Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Was würden Filme hoffen, wenn sie hoffen könnten?

© Biennale di Venezia/dpaMark Rylance hinter Johnny Depp in Ciro Guerras Film „Waiting for the Barbarians“

Wer die Löwen kassieren wird und wer die Löwen kassieren sollte, das sind natürlich die beiden unprofessionellsten Fragen, die sich auf so einem Festival überhaupt stellen lassen. Gestellt werden sie hier aber doch, von Leuten, die Filme machen, darin auftreten, darüber schreiben, darüber reden und (eher unwahrscheinlich, das generiert ja kein Masseninteresse) darüber nachdenken. Unprofessionell wollen wir nämlich alle sein, denn professionell, also berufsmäßig, kann man auch was Blödes und Langweiliges machen, aber Filme sollen ja gerade nicht blöd und langweilig sein.

Einen lustigen Streich hat die Festivalterminplanungsleitung dem journalistischen Gesindel diesmal immerhin damit gespielt, dass ein Film, der Anrecht auf den einen oder anderen Preis hat (und nicht nur in Venedig), als letzter auf dem Vorführprogramm stand – Ciro Guerras „Waiting for the Barbarians“ nämlich, eine J.M.-Coetzee-Verfilmung über den kolonialen, postkolonialen und neokolonialen Irrsinn mitten im Herzen imperialer, sich für aufgeklärt haltender Gemeinwesen. Das Grenzbewusstsein solcher Gesellschaften ist die Stelle, an der ihre psychopathischen Symptome zuerst aufbrechen, und obwohl ich seit Jahren, offenbar ein bisschen denkfaul, allegorische politische Filme für die Kino-Entsprechung zur abstrakten politischen Plastik halte, also zum hohlsten und schwächsten, was es in der politischen Kunst gibt, funktioniert Guerras Film nicht nur als filmisch unantastbar gearbeitetes Kunstwerk, sondern auch als Statement zur Weltlage – denn zwar vergröbert eine Geschichte, die das reale „wer wen?“ in einem namenlosen „Reich“ zu einer ungenannten Zeit auflöst, normalerweise das Wirkliche, das sie meint, aber weil man das, was derzeit auf dieser Erde los ist, gar nicht gröber darstellen kann, als es sich selbst präsentiert, passt es halt doch. Und Mark Rylance als Mann, der von sich selbst das verlangt, was Hannah Arendt bei denen gefunden hat, die dem Nationalsozialismus im Weg standen, statt ihm, wie gefordert, zur Hand zu gehen, nämlich tatsächlich nicht zu tun und nicht zu lassen, was getan oder gelassen zu haben er nicht ertragen würde, beeindruckt hier mit der bislang größten Schauspielleistung seiner an Handwerkshöhepunkten nicht gerade armen Karriere. Kriegt das einen Preis, oder was dann? Wie wünsch ich’s mir, und wie befürchte ich’s?  Mal sehen:

© Biennale di Venezia/dpaMariana di Girolamo in Pablo Larrains Film „Ema“

DEN GOLDENEN LÖWEN FÜR DEN BESTEN FILM

Sollte, auch wenn „Waiting for the Barbarians“ sehr gut ist, trotzdem Pablo Larraín für „Ema“ kriegen, das ungeheuerliche Ding mit der tanzenden Frau Flammenwerferin. Man hört auf dem Gelände als neuestes Gerücht, Larraín sei überschätzt, aber dieses Wort, diese Kategorie, diesen Beweis für verkniffene Missgunst hört man ja nur von Leuten, die tatsächlich überschätzt sind, nämlich von sich selbst.

Larraín hat eine Geschichte über eine Heldin erzählt, die so lange nicht verrät, was ihr Plan ist, bis er aufgeht, und darin ähnelt sie ihrem Regisseur, der auch nicht verrät, was er mit dem Film alles für verbotene Sachen sagen will, aber man kann es merken, und dann merkt man auch, warum er es nicht verrät, oder eben doch, und wie.

Kriegen wird er den Löwen aber wohl nicht, genau wegen dieser schönen Hinterhältigkeiten, die bedeuten, dass es da eine Menge zu erklären gibt,  denn Jurys wollen nicht gern erklären müssen, was sie tun, sondern sie wollen leider oft, dass sich das von selbst versteht, also wird es möglicherweise, wenn nicht der Guerra-Film, „The Painted Bird“, denn dieses Ding ist gegen millionenfachen Mord, gegen Vergewaltigung, gegen Zerstörung von Unschuld, gegen Hitler, lauter mutige Positionen, die fast niemand sonst jemals irgendwo eingenommen hat, und auch noch toll fotografiert. Drei Stunden Protzen mit Trauer und Entsetzen, das wäre doch gelacht, wenn’s unprämiert bliebe.

 

DEN SILBERNEN LÖWEN UND GROSSEN PREIS DER JURY

Kann man auch Larraín geben, wie alles, aber schön wäre, und durchaus möglich ist, dass  „Babyteeth“ von Shannon Murphy gewinnt, die ergreifendste Krebs-Drogen-und-Obdachlosigkeit-Romanze aller Zeiten. Sonst eben wieder die Barbaren.

 

DIE BESTE REGIE

Die beste Regie hat Larraín verbrochen, klar, aber auch Marhoul hatte viel zu tun, den ganzen zweiten Weltkrieg zu koordinieren, wobei auch Steven Soderbergh in Frage kommt, weil er für „The Laundromat“ seine ganzen Oldmans und Streeps und Banderasse ja so durch diverse Episoden über Finanzgaunerei und Politkriminalität lenken musste, dass ein zusammenhängendes Produkt dabei rauskam, was nicht leicht war, aber geklappt hat.

 

DER BESTE SCHAUSPIELER

Der beste Schauspieler war Rylance, siehe oben. Aber genauso sehr der beste Schauspieler war andererseits Ben Mendelsohn in „Babyteeth“, als Vater, der sein Kind und den Überblick und die ganze Welt verliert, und dabei versucht, für andere da zu sein, die ihm alle den letzten Nerv rauben.

 

DIE BESTE SCHAUSPIELERIN

Am offensichtlichsten verdient hat dieses Lob Gana Bayarsaikhan. Sie spielt die weibliche Hauptfigur in „Waiting for the Barbarians“, eine „Barbarin“, also die einzig wirklich zivilisierte Person in dieser Geschichte. Wird sie’s nicht, dann sollte es Scarlett Johansson als Scheidungskriegsopfer beziehungsweise Scheidungskriegsverbrecherin in „Marriage Story“ von Noah Baumbach werden. Einmal erzählt sie ihrer Anwältin Laura Dern die Geschichte ihrer zerbrochenen Liebe, und baut mit Worten, Gesicht, Gesten einen viel besseren Film in den schon sehr guten Film, der sie umgibt.

 

DAS BESTE DREHBUCH

Hat dem Soderbergh sein Scott Z. Burns geschrieben, das werden sie schon kapieren.

© Ettore Ferrari/Epa-Efe/RexBrad Pitt mit Fans vor der Premiere von „Ad Astra“ in Venedig

 

DER SONDERPREIS DER JURY

Ich weiß nicht, was ein Sonderpreis ist. Gebt ihn halt Greta Thunberg, für ihren Umweltkrempel.

 

DER MARCELLO MASTROIANNI-PREIS FÜR DAS BESTE JUNGE SCHAUSPIELTALENT

Den sollen sie Catherine Deneuve geben, für ihre kindliche Freude an all den vielen ausgesuchten Fiesheiten, die sie in Hirokazu Kore-Edas „La Vérité“ sagen und tun darf.

Falls der sagenhaft dumme und sensationell öde Weltraumquatsch „Ad Astra“ von James Gray irgendwas bekommt, wird jemand anonym die Polizei anrufen und die Jury wegen geht’s noch verpetzen. Ich sage nicht, dass ich das selber mache. Ich sage, das ist, anders als die Preisentscheidungen, die fallen oder nicht fallen oder anders, absolut unvermeidlich.