Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen von der Berlinale

Der Tränensammler

„There Is No Evil“ von Mohammad Rasoulof

Der Urmia-See liegt im nordwestlichen Winkel des Iran, nahe der Grenze zur Türkei. Er ist salzreich und nicht sehr tief, und er enthält zahlreiche Inseln, auf denen gelegentlich Menschen leben, die zu der modernen Gesellschaft auch des islamistischen Staats in großer Distanz leben. Auf diesem Urmia-See fährt in Mohammed Rasoulofs Film The White Meadows (2009) ein Mann herum, der es sich zur Aufgabe gemacht, die Tränen der Menschen zu sammeln. Rahman macht sich buchstäblich zum Gefäß der Sorgen und Nöte, und er dementiert das Versprechen nicht, das mit seiner Tätigkeit verbunden ist – dass die Tränen sich einmal in Perlen verwandeln würden.

Das ist nun wiederum ein Bild für den künstlerischen Prozess des Films selbst, in dem Rasoulof so etwas wie eine Feldforschung in poetischer Form betreibt. Er interessiert sich ganz eindeutig für die Ungleichzeitigkeiten, von denen das Leben der Menschen und die Regeln, die sie sich geben, bestimmt sind. Und er interessiert sich für die Opfer dieser Ungleichzeitigkeiten, zu denen etwa eine junge Frau zählt, deren in Salz konservierten Leichnam er auf seinem Boot an Land bringt – nach allem, was man schließen kann, wurde sie ein Opfer der extrem strengen Moralgesetze, die in dieser Gegend gelten. Sie war einfach „zu schön für diese Welt“, sie musste gewaltsam beseitigt werden.

Gestern wurde Mohammad Rasoulofs neuer Film There Is No Evil bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Es hatte etwas von einer Kampfansage an das iranische Regime, wie Jeremy Irons den Preis verkündete. Der Regisseur war nicht nach Berlin gekommen, die Ausreise war ihm verwehrt worden, er wurde bei der Zeremonie unter anderem von seiner Tochter vertreten. 2015 war das ganz ähnlich gewesen, als Jafar Panahis Taxi Teheran den Goldenen Bären gewann, den Preis nahm damals die Nichte des Regisseurs entgegen. Seit 2012 lebt Rasoulof eigentlich in Hamburg, dreht seine Filme aber weiterhin im Iran, und so ergab es sich, dass er derzeit dort festgehalten wird.

Sein Name wurde einer größeren internationalen Öffentlichkeit im Jahr 2010 bekannt, als er zusammen mit dem damals schon weltbekannten Jafar Panahi während Dreharbeiten zu einem gemeinsamen Projekt in Teheran verhaftet wurde. Als eine sechsjährige Haftsstrafe und ein zwanzigjähriges Berufsverbot über Panahi ausgesprochen wurde, war Rasoulof von dem gleichen Urteil betroffen – und doch wurde er meistens in westlichen Nachrichten lange Zeit einfach als „Mitarbeiter“ von Panahi bezeichnet, selten einmal wurde erwähnt, dass es sich bei ihm um einen Filmemacher eigenen Rechts handelt, bei dessen The White Meadows umgekehrt Panahi der Mitarbeiter war (er besorgte den Schnitt).

Dass Rasoulof lange Zeit insgesamt nicht die Rezeption hatte, die ihn als einen mit Pahahi oder Abbas Kiarostami vergleichbaren iranischen Filmemacher gewertet hätte, liegt wohl an seinem so deutlich allegorischen Stil, den er auch gelegentlich in Selbstaussagen ausdrücklich mit dem politischen System im Iran in Zusammenhang bringt. Die Zensur nötigt ihn zu verschlüsselten Erzählungen, zudem wählt er vorwiegend ländliche Schauplätze. Auch für den neuen Film There Is No Evil war die Suche nach den richtigen Orten sehr wichtig.

Rasoulof wurde 1973 in Shiraz geboren, also im Süden des Landes, wo auch ein frühes Hauptwerk spielt: The Iron Island (2005), eine ambivalente Exodusgeschichte: Sunnitische Iraner, die auf dem Wrack eines Öltankers im Persischen Golf leben, müssen feststellen, dass ihre Unterkunft langsam sinkt. Die mühsamen Ausbesserungsarbeiten, das improvisierte Festhalten an einer eigentlich unzumutbaren Lebensgrundlage sind deutlich als Bilder für das prekäre Leben im modernen Iran insgesamt zu sehen. Die Menschen müssen schließlich an Land und in die Wüste, und die weitere Geschichte nimmt einen für Rasoulof typischen, allegorischen, mehrdeutigen Verlauf, in dem die Symbolkraft des Wasser in der Einöde eine wesentliche Rolle spielt.

Bisher war Rasoulof mit seinen Filmen meistens in Cannes zu Gast. Sein bis vor kurzem bekanntester Film Manuscripts Don’t Burn (2013) erzählt in verschlungener Weise von der Allgegenwart eines Sicherheitsapparats im Iran, der umso unberechenbarer ist, als sich dort auch ein revolutionärer Idealismus zu bürokratischer Gewalt verhärtet hat.

Am Tag vor der Preisverleihung präsentierte die Berlinale dieses aktuelle Skype-Gespräch mit Mohammad Rasoulof, geführt von Lorenzo Esposito, einem Mitglied der Auswahlkommission des Festivals.