Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Was will das Geld aus dem Netz?

© Netflix/Biennale di Venezia/dpaTimothee Chalamet in einer Szene von „The King“

Als das aus Farbfasern zusammengeschossene, schließlich knallrote „N“ für Netflix das erste Mal auf der Leinwand bei einer Pressevorführung hier im Darsena-Saal so richtig knallen durfte, nämlich vor Beginn von Noah Baumbachs sehr gutem Drama „Marriage Story“, klatschten ein paar Witzbolde Beifall wie sonst, wenn ein großer Name (meistens im Regiefach) da zu lesen steht. Ganz leise stöhnte da jemand rechts hinter mir, bei dem das Zweifeln an der Zukunft des Kinos schon Richtung Verzweiflung sinkt, und zwei Tage später durfte ich an einer Bar einem Helden zuhören, der sich, obwohl ihn „The King“ wahnsinnig interessiert, dieses Werk von David Michôd hier nicht anschauen werde, wie er bekannte, weil das eine Netflix-Produktion im Netflix-Weltvertrieb sei, und wo kämen wir denn da hin, wenn jetzt nicht mehr nur futuristische Thriller und Pop-Drama-Events, sondern auch Historienschinken über Heinrich den Fünften von England uns aus dieser Ecke anspringen dürften, die Catherine Deneuve als reife französische Diva in Hirokazu Kore-edas Festivalauftaktfilm „La Vérité“ mit einer spitzen Bemerkung abfertigen durfte – der Mann ihrer Tochter, so schniefte sie wunderschön pikiert, mache in so „Serien im Internet“ mit, als, na ja, „Schauspieler“.

© Alberto Pizzoli / AFPLily-Rose Depp, Regisseur David Michod, Timothee Chalamet und Tom Glynn-Carney vor der Premiere von „The King“

Netflix will das Kino nicht töten. Netflix will die Filme nicht aus dem Kino locken wie der Rattenfänger von Hameln die Kindlein, um sie irgendwo hinter den Bergen abzumurksen und aufzufressen. Netflix will, das zeigen die Riesenfilmplakate, die der Streamingkonzern hier so hoch und breit wie bezahlbar in die Festivallandschaft hängt, das Kino annektieren, haben, sich drin einrichten, als traue dieser Laden der Wildnis Netz, die ihn geboren hat, selbst nicht so richtig, und baue jedenfalls nicht aufs Fernsehen, weil das, selbst in den ausladenden Querformaten von heutzutage, einfach zu eng ist. Obwohl, vielleicht will Netflix auch was anderes: Neue Filme ermöglichen, die Hollywood nicht mehr hinkriegt („Roma“ zum Beispiel, letztes Jahr hier siegreich gelaufen), und damit die Kreativität, die ja immer ihren Aufträgen davonläuft und ganz frei werden will, dahin bringen, dass sie sich sogar noch neuere ausdenkt, die dann auch Netflix nicht mehr bezahlen will, die aber trotzdem Menschen zum Weinen, Lachen und Sichwundern bringen? Oder ein Durchgang sein von etwas, das weder Kino, noch Fernsehen, noch Streaming ist?

Wenn man es nur wüsste. Wenn nur jemand eine Geschichte davon erzählen würde, von dieser neuen Sorte Magie, wie Papa Schlumpf sagen würde, der Chef der kleinen blauen Zwerge aus Schlumpfhausen – stimmt, kurz vor Start des 76. Filmfests von Venedig ist ja in Deutschland endlich ein neuer Schlümpfe-Band erschienen, Nummer 37, geschrieben von Alain Jost und Thierry Culliford, gezeichnet von Jeroen De Coninck und Miguel Diaz, Titel: „Die Schlümpfe und die Traummaschine“, und handelt diese Story nicht vom Thema dieses Blogeintrags? Ein paar Schlümpfe finden da nämlich im Wald einen Zauberspiegel und ein paar Brillen, und erleben damit genau das, was Streaming auch erleben lässt: Sie sehen, was sie sehen wollen, wann und wie sie es sehen wollen. Der Schleckerschlumpf Torti sieht Leckereien, der schüchterne Schlumpf sieht sich auf einem Date mit Schlumpfine, und selbst Papa Schlumpf wird von Jugenderinnerungen hypnotisiert, bis die Schlümpfe nur noch damit beschäftigt sind, entweder in ihrer alten Mine das Gold zu schürfen, das sie einem Unbekannten von einem weißen Raben überbringen lassen müssen, der ihnen die Traummaschine geschickt hat, oder eben vor der Maschine kleben.

Nur Schlaubi, der Brillenschlumpf, der Phantasielose, erkennt in jenem Spiegel nichts, deckt aber dafür mit Neugier und Beharrlichkeit schließlich den Hintergrund auf: Der Zauberer Gargamel, der die Schlümpfe fangen und verspachteln will oder sonst was Schreckliches mit ihnen anstellen, ist einen Pakt mit einem anderen Zauberer eingegangen, der den Spiegel hergestellt hat, aber nichts Perverses begehrt, sondern nur auf Gold aus ist. Am Ende spielt Schlaubi die beiden Hintermänner der Traum-Medienrevolution in Schlumpfhausen gegeneinander aus und sorgt sogar noch dafür, dass keiner der beiden das Gold behalten kann, das stattdessen wohltätigen Zwecken, vor allem der Verbesserung des Lebens der armen menschlichen Landbevölkerung zugutekommt. Alle Schlümpfe gratulieren ihm, der Zauberspiegel wird zerdeppert, Schlaubi ist ein bisschen zu stolz und hält Vorträge über seine Leistung, und irgendwas hat irgendwer gelernt. Aber ist Netflix jetzt eher Gargamel oder eher der Typ mit dem Spiegel? Ist einer von beiden vielleicht Disney? Wie interpretiert man das jetzt am Besten? Nur Schlaubi weiß es. Und der hält, weil ihm sein Leben und seine Filme lieb sind (wozu braucht er sonst die Brille), ganz fein sein kleines Maul.