Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Meine Favoriten

Die letzten Filme sind gelaufen, und die Kritikerlisten in den täglichen Magazinen, die für die Jury gar nichts zu bedeuten haben, stehen zum großen Teil. Hier sind meine Favoriten. Meine Favoriten heißt: So würde ich die Preise vergeben. Nicht: Das sind meine Tipps für die Preisvergabe. Die habe ich nicht. Eine Jury ist ein haariges Biest. Es bilden sich Koalitinen. Deals werden gemacht. Niemand kann wissen, wohin das führt.

Obwohl längst mal wieder eine Frau dran wäre, die Goldene Palme zu gewinnen – Jane Campion ist mit dem „Piano“ immer noch die einzige, und das ist unfassbare 26 Jahre her: Dieses Jahr sollte Pédro Almodovar derjenige sein, der sie kriegt. Sein „Dolor y Gloria“ war für mich der überzeugendste Film des Wettbewerbs. Allein die Szene des ersten Begehrens, das den kleinen Jungen sicherheitshalber in eine Ohnmacht schickt, ist diesen Preis wert. Ich wäre aber auch sehr zufrieden, wenn sich die Jury für „Portrait de la jeune fille en feu“ von Céline Sciamma entscheiden würde. Und auch gegen Bong Joon Ho und seinen „Parasite“ hätte ich gar nichts einzuwenden.

Céline Sciamma hätte die Goldene Palme verdient.

Drei Kandidaten für die Goldene Palme, hinter denen ich mit ganzem Herzen stehen würde: Das gab es schon sehr lange nicht mehr (oder überhaupt noch nie?). Was für die Qualität des Festivals in diesem Jahr spricht. Wenn es fair zuginge, was bei Preisverleihungen meistens nicht der Fall ist, sollten sich die drei großen Preise (Goldene Palme, Großer Preis, Jurypreis) auf diese drei Filme verteilen. Dann wäre ich froh.

Die Ärgernisse waren geschickterweise auf die letzten zwei Tage gelegt worden, als der Hunger nach guten Filmen schon nicht mehr so groß war. Gab es also Filme, die hoffentlich nichts gewinnen werden? Oh ja. Quentin Tarantino sollte leer ausgehen. Ebenso Terrence Malick mit seinen sauberen Bauern unter katholischem Himmel. Und dass Abdellatif Kechiche mit seinen dreieinhalbstündigen ZickZack-Schnipseln von schwingenden Frauenhintern („Mektoub, My Love: Intermezzo“) nichts kriegen wird, sollte sich von selbst verstehen. Ebenso wird Justine Triet für ihren unfasslich dämlichen „Sibyl“, so vermute ich, nicht in die nähere Wahl kommen. In meine auf jeden Fall nicht.

Favoriten Almodóvar und Banderas

Bei den Schauspielern ist Antonio Banderas aus dem Almdovar-Film meine erste Wahl. Möglich wäre auch Pierfrancesco Favino in der Titelrolle von Marco Bellocchios „Il Traditore“, einem Mafia-Film, den ich überflüssig fand, wenn auch sehr gut gemacht. Aber ich finde seit der „Paten“-Trilogie mehr oder weniger alle Mafia-Filme entbehrlich. Es sei denn, jemand fände mal einen anderen Ansatz. Frauen, Kinder zum Beispiel. Aber Favino war großartig, ungewöhnlich, überzeugend. Bei den Schauspielerinnen sind meine Favoritinnen das Paar Noémie Merlant und Adèle Haenel aus „Portrait de la jeune fille en feu“. Regiepreise: siehe oben. Wenn sich die Hauptpreise anders verteilen, als ich mir das wünsche, kommt jeder der oben Genannten auch für die Regie-Palme infrage. Dort wäre aber auch Mati Diop für „Atlantique“ eine Kandidatin, die von mir aus übrigens gern auch  den Großen Preis oder den Jurypreis kriegen kann. Und der brasilianische „Bacurau“ des Duos Kleber Mendonca Filho & Juliano Dornelles muss auch unter den Preisträgern sein.

Meistens gibt es noch irgendeinen besonderen Preis, den die Jury aus dem Ärmel zieht. Mal sehen. Am Samstag Abend ist es soweit.