1990) von Khusein Erkenov sieht, einen lyrischen Film über eine Gruppe von Angehörigen der Sowjetarmee. Das homosoziale bis offen homosexuelle Milieu beim Militär könnte man im heutigen Russland nicht mehr so zeigen, ohne einen Aufschrei der nationalen Gruppen zu provozieren. Erkenov ging es aber offensichtlich nicht nur darum, die Schönheit von jungen Männern aus dem Volk in Uniform mystisch zu überhöhen, er hatte auch eine Idee von Mutterland, in das die Soldaten auf ihren Kurzurlauben immer wieder zurückkehren.  Für einen kurzen historischen Moment, den „100 Tage, Genosse Soldat“ einfängt, war ein anderes Russland denkbar, ein Russland auch mit einer anderen Männlichkeitskultur, in der die sadistischen Rituale beim Militär in elegischen Rückblenden und assoziativen Schnitten ins Leere laufen.

„Sto dnei do prikaza“ („100 Tage, Genosse Soldat“, 1990) von Khusein Erkenov

Als Wieland Speck den Film von Erkenov seinerzeit für das Panorama sichtete, mag er auch an seinen eigenen Kurzfilm „Das Geräusch rascher Erlösung“ aus dem Jahr 1983, der ebenfalls in der Auswahl zu der „Seele des Programms“ gezeigt wird: ein Traumstück um zwei Schwule, die einander im richtigen Leben verfehlen (obwohl sie Telefonnummern ausgetauscht haben), die aber in einer fantasierten Szene zusammenfinden. Burt Lancaster geistert als Kasernenoberster durch die Bilder, eine Gänse rupfende Carmen wird selbstverständlich von einem Mann gespielt, die Ruinenlandschaften rund um Berlin lassen schon an den weiten Osten denken, der sich bald darauf mit dem Fall der Mauer öffnen sollte – und aus dem dann Erkenov und andere kamen.

Von den vielen Filmen zum Thema Aids, die das Panorama im Lauf der vierzig Jahren gezeigt hat, ist wahrscheinlich „Wilde Nächte“ von Cyril Collard einer der bekanntesten. Dazu haben auch die äußeren Umstände beigetragen: Collard verfilmte weitgehend seine eigenen Erfahrungen mit einer HIV-Infektion, er machte sein Aufbegehren gegen die Notwendigkeiten von „safer sex“ und letztlich sein eigenes Sterben in einen Film ein, der mit großem Pathos gegen die Regeln verstieß, die zur Bekämpfung von Aids aufgerichtet wurden.

Der Riss, der damals durch die schwulen Communities ging, ist an einem der unbekannteren Beiträge im Panorama 40-Programm gut zu ersehen: In „Buddies“ (1985) von Arthur J. Bressan übernimmt ein junger Mann namens David die Aufgabe, regelmäßig den Patienten Robert zu besuchen. David, der nicht infiziert ist, ist anfangs abgestoßen, gar nicht wegen der Krankheit, sondern weil Robert ein paar Mal respektlose Bemerkungen macht. „Buddies“ lässt aus dieser Zweierkonstellation ein komplexes Bild der schwulen Kultur in Amerika seit den späten 1970er Jahren entstehen. Der Vorspann ist erschütternd: aus einem Nadeldrucker kommt ein schier endloses Dokument mit Namen (aus New York), denen allen zwei Informationen zugeordnet sind: „deceased“, gestorben, und „AIDS“. Die „Seele des Programms“ von 40 Jahren Panorama ist immer wieder so schmerzvoll wie die Geschichte, die das Festival umgab.

„Buddies“ (1985) von Arthur Bressan Jr.

11. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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1948

     

10. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Pioniere in Neustadt

Die Berlinale geht in ihren vierten Tag. Ich habe inzwischen hinreichend Filme gesehen, um hier einmal drei hervorzuheben – aus den Reihen neben dem Wettbewerb. Die genannten Filme sind noch in weiteren Vorführungen zu sehen.

„Temblores“ von Jayro Bustamante (Panorama)

2015 war der Regisseur aus Guatemala mit „Ixcanul“ im Wettbewerb vertreten, und nach „Temblores“ fragt man sich, warum es dieses Mal nur für das Panorama gereicht hat – eine präzise Gesellschaftsstudie aus einem der Länder, gegen die Donald Trump eine Mauer bauen möchte, würde doch gerade der angeblich so „politischen“ Berlinale gut anstehen. Bustamante erzählt von Pablo, einem Mann in mittleren Jahren, verheiratet mit der schönen Isa, zwei Kinder. Pablo verliebt sich in einen Mann, er entdeckt seine Homosexualität, und Bustamante legt anhand dieses Konflikts die Menschenbilder frei, von denen das Leben von privilegierten Menschen in Guatemala geprägt ist. Eine evangelikale Kirche spielt eine bedeutende Rolle, vor allem aber ist alles auf ein Verständnis von Männlichkeit ausgerichtet, dem Pablo sich entzieht. Ironischer Höhepunkt ist ein Moment, in dem Isa der Schwiegermutter eine geläufige psychologische Herleitung für Homosexualität entgegenschleudert: Das eigentliche Motiv für den Machismo wäre demnach ein Madrismo, ein Mutterkult. Bustamante ist aber viel zu klug, und viel zu nuanciert, um Erklärungen zu privilegieren. Sexualität ist für ihn der Schlüssel zu allem.

„Temblores“ („Tremors“) von Jayro Bustamante

„Fortschritt im Tal der Ahungslosen“ von Florian Kunert (Forum)

Neustadt in Sachsen liegt in einem der hintersten Winkel der Republik. In der DDR hieß es von den Bewohnern von Neustadt, sie wären die „Ahnungslosen“, weil Informationen immer ihre Zeit brauchten, um in das enge Tal vorzudringen. Syrische Flüchtlinge kamen 2015 auch nach Neustadt, sie wurden dort in einem ehemaligen Fabriksgebäude untergebracht, man kann nicht wirklich von einem Wohnquartier sprechen, es sei denn, man wollte eine Betonwand unter sich und eine über sich schon als solches bezeichnen. Florian Kunert arrangiert in seinem Dokumentarfilm eine aufschlussreiche Begegung: Pioniere von damals treffen auf Pioniere von heute. In der DDR war die ganze Gesellschaft auf Fortschritt ausgerichtet, in Neustadt sollte ein Kombinat für landwirtschaftliche Großgeräte die Nahrungsmittelproduktion auf amerikanische Dimensionen bringen. Die Pioniere der DDR sind heute im frühen Rentenalter, und bringen den Syrern Deutsch bei. Einer kann sogar Arabisch. Kunert misst verordnete Utopien (Integration, Sozialismus) nicht aneinander, sondern zielt auf einen milden Blick auf schräge historische Analogien. Archivmaterial von einem Staatsbesuch von Hafis al-Assad (dem Vater des heutigen Massenmörders) bei Erich Honecker zählt zu den Höhepunkten des Films: Syrien war auch einmal verordnet progressiv.

„Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“ von Florian Kunert

„Born in Evin“ von Maryam Zaree (Perspektive Deutsches Kino)

Die Schauspielerin Maryam Zaree kennt man aus der Rolle von Kalila, der Ehefrau des Gangsters Tony Hamady in der Serie „4 Blocks“. Sie wurde im Iran geboren, im deutschen Medienorientalismus macht das aber keinen so großen Unterschied. Die näheren Umstände ihrer Geburt hat Maryam Zaree nun mit dem Dokumentarfilm „Born in Evin“ ins Auge gefasst. In dem Wikipedia-Eintrag wird Teheran als Geburtsort genannt. Eine ebenso korrekte wie irreführende Angabe, denn de facto kam Maryam Zaree eben in Evin zur Welt, einem berüchtigen Gefängnis im Norden der iranischen Hauptstadt. Ihre Mutter war zu dieser Zeit, wenige Jahre nach der Revolution von 1979, in Evin inhaftiert, und brachte unter extremen Umständen ihre Tochter zur Welt. Inzwischen leben beide schon lange in Deutschland, die Mutter ist eine erfolgreiche Psychologin, sie hat einen jüdischen Mann, die Tochter ist Schauspielerin. Über die besonderen Umstände der Geburt von Maryam wird nicht gesprochen. Dieses Tabu bricht Maryam Zaree mit den Recherchen, von denen der Film „Born in Evin“ erzählt: im Umrissen wird hier eine Geschichte der iranischen (exilierten) Opposition erkennbar, und man erfährt eine Menge über das grausame Regime im Iran. Im Zentrum steht aber die Beziehung zweier Frauen: Maryam Zaree und ihre Mutter. Für beide wurde Deutschland zu einer neuen Heimat, beide haben dieses Land auf ihre Weise enorm bereichert.

„Born in Evin“ von Maryam Zaree

10. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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09. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Ganz normaler Wahnsinn

Am Freitag habe ich mir eine etwas peinliche Absage eingehandelt. Ich hatte eine Email geschrieben, weil ich mit der Schauspielerin Valerie Pachner sprechen wollte. Nicht lang, vielleicht zehn Minuten, telefonisch hätte gereicht. Ich wollte sie etwas fragen über einen Film, den sie vor zwei Jahren gedreht hat, und der immer noch nicht heraußen ist: „Radegund“ von Terrence Malick. Valerie Pachner ist Österreicherin und spielt dort die Ehefrau des Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter, der 1943 in Berlin ermordet wurde. So eine Email schreibt man natürlich nicht direkt an die Schauspielerin, das geht an eine Agentur, von dort kommt dann irgendwann eine Antwort, aus der man sehr schön herauslesen kann, wie es gerade um die Karriere der Schauspielerin, das berufliche Renommee von einem selbst und das Prestige von dem Medium steht, für das man arbeitet.

Die Antwort von der Agentur von Valerie Pachner war ein wenig peinlich für mich, weil sie einen Grund für eine (immerhin nur vorläufige) Absage enthielt, der mir eigentlich bekannt sein hätte können: Sie spielt die Hauptrolle in „Der Boden unter den Füßen“ von Marie Kreutzer, einem österreichischen Film, der heute im Wettbewerb der Berlinale Premiere hat.

Valerie Pachner in „Der Boden unter den Füßen“

Meine Frage war also ungefähr so passend gewesen, als wollte ich jemand einen Tag vor der Hochzeit etwas nach einer früheren Beziehung fragen. Gänzlich abschreiben muss ich mein Begehr nicht: wenn erst „der ganz normale Wahnsinn um einen Wettbewerbsbeitrag“ bei der Berlinale vorbei wäre, dann könne man noch einmal über ein Telefonat reden, wobei der Umstand, dass Valerie Pachner zur Berlinale von Dreharbeiten zu einem ziemlich großen Mainstream-Film (der neue „Kingsman“) angereist kommt, die Sache nicht unbedingt erleichtert.

Die Sache mit „Radegund“ hat mit der Berlinale direkt gar nichts zu tun. Es ist nur so, dass der Film derzeit als verschollen gelten muss. Das ist bei Terrence Malick nicht so ungewöhnlich, denn der Regisseur gilt selbst auch als verschollen, jedenfalls lässt er sich sehr selten bei offiziellen Anlässen sehen. In Berlin ist er relativ häufig und gern, das gilt als gut verbürgt, bezieht sich aber auf die Privatperson. Da „Radegund“ teilweise in Babelsberg produziert wurde, konnte man mit einer Festivalpremiere bei der Berlinale rechnen. Das dachten wir voriges Jahr, und auch dieses Jahr dachte ich wieder daran, als vor Weihnachten die ersten Filme für die 69. Berlinale genannt wurden. Aber „Radegund“ bleibt verschwunden.

Ein Kollege, den ich neulich nach einer Einschätzung fragte, löste das Mysterium eher profan auf: „Na, dann halt Cannes.“ Aber das muss sich auch erst einmal bestätigen. Inzwischen bin ich mit „Radegund“ schon an einem Punkt, an dem es mir lieber wäre, das Rätsel würde sich vertiefen, und Terrence Malick würde noch lange über seiner mystischen Deutung eines katholischen Antifaschisten aus dem Innviertel brüten.

Währenddessen kann ich auf der Berlinale in den nächsten Tagen meine Augen offenhalten und vielleicht doch die eine oder andere Information über die Dreharbeiten einholen. Ich könnte versuchen, Franz Rogowski zu erwischen, der in dem neuen Film von Angela Schanelec mitspielt („Ich war zuhause, aber“, Wettbewerb).

Franz Rogowski in „Ich war zuhause, aber“

Ich könnte auch nach August Diehl Ausschau halten, der in „Radegund“ die Hauptrolle spielt. Am meisten würde mich ein Hintergrundgespräch mit Ulrich Matthes interessieren, der eine besonders interessante Rolle hat: er spielt Lorenz Schwaninger, den Schwiegervater von Franz Jägerstätter, einen allen Quellen nach hoch anständigen Mann. Wenn ich jetzt an das Management von Ulrich Matthes schreibe, wird es sicher irgendeine wichtige Theaterpremiere geben, die einen „ganz normalen Wahnsinn“ verbreitet, und ich werde mich gedulden müssen.

Ein paar Tage habe ich immerhin noch Zeit, bis dann Cannes die ersten Filme meldet. Nach allem, was ich so höre, sind alle die genannten Schauspieler übrigens genau so gespannt darauf, „Radegund“ endlich zu sehen. Dieter Kosslick könnte ich natürlich auch fragen. Aber der spart sich die Geschichten mit Malick sicher für seine Memoiren auf.

09. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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08. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Nur wegen ihm hier

Wild entschlossen: Anke Engelke und Dieter Kosslick bei der Eröffnung der Berlinale

Gestern musste ich lange über einen Satz von Ange Engelke nachdenken. Deutschlands berühmteste Komödiantin hat einmal mehr die Berlinale-Eröffnung moderiert. Mit Dieter Kosslick bildet sie längst ein eingespieltes Duo, sie hat das Wort, er hat den Applaus, dieses Mal noch ein bisschen mehr, denn es ist ja die letzte Berlinale mit Dieter Kosslick als Direktor. Das konnte Engelke nur mit einer Liebeserklärung bewältigen: „Ich bin nur wegen dir hier.“ Und dann noch eine Absage an einen anderen Mann: „Wegen Lars von Trier bin ich nicht hier.“

Da traf es den Dänen allerdings nur wegen des Reims. Man kann sich vorstellen, wie die Gagschreiber (von denen man sich einmal mehr die berühmte Winnie-Schäfer-Frage stellte, nämlich, was sie eigentlich beruflich machen) an dieser Zeile gebastelt haben. „Wegen Michael Hanecke stell ich dich nicht in die Ecke?“ „Neben Christopher Nolan hat du dich mir empfohlen?“ Da kann man ja gleich nach einem Reim auf Kosslick selbst suchen, oder, weil der Nachname halt sperrig und der Träger ohnehin ein Ranschmeißer ist, auf Dieter.

Sie waren gestern alle nur wegen Dieter hier: die Politiker, die Stars, die deutsche Film- und Kulturprominenz von Maren Kroymann abwärts. Kroymann forderte übrigens eine Beschäftigungsgarantie für Anke Engelke bei der Berlinale. Sie sollte auf den Schreibraum ausgeweitet werden. Und auch für die Modeschöpfer, die sich immer diese Kreationen einfallen lassen – gestern passend zum Streamingthema das Kleid „Kabelsalat“.

Der Satz, von dem ich eingangs sprach, fiel bei der Vorstellung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller. Als Gastgeber darf er immer eine Rede halten, und Engelke kündigte ihn so an: „Ihm haben wir es zu verdanken, dass Serien wie ,4 Blocks‘ nicht nur reine Fiktion sind.“ Hm. „4 Blocks“ ist ja bekanntlich diese Serie über arabische Clans in Neukölln, die megamäßig Schutzgeld und Drogenprofite einfahren, und damit den Berliner Immobilienmarkt erhitzen. Was hat Michael Müller damit zu tun? Gut, der Satz war als Witz gemeint, aber Witze sind ja nur dann richtig gut, wenn in ihnen eine halb verborgene Wahrheit steckt.

Witze sind ja auch häufig ein wenig „kritisch“, wie der gestern gegen die Deutsche Bahn, mit der die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg auch in zehn Tagen zur Abschlusszeremonie noch nicht in Berlin wäre. „Ich bin nur wegen dir nicht hier“, könnte sie dann irgendwo bei einem Halt auf offener Strecke eine kleine Hymne auf das Wort Stellwerkstörung anstimmen („Hinter jeder Stellwerkstörung/eine COhoch2-Verschwörung“, bei COhoch2 müsste man an eine reimtechnische Chiffre für den Begriff Doktormabusige Lobby für die Entschleunigung der deutschen Bemühungen um die Dekarbonisierung von Wirtschaft und Kultur denken). Das wäre aber Populismus, denn die Deutsche Bahn ist besser als ihr Ruf, und sie fährt ja nur bis Flensburg.

Der Witz über Michael Müller lässt sich entweder auf seine Sicherheitspolitik münzen – unter einem anderen Bürgermeister wäre Neukölln nicht mehr länger Vorstadt von Beirut, sondern Vorhut von Prenzlberg, und jede Geschichte über organisiertes Verbrechen mit Migrationshintergrund wäre reine Fiktion. Oder sie lässt sich auf seine Medienpolitik münzen – unter einem anderen Bürgermeister wäre Berlin niemals zu der Hauptstadt der Serienproduktion geworden, und „4 Blocks“ existierte allenfalls als unverkäufliches Drehbuch im Computer eines Autors, der nachmittags in der U-Bahn die Motz verkaufen muss, um abends ein wenig an dem Charakter mit der Raubtierfellunterhose feilen zu können. „4 Blocks“ wäre in dieser Version auch Fiktion, aber anders. Nämlich niemals gemacht worden. Weil niemand daran geglaubt hätte.

Nun glaubt aber alle Welt an „4 Blocks“, und Teile dieser Welt glauben sogar, dass Neukölln so ist wie in „4 Blocks“. Das wäre dann wieder der Müller-Witz auf Ebene eins (Fiktionalität eins, sozusagen). Fiktionalität zwei ist, wenn Filme oder Serien nicht entstehen, und Fiktion eins bleiben.

Anke Engelke hatte dann auch noch über Monika Grütters einen Witz. Sie stellte sie als „Black Panther“ vor, in Anspielung auf einen wichtigen neueren Superheldenfilm. Vielleicht war da „Wonder Woman“ gemeint, der andere wichtige neuere Superheldenfilm, in dem erstmals die Frauen das Kommando bei den Superheldentaten übernommen haben?

Nicht so wichtig. Wegen Lars von Trier war am Donnerstagabend niemand hier, wegen Michael Müller auch nicht, alle waren wegen Anke Engelke hier, die wegen Dieter hier war. Das 69. Kiezvolksfest des Kinos mit dem lustigen Direktor kann hiermit beginnen.

08. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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07. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Das Wetter vor 22 Jahren

Letzte Vorbereitungen: An der Fassade des Zoo-Palastes wird das Logo der Berlinale aufgehängt.

Und nun zum Klima. Heute beginnt die Berlinale, und am Samstag soll es in Berlin 9 Grad haben. Gefühlt immer noch 6. Das sind 16 zu viel. Das A-Festival mit dem roten Schal wurde doch 1977 eigens vom Juni auf den Februar verlegt, wegen der Folklore. Berlin war Frontstadt im Kalten Krieg, da passte es einfach besser, wenn Stars fröstelnd über den Roten Teppich huschten. Lange gehörte es dann zum Identitätskern des Festivals, dass der Berliner Winter hinten raus, also so Mitte Februar, einen Tanz mit dem sibirischen Bären abhielt. Dieser Identitätskern ist inzwischen ungefähr so stabil wie der Eisschild in der Antarktis, von dem kürzlich zu lesen war, dass er Klimakaries hat. Die 69. Berlinale wird warm werden.

Sie hat auch selbst ihren Teil zu dieser Erwärmung beigetragen. Der „carbon footprint“ eines Filmfestivals dieser Dimension dürfte den einer Klimakonferenz zwar nicht erreichen, aber wenn man alle Flugkilometer zusammenrechnet, die für eine Ausgabe der Berlinale so auflaufen, kommt man vermutlich auf das Jahresemissionsbudget eines mittleren Entwicklungslandes. Immerhin muss man Dieter Kosslick zugute halten, dass er in einer Hinsicht früh etwas dagegen getan hat. Ich erinnere mich an eine Vorführung von Pat Garrett & Billy the Kid, dem Western von Sam Peckinpah, in dem Bob Dylan mitspielt. Es muss im Jahr 2004 oder so gewesen sein.

Die Projektion war digital, man sprach damals noch nicht von 2K oder 4k oder 44K, sonst hätte es wohl geheißen: 0,04K. Das Bild war ungefähr so durchschüssig wie die Ozonschicht in den achtziger Jahren. Ich dachte mir damals: das wird noch lange nichts mit diesen immateriellen Bildern. Da hatte ich wohl Murphy und Moore verwechselt. Der eine geht davon aus, dass Unglück sich potenziert, der andere hat eine (nicht im strengen Sinn) vergleichbare Rechnung über Datenkapazitäten angestellt. In geradezu atemberaubenden Tempo hat die Filmindustrie etwas vollzogen, wovon sich die Autoindustrie eine Menge abschauen könnte: heute kommen die Filme aus einer Blackbox namens DCP, wenn nicht überhaupt schon nur noch aus der Leitung.

Für die Flugkilometer bei der Berlinale ist das eine gute Nachricht, denn früher flogen ja nicht nur die Stars, die Agenten, die Kritiker und die Fans nach Berlin, sondern auch viele Tonnen Zelluloid. Ein Überbleibsel dieser alten Technologie könnte man sich heute, wo auf der Berlinale untertags noch nichts los ist, im Silent Green ansehen. Das ist ein Kulturquartier im Wedding, das mit einer imposanten Ausstellungshalle aufgemöbelt wurde, in der am Mittwochabend schon einmal das Forum Expanded eröffnet wurde. Für Dieter Kosslick ist es die letzte Berlinale, er ist auf Abschiedstournee, also ließ er sich auch bei dieser Sektion blicken, die sich nicht zuletzt seinem Expansionskurs für das Festival verdankt: Seit 14 Jahren gibt es diese Abteilung für die Grenzbereiche zwischen Film und Bildender Kunst.

In der diesjährigen Ausstellung des Forum Expanded gibt es jedenfalls eine Installation, die allein schon einen Besuch im Silent Green lohnt: Wosa (Coyote’s Burden Basket) von Heike Baranowsky. Aufnahmen von einem Krater im Death Valley, zwei Filme aus jeweils 2931 Einzelbildern. Ein echtes Filmerlebnis mit 35mm-Kopie, ratterndem Projektor und viel zweiter Natur. Ich habe ein Handyfoto gemacht, um einen vagen Eindruck von dieser Installation zu machen.

Im Ergebnis, also in der Projektion, sieht das dann so aus:

Dieter Kosslick hatte einen naheliegenden Witz ins Silent Green mitgebracht: Er versuchte einen Reim auf Roter Teppich. Der wird am Donnerstagabend erstmals ausgerollt. Vom Wetter reden wir dann erst wieder, wenn es umschlägt.

07. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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05. Feb. 2019
von F.A.Z. - Feuilleton

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Jenseits des Bärenrennens

Projektionen: Szene aus dem Wettbewerbsbeitrag „Yi miao zhong (One Second)“ von Zhang Yimou

Am Donnerstag beginnen die 69. Berliner Filmfestspiele. Insgesamt 17 Filme konkurrieren um den Goldenen und die Silbernen Bären, darunter Fatih Akins „Der Goldene Handschuh“, Lone Scherfigs „The Kindness of Strangers“ oder der chinesische Film „Yi miao zhong“ von Zhang Yimou. Doch die Berlinale besteht nicht nur aus ihrem Wettbewerb. Was es in den Tagen bis zum 17. Februar sonst noch zu erleben und entdecken gibt, davon wird der Filmkritiker Bert Rebhandl in diesem Blog berichten.

05. Feb. 2019
von F.A.Z. - Feuilleton

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07. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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Breitwand, durch den Türspalt gesehen

© picture allianceZhang Yimou (links), der Fachmann für geschmackvoll Übertriebenes, mit den Schauspielern Guan Xiaotong und Kai Zheng bei der Pressevorführung von „Ying“

Die coolste Show (was nicht heißt: der beste Film, gute Filme sind ja noch mehr und anderes als Show) des Festivals hat die Volksrepublik China vorbeigeschickt, schön, schwer, scheppernd und blutig. Es hat sogar der Allerbesten gefallen, die neben mir saß und sonst ja eigentlich nicht dauernd rotes Zeug im Film rumspritzen sehen muss, um sich unterhalten zu fühlen. Aber bei „Ying“, möglicher deutscher Titel: „Schatten“, vom Fachmann für geschmackvoll Übertriebenes Zhang Yimou, wird vor perfekt aufeinander abgestimmten schwarzen, weißen und allenfalls grauen Hintergründen im kühlen Dauerregen um die zu erobernde altchinesische Stadt, die Pläne des Königs, Doppelgängerrätsel, Verrat, den Konkubinenstatus der Königsschwester und das beste Solo auf der Laute gekämpft, dass es nur so ratscht und rasselt, inklusive Regenschirm aus Messern, und die gefährlichsten Blicke werden nicht auf dem Schlachtfeld getauscht, sondern dringen durch Türspaltöffnungen  und betreffen Geheimnisse eher intimer als militärischer Art, von denen letztlich alles abhängt.

Was will man denn sonst noch, als Ausblick darauf, wie das Blockbusterkino aussehen wird, wenn die lieben Chinesen nach dem nächsten großen echten Krieg (oder vielleicht bevorzugterweise: stattdessen) die Weltherrschaft übernehmen? Nichts will man sonst noch, ist doch perfekt. Das Festival selber war natürlich nicht perfekt, aber voll genug mit solchen Momenten, auch kleineren, zum Beispiel bei den Kurzfilmen – wann, wenn nicht auf Festivals, kriegt man denn heute noch Kurzfilme zu sehen? Und wo kommen die guten her, wenn nicht abermals aus China, wie zum Beispiel „Na Li“ (ungefähr: „Da unten“) von Yang Zhengfan, der einfachsten Idee überhaupt: Eine Hausaußenwand mit erleuchteten Fenstern, in einem Raum spielt ein Kind mit Seifenblasen, in einem anderen steigt eine Party, draußen ist es dunkel, dann schreit wer und wir belauschen Leute, die sich darüber unterhalten, ob man nachsehen soll, was unten passiert, oder die Polizei rufen, oder lieber nicht, wir müssen ja morgen alle früh raus. Die reine Wahrheit über Städte von China bis Amerika oder Europa also, und keine ganz angenehme, aber eben deshalb: Spitzenfilm, elf Minuten, alles klar.

Nicht so toll, aber im Wettbewerb: „Capri-Revolution“ von Mario Martone, eine endlose Hippie-Nackthopserei mit historischem Kostümkram, in der ein Malerjesus einer Ziegenhirtin das Fliegen beibringt, hoffentlich kommt das bald ins deutsche Kino, damit man es nicht besprechen und auch sonst komplett ignorieren kann, vielleicht reicht das als kleine Strafe für Herrn Martone. Bestraft wurde auch der Schwachsinnige, der nach der Pressevorführung von Jennifer Kents „Nightingale“, einer auf historischen Recherchen beruhenden Vergewaltigungs- und Rache-Geschichte aus dem kolonialen Australien, als die strafgefangenen Weißen dort sozial unter den Militärs, aber über den Ureinwohnern standen, bei der Einblendung des Namens der Regisseurin laut auf italienisch „Hure“ in den Saal gebrüllt hat. „Nightingale“ ist nicht nur ein Film von einer Frau, der einzige im Wettbewerb, sondern über Unrecht, das an Frauen  begangen wurde, aber das hinderte den Idioten nicht daran, als sein Name bekannt wurde, im Internet zu erklären, es sei zwar ein Wutausbruch gewesen, den er jetzt bedaure, er habe es aber doch nicht frauenfeindlich gemeint (man will nicht mal wissen, wie er das im Hirn zusammengekocht hat oder was er, wenn nicht das Wort „Hure“, das die Frauenhasser im Film mehrfach gebrauchen, um ihren Status gegenüber der Hauptfigur zu befestigen,  wohl gerufen hätte, wenn der Film von einem Mann gedreht worden wäre). Die Akkreditierung hat man ihm entzogen, seine Erklärung, er habe doch nur „Buh!“ rufen wollen und dann stattdessen eine „übertriebene“ Alternative gewählt, weil ihm nicht ganz klar gewesen sei, dass er sich nicht in geselliger Runde mit seinen Kumpels (die man auch nicht kennenlernen will) befunden habe, hat ihn nicht davor bewahrt, jetzt woanders nach Gelegenheiten zu suchen, die politischen Botschaften von Filmen durch sein Verhalten zu bestätigen (vielleicht geht er ja jetzt in irgendein Multiplexkino und schreit rassistisches Zeug während „Black Panther“).

Weniger Schönes und Schönes, so sind Festivals zusammengesetzt, genau wie im Leben oder wie das heißt. Na gut, Bilänzchen, die diesjöhrigen Löwen-Ahnungen:

Wird wohl gewinnen (und soll‘s ruhig): „Roma“ von Alfonso Cuarón, wer sonst kann persönliche und historische Geschichten dermaßen nahtlos miteinander verfugen?

Sollte gewinnen (wird‘s aber vielleicht sogar): „Nuestro Tiempo“ von Carlos Reygadas, alle Kunstmittel des Films für alle Gefühlswirklichkeiten der Liebe, das ist schon was.

Könnte gewinnen (ist der Jury aber wohl zu finster witzig): „The Favourite“ von Giorgos Lanthimos, Kammerkillerkomödie zwischen drei Frauen.

Gewinner der (offenen, noch schlagenden, sehr grusligen) Herzen: „Suspiria“  von Luca Guadagnino. Ich würde mich für das Original ja mit jedem prügeln, aber nicht mit Guadagnino, der hat es nämlich verstanden und einleuchtend neu ausgelegt.

Sonderpreis für ein Popkonzert, das irgendwie ein Film war oder umgekehrt: „Vox Lux“ von Brady Corbet, hat zwar einige Schwächen und fällt zum Schluss leicht ab, aber wer will Natalie Portman nicht als seltsame Legierung von Taylor Swift, Miley Cyrus und Sia erleben? Weiß nicht, wer. Ich schon.

Ach so, eins noch: Wahrscheinlich kommt alles ganz anders, im Urteilsvermögen der Jury fällt plötzlich der Strom aus und Florian Henckel von Donnersmarck kriegt sämtliche Ehren für sein enormes Monumentum „Werk ohne Autor“, weil: Dieses Opus ist für die Kunst und gegen Hitler, ein mutiges, ungewöhnliches Statement, wie man es nicht alle Tage sieht oder was. Mehr Zeug dieser Art dann garantiert im nächsten Jahr, herzlichen Glückwunsch!

07. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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