Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Ehrenpalme für Alain Delon

Die meisten Stars, bei allem, was man so über sie hört, möchte ich nicht in meiner entfernten Verwandtschaft haben. Die meisten haben keine Manieren, sind eitel, anmaßend, selbstmitleidig und sicher noch eine ganze Menge anderer Dinge, die mir nicht gefallen. Rechts oder auch rechtsradikal sind einige, misogyn eine ganze Menge, und nicht alle engagieren sich für den Klimaschutz. Also? Keine Preise mehr für sie?

Alain Delon mit seiner Ehrenpalme

Das war die Frage, als das Festival sich entschloss, einem der größten Stars des französischen Nachkriegskinos die Ehrenpalme für sein Lebenswerk zu geben: Alain Delon, inzwischen dreiundachtzig. Fraglos ein Schauspieler, der in fast all seinen Rollen den Kinoraum füllte mit einer Präsenz, einer Technik auch, die umwerfend waren. Und sehr gut über die Zeit gekommen sind, wie eine Wiederaufführung von Joseph Loseys „Mr. Klein“ aus dem Jahr 1976 vor Augen führte. Der Film war eine interessante Wahl für diesen Abend der Preisverleihung. Denn es geht um einen französischen Kunsthändler im Paris des Jahres 1942, der die Notlage vieler Juden ausnutzt, die ihre Kunst verkaufen müssen. Einer rächt sich. Und Mr. Klein / Alain Delon wird einer von ihnen. Deportiert. Rechtlos. Jüdisch. Interessant war die Wahl, weil Joseph Losey (mit dem Delon eine ganze Reihe von Filmen drehte) Kommunist war und Alain Delon mit den Le Pens befreundet ist. Auch das wurde ihm und dem Festival im Vorfeld als Ausschlusskriterium für diesen Preis vorgeworfen. Doch das Festival blieb bei seinem Standpunkt. Es zeichne Künstler aus. Keine Meinungen. Nicht einmal Haltungen. Es gab eine Petition gegen Delon, mit angeblich mehr 20.000 Unterschriften. Aber am Abend selbst machte niemand Krawall. Im Gegenteil. Alain Delon wurde gefeiert.

Und das war richtig so. Niemand war aufgerufen, etwas anderem zu applaudieren als seiner Lebensleistung im Kino. Er selber sagte das in seiner kurzen Dankesrede auch noch einmal. Und er sagte noch etwas: Nicht ein Regisseur macht einen Star. Nicht ein Film macht einen Star. Es ist das Publikum. Und hatte damit alle auf seiner Seite.

Die Kameraleute der Fernsehanstalten haben eine harte Zeit an solchen Abenden. Längst haben sie immer wieder ihre Kamera über das Plakat geschwenkt, das überall im Festivalpalast hängt und von dem Alain Delon in sehr jungen Jahren umwerfend schön auf einen hinabblickt. Dann bringen sie sich eng an eng in ihren Smokings hinter der letzten Stuhlreihe im abschüssigen Kinosaal in Position, haben eigentlich die beste Sicht zur Bühne hin, aber wenn Alain Delon den Saal betritt, springen vor ihnen alle auf und halten ihre Mobiltelefone hoch, um selbst zu filmen. Und die Fernsehkameras schauen auf tausend Rücken und sonst nichts.

Vater und Tochter auf dem roten Teppich

Alain Delon hatte seine Tochter dabei, die für ihren Vater sprach und nicht versuchte zu verbergen, wie bewegt sie war. Tränen auf allen Seiten gehören zu solchen Abenden sowieso dazu. Natürlich bedankte sich Delon auch noch selbst, nachdem er den Kasten mit der Goldenen Ehrenpalme in der Hand hielt und die Menschen so lange applaudiert hatten, bis auch er tränenüberströmt dastand. Er sagte, das Schwerste sei der Abschied. Dieser Preis werde ihm postum zu Lebzeiten verliehen. Nun bereite er sich darauf vor zu gehen. Und das wolle nicht tun, ohne sich zu bedanken. Beim Publikum.

Viele seiner Meinungen sind indiskutabel. Aber wie Alain Delon diesen Tag hinter sich brachte, das hatte Klasse weit über die Rührung hinaus.