Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Geh mir weg mit deiner Politik

Wieso weiß Costa-Gavras nicht mehr, dass „Politik abfilmen“ und „Politik nachstellen“ nicht dasselbe, nicht mal das Gleiche ist wie „einen politischen Film machen“, nämlich Volkshochschulfernsehen? „Adults in The Room“, sein Film über Griechenland in der Schuldenfalle und die deutsche Vorherrschaft in Europa, in dem man Herrn Varoufakis beim Tolldaherquatschen beobachten darf und die Stimme des Schauspielers, der den Mann spielt, auch noch dabei belauschen muss, wie sie erklärt, was man gerade sieht, ist eine Liebeserklärung an die Griechen, die unter der Austeritätspeitsche bluten, aber Costa-Gavras zeigt nicht die Leute, deren medizinische Versorgung ausblutet, deren Lebensabend sich verfinstert, oder die als junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt herumstehen wie Statisten in ihrem eigenen Leben (na gut, einmal sammeln sie sich auch in diesem Film, nur um sofort wieder schweigend davonzuschleichen), sondern Schauspielerinnen und Schauspieler, die uns die Merkel machen oder den Schäuble (heillos hölzern: Ulrich Tukur, sadly), ausagierte Zeitungsartikel, getanzte Verhandlungen, Zahlen, die per Computeranimation aus den Bilanzen in die Luft springen, Büros, in denen Bilder toter Finanzminister hängen, während Schauspieler die noch nicht toten Finanzminister auch nicht viel lebendiger darstellen.

© Louisa Gouliamaki / AFPRegisseur Costa-Gavras mit dem Varoufakis-Darsteller Christos Loulis bei den Dreharbeiten Mitte März in Athen

Ein Debakel voll völlig richtiger Feststellungen und aufklärender Analyse-Ansätze, die einfach keinen Grund erkennen lassen, warum sie ein Film sein wollten statt ein Buch oder eine Rede vor den Genossinnen und Genossen. Das Ding läuft hier in Venedig außer Konkurrenz, man hätte sonst zwei schlimme Möglichkeiten ertragen müssen: Dass der Kram aus Mitgefühl mit dem Schöpfer und Übereinstimmung in der Sache einen unverdienten Preis kriegt, oder dass er keinen kriegt und besagte Sache damit irgendwie gekränkt wird.

Wahrscheinlich leistet allein die fassungslose Fresse, die Robert Patrick in „The Laundromat“ zieht, als man ihm erklärt, wie das Versicherungsgewerbe beziehungsweise das Investitionswesen darin funktioniert, mehr fürs Verständnis der finanzpolitischen und juristisch-ökonomischen Realität, in der wir leben müssen, als die ganze Mühe, die Costa-Gravas sich mit seinem platten Aufklärschinken gegeben hat.

Klar, der Vergleich ist unfair, denn „The Laundromat“, inszeniert von Steven Soderbergh und geschrieben von Scott Z. Burns, ist eine mit viel von der Wahrheit persönlich grün und blau geschlagenem Humor durchgezockte Hollywood-Komödie, in der Stars wie Meryl Streep, Antonio Banderas und Gary Oldman einander bei den sicheren Händen halten und einen aufgeräumt gesellschaftskritischen Ringelpietz veranstalten, den man mit der Schwerarbeit, die Costa-Gavras seine eher nicht so bekannten Damen und Herren namens Christos Loulis oder Josiane Pinson verrichten lässt, kaum vergleichen kann – wäre da nicht der Umstand, dass beide fasslich machen wollen, wie die ganz große Geldwelt über uns gewittert, und Costra-Gavras genau diese Fasslichkeit mit seinem braven Infotheater verfehlt, während Soderbergh vom Konkreten zum Abstrakten, von Leben und Tod der Verarschten bis zu den Entscheidungen der Verantwortlichen in zügigem Erzählgang etwas abschreitet, das man sogar ein ARGUMENT nennen könnte, eins für eine andere Ordnung des Rechtswesens, der Verwaltung, der Märkte nämlich.

© Claudette Barius/Netflix/APMeryl Streep in „The Laundromat“

Schauspielerei wie die von Patrick, den ich für seine stoisch-skeptisch-vernünftige Selbstpräsentation schon geliebt habe, als er sich noch bei den X-Akten mit Elektrizität und Poltergeistern herumärgern musste, und der in „The Laundromat“ einen spielt, der sich nur wünscht, dass die Hinterbliebenen einer Katastrophe nicht im Regen stehen gelassen werden, macht das, was Soderbergh und Burns da vivisezieren wollen, zu einer Geschichte, die nicht wie bei Costa-Gavras vom „Volk“ handelt, sondern von Personen mit Namen, Adressen, Klamotten am Leib, Wohnungen, Jobs, und das betrifft sogar diejenigen, die den Film gemacht haben: Der Regisseur, verraten die beiden Gauner Mossack und Fonseca, also Oldman und Oldman, einmal beiläufig, hat sein Geld ebenfalls in Sauereien angelegt, anders geht’s ja nicht, und der Drehbuchautor auch.

„The Laundromat“ steht im Wettbewerb, und irgendein Preis für diesen Film, fast egal welcher, zwischen Schauspielanerkennung, Drehbuchwürdigung, Kameralob oder Regieprämie, wäre das, was die Verhältnisse nicht sind, von denen er handelt: voll fair.