Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Es war einmal in Hollywood

Quentin Tarantino ist mit seinem von vielen sehnsüchtig erwarteten Film an der Quelle seiner Träume angekommen: im Hollywood der späten Sechziger, als die Stars des Schwarzweiß-Fernsehens verblassten, während die Sonne des New Hollywood langsam aufging. „Once Upon a Time in Hollywood“ sagt das schon im Titel: Es war einmal. Und im Rückspiegel erscheinen Männer in schnellen Autos, junge Frauen in knappen Shorts, nackte Füße an der Windschutzscheibe, viele Drinks, Joints und LSD, Hippies, die Manson-Familiy und herrliche Villen in den Hollywood Hills. Dazu ein Soundtrack erlesener Trash- und Hitsongs der Zeit. Eine Szene mit Bruce Lee, für die Mike Moh, der ihn spielt, sämtliche Bruce-Lee-Filme nochmal gesehen hat und trotzdem vermutlich zum Teil auf dem Boden des Schneideraums gelandet ist. Ein typischer Tarantino also? Ja. Mit etwas weniger Gewalt und etwas mehr Freundschaft, aber alles in allem kein Aufbruch zu neuen Ufern.

Margot Robbie, Quentin Tarantino, Leonardo DiCaprio und Brad Pitt vor der Premiere von „Once Upon a Time in Hollywood“ in Cannes

Warum auch? Der Auflauf zur Premiere seines Films war erwartungsgemäß riesig, die Karten die am heißesten begehrten des Städtchens für einen Abend. Dennoch ging auch hier das Leben weiter, führten Menschen an der Promande ihre Hunde aus, blinzelten ins Licht, wie sie das in diesen verregneten Tagen selten tun konnten, und beobachteten die Yachten, die in der Bucht ankern. Zweihundert Meter weiter schrien die Filmfans ihren Helden zu: Brad! Leo! Quentin! Nach Margot Robbie, die in dem Film Sharon Tate spielt, riefen nicht so viele. Aber sie strahlte zwischen den Männern genauso, wie sie das später im Film ebenfalls tut.

Aber worum geht es eigentlich? Ist aus der Zeit, in der die schräg gegen den Himmel zeigenden Neonlichter der mexikanischen Schnellrestaurants in L.A. alle ungefähr zur selten Zeit eingeschaltet wurden, was ein spezifisches Geräusch macht und schön aussieht, etwas hängengeblieben, das heute von Interesse ist? Oder ist es nur Nostalgie, gepaart mit exquisitem Handwerk, die sich noch einmal in eine untergegangene Zeit versenkt?

Leonardo DiCaprio in einer Szene des Films

Die letzten Filme von Tarantino waren Blutbäder. Dieser ist das erst am Schluss. Aber immer noch kann der Regisseur an keiner Frau vorbeigehen, ohne mit der Kamera an ihrem Hintern entlangzustreifen oder gleich ganz an ihm hängenzubleiben. Vielleicht liebt er auch deswegen diese Zeit so sehr, weil damals noch niemand daran Anstoß nahm.

Weil es Kino ist, ist alles erlaubt. Das ist die Haltung von Tarantino zur Gewalt in seinen Filmen. In seinem neuen macht er das sogar zum Thema: „Let`s go and kill the people who taught us to kill“, heißt es an einer Stelle – und dann kommt es anders. Man kann das mögen, wie das Premierenpublikum offenbar. Als eine Frau mit zermatschtem Gesicht von einem Feuerwerfer auch noch in Brand gesteckt wurde, johlte es. Klatschte, als ein Hund einen Mann entmannte. Und feierte am Ende die ganze Mannschaft mit langem Applaus. Wenn auch nicht mit dem längsten, den ich in diesem Jahr hier gehört habe.