Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Hat niemand Stars gesehen?

Langsam trudeln die ersten Gesamtbewertungen des Festivals ein, vor allem in den Branchenpublikationen. Die drei großen, „Variety“, „Hollywood Reporter“ und „Screen“, sind englischsprachig. Und bei ihnen steht zu lesen: Alles gut und schön in diesem Jahr, aber wo bitte bleiben die Stars? Die einzigen, die sie in dieser Kategorie gelten lassen, sind offenbar Brad Pitt und Leonardo DiCaprio. Leider können die nicht jeden Abend über den roten Teppich laufen, so wie gestern. Ah, und Elton John schon auch. Es ist ein paar Tage her, dass er hier war und draußen am Steg des Strands vom Carlton Hotel ein Lied sang.

Keine Stars in Cannes: Wer waren noch gleich diese drei?

Keine Stars. Das ist lustig. Schon am ersten Abend trotteten Bill Murray, Adam Driver, Chloë Sevigny, Selena Gomez und Tilda Swinton in den Festivalpalast, im dem Charlotte Gainsbourg und Javier Bardem kurz darauf das Ereignis für eröffnet erklärten. Antonio Banderas, Penelope Cruz, Marion Cotillard, Jean Dujardin, Isabelle Huppert, um nur einige zu nennen – Oscarpreisträger darunter -, folgten. Und am Abend der Tarantino-Premiere hätte jemand nur die Namensschilder auf den reservierten Sitzen abzuschreiben brauchen, um die Stardichte zu messen. Da saßen in einer Reihe Ruben Ostlund, Walter Salles und Timothée Chalamet und dahinter Andie MacDowell.

Am selben Tag war Song Kang ho in Cannes, der in dem großartigen Wettbewerbsfilm „Parasite“ von Bong Joon Ho eine Hauptrolle spielt. Er ist der koreanische Superstar schlechthin, und das nicht erst seit „The Host“. Zhang Ziyi, die First Lady des chinesischen Kinos, gab eine Masterclass. Alain Delon bekam die Ehren-Palme. Anouk Aimée und Jean-Louis Trintingnant, die Stars von „Ein Mann und eine Frau“ von vor sehr langer Zeit, haben mit Claude Lelouch, dem Regisseur von damals, eine Art Fortsetzung gedreht. Von dem Applaus, mit dem die Vorstellung endete, konnte Tarantino nur träumen.

Frankreich ist eine Filmnation. Die Franzosen lieben ihre Stars und die aus anderen Ländern auch. Sie brachten Hollywood und den Studiofilmen die intellektuelle Anerkennung in den späten Fünfzigern, die bis heute ihre Aufmerksamkeit für das, was sie die siebte Kunst (hier stand in einer frühen Fassung: die vierte! Ein Versehen, es war spät, Nachsicht erbeten) nennen, schärfen. Ganz egal, woher sie kommt. Anders als in den Vereinigten Staaten laufen fremdsprachige Filme in Frankreich nicht unbedingt schlechter als die eigenen.

Die Amerikaner indessen, so scheint es, können sich fremde Namen nicht so gut merken. Aber vielleicht hat es ja eine Wirkung auf die Kollegen, wenn der Oscar für den besten fremdsprachigen ab nächstem Jahr für den „besten internationalen Film“ vergeben wird. Während der Rest des Landes sich in Abkapselung übt, könnte wenigstens im Filmgeschäft gelten: Raus aus der Provinz Hollywood. Das wäre was.

Meine Bewertung des Festivals kommt in der Nacht vom Freitag auf Samstag. Mit Favoritenliste, wie jedes Jahr. Die Palmen werden Samstag Abend vergeben.