Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen von der Berlinale

Immer auf dem Teppich bleiben

Helen Mirren in „The Queen“ (2006)

Heute Abend bekommt Dame Helen Mirren einen Goldenen Ehrenbären verliehen. Gezeigt wird der Film The Queen von Stephen Frears aus dem Jahr 2006, in dem Helen Mirren die Queen von England spielte. Das ist auch deswegen eine gute Wahl, weil da ja etwas begann, was später zu der Fernsehserie The Crown führte, die in Sachen Qualitätsschauspiel über mittlerweile schon drei Staffeln verlässlich britische Maßstäbe setzt.

Wenn ich mich richtig erinnere, ist mir Helen Mirren wohl 1981 in John Boormans Artus-Saga Excalibur zum ersten Mal aufgefallen. In den legendären Caligula, in dem Tinto Brass 1979 ein paar britische Stars in einen auch finanziell ausschweifenden Antikenporno entführte, und in dem Helen Mirren die Caesonia spielte, die vierte Frau des Kaisers, durfte ich damals noch nicht hinein, wegen Jugendverbot. So richtig verfolgt habe ich ihre Karriere dann aber erst seit The Cook, the Thieve, the Wife and her Lover (1989). Da passte damals eine Menge zusammen – die versnobte Intellektualität des Regisseurs Peter Greenaway und die sehr intellektuelle Sinnlichkeit von Helen Mirren, dazu an einer wichtigen Stelle Gefrierfleisch in größeren Mengen, damit die Sache nicht zu heiß wurde.

Helen Mirren verdient unbedingt jeden Preis außer der Goldenen Himbeere. Für die Berlinale hat die Auszeichnung aber auch einen einfachen Mehrwert: Sie kann Starbesuch vermelden. Das ist in der Gesamtsumme der zehn Tage ein wichtiger Faktor: das Festival bemisst seinen Stellenwert auch an der Zahl und an der Ausstrahlung der angereisten Persönlichkeiten. Unter den vielen Öffentlichkeiten, an die sich die Berlinale wendet, gibt es ja auch die nicht unbedeutende, die am Kino nichts weiter interessiert als der Glamour, den einzelne Darsteller entwickeln. Da heißt es dann gern einmal, dass Berlin im Vergleich mit Cannes oder gar den Oscars nicht viel zu bieten hat. Der rote Teppich wird selten zum Erglühen gebracht.

Wobei das heute natürlich zunehmend unklar ist, was ein Star ist. Die berühmten fünfzehn Minuten, von denen einmal die Rede war, haben sich ja deutlich relativiert, seit es Plattformen gibt, auf denen Leute täglich fünfmal fünfzehn Minuten vor einer Million Folgern damit zubringen, sich öffentlich die Nägel zu lackieren. Helen Mirren macht hingegen deutlich, dass zu einem echten Star ein Air von Distanz gehört.

Das gilt auch für eine Frau, die ich heute gern zu meinem persönlichen Berlinale-Shooting-Star 2020 erklären möchte. Sie konnte leider persönlich nicht erscheinen, das mag mit ihrem Alter zu tun haben: Ingrid Burkhard wird nächstes Jahr 90. Sie spielt eine Hauptrolle in dem exzellenten The Trouble With Being Born von der jungen Österreicherin Sandra Wollner in der Reihe Encounters. Es geht da um ein Mädchen, das in Wahrheit eine Puppe ist, eine Sexpuppe mit Erinnerungen an Ereignisse, von denen erst allmählich deutlich wird, welche Bewandtnis es damit haben könnte. Was Sandra Wollner mit Zeit und Raum, mit Bild und Ton macht, das ist ganz außergewöhnlich, und wenn sie in diese Richtung und auf diesem Niveau weitermacht, dann wird die Berlinale eines Tages von sich behaupten können, einen der Stars des Weltkinos auf den Weg gebracht zu haben.

Ingrid Burkhard fällt in dieser Geschichte die Rolle einer Figur zu, die den Faktor Zeit verkörpert – also einer Frau, die auf ein langes Leben zurückblickt, auch wenn davon nur eine Galerie von Familienfotos auf einem Sims geblieben ist. (Die abgründigen Aspekte dieser Gedächtnisfetische hat Sandra Wollner schon in ihrem ersten Film Das unmögliche Bild zum Thema gemacht.)

Das internationale Publikum wird von Ingrid Burkhard wohl bisher wenig Notiz genommen haben, immerhin tauchte sie in Toni Erdmann auf. In Österreich aber gehört sie mehr oder weniger zum Haushalt, denn sie war in den 70er Jahren die Ehefrau von Edmund „Mundi“ Sackbauer in der Fernsehserie Ein echter Wiener geht nicht unter. Ingrid Burkhard spielte die Toni Sackbauer, zärtlich gern auch Tonerl genannt. Wenn irgendwann jemand einmal eine Untersuchung über subtilen Feminismus im Schatten cholerischer Männlichkeit machen wollte, hier wäre das Material.

In Österreich und in Deutschland war das lange Zeit ein wenig anders als in England, wo vom Fernsehen ohne weiteres beste Verbindung zum Kino bestanden, und wo Helen sich bei der BBC bewähren konnte, bevor sie für die große Leinwand entdeckt wurde. Mit einer Berlinale-Ehrenkamera für Ingrid Burkhard wird es wohl nichts werden. Aber immerhin hat ihr der Kinogott das Geschenk gemacht, dass sie in hohem Alter in einen Film mit großer Zukunft geraten ist. Heute und am Sonntag gibt es noch Vorstellungen von The Trouble With Being Born, auf einen Kinostart in Deutschland darf man aber wohl auch hoffen.