Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Wie weise war die Jury?

Die Palmen sind vergeben. Es gab nur eine Überraschung: gar nichts für Naomi Kawase.

„Winter Sleep“ also ist der Gewinner der Goldenen Palme 2014! Daran kann niemand etwas auszusetzen haben, es war einer der Filme, die am meisten überzeugten in einem Jahr, das nicht den einen überragenden Film zu bieten hatte. Ich habe außerdem, weil ich auf ihn als Sieger gewettet habe, einen oder auch zwei (wegen zwei Wettgegnerinnen) Bellinis gewonnen, die ich in Venedig beim Filmfestival einlösen kann, bin also ganz besonders zufrieden.

Die Frage in diesem Jahr war kurioserweise, ob eine Jury, in der Frauen die Mehrheit haben und Jane Campion den Vorsitz führt, den Film einer Frau auszeichnen würde. Und weil eine sehr selbstbewußte Frau, nämlich die Japanerin Naomi Kawase, nicht ganz geschickt sich immer wieder als  Palmen-Anwärterin ins Gespräch brachte, wurde das Thema nicht irgendwann einfach mal aus Ödnis begraben. Die Antwort hat die Jury jetzt gegeben. Sie hat den besten Film ausgezeichnet. Und alle möglichen anderen Palmen vergeben, über die sich Abende lang streiten ließe, wenn es irgendwo hin führte.

Die Preise über die ich mich freue, weil sie Leistungen auszeichnen, denen ich Hochachtung entgegen bringe und die mir Vergnügen bereitet haben, sind: die Palme für die beste Darstellerin an Julianne Moore, die in David Cronenbergs „Maps to the Stars“ ein zerstörtes Wesen spielt, das mit allem nicht klarkommt, mit seiner Kindheit nicht und nicht dem Alter, mit der Mutter nicht und nicht den jungen Assistentinnen, und das in einer Art von vulgärer Panik, die einfach umwerfend ist. Außerdem der geteilte Jury-Preis an Xavier Dolan und Jean-Luc Godard. Was für eine unverschämte Wahl! Den jüngsten des Wettbewerbs, den erst fünfundzwanzigjährigen Kanadier, mit dem ältesten, dem dreiundachtzigjährigen Kinogott in eine Kategorie zu stecken. Toll. Tatsächlich waren die Filme der beiden auch Lichtblicke im Programm – unkonventionell beziehungsweise nur der selbstgeschaffenen Tradition verpflichtet, schrill, rücksichtslos im besten Sinn und eigenköpfig gegen jeden universellen Standard gedreht, der das Kino, wie es sich in Cannes präsentierte, schon auch ein bisschen abgehangen aussehen läßt. Nicht bei diesen beiden, und die Jury hat es belohnt.

Was den Rest angeht: Soll ich hier wirklich sagen, ob die Jury weise war? Ich halte mich da raus. Es gibt nichts Skandalöses in diesen Entscheidungen. Nur dass jetzt Naomi Kawase gar nichts bekommen hat – das wird sie mehr schmerzen als alle anderen, die mit leeren Händen nach Hause gehen.