Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen von der Berlinale

Der Prozess

Ilya Khrzhanovskiy
Ilya Khrzhanovskiy

Deutschland, Ukraine, England und Russland werden als Produktionsländer von DAU. Natasha genannt, dem wohl umstrittensten Film im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale. Ein Exzerpt aus einem gigantischen Kunstprojekt des Russen Ilya Krzhanovskiy, mit dem die Sowjetunion der Stalinzeit als Inbegriff eines totalitären Systems zum Leben erweckt werden soll. In DAU. Natasha gibt es eine Verhörszene, während der eine Frau mit einer Cognacflasche vergewaltigt wird. Simon Strauss, der für diese Zeitung den Wettbewerb verfolgt, sah sich zu einer leidenschaftlichen Gegenrede veranlasst.

Eine Szene aus „DAU. Natasha“Eine Szene aus „DAU. Natasha“

Ich hatte gestern Gelegenheit, mit Ilya Krzhanovskiy zu sprechen. Sein Versuch eines Gesamtkunstwerks über das Jahrhundert der Extreme wirft naturgemäß sehr viele Fragen auf, sodass dieses Gespräch nur ein Anfang sein kann.

Wenn ich richtig verstehe, ist DAU. Natasha so etwas wie eine Visitenkarte. Wann werden wir Gelegenheit haben, DAU in seiner vollen Gestalt zu sehen?

Das ist eine Frage der Zeit. Dieses Projekt ist umfangreich, und es erstreckt sich nun schon über eine beträchtliche Dauer. In zehn Jahren wird man es vielleicht zur Gänze verstehen. Jetzt verstehe nicht einmal ich es. Mit DAU. Natasha haben wir ein Partikel, nicht die ganze Geschichte, aber das Teilchen enthält die ganze Geschichte. Das ist wie bei Google Earth. Sie können einen ganzen Kontinent betrachten, wenn Sie aber hineinzoomen, sehen Sie irgendwann einzelne Menschen. Mit DAU. Natasha sehen wir eine Kantine, wir sehen Natasha und den Geheimdienstler Azhippo, aber wir sehen noch kein Institut.

Das Projekt ist aber doch abgeschlossen, oder finden weitere Dreharbeiten statt?

Die Dreharbeiten fanden zwischen 2008 und 2011 in Charkow in der Ukraine statt. Sie sind abgeschlossen.

Das heißt, es ist kein expandierendes Universum, sondern das ursprüngliche Projekt, in einem Set ein Institut aus der Sowjetunion nachzubauen und dann in diesem Setting zu drehen, wird nun auf verschiedenen medialen Ebenen ausgewertet.

DAU verändert sich ständig. Wir hatten zuletzt acht Jahre Postproduktion in London, da wurde eine digitale Plattform erstellt für die 700 Stunden Film, die wir auf 35mm gedreht haben. Jede Aufnahme wurde gesichtet, wurde digitalisiert. Aus diesen 700 Stunden kann man sich nun unterschiedliche Filme zusammenstellen. Man spricht bei uns immer von Gewalt, aber das ist nur ein Aspekt. Auch Bücher werden wir noch machen, es gibt umfangreiches Material mit transkribierten Dialogen, man bekommt eine detaillierte menschliche Psychologie. Wir haben auch Mannequins von allen Figuren gemacht, Silikonfiguren.

Was zeichnet die Figur Natasha aus, dass Sie nun am Eingang zu diesem Projekt steht?

Carlo Chatrian, der künstlerische Leiter der Berlinale, hatte von dem Projekt gehört. Er hat sich 50 Stunden angeschaut. Das ist einzigartig, weil Carlo wirklich versteht, warum wir das machen, deswegen hat er diese Zeit investiert. Da die Berlinale nun einmal ein Filmfestival ist, haben wir beschlossen, hier zwei Filme zu zeigen. Der sechs Stunden lange DAU Degeneratsia ist genauso wichtig, auch er führt in das Universum von DAU.

Wir haben dieses Universum aber nun vor allem durch Natasha kennengelernt? Wer ist Natasha Berezhnaya, die Darstellerin?

Natasha ist eine ganz normale Frau. In Charkow haben wir 350000 Leute gecastet, also jede siebte Person in dieser Stadt. Wir hatten das Institut, und brauchten Menschen für bestimmte Funktionen. Wir brauchten jemand für die Kantine, oder für die Bibliothek. In dem Institut geht es um Mathematik, um Physik, um Religion, und um komplizierte Energie, zum Beispiel Schamanismus. Jeder Mensch bringt das ganze Leben mit, das er hat. Normale Schauspieler spielen ihre Erkenntnisse über einen Menschen plus das, was der Regisseur sagt. Natasha hat eine gewisse Qualität gehabt, einen Geruch von Wahrheit. Ja, wir haben Sex im Film, aber die Wahrheit geht viel weiter.

Was verstehen Sie unter Wahrheit in der Kunst?

Das ist eine komische Frage.

Nun, in der abendländischen Tradition zeigt Kunst in der Regel eine Wahrheit über das Leben, die nicht das Leben selbst ist.

Kunst kann auch Teil von Ritualen sein. Eine Droge für die Seele, die hilft, Dinge zu verarbeiten.

Das ist richtig, aber das entscheidende Punkt ist: auf der Bühne oder vor der Kamera stirbt niemand, und es wird niemand tatsächliche Gewalt zugefügt. Will DAU diese Differenz aufheben?

Niemand wurde vergewaltigt. Das Universum von DAU ist nicht realistisch, die Gefühle sind realistisch. DAU ist ein Spiel, das uns daran erinnert, was Totalitarismus tatsächlich ist. Ein Setting mit Menschen, plus eine Kamera, die katalysiert etwas, das alles ergibt einen Prozess.

Sie sagen, dass die Sowjetunion ein Trauma hinterlassen hat. Auch für Sie persönlich?

Dieses sowjetische Trauma ist auch Teil meiner eigenen Geschichte. Jeder Mensch, der in der UdSSR geboren wurde, hat eine persönliche Beziehung dazu. Aber es geht nicht nur um Stalin, es geht um den Mechanismus des Stalinismus. Wenn du weißt, es gibt eine Macht, und die kann jederzeit in dein Leben kommen und kann dich zerstören, dann ist das Totalitarismus. Dieses tiefe Gefühl das kann man nicht erleben und zugleich reflektieren. Bei uns kann man das.