Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Verbindungen knüpfen: Lehrstunde mit Gael García Bernal und Tim Roth

Außer Filmegucken dient ein Festival natürlich dem Knüpfen wertvoller Verbindungen. Dazu muss man gesellig sein. Der erste Abend mit einem gesetzten Essen für fünfhundert Leute bietet sich dafür an.

Wer in Cannes die Kondition aufbringt, nachts auch noch auf Parties zu gehen, behauptet gern, das gehöre zur Arbeit: Verbindungen knüpfen. Einmalige Gelegenheiten täten sich da auf, wenn alle an einem Ort seien. Alle schauen zwar auch beim Knüpfen persönlicher Verbindungen meistens auf ein mobiles Gerät, mit dem sie gleichzeitig andere Verbindungen knüpfen, aber unschätzbar soll das Zusammentreffen mit anderen, die hier arbeiten, dennoch sein. Jedes Jahr erinnere ich mich daran, und jedes Jahr fasse ich den Vorsatz, sofern ich eingeladen werde, auch hinzugehen.

So saß ich am ersten Abend beim späten Dinner, zu dem das Festival zur Eröffnung geladen hatte, an einem Tisch mit lauter anderen Journalisten. Keinen hatte ich je gesehen. Einer kam aus Israel und meinte, ihn fütterten diverse Festivals weltweit durch, er habe kein Geld und keine Zeit für Urlaube, deshalb nehme er jede Einladung an. Er war ein gemütlich aussehender Mitfünfziger, wunderte sich, warum seine deutschen Freunde (die er gerade unter Kollegen durchaus habe, nur ich kannte ihn halt noch nicht) ihre Eltern so selten besuchen, und fragte mich Filme ab: You like? Yes? I like. You like? No? I like. Das war der erste Kontakt, den ich bereits bei der kleinen Suppe, kalt und erbsig, knüpfen konnte. Zwischen den rundlichen Kollegen und mich setzte sich dann eine strenge Serbin, die vom Rauchen auf der Terasse zurückkam und sofort klarstellte, sie wolle keinesfalls über Putin reden, denn ihrer Meinung nach sei er als Retter der gesamten Region gerade noch rechtzeitig angetreten, wir sähen das vermutlich anders und sollten deshalb lieber gar nichts sagen. Dann fragte sie mich Filme ab. You like? Yes? I like not. Ich fragte: „Borat“ – you like? I like. Der Psychoanalytiker auf meiner anderen Seite, der auch Filme fürs Fernsehen dreht, zum Beispiel gerade über das Fürstenhaus Monaco, weshalb er aus Paris der Einladung nach Cannes gefolgt war, hatte leider außer seinem Stolz, zu sein, wer er war, nichts beizutragen. Er fragte auch keine Filme ab. So blieb eine Menge Zeit zu beobachten, wie die Stars das machen mit dem Verbindungen knüpfen.

Sie waren ja alle da, die verschiedenen prominent besetzten Jurys zu Beispiel, und die Mitwirkenden am Eröffnungsfilm. Nicole Kidman muss keine Verbindungen knüpfen, vermute ich, aber Tim Roth vielleicht? Er war jedenfalls, sofern die Menüfolge das zuließ, überall an diesem Abend und schickte sein ruckartiges Grinsen in alle Richtungen. Bis er am Jurytisch Gael García Bernal an die Brust lief. Die beiden sind etwa gleich groß, so knapp 1,70 schätze ich. Tim Roth muss Bernal nicht beeindrucken, er kann keinen Preis hier gewinnen, selbst wenn Bernal das wollen sollte. Es muss also etwas anderes gewesen sein, um das die beiden sich herumschlichen. So sahen sie nämlich aus. Vorsichtig erst, mit leichten Berührungen des anderen am Oberarm und einem unmerklichen Zurückweichen gleich darauf. Die Unterhaltung intensivierte sich, jetzt faßten sie einander an die Schulter und schüttelten ein bisschen, bis sie die Arme gleichzeitig fallen ließen, Bernal sich dann wie verlegen durchs Haar fuhr und Roth zu Boden schauend sein Kinn rieb. Dann waren die Ellbogen dran, die sie gegenseitig zu stützen schienen, als seien sie plötzlich gebrechlich geworden, und es hätte nicht viel gefehlt, und das Ganze wäre in eine Art contact improvisation ausgeartet, wie sie im Modernen Tanz gelehrt wird. Schließlich verabschiedeten sie sich voneinander. Bernal setzte sich wieder an den Tisch, an dem ihm gegenüber Sofia Coppola saß, auch sie Mitglied der Jury, und Tim Roth drehte sich ein wenig ungelenk um die eigene Achse. Dort stand – ein Fan. Sie wollte, ein grober Faux pas in diesem Ambiente, ein Autogramm, und er signierte ihre Tischkarte.