Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Die Phalanx des Kinos steht

Nur eine der Großen des Kinos, wie Cannes es feiert, fehlte am Eröffnungsabend. Das war Agnès Varda. Sie ist vor einigen Wochen gestorben. Auf der Bühne stand ein Regiestuhl mit ihrem Namen. Und das Plakat in diesem Jahr, das überall im Ort in den Geschäften hängt und riesig groß am Festivalpalast, zeigt ein herrliches Foto von ihr. Da steht sie auf den Schultern eines Assistenten und schaut durch eine Kastenkamera auf einem Stativ, das wiederum auf einem hohen Holzgestell steht. Das Bild hat eine eigene Dynamik. Agnès Varda sieht aus, als setzte sie zum Sprung an, und der Assistent lacht und ich würde mich nicht wundern, wenn sie einfach abheben und aus dem Foto fliegen würden. Als Agnès Varda starb, starb mit ihr diese Lust am Sehen, am Zeigen, am Inszenieren von Geschichten, die vor Leben so sprühten wie diese Frau. Im vergangenen Jahr war sie noch hier und demonstrierte neben Cate Blanchett, die ungefähr doppelt so groß ist wie sie es war.

Erinnerung an Agnès Varda in Cannes

Was dem Rest der Kinowelt bleibt, ist die Beschwörung des Kinos. Das taten alle zum Auftakt. Schwärmten von der gemeinsamen Erfahrung. Dem öffentlichen Raum. Der gesellschaftlichen Bedeutung. Der Kraft des gemeinschaftlichen Guckens. Warum hört sie niemand? Warum sind die Kinos leer? In Frankreich nicht so leer wie bei uns, aber leerer als in den letzten Jahren auch hier.

Am Abend der Eröffung des Festivals sollte das anders sein. Und zwar mit Hilfe des Festivals. Es übertrug nämlich die Veranstaltung in sage und schreibe 600 Kinos im ganzen Land. Dort konnten die Zuschauer miterleben, wie Edouard Baer (in der Rolle von Anke Engelke bei der Berlinale) die Internationale Jury vorstellte. Wie auch Alejandro González I ñárritu die Kinoerfahrung beschwor. Wie schließlich, endlich Charlotte Gainsbourg und Javier Bardem das Festival für eröffnet erklärten. Die festen Regeln des Festivals sorgten dafür, dass das Ganze äußert glamourös aussah.

Ganz anders Laurie Anderson. Sie ist zu Gast bei der Quinzaine des Réalisateurs. Das ist die Nebenreihe mit eigenen Regeln (ohne Smoking, dafür mit Netflix), die einst als Gegenfestival zum etablierten gegründet wurde und bis heute nicht Teil des offiziellen Programms ist, sondern friedlich koexistiert. Laurie Anderson hat mit ihrem künstlerischen Partner Hsin-Chien Huang („das Gehirn dieser Operation“, sagte sie) eine Installation aus drei Virtual Realities mitgebracht. Titel: „Go Where You Look!“ Der Ort: das ehemalige Leichenschauhaus von Cannes. Die Sache fand bei strahlendem Sonnenschein am Nachmittag statt, Laurie Anderson trug einen kleinen Hut und verwandelte sich, während sie sprach, in ein junges Mädchen, wie es immer geschieht, wenn sie über ihre Kunst redet.

„Dies ist eine neue Art von Kino“, sagte sie. „Wohin damit? Es findet keinen Platz in einer Box, wie es das Kino ist. Es ist eine Kunst, in die wir hineingehen werden. Wie auch in die Musik.“ Während im Festivalpalast kurz darauf alle von lebendiger Anwesenheit an einem Ort sprachen, sagte Laurie Anderson: „Jeder erlebt in diesem neuen Kino etwas anderes allein.“ „Falling Off Snow Mountain“ heißt die Installation, die eine ganz andere Art von Zukunft fürs Kino verspricht als wir es kennen. Laurie Anderson will fliegen, wie in ihren Träumen. Wie Angès Varda. Ich werde mehr von diesen VR-Stücken erzählen, morgen und immer, wenn das alte Kino dafür Platz und Zeit läßt.