Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Familienromanzen

Vermutlich ist die Zeit bald vorbei, dass bei Werner Herzog immer auch von Klaus Kinski geredet wird. Jetzt, da Herzog für eine Sonderveranstaltung in Cannes ist, wird er aber immer wieder danach gefragt. Wie es war, als Klaus Kinski damals, 1982, als „Fitzcarraldo“ gezeigt wurde, mit dem Rolls-Royce auf den roten Teppich gefahren werden wollte, und einen seiner gefürchteten Wutausbrüche bekam, weil das nicht möglich war.

Niemand fährt mit dem Auto auf den roten Teppich, das ist eiserne Regel. Und Regeln in Cannes werden eingehalten. Vermutlich hat seitdem niemand mehr diesen Wunsch geäußert. In diesem Jahr macht kein Rolls-Royce, sondern das Selfie-Verbot den Sicherheitsleuten Arbeit. Wenn man in einer Galavorstellung vom Auditorium aus den Aufmarsch auf dem roten Teppich beobachtet, hat das Slapstick-Qualität. Denn etwa jeder zweite Besucher muss zurechtgewiesen werden, lächelt dann doch noch mal kurz ins Handy, bevor er oder sie es wieder dahin steckt, wo es Beulen macht, in den Täschchen der Damen oder Jacken der Männer. Die Männer, die dafür sorgen sollen, dass die Mobilgeräte gar nicht erst gezückt werden, laufen von einem verlorenen Posten auf den anderen.

Schnell doch noch ein Selfie: Mathieu Kassovitz (l.) mit anderen Gästen vor der Premiere von „Les Misérables“ am 15. Mai in Cannes

 Der rote Teppich für Werner Herzog lag in diesem Jahr auf der Rückseite des Festivalpalasts, denn sein Film „Family Romance, LLC“ lief im offiziellen Beiprogramm. Auch Herzog, inzwischen 76 Jahre alt, gehört zu den Männern, die unermüdlich weiterarbeiten. Drei Filme hat er in den letzten Monaten fertiggestellt, neben diesem Spielfilm zwei Dokumentationen über große Männer, über Michail Gorbatschow den einen, den anderen über Bruce Chatwin.

Werner Herzog am Samstag in Cannes

„Family Romance“ ist auf Japanisch gedreht. Herzog spricht kein Japanisch und versteht es auch nicht, aber von solchen Hindernissen hat er sich nie von einer Idee abhalten lassen. Das Thema: Offenbar kann man in Japan Menschen mieten, damit sie die Stelle verschwundener oder toter Freunde oder Verwandter einnehmen. Oder sich für einen Fehler, den man gemacht hat, beim Chef entschuldigen. Oder sich als Paparazzi verkleiden und mit Kameras hinter einem her sind, damit eine in den sozialen Medien Aufmerksamkeit bekommt.

In „Alpeis“ hat Yorgos Lantimos, der in diesem Jahr hier in der Jury sitzt, über die Geschäftsidee der Miet-Trauernden einen Spielfilm gedreht, der bizarr und komisch und todaurig war und an merkwürdigen griechischen Schauplätzen spielte. Herzog war in Japan. Aber sein Japan sieht aus wie in zahllosen Hobbyfilmchen von Urlauben dort. Die Kirschblüte aus Drohnensicht. Die Marionetten-Wahrsagerinnen im Kasten. Die heiligen Hunde mit roten Lätzchen.  

Es war tatsächlich eine Familienromanze, das sagte er vor Beginn zur Begrüßung, denn bei der Produktion waren seine Frau und auch sein Sohn dabei, wie jetzt in Cannes auch. Muss man traurig darüber sein, dass der Regisseur von „Fitzcarraldo“ mit einem solchen Filmchen nach Cannes kommt? Einem Film, in dem lange Minuten einem Igel in einem Igelstreichelzoo gewidmet sind und der Anleitung, wie dessen rosafarbener Bauch richtig zu massieren sei? Ich glaube nicht. Werner Herzog hat seine Sicht der Welt nie infrage gestellt. Wenn sie mir lachhaft erscheint, voller Klischees, ohne Bilder, die uns mehr zeigen als ein schlecht gemacht Tourismusprospekt, würde er vermutlich sagen: ist das mein Problem.