Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen von der Berlinale

Parallelaktionen

„Shirley“ von Josephine Decker

Heute Abend werden die Goldenen Bären vergeben. Morgen geht dann die erste Berlinale nach Dieter Kosslick zu Ende. Ein ganzes Festival zu evaluieren, mit über 300 Filmen und zahlreichen Veranstaltungen, das ist eigentlich unmöglich. Ich will heute am Beispiel zweier Filme aus dem diesjährigen Programm ein paar Überlegungen anstellen über die Möglichkeiten der Berlinale, sich in der weltweiten Festivalkonkurrenz zu behaupten – und zugleich dem Publikum vor Ort ein gutes Programm zu präsentieren.

Da ist zum einen Shirley von Josephine Decker, der in der neuen Reihe Encounters lief, zum anderen Tipografic majuscul (Großbuchstaben) von Radu Jude im Forum. Beide würde ich zu den Entdeckungen zählen, die ich dieses Jahr gemacht habe, in beiden Fällen kannte ich die Regisseure allerdings schon und war dementsprechend neugierig. Im Fall von Shirley würde ich meinen, dass die Berlinale das Potential des Films vielleicht sogar unterschätzt hat, Tipografic majuscul hingegen fand im Forum exakt die Bedingungen, die zu dieser eher experimentellen Arbeit passten.

Shirley ist eine Geschichte über die amerikanische Schriftstellerin Shirley Jackson. Als der Guardian vor einer Weile eine Umfrage unter schreibenden Menschen machte, was das gruseligste Buch der Weltliteratur wäre, kam überraschend einhellig The Haunting of Hill House (1959) heraus. In der Phase des Lebens von Jackson, von der Josephine Decker erzählt, lebt sie mit ihrem Mann, einem Professor, in einer kleinen Stadt in der Provinz. Sie hat einige psychische Probleme, und provoziert eine Menge Klatsch. Als ein jüngeres Paar für eine Weile bei Shirley und Stanley einzieht, entwickelt sich etwas, das man als eine Mischung aus Psychothriller und Campuskomödie bezeichnen könnte.

Aus Sicht der Berlinale ist Shirley ein Film von einer interessanten amerikanischen Regisseurin, die bereits mehrfach im Forum vertreten war, und die nun einen Schritt in Richtung eines größeren Publikums gemacht hat – auch deswegen, weil Elisabeth Moss die Hauptrolle der Shirley spielt, eine der gegenwärtig mit Abstand besten amerikanischen Schauspielerinnen. Im Forum wäre Shirley unterverkauft gewesen, warum lief er aber in Encounters und nicht im Wettbewerb? Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen, denn es gibt die eine oder andere Parallele zum diesjährigen Eröffnungsfilm My Salinger Year, und im Vergleich fällt der dann doch als reichlich bieder auf.

Alle Überlegungen, wo Shirley am besten hingepasst hätte, führen letztlich zu der Frage, ob der neue künstlerische Leiter der Berlinale, Carlo Chatrian, mit der neuen Reihe Encounters dem Festival tatsächlich eine zusätzliche Dimension gegeben hat, oder ob er nicht den Wettbewerb, also seine Hauptaufgabe, dadurch geschwächt hat. Ich finde, dass diese Überlegung durchaus plausibel ist. In der internationalen Konkurrenz der Festivals (also bei der leidigen Frage, wie Berlin sich gegenüber Cannes positionieren kann), spielt Shirley auch eine Rolle, denn Josephine Decker ist nun eindeutig eine Filmemacherin, von deren weiterer Karriere man sich einiges erwarten kann. Und sie hat bisher gute Erfahrungen mit Berlin gemacht, das könnte dem Festival vielleicht zugute kommen, wenn es bei ihrem nächsten Film darum geht, wo sie ihn präsentieren will.

Bei Radu Jude verhält sich die Sache ein wenig anders. Der rumänische Regisseur war 2009 und 2012 zweimal im Forum und schließlich 2015  mit dem historischen Kostümfilm Aferim! schon einmal im Wettbewerb bei der Berlinale, und erhielt sogar einen Silbernen Bären für die beste Regie (ex aequo mit Malgorzata Szumowska aus Polen). Er hat seither aber einige eher experimentelle Filme gemacht, und so verhält es sich nun auch mit Tipografic majuscul, in dem er eine Protestaktion aus dem Jahr 1981 aufgreift, also aus den schlimmsten Jahren der Ceausescu-Diktatur in Rumänien. Jude geht von einem Theaterstück aus, das wiederum von Geheimdienstberichten aus der Zeit ausgeht, in denen sich eine groteske Überwachungslogik zeigt. Die Protokolle der Securitate, bei denen genauestens über die Typographie nachgedacht wird, mit der jemand das Wort FREIHEIT an eine Hausmauer geschrieben hat, werden in Tipografic Majuscul mit Fernsehbildern aus dieser Zeit zusammenmontiert: Jude lässt noch einmal das Selbstlob des Ceausescu-Regimes Revue passieren und zeigt dabei die offiziöser Seite einer pingelig verwalteten, scheinbar direkt auf dem Weg in paradiesische Verhältnisse befindlichen Gesellschaft. Dieses Material ist extrem interessant, und ergibt in Verbindung mit der eher spröden Präsentation der Staatssicherheitsaffäre einen sehr spannenden Film von einem Regisseur, der nicht zuletzt wegen der Vielfalt seiner Strategien zu den derzeit wichtigsten im Weltkino zählt.

Auch bei Radu Jude ist die Berlinale gut beraten, ihn nach Möglichkeit an sich zu binden. Nun unterschreiben Regisseure, anders als Fußballprofis, bei denen die Logik eine vergleichbare ist, keine langfristigen Verträge. Aber es geht doch darum, Allianzen oder Loyalitäten zu schaffen, sodass die Berlinale im Lauf der Jahre so etwas wie eine Identität entwickeln kann, eine Adresse für die Filmkunst werden kann – etwas, was Cannes quasi automatisch unterstellt wird. Radu Jude hatte im Forum sogar noch einen weiteren Film in diesem Jahr, einen dreistündigen, sehr konzeptuellen Dokumentarfilm über den Pogrom in der Stadt Iasi im Jahr 1941. The Exit of the Trains muss ich bei Gelegenheit noch nachholen. Mal sehen, wo Josephine Decker und Radu Jude in den kommenden Jahren so auftauchen. Man wird an ihren Karrieren auch ein bisschen erkennen, welchen Stellenwert sich die Berlinale als Festival (und mit ihren Sektionen) unter Carlo Chatrian erarbeitet.