Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen von der Berlinale

Unter die Haut

© Egil Haskjold LarsenGunda von Victor Kossakovsky

„Sie werden weinen“, hat Victor Kossakovsky zu mir gesagt, voriges Jahr an einem schönen Frühlingstag in Berlin. Er kam gerade aus Cannes, wo er beim Filmfestival über den Film verhandelt hatte, der mich zum Weinen bringen sollte. Krogufant hieß er damals noch. Worum ging es? „Schwein, Huhn und Kuh.“ Ein Film über drei Tiere, drei Tiergattungen, die den Menschen sehr nahe sind. Nicht ganz so nahe wie Hund und Katz, die Haustiere. Schwein, Huhn und Kuh aber sind Nutztiere. Ein verräterisches Wort. Krogufant heißt inzwischen Gunda, heute wird er auf der Berlinale präsentiert, in der Reihe Encounters. Ein Dokumentarfilm in Schwarzweiß über eine Muttersau mit einem großen Wurf, über ein einbeiniges Huhn, über Rinder, die – ein treffenderes Wort gibt es nicht – forschend in die Kamera blicken.

Victor Kossakovsky ist ein Filmemacher aus Russland, der mit Russland nicht besonders zufrieden ist, mit dem Rest der Welt aber auch nicht. Er lebt in Berlin, und hat zuletzt Aquarela gemacht, einen Film über das Wasser. Kossakovsky macht große Bilder, Aquarela gehört in die Multiplexe, auch wegen des Soundtracks. Zu dem verzweifelten Gigantenkampf von Eisbergen gibt es Metal der zermalmenden Sorte. Aquarela ist ein Ausblick auf eine Welt ohne Menschen, ein Mahnmal über das Element eins, das die Menschheit mit Plastik zumüllt.

Aber Kossakovsky ist kein Prediger, sondern ein Komödiant. Wenn es nach ihm geht, muss man über den Zustand der Welt keine göttliche, sondern eine schreckliche Komödie erzählen. Eines Tages wird er das noch tun, jetzt aber hat er erst einmal Gunda gemacht: eine zärtliche Komödie mit ein paar traurigen Pointen. Ein bescheidener, wenngleich im Detail durchaus monumentaler Film, mit dem er Menschen zum Weinen bringen will, und dann natürlich auch zum Verzicht auf Fleisch.

Einen berühmten Konvertiten hat Kossakovsky schon gefunden. Der Schauspieler Joaquin Phoenix wurde auf sein Projekt aufmerksam, und steht nun als Executive Producer in den Credits. Der Mann, der seine Rolle als Joker auch durch Hungerkunst so bedrohlich machte, wurde schon als Kind zum Veganer. In seinen Dankesworten bei den Oscars war mindestens eine Passage direkt auf Gunda gemünzt – die Stelle von der Kuh, der man das Kalb wegnimmt, weil man ihre Milch für den Kaffee oder das Müsli braucht.

Gunda ist ein Schwein, wobei dieses Wort fast noch zu abstrakt ist. Gunda ist eine prächtige Muttersau, an ihren Zitzen hängen die Ferkel wie an den Fingern Gottes. Gunda grunzt in einer Sprache, für die Kossakovsky den Dolmetsch macht. Er übersetzt sie in eine Sprache, die die Menschen ernst lernen müssen. Ein Idiom jenseits der Begriffe. Wer eine kühne Hypothese über eine denkbare Ursprache vor der babylonischen Verwirrung sucht, könnte bei Gunda anfangen.

Der Hof, auf dem Gunda und die Hühner und die Kühe leben, wirkt geradezu paradiesisch in seiner Menschenleere und mit seinen endlos wirkenden Erkundungsräumen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Kossakovsky ist nicht nur ein Beobachter, er ist auch ein Erzähler. Und sein Film ist kein Mythos vom Naturzustand, sondern ein Befund von heute. Er spart also die andere Seite dieses tierischen Lebens nicht aus. Doch davon verrate ich besser nicht zu viel, denn das ist dann filmisch ziemlich imposant gemacht, und es ist auf einer anderen Ebene auch ungeheuer traurig.

Geweint habe ich allerdings nicht. Ich komme aus einer Gegend in Oberösterreich, wo es in meiner Kindheit noch ganz normal war, dass auf dem Bauernhof unserer Nachbarn alle paar Woche ein Schwein geschlachtet wurde. Wenn ich heute daran zurückdenke, sehe ich da beinahe etwas Rituelles in den verteilten Rollen, mit denen der Körper des toten Tieres einer Verwertung zugeführt wurden: wir Kinder mussten zum Beispiel den Darm entleeren, der dann im Brunnen gewaschen wurde, und der später die Blutwurst aufnahm. Wenn ich einmal besonders mutig war, dann meldete ich mich für den Haken, mit dem die Klauen der Tiere entfernt wurden, ein Vorgang, der mir Angst einjagte und auch Ekel. Es gibt übrigens auch einen großen Film über dieses Ritual: Le cochon (1970) von Jean Eustache.

Heute ist Blutwurst für mich ein Leckerbissen, ein besonderes Gericht, bei dem ich das Gefühl habe, wieder Teil dieser Lebensordnung zu sein, aus der ich komme, und aus der ich herausgetreten bin, durch das Leben in einer Stadt, durch Studium und Lektüre, durch Bildung auch meines Schmeckens. Kossakovsky möchte mich und nach Möglichkeit die ganze Menschheit zum Weinen bringen durch einen Blick auf Gunda und ihre Ferkel, der das Beseelte an diesen Wesen zum Leuchten bringt. „Ich zeige die Tiere, wie sie sind“, hat Kossakovsky damals noch gesagt. „Und Sie werden es nicht glauben.“

Gunda ist auch tatsächlich sehr bewegend, aber er enthält keinen eindeutigen ethischen Imperativ. Es bleibt auch weiterhin eine Frage der täglichen (und für viele eben der prinzipiellen) Entscheidung, wie wir es mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier halten wollen.