Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Ganz normaler Wahnsinn

Am Freitag habe ich mir eine etwas peinliche Absage eingehandelt. Ich hatte eine Email geschrieben, weil ich mit der Schauspielerin Valerie Pachner sprechen wollte. Nicht lang, vielleicht zehn Minuten, telefonisch hätte gereicht. Ich wollte sie etwas fragen über einen Film, den sie vor zwei Jahren gedreht hat, und der immer noch nicht heraußen ist: „Radegund“ von Terrence Malick. Valerie Pachner ist Österreicherin und spielt dort die Ehefrau des Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter, der 1943 in Berlin ermordet wurde. So eine Email schreibt man natürlich nicht direkt an die Schauspielerin, das geht an eine Agentur, von dort kommt dann irgendwann eine Antwort, aus der man sehr schön herauslesen kann, wie es gerade um die Karriere der Schauspielerin, das berufliche Renommee von einem selbst und das Prestige von dem Medium steht, für das man arbeitet.

Die Antwort von der Agentur von Valerie Pachner war ein wenig peinlich für mich, weil sie einen Grund für eine (immerhin nur vorläufige) Absage enthielt, der mir eigentlich bekannt sein hätte können: Sie spielt die Hauptrolle in „Der Boden unter den Füßen“ von Marie Kreutzer, einem österreichischen Film, der heute im Wettbewerb der Berlinale Premiere hat.

Valerie Pachner in „Der Boden unter den Füßen“

Meine Frage war also ungefähr so passend gewesen, als wollte ich jemand einen Tag vor der Hochzeit etwas nach einer früheren Beziehung fragen. Gänzlich abschreiben muss ich mein Begehr nicht: wenn erst „der ganz normale Wahnsinn um einen Wettbewerbsbeitrag“ bei der Berlinale vorbei wäre, dann könne man noch einmal über ein Telefonat reden, wobei der Umstand, dass Valerie Pachner zur Berlinale von Dreharbeiten zu einem ziemlich großen Mainstream-Film (der neue „Kingsman“) angereist kommt, die Sache nicht unbedingt erleichtert.

Die Sache mit „Radegund“ hat mit der Berlinale direkt gar nichts zu tun. Es ist nur so, dass der Film derzeit als verschollen gelten muss. Das ist bei Terrence Malick nicht so ungewöhnlich, denn der Regisseur gilt selbst auch als verschollen, jedenfalls lässt er sich sehr selten bei offiziellen Anlässen sehen. In Berlin ist er relativ häufig und gern, das gilt als gut verbürgt, bezieht sich aber auf die Privatperson. Da „Radegund“ teilweise in Babelsberg produziert wurde, konnte man mit einer Festivalpremiere bei der Berlinale rechnen. Das dachten wir voriges Jahr, und auch dieses Jahr dachte ich wieder daran, als vor Weihnachten die ersten Filme für die 69. Berlinale genannt wurden. Aber „Radegund“ bleibt verschwunden.

Ein Kollege, den ich neulich nach einer Einschätzung fragte, löste das Mysterium eher profan auf: „Na, dann halt Cannes.“ Aber das muss sich auch erst einmal bestätigen. Inzwischen bin ich mit „Radegund“ schon an einem Punkt, an dem es mir lieber wäre, das Rätsel würde sich vertiefen, und Terrence Malick würde noch lange über seiner mystischen Deutung eines katholischen Antifaschisten aus dem Innviertel brüten.

Währenddessen kann ich auf der Berlinale in den nächsten Tagen meine Augen offenhalten und vielleicht doch die eine oder andere Information über die Dreharbeiten einholen. Ich könnte versuchen, Franz Rogowski zu erwischen, der in dem neuen Film von Angela Schanelec mitspielt („Ich war zuhause, aber“, Wettbewerb).

Franz Rogowski in „Ich war zuhause, aber“

Ich könnte auch nach August Diehl Ausschau halten, der in „Radegund“ die Hauptrolle spielt. Am meisten würde mich ein Hintergrundgespräch mit Ulrich Matthes interessieren, der eine besonders interessante Rolle hat: er spielt Lorenz Schwaninger, den Schwiegervater von Franz Jägerstätter, einen allen Quellen nach hoch anständigen Mann. Wenn ich jetzt an das Management von Ulrich Matthes schreibe, wird es sicher irgendeine wichtige Theaterpremiere geben, die einen „ganz normalen Wahnsinn“ verbreitet, und ich werde mich gedulden müssen.

Ein paar Tage habe ich immerhin noch Zeit, bis dann Cannes die ersten Filme meldet. Nach allem, was ich so höre, sind alle die genannten Schauspieler übrigens genau so gespannt darauf, „Radegund“ endlich zu sehen. Dieter Kosslick könnte ich natürlich auch fragen. Aber der spart sich die Geschichten mit Malick sicher für seine Memoiren auf.