Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Der alte Hase und die Debütantin

Taron Egerton als Elton John in „Rocketman“

Wie viele Arten des Prominentenkults es gibt? Mindestens drei, mit Untergruppen. Die erste ist klar: Hingehen, wo die Berühmtheit ist, Handy draufhalten, posten. Die zweite ist eine Ableitung: Hingehen, wo ein Monitor steht, auf dem übertragen wird, was die Berühmtheit gerade macht, Handy draufhalten, posten. Die dritte ist eine weitere Ableitung: Sich erzählen lassen, wo eine Berühmtheit war, mitschreiben, weitererzählen.

Was Sie hier lesen, ist eine Mischung aus allen dreien. Elton John war da. Wegen des Films „Rocketman“, der seine Geschichte erzählt, der seine volle Unterstützung hatte, in dem er aber nicht mitspielt. Ob er zur Premiere an die Croisette kommen würde, schien eine Weile unklar. Doch er kam, als Teil seiner Abschiedstour. Verbreitete schon von weitem Menschenwärme. Zum Fotocall trug er einen herrlichen türkisfarbenen Anzug mit passender Brille, flirtete und schien sich auf den Abend zu freuen. Auf die Premiere. Vielleicht auch auf den Auftritt auf dem roten Teppich in Gesellschaft seines Mannes und des Filmteams und neben den Darstellern seiner jüngeren Ichs. Es sind zwei.

Elton John beim Photocall in Cannes

Das war morgens, und wer es verpasst hatte, konnte den ganzen Tag im Festivalpalast von Monitor zu Monitor laufen und es sich ansehen. Draußen an der Strandpromenade liefen dieselben Bilder auf riesiger Projektion, aber die Sonne störte. Am Abend kam Elton John wieder. Er hatte sich umgezogen, natürlich, dunkel, mit dem Filmtitel graffitiartig auf den Rücken des Smokingjacketts gesprüht. Statt der türkisfarbenen hatte er seine herzförmige, brillantengerahmte rote Brille auf und eine Rakete am Revers und verbreitete wieder Menschenwärme. Und wurde vor der Premiere und danach in einer Weise beklatscht, die selbst ihn rührte, der sehr viel Applaus in seinem Leben schon bekommen hat.

Wie fühlt es sich an, wenn es das erste Mal ist? Am selben Ort einige Stunden früher erlebte das Mati Diop. Ihr Langfilmdebüt „Atlantique“ zog mehr Afrikaner in festlichen Roben an als Elton John, auch die Botschaft von Senegal war vertreten. Die Erwartungen an Mati Diops Film waren riesig und positiv, trotzdem hatte sie als Debütantin, als junge, als erste farbige Frau im Wettbewerb, nichts, was in der Filmindustrie zählt, worauf sie sich stützen konnte. Keinen Ruhm vorab, noch keine große Karriere, keinen unerschütterlichen Ruf. Nur ihren Film. Das galt auch für ihr Team.

Mati Diop (Mitte) mit ihren senegalesischen Schauspielern Mama (links)Sane und Ibrahima Traore (rechts)

Die Spannung war immens. Entlud sich erst einmal im Applaus für jeden Vorspanntitel, jeden Namen, jede Firma, die dort genannt wurden. Doch als es losgeht, als die ersten Bilder einer Großbaustelle in Dakar auf der Leinwand stehen, als die Arbeiter vergeblich ihren Lohn einfordern und dann auf der Ladefläche eines Kleinlasters in die Stadt zurückfahren, ihre T-Shirts vom Wind gebläht, und sich erst nach einer Weile der Blick zum Meer hin öffnet, das ihre Sehnsucht ist und ihr Grab werden wird, da ist klar: Dies wird einer der Filme des Festivals, der unvergessen bleibt. Der Applaus hinterher übermannte die Regisseurin wie ihr Team. Er dauerte lange, Tränen flossen. Vielleicht gewöhnen sie sich daran. Andererseits – auch Elton John hat geweint. Immer noch.

Szene aus „Atlantique“