Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Goldene Palme für den richtigen Franzosen: „Dheepan“ von Jacques Audiard.

Das ist eine wirklich gute Nachricht. Von all den Franzosen, deren Filme wir in den letzten zwölf Tagen im Wettbewerb gesehen und auch ertragen haben, gewinnt der einzig würdige: Jacques Audiards sehr besonderes Flüchtlingsdrama „Dheepan“. Ein Grund zum Feiern für den Film, die Darsteller, die bei uns nahezu unbekannt sind – Jesuthasan Antonythasan, ein ehemaliger Kindersoldat der tamilischen Tiger, der nach Thailand fliehen konnte und politisches Asyl in Frankreich bekam, und Kalieaswari Srinivasan. Grund zum Jubeln auch für Frankreich.

Das hatte sich prächtig plaziert im diesjährigen Programm, und dass außer der Goldenen Palme noch ein Darstellerpreis für Vincent Lindon für seine Rolle eines stoisch seine Würde tragenden Arbeitslosen in Stephane Brizéts „La loi du marché“ heraussprang, ist nicht besonders überraschend – Lindon ist ein toller Schauspieler, mir allerdings lieber, wenn er nicht so trantütig aussieht für einen ganzen Film. Bizarr hingegen die Entscheidung, den Preis für die beste weibliche Hauptrolle zu teilen und gemeinsam an Rooney Mara für „Carol“ und Emmanuelle Bercot für „Mon roi“ zu verleihen. „Carol“, einer der überragenden Filme des Festivals, bekommt einen halben Darstellerpreis? Für eine Hälfte des Liebespaars, um den er sich dreht? Und die andere Hälfte kriegt Emmanuelle Bercot (die auch Regisseurin ist und den Eröffnungsfilm beisteuerte)? Für eine Rolle, die vermutlich nicht anders zu spielen war, als sie das getan hat, nämlich hysterisch, inkonsequent, oberflächlich, die vor allem aber völlig uninteressant war. Der Film: „Mon roi“ von Maiwenn. Ich werde jetzt nicht sagen, klar, eine Frau musste in diesem Jahr doch unbedingt dabei sein. Sondern darauf warten, was die Kollegen sagen, wenn der Film in unsere Kinos kommt.

Hou Hsiao-Hsien und Yorgos Lanthimos, die beiden großartigen, eigensinnigen Regisseure des Programms: dass sie unter den Preisträgern sind, war eigentlich unvermeidlich und freut mich sehr.

Was mich irritiert, ist der Grand Prix für „Son of Saul“, den Holocaustfilm des Ungarn Laszló Nemes.

Je länger ich über diesen Film nachdenke, desto unangenehmer wird er mir. Ich frage mich, ob die industrielle Vernichtung der Juden durch die Nazis ein Thema sind, mit dem ein Filmemacher inzwischen machen kann, was auch andere ernste, große und die kleineren Themen sowieso mitunter erfordern: einen neuen Zugang suchen, einen originellen Zugriff auf Auschwitz, etwas, was noch niemand so gemacht hat. Einen Stil ausprobieren. Eine Handschrift entwickeln. Ästhetisch mutig auf die Sache zugehen.

Und inzwischen, nachdem es mehr als eine Woche her ist, dass ich den Film gesehen und vor allem auch: gehört habe, bin ich zu dem Schluss gekommen: Nein, das geht nicht. Mehr als das: Es ist intellektuell eine Zumutung. Eine Blendung, die auch mich am Anfang halb blind gemacht hat. Mal sehen, ob später aus der Jury etwas zu erfahren ist, wie die Diskussion über diesen Film ablief. Was genau die Begeisterung ausgelöst hat, die der Preisentscheidung zugrundliegen muss. Der Grand Prix ist sozusagen die Silbermedaille des Festivals. Jeder andere Gewinner, selbst eine der Luschen des Wettbewerbs, wären mir lieber gewesen.