Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Pioniere in Neustadt

Die Berlinale geht in ihren vierten Tag. Ich habe inzwischen hinreichend Filme gesehen, um hier einmal drei hervorzuheben – aus den Reihen neben dem Wettbewerb. Die genannten Filme sind noch in weiteren Vorführungen zu sehen.

„Temblores“ von Jayro Bustamante (Panorama)

2015 war der Regisseur aus Guatemala mit „Ixcanul“ im Wettbewerb vertreten, und nach „Temblores“ fragt man sich, warum es dieses Mal nur für das Panorama gereicht hat – eine präzise Gesellschaftsstudie aus einem der Länder, gegen die Donald Trump eine Mauer bauen möchte, würde doch gerade der angeblich so „politischen“ Berlinale gut anstehen. Bustamante erzählt von Pablo, einem Mann in mittleren Jahren, verheiratet mit der schönen Isa, zwei Kinder. Pablo verliebt sich in einen Mann, er entdeckt seine Homosexualität, und Bustamante legt anhand dieses Konflikts die Menschenbilder frei, von denen das Leben von privilegierten Menschen in Guatemala geprägt ist. Eine evangelikale Kirche spielt eine bedeutende Rolle, vor allem aber ist alles auf ein Verständnis von Männlichkeit ausgerichtet, dem Pablo sich entzieht. Ironischer Höhepunkt ist ein Moment, in dem Isa der Schwiegermutter eine geläufige psychologische Herleitung für Homosexualität entgegenschleudert: Das eigentliche Motiv für den Machismo wäre demnach ein Madrismo, ein Mutterkult. Bustamante ist aber viel zu klug, und viel zu nuanciert, um Erklärungen zu privilegieren. Sexualität ist für ihn der Schlüssel zu allem.

„Temblores“ („Tremors“) von Jayro Bustamante

„Fortschritt im Tal der Ahungslosen“ von Florian Kunert (Forum)

Neustadt in Sachsen liegt in einem der hintersten Winkel der Republik. In der DDR hieß es von den Bewohnern von Neustadt, sie wären die „Ahnungslosen“, weil Informationen immer ihre Zeit brauchten, um in das enge Tal vorzudringen. Syrische Flüchtlinge kamen 2015 auch nach Neustadt, sie wurden dort in einem ehemaligen Fabriksgebäude untergebracht, man kann nicht wirklich von einem Wohnquartier sprechen, es sei denn, man wollte eine Betonwand unter sich und eine über sich schon als solches bezeichnen. Florian Kunert arrangiert in seinem Dokumentarfilm eine aufschlussreiche Begegung: Pioniere von damals treffen auf Pioniere von heute. In der DDR war die ganze Gesellschaft auf Fortschritt ausgerichtet, in Neustadt sollte ein Kombinat für landwirtschaftliche Großgeräte die Nahrungsmittelproduktion auf amerikanische Dimensionen bringen. Die Pioniere der DDR sind heute im frühen Rentenalter, und bringen den Syrern Deutsch bei. Einer kann sogar Arabisch. Kunert misst verordnete Utopien (Integration, Sozialismus) nicht aneinander, sondern zielt auf einen milden Blick auf schräge historische Analogien. Archivmaterial von einem Staatsbesuch von Hafis al-Assad (dem Vater des heutigen Massenmörders) bei Erich Honecker zählt zu den Höhepunkten des Films: Syrien war auch einmal verordnet progressiv.

„Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“ von Florian Kunert

„Born in Evin“ von Maryam Zaree (Perspektive Deutsches Kino)

Die Schauspielerin Maryam Zaree kennt man aus der Rolle von Kalila, der Ehefrau des Gangsters Tony Hamady in der Serie „4 Blocks“. Sie wurde im Iran geboren, im deutschen Medienorientalismus macht das aber keinen so großen Unterschied. Die näheren Umstände ihrer Geburt hat Maryam Zaree nun mit dem Dokumentarfilm „Born in Evin“ ins Auge gefasst. In dem Wikipedia-Eintrag wird Teheran als Geburtsort genannt. Eine ebenso korrekte wie irreführende Angabe, denn de facto kam Maryam Zaree eben in Evin zur Welt, einem berüchtigen Gefängnis im Norden der iranischen Hauptstadt. Ihre Mutter war zu dieser Zeit, wenige Jahre nach der Revolution von 1979, in Evin inhaftiert, und brachte unter extremen Umständen ihre Tochter zur Welt. Inzwischen leben beide schon lange in Deutschland, die Mutter ist eine erfolgreiche Psychologin, sie hat einen jüdischen Mann, die Tochter ist Schauspielerin. Über die besonderen Umstände der Geburt von Maryam wird nicht gesprochen. Dieses Tabu bricht Maryam Zaree mit den Recherchen, von denen der Film „Born in Evin“ erzählt: im Umrissen wird hier eine Geschichte der iranischen (exilierten) Opposition erkennbar, und man erfährt eine Menge über das grausame Regime im Iran. Im Zentrum steht aber die Beziehung zweier Frauen: Maryam Zaree und ihre Mutter. Für beide wurde Deutschland zu einer neuen Heimat, beide haben dieses Land auf ihre Weise enorm bereichert.

„Born in Evin“ von Maryam Zaree