Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Langsame Erlösung

Es ist noch gar nicht so lange her, da war dauernd von 1968 die Rede. Das hatte mit dem runden Geburtstag des globalen Revoltenjahrs zu tun. Das nächste Jahr mit einem ähnlichen Bedeutungsstatus wäre dann 1979, und tatsächlich kann man derzeit vielerorts lesen, welche Weichen für die Gegenwart damals gestellt wurden. Ein Jahr nach 1979 wurde die Berlinale-Sektion Panorama gegründet, die dieses Jahr also 40 wird. Den Rückblick auf die „Seele des Programms“, den Wieland Speck kuratiert hat, kann man sich durchaus nicht nur mit filmhistorischem, sondern auch mit allgemeinhistorischem Interesse ansehen.

Mit dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan begann 1979, wie man heute meint, die letzte Phase des Zerfallsprozesses der kommunistischen Regimes. Was daraus hervorging, beschäftigt die Welt bis heute. Einen denkbaren, anderen Verlauf vor allem für Russland kann man sich vielleicht erträumen, wenn man „100 Tage, Genosse Soldat“ (1990) von Khusein Erkenov sieht, einen lyrischen Film über eine Gruppe von Angehörigen der Sowjetarmee. Das homosoziale bis offen homosexuelle Milieu beim Militär könnte man im heutigen Russland nicht mehr so zeigen, ohne einen Aufschrei der nationalen Gruppen zu provozieren. Erkenov ging es aber offensichtlich nicht nur darum, die Schönheit von jungen Männern aus dem Volk in Uniform mystisch zu überhöhen, er hatte auch eine Idee von Mutterland, in das die Soldaten auf ihren Kurzurlauben immer wieder zurückkehren.  Für einen kurzen historischen Moment, den „100 Tage, Genosse Soldat“ einfängt, war ein anderes Russland denkbar, ein Russland auch mit einer anderen Männlichkeitskultur, in der die sadistischen Rituale beim Militär in elegischen Rückblenden und assoziativen Schnitten ins Leere laufen.

„Sto dnei do prikaza“ („100 Tage, Genosse Soldat“, 1990) von Khusein Erkenov

Als Wieland Speck den Film von Erkenov seinerzeit für das Panorama sichtete, mag er auch an seinen eigenen Kurzfilm „Das Geräusch rascher Erlösung“ aus dem Jahr 1983, der ebenfalls in der Auswahl zu der „Seele des Programms“ gezeigt wird: ein Traumstück um zwei Schwule, die einander im richtigen Leben verfehlen (obwohl sie Telefonnummern ausgetauscht haben), die aber in einer fantasierten Szene zusammenfinden. Burt Lancaster geistert als Kasernenoberster durch die Bilder, eine Gänse rupfende Carmen wird selbstverständlich von einem Mann gespielt, die Ruinenlandschaften rund um Berlin lassen schon an den weiten Osten denken, der sich bald darauf mit dem Fall der Mauer öffnen sollte – und aus dem dann Erkenov und andere kamen.

Von den vielen Filmen zum Thema Aids, die das Panorama im Lauf der vierzig Jahren gezeigt hat, ist wahrscheinlich „Wilde Nächte“ von Cyril Collard einer der bekanntesten. Dazu haben auch die äußeren Umstände beigetragen: Collard verfilmte weitgehend seine eigenen Erfahrungen mit einer HIV-Infektion, er machte sein Aufbegehren gegen die Notwendigkeiten von „safer sex“ und letztlich sein eigenes Sterben in einen Film ein, der mit großem Pathos gegen die Regeln verstieß, die zur Bekämpfung von Aids aufgerichtet wurden.

Der Riss, der damals durch die schwulen Communities ging, ist an einem der unbekannteren Beiträge im Panorama 40-Programm gut zu ersehen: In „Buddies“ (1985) von Arthur J. Bressan übernimmt ein junger Mann namens David die Aufgabe, regelmäßig den Patienten Robert zu besuchen. David, der nicht infiziert ist, ist anfangs abgestoßen, gar nicht wegen der Krankheit, sondern weil Robert ein paar Mal respektlose Bemerkungen macht. „Buddies“ lässt aus dieser Zweierkonstellation ein komplexes Bild der schwulen Kultur in Amerika seit den späten 1970er Jahren entstehen. Der Vorspann ist erschütternd: aus einem Nadeldrucker kommt ein schier endloses Dokument mit Namen (aus New York), denen allen zwei Informationen zugeordnet sind: „deceased“, gestorben, und „AIDS“. Die „Seele des Programms“ von 40 Jahren Panorama ist immer wieder so schmerzvoll wie die Geschichte, die das Festival umgab.

„Buddies“ (1985) von Arthur Bressan Jr.