Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Bitte keine Erbaulichkeiten

Nahe bei der Polizeibarriere auf der Badestrandseite hat die Feuerwehr jetzt einen Baum zerlegt. Die Bruchstücke liegen neben- und aufeinander wie Ideen zu einem Baum, den niemand mehr daraus bauen will. Manche Filme sind auch so, zum Beispiel „Ad Astra“ von James Gray, sicher eine der kostspieligsten Produktionen, die dieses Jahr im Wettbewerb um die Goldenen Löwen stehen, die das Filmfest von Venedig vergibt.

Das Ding ist eine Astronautenstory, irgendwie auch ein Science-Fiction-Film (aber einer, der sich überall da, wo sein Genre besondere Aufmerksamkeit verlangen würde, nicht besonders leiden kann und seinen eigenen Voraussetzungen dauernd den Spaß daran vermiest, zu sich zu kommen), vor allem aber soll das die Geschichte des Raumfahrers Brad Pitt sein, der seinem Vater, dem Raumfahrer Tommy Lee Jones, Jahrzehnte nach dessen Verschwinden irgendwo auf Höhe der Neptunbahn hinterhergeschickt wird, weil… ja, wieso eigentlich?

© 20th Century Fox/dpaBrad Pitt als Roy McBride in „Ad Astra“

Das Publikum soll sich eins der Holzstücke greifen, die da zum groben Haufen zusammengeschmissen wurden: Brad Pitts Figur macht immer, was man ihr sagt, deshalb nimmt sie diese Mission an, nein, falsch, Brad Pitts Figur nimmt die Mission an, weil sie vor lauter Bindung und Liebe davonrennen will (zu einer von Liv Tyler gespielten Frau nämlich, die hier so unglaublich wichtig ist, dass wir ständig mit Zärtlichkeitsszenen beschenkt werden, in denen Pitts Astronaut und sie einander herzen, aber nicht wichtig genug, dass sie wenigstens einen Namen oder die Andeutung einer eigenen Geschichte kriegt), obwohl andererseits, irgendeine Strahlung (was mit Antimaterie oder so), die stärker statt schwächer wird, je mehr sie sich ausbreitet, bedroht ja alles Leben auf der Erde (die Physik in „Ad Astra“ ist nämlich das Allerletzte), und um sie aufzuhalten muss Brad Pitt irgendwas in die Luft jagen, deshalb bricht er auf, um, na, und so weiter, ist ja auch egal.

Jedenfalls findet er am Ende, nach langweilig konventionell aus dem Kinderbilderbuch importierten Bildern von Mond, Mars und Jupiter, heraus, dass wir Menschen ganz arme Zäpfchen sind, denn „alles, was wir haben, sind wir selbst einander“ oder so, nichts wie zurück in der Arme der Frau ohne Persönlichkeit.Was wohl auf dem Zettel stand, mit dem der Regisseur Gray für dieses Ding das Geld zusammengesammelt hat? „Irgendjemand muss mal ‚Interstellar‘ für besonders dumme Familientherapeuten machen?“

Das Garstigste an der Suppe ist die permanent und penetrant wiederholte Behauptung, es ginge darum, die irdischen Beziehungen wichtiger zu nehmen als irgendwelche der Welt entrückten Träume und Ideale, denn erstens ist es gemein, denen, die von einer Flucht aus der hiesigen Wirklichkeit träumen, ihren Eskapismus vorzuwerfen, weil nämlich Leute, die vom Fliehen träumen, Gefangene sind, und man sich über Gefangene nicht lustig macht und sie auch nicht belehren soll, sondern freilassen – und zweitens hat die Brad-Pitt-Gestalt, die dieser ja durchaus tüchtige Schauspieler mit vollem Einsatz seiner leidenden Augenbrauen spielt, ganz offensichtlich keine menschlichen Beziehungen, also was soll dieses Getue darum, die wären das Entscheidende? Er sieht nichts, er erlebt nichts, nicht mal am leeren Abgrund zwischen den Sternen, er arbeitet nur ein Drehbuch ab, das samt seiner Umsetzung so doof ist, dass ich mich schon drauf freue, das Ding noch mal im Detail zu rezensieren, wenn es demnächst in Deutschland ins Kino kommt.

© Netflix/dpa Scarlett Johansson, Azhy Robert Son und Adam Driver in Noah Baumbachs Marriage Story

Erbauliches Hollywoodkino, das Lektionen in Lebensführung und für Realismus und gegen Träume austeilt, ist wirklich die größte Pest – weswegen die Freude über einen Film wie „Marriage Story“ von Noah Baumbach mit Scarlett Johansson und Adam Driver umso größer ist, denn da geht es zwar um den teils  fratzenhaft witzigen, teils herzzerreißend traurigen Tod einer Ehe und einer Liebe, um einen Sorgerechtskrieg und das Scheitern eines gegenseitigen Unterstützungspaktes zwischen einem Theaterregisseur und einer Schauspielerin, um eine Messerverletzung und lauter solche drastischen Sachen, aber man wird eben nicht belehrt, sondern geradeaus unterhalten: Spätestens als sich Johansson eine berauschend haifischhafte Laura Dern zur Anwältin nimmt, was Driver erst mit Alan Alda (als weise alte juristische Raupe) und dann mit Ray Liotta (als angestochener Alpha-Affe) kontert, ist ein Ensemble beieinander, dem man tagelang zuschauen möchte bei Dialogen, Monologen (tolle Entscheidung der Regie: Das Kennenlernen wird nicht per Rückblende gezeigt, sondern von Johansson erzählt, auf dem Sofa, minutenlang, glorreich), Hickhack, Zusammenbruch, Selbstfindung und so Zeug.

Liegt es an der Musik von Randy Newman, dass das alles so viel besser ist als das erkennbar zigfach teurere Getue von James Gray? An Johanssons und Drivers Gesangseinlagen zum Schluss, jeweils vor ihren Freundeskreisen, womit fast ein Musical draus wird? Nein, es liegt daran, dass der Film im Gegensatz zu „Ad Astra“ keine Sekunde lang so tut, als würde hier über Allgemeines gesprochen, damit man in sich gehe und das ausführe, was da vorgekaut wird, sondern über spezifische Personen, denen man nichts abgucken kann, weil ihr Fall eben ein besonderer ist – so wünscht man ihnen nur, sie mögen mit heiler Haut davonkommen, und genau diese Güte, die man plötzlich in sich spürt, ist ein viel wichtigerer Lernerfolg als das Begreifen der platt wahren Idee „strebe nicht in die Ferne, sondern hilf dem armen Hund direkt neben dir“ bei Gray.

So kann das hier gern weitergehen: Wenn die Rohrkrepierer dermaßen exemplarisch schiefgehen, und die Hits so unmittelbar reinhauen, dann ist der Wettbewerb ganz bei sich, dann kann alles draus werden.