Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Nur wegen ihm hier

Wild entschlossen: Anke Engelke und Dieter Kosslick bei der Eröffnung der Berlinale

Gestern musste ich lange über einen Satz von Ange Engelke nachdenken. Deutschlands berühmteste Komödiantin hat einmal mehr die Berlinale-Eröffnung moderiert. Mit Dieter Kosslick bildet sie längst ein eingespieltes Duo, sie hat das Wort, er hat den Applaus, dieses Mal noch ein bisschen mehr, denn es ist ja die letzte Berlinale mit Dieter Kosslick als Direktor. Das konnte Engelke nur mit einer Liebeserklärung bewältigen: „Ich bin nur wegen dir hier.“ Und dann noch eine Absage an einen anderen Mann: „Wegen Lars von Trier bin ich nicht hier.“

Da traf es den Dänen allerdings nur wegen des Reims. Man kann sich vorstellen, wie die Gagschreiber (von denen man sich einmal mehr die berühmte Winnie-Schäfer-Frage stellte, nämlich, was sie eigentlich beruflich machen) an dieser Zeile gebastelt haben. „Wegen Michael Hanecke stell ich dich nicht in die Ecke?“ „Neben Christopher Nolan hat du dich mir empfohlen?“ Da kann man ja gleich nach einem Reim auf Kosslick selbst suchen, oder, weil der Nachname halt sperrig und der Träger ohnehin ein Ranschmeißer ist, auf Dieter.

Sie waren gestern alle nur wegen Dieter hier: die Politiker, die Stars, die deutsche Film- und Kulturprominenz von Maren Kroymann abwärts. Kroymann forderte übrigens eine Beschäftigungsgarantie für Anke Engelke bei der Berlinale. Sie sollte auf den Schreibraum ausgeweitet werden. Und auch für die Modeschöpfer, die sich immer diese Kreationen einfallen lassen – gestern passend zum Streamingthema das Kleid „Kabelsalat“.

Der Satz, von dem ich eingangs sprach, fiel bei der Vorstellung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller. Als Gastgeber darf er immer eine Rede halten, und Engelke kündigte ihn so an: „Ihm haben wir es zu verdanken, dass Serien wie ,4 Blocks‘ nicht nur reine Fiktion sind.“ Hm. „4 Blocks“ ist ja bekanntlich diese Serie über arabische Clans in Neukölln, die megamäßig Schutzgeld und Drogenprofite einfahren, und damit den Berliner Immobilienmarkt erhitzen. Was hat Michael Müller damit zu tun? Gut, der Satz war als Witz gemeint, aber Witze sind ja nur dann richtig gut, wenn in ihnen eine halb verborgene Wahrheit steckt.

Witze sind ja auch häufig ein wenig „kritisch“, wie der gestern gegen die Deutsche Bahn, mit der die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg auch in zehn Tagen zur Abschlusszeremonie noch nicht in Berlin wäre. „Ich bin nur wegen dir nicht hier“, könnte sie dann irgendwo bei einem Halt auf offener Strecke eine kleine Hymne auf das Wort Stellwerkstörung anstimmen („Hinter jeder Stellwerkstörung/eine COhoch2-Verschwörung“, bei COhoch2 müsste man an eine reimtechnische Chiffre für den Begriff Doktormabusige Lobby für die Entschleunigung der deutschen Bemühungen um die Dekarbonisierung von Wirtschaft und Kultur denken). Das wäre aber Populismus, denn die Deutsche Bahn ist besser als ihr Ruf, und sie fährt ja nur bis Flensburg.

Der Witz über Michael Müller lässt sich entweder auf seine Sicherheitspolitik münzen – unter einem anderen Bürgermeister wäre Neukölln nicht mehr länger Vorstadt von Beirut, sondern Vorhut von Prenzlberg, und jede Geschichte über organisiertes Verbrechen mit Migrationshintergrund wäre reine Fiktion. Oder sie lässt sich auf seine Medienpolitik münzen – unter einem anderen Bürgermeister wäre Berlin niemals zu der Hauptstadt der Serienproduktion geworden, und „4 Blocks“ existierte allenfalls als unverkäufliches Drehbuch im Computer eines Autors, der nachmittags in der U-Bahn die Motz verkaufen muss, um abends ein wenig an dem Charakter mit der Raubtierfellunterhose feilen zu können. „4 Blocks“ wäre in dieser Version auch Fiktion, aber anders. Nämlich niemals gemacht worden. Weil niemand daran geglaubt hätte.

Nun glaubt aber alle Welt an „4 Blocks“, und Teile dieser Welt glauben sogar, dass Neukölln so ist wie in „4 Blocks“. Das wäre dann wieder der Müller-Witz auf Ebene eins (Fiktionalität eins, sozusagen). Fiktionalität zwei ist, wenn Filme oder Serien nicht entstehen, und Fiktion eins bleiben.

Anke Engelke hatte dann auch noch über Monika Grütters einen Witz. Sie stellte sie als „Black Panther“ vor, in Anspielung auf einen wichtigen neueren Superheldenfilm. Vielleicht war da „Wonder Woman“ gemeint, der andere wichtige neuere Superheldenfilm, in dem erstmals die Frauen das Kommando bei den Superheldentaten übernommen haben?

Nicht so wichtig. Wegen Lars von Trier war am Donnerstagabend niemand hier, wegen Michael Müller auch nicht, alle waren wegen Anke Engelke hier, die wegen Dieter hier war. Das 69. Kiezvolksfest des Kinos mit dem lustigen Direktor kann hiermit beginnen.