Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

17. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Tempel zur Reinigung

„Long live the struggle of the Sudanese people!” Der Kampfruf von Suhaib Gasmelbari verlieh der Preisverleihung bei der Berlinale am Samstagabend eine unvermutete politische Dimension. 1700 Gäste waren gekommen, es wäre spannend gewesen, hätte man eine kleine Umfrage abhalten können: Haben Sie in den letzten Wochen vom Kampf des sudanesischen Volkes Notiz genommen? Es gab durchaus Berichte in den Zeitungen, aber so richtig Schlagzeilen machen Demonstrationen für eine bessere Regierung in einem afrikanischen Land nicht. Der Film, für den Suhaib Gasmelbari mit dem Glashütte-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde, heißt „Talking About Trees“, er erzählt von vier Veteranen des Kulturbetriebs im Sudan, und von der Tatsache, dass man von einem Kulturbetrieb nicht wirklich sprechen kann. Das hat historische und politische Gründe, die Protagonisten sind alle alt genug, um viele von diesen Gründen quasi am eigenen Leib erfahren zu haben.

Die Berlinale ging als Fest der Freundschaft zu Ende. Früher sprach man von Völkerfreundschaft, und zwei Systeme versuchten, einander wechselseitig die Völker abspenstig zu machen. Heute kommen bei einem kulturellen Großereignis im Westen alle Völker zusammen: Suhaib Gasmelbari hat eine französische Produzentin, Angela Schanelec hat einen serbischen Kameramann, der Argentinier Manuel Abramovich (Silberner Bär der Kurzfilmjury für „Blue Boy“) hat einen rumänischen Creative Producer, und der israelische Regisseur Nadav Lapid hat einen tunesisch-französischen und einen Schweizer Produzenten, und er hat seinen Film „Synonymes“ in Paris gedreht.

Manuel Abramovich und Bogdan Georgescu

Am Ende des Abends gab es für „Synonymes“ den Goldenen Bären für den besten Film. Das war dann zu diesem Zeitpunkt schon keine Überraschung mehr. Die Verleihung der Bären folgt einem Protokoll, sie soll spannend sein, aber ein bisschen Planung muss auch sein. So kann man im Grunde schon beim Vorlauf am roten Teppich erkennen, die sich der Abend entwickeln könnte. Der goldene Handschuh war zum Beispiel schon draußen vor der Tür nicht eben stark repräsentiert, Fatih Akin wurde nicht gesichtet, Jonas Dassler immerhin kam. Die beiden deutschen Vertreterinnen im Wettbewerb waren beide mit Entourage erschienen: Nora Fingscheidt und Angela Schanelec. Beide erhielten einen wichtigen Preis, Schanelec für die beste Regie (Silberner Bär für „Ich war zuhause, aber“), Fingscheidt den Alfred-Bauer-Award für einen Film, der künstlerische Perspektiven eröffnet („Systemsprenger“).

In dem Moment, in dem diese beiden Preise durch waren, muss Nadav Lapid gewusst haben, dass er nun Favorit auf den Hauptpreis war, und als Francois Ozon für den Großen Preis der Jury (Silberner Bär für „Grace à Dieu“) auf die Bühne gerufen wurde, konnte Lapid innerlich jubeln. Denn nun war nur noch sein Film übrig.

Die Entscheidung für „Synonymes“ ist auch Ausdruck einer Jury-Zusammensetzung, die intellektueller und cinephiler (und sinnvollerweise auch kleiner) war als der übliche Mix aus Funktionen und Regionen: unter dem Vorsitz von Juliette Binoche wurde der Wettbewerb der 69. Berlinale mit plausiblen Entscheidungen abgeschlossen.

Den leidenschaftlichsten Moment gab es allerdings bei einer Entscheidung, die noch im Vorfeld der Bären lag: Der GWFF-Preis für den besten Erstlingsfilm ging an „Oray“ von Mehmet Akif Büyükatalay, eine Auseinandersetzung mit dem Buchstaben islamischer Regeln und dem Geist der freien Zuneigung. Der junge Regisseur dankte seinen zwei Familien (der richtigen in Hagen in NRW, und der Kunstfamilie in Köln an der KHM), und bekannte sich dann zu der Religion, der am Samstagabend gehuldigt wurde: er rief dazu auf, „an das Kino zu glauben“, und brachte sehr unmittelbar zum Ausdruck, wieviel es ihm bedeutete, in diesem „Tempel“ gewürdigt zu werden. „Tempel aber müssen zerstört und neu aufgebaut werden.“

Zu den wichtigsten Errungenschaften der Religion des Kinos zählt der Umstand, dann man damit Tempel einreißen kann, ohne auch nur einem Ziegelstein etwas zuleide zu tun. Das mit dem Aufbauen ist wieder eine andere Sache. Dafür sind im kommenden Jahr bei der Berlinale einige neue Menschen zuständig. Lang lebe in jedem Fall der Kampf des sudanesischen Volkes.

17. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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16. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Das Ende der Geschichte in Zeitlupe

1994 war ich zum ersten Mal bei einer Berlinale. Als Filmkritiker war ich ein Anfänger, als Berlin-Besucher auch. Das Festival fand damals noch im Westen statt, in einem Kudammkino, das es heute nicht mehr gibt, liefen in der Retro die Filme von Erich von Stroheim. Zu den Pressevorführungen des Wettbewerbs musste man in die Akademie der Künste am Hanseatenweg. Das Forum fand im Delphi statt, das ist bis heute so, allerdings war das Arsenal, zu dem das Forum gewissermaßen gehörte, noch unweit des KaDeWes und nicht, wie heute, in den Quartieren am Potsdamer Platz.

Im Delphi fand 1994 der Höhepunkt meiner Initiation in die Welt der großen Filmfestivals statt. Die Vorführung von „Sátántangó“ begann schon am Nachmittag. Siebeneinhalb Stunden mit einem ungarischen Film in Schwarzweiß, der jeden Unterschied zwischen kommunistischer und postkommunistischer Apokalyptik belanglos werden ließ. Ein Film in Zeitlupe über das Ende der Geschichte.

Ich war von der ersten Szene an, in der eigentlich nur Pferde unruhig herumlaufen, gebannt, musste aber irgendwann raus. Ein Interview mit dem australischen Regisseur Peter Weir stand auf dem Programm, das war der andere Höhepunkt in diesem Jahr, einen Begegnung mit dem Mann, der „Picknick am Valentinstag“ gemacht hatte, und nun mit „Fearless“ bei der Berlinale zu Gast war. Jeff Bridges spielte einen Mann, der einen Flugzeugabsturz überlebt, danach aber nicht mehr derselbe ist. Peter Weir erwies sich als höflicher, kluger Mann, das Interview lief gut.

Danach eilte ich ins Delphi zurück. Ich erinnere mich nicht, wie „Sátántangó“ ausging, um ehrlich zu sein, könnte ich nicht einmal mehr mit Sicherheit sagen, dass ich danach bis zum Schluss geblieben bin. Die zwei Stunden, die mir zwischendurch fehlten, ließen sich an diesem Tag sowieso nicht mehr aufholen.

Vielleicht fünfzehn Jahre später wollte ich mit „Sátántangó“ noch einmal Ernst machen. Und zwar dieses Mal wirklich. Ich las das Buch von László Krasznahorkai, besorgte mir die DVD – inzwischen war das Zeitalter der Beamer angebrochen – und machte mich voller Erwartung an die Arbeit. Über ein Wochenende verteilt wollte ich die 450 Minuten Schwarzweißaufnahmen aus einem verregneten ungarischen Provinzkaff endlich vollständig schauen.

Aber es ist wie verhext: ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, ob ich das damals geschafft habe. In dem Buch steckt ein Lesezeichen eher in der Mitte, danach sind keine Unterstreichungen mehr. Jetzt weiß ich nicht, ob ich die abgebrochene Lektüre auf den Film projiziere, oder die Ereignislosigkeit des Films auf meine Erlebnisse damit, oder vielleicht passiert ja sogar eine Menge, und ich habe es vergessen – oder doch nie gesehen. Dass es sich bei „Sátántangó“ um einen Höhepunkt der Filmgeschichte handelt, kann ich, glaube ich, in jedem Fall, vertreten.

Heute Nachmittag lief eine digital restaurierte Fassung. Eigentlich hätte ich da unbedingt hin gemusst. Allerdings möchte ich um halb sieben zum Fußball. Jetzt bin ich unschlüssig: vielleicht heute nur den halben Film anschauen? Wenn ich um neun aus dem Olympiastadion ins Delphi zurückkomme, dann könnte ich in jedem Fall den Schluss sehen. Aber dann fehlt mir wieder gerade der Teil, der damals wegen des Interviews ausfiel. Ich seh’s schon, das wird noch eine Lebensaufgabe mit „Sátántangó“. Vielleicht lese ich jetzt erst mal das Buch zu Ende. Und zwar am besten noch mal von Anfang an.

16. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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15. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Seidenstraßensperren

Seit gestern gibt es auf der Berlinale einen Favoriten für den Goldenen Bären: „So Long, My Son“ ist ein bitteres Epos über die Geschichte der Volksrepublik. Der dreistündige Film hat nebenbei auch den ganzen Tag hindurch den Tratsch über die Absage von Zhang Yimou beflügelt. Denn heute sollte ja noch ein Film aus China laufen: „One Second“ wurde kurzfristig wegen „Problemen bei der Postproduktion“ zurückgezogen. Das Festival hat damit Gesprächsstoff bekommen. Die naheliegende Frage wäre: Wenn „One Second“ tatsächlich, wie manche mutmaßen, in Wahrheit aus politischen Gründen zurückgehalten wurde, wegen des heiklen Themas der Kulturrevolution, wie konnte „So Long, My Son“ dann die Freigabe bekommen? Denn in diesem Film türmen sich die Probleme mit dem brutalen Eingriff des Staates in die Leben der Menschen ja noch viel deutlicher auf, als bei Zhang Yimou, über dessen Film bisher nur spekuliert werden kann? Reicht es da wirklich, dass Wang Xiaoshuai letzlich alles auf einen östlichen Stoizismus hinauslaufen lässt, um das fragile Verhältnis zwischen Gegenwart und Geschichte ins Lot zu bringen?

Die zweite Hälfte der Berlinale stand für mich nicht nur dieser Fragen wegen im Zeichen der Diplomatie. Mitte der Woche hatte ich eine Einladung aus der Botschaft von Usbekistan erhalten: Der Delegationsleiter der Uzbekkino National Agency auf dem European Film Market stünde zu einem Gespräch zur Verfügung. Usbekistan hat keinen Film auf dieser Berlinale, trotzdem fand ich diese Sache interessant. Denn das zentralasiatische Land öffnet sich gerade ein wenig nach langen Jahren despotischer Herrschaft. Ich vereinbarte einen Termin. Als ich tags darauf um die Mittagszeit zu dem Stand des Filmlandes Usbekistan im Gropiusbau kam, war der besagte Delegationsleiter bereits abgereist, wurde aber hochrangig vertreten durch Mukhlisa Azizova, Chairman of Uzbekistan National Film Commission. Bald stellte sich heraus, dass sie auch Regisseurin des Films ist, mit dem Usbekistan auf dem European Film Market besonders wirbt: „Scorpion“.

Usbekistan ist ein muslimisch geprägtes Land, das nun auf den westlichen Filmmärkten vor allem eines sein will: modern. Ich unterhielt mich mit dem weiblichen Chairman eine Weile über staatliche Subventionen, Märkte und kulturelle Fragen. Dann bedankte ich mich für das Gespräch, zum Abschied erhielt ich eine Tasche, und das Versprechen, mir Links zu usbekischen Filmen zuzuschicken. Diese Streams sind bisher nicht eingetroffen, ich habe mir aber in jedem Fall vorgenommen, „Scorpion“ dieses Jahr noch irgendwo zu sehen. Auf Instagram, wo Frau Azizova fast 9000 Follower hat, kann man sehen, dass sie inzwischen in Hamburg ist. Ein anderes Bild deutet an, dass die Zeit in Berlin erfolgreich war.

Der Abstecher nach Usbekistan hätte ich wahrscheinlich nicht gemacht, hätte sich nicht ein kleiner geopolitischer Schwerpunkt in meinen Berlinale-Interessen ergeben: von meiner Begegnung mit Mariam Ghani habe ich bereits berichtet. Und dann war da noch dieser Film in der Reihe Generation Kplus: „Di yi ci de li bie“ von Wang Lina. Da hatte mich vor allem die Inhaltsangabe neugierig gemacht: ein Kinderfilm über die Kultur der Uiguren in China.

Die Regisseurin stand für Interviews zur Verfügung, ich bekundete mein Interesse. Und dann begannen die Verhandlungen: ich dürfte alles fragen, außer über Politik. Mich interessierte aber in erster Linie die Politik. Allerdings nicht in dem Sinn, wie es die Produzenten von „A First Farewell“ offensichtlich befürchteten. Ich wollte nicht über Umerziehungslager in Xinjiang sprechen. Ich wollte verstehen, zu welchen Bedingungen eine chinesische Regisseurin dieses heikle Thema kultureller Differenz in der Volksrepublik überhaupt behandeln darf.

Die Antwort ist ganz einfach: es wird universalisiert. Wang Lina stammt selbst aus der Gegend. Wenn am Ende der kleine Held ihres Film weiter die Schafe hütet, während die Töchter einer Nachbarsfamilie in die Stadt in eine Mandarin-Schule müssen, dann geht es nicht um unterschiedliche Wege auf dem chinesischen Weg in die Moderne, sondern um die alte Frage zwischen einer agrarischen und einer urbanen Kultur. „A First Farewell“ entspricht voll und ganz offiziellen chinesischen Lesarten des Konflikts in Xinjiang. Trotzdem fühlen sich die Produzenten bemüßigt, die Regisseurin zu „schützen“ – vor möglichen Rückwirkungen in der chinesischen Filmpolitik, die daraus entstehen könnten, dass ein Journalist in Deutschland zu einem anscheinend vollkommen harmlosen Kinderfilm die falschen Fragen stellt. Ganz am Rande der Berlinale habe ich da also noch ein Beispiel für die spezielle Diplomatie erlebt, mit der die Volksrepublik dem Austausch von Bildern die Bedingungen diktiert.

Zum Abschied frage ich Wang Lina noch nach ihren Lieblingsregisseuren. Sie nennt Nuri Bilge Ceylan aus der Türkei. „Der wilde Birnenbaum“ war letztes Jahr auch einer meiner Favoriten. Wir treffen uns also irgendwo in der Mitte der Kulturen, die in Zentralasien einmal zusammenkamen. Heute treffen sie dort wieder aufeinander. Ich hoffe, der Link zu „Scorpion“ kommt bald.

Wang Lina

15. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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14. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Familiengeschichten

Im Jahr 1978 wird in Afghanistan ein Film über die Revolution im Jahr 1978 gedreht. Man könnte von einer ergebnisoffenen Erzählung sprechen: Kommunisten übernehmen in einem Staatsstreich die Macht, danach zerstreiten sich die Kommunisten, einer von ihnen, Hafizullah Amin, setzt sich (in einem „Coup im Coup“) durch, und beginnt dann gleich, sich in die Produktion von „The April Revolution“ einzumischen. Der Film soll nun seine Version erzählen, worauf das Team einen naheliegenden Vorschlag macht: dann soll er eben selbst mitspielen, der neue Präsident. So kam es, dass von Hafizullah Amin ein paar denkwürdige Meter Filmgeschichte überliefert sind. Er starb wenig später kurz vor Jahresende 1979, im Zuge des Einmarsches sowjetischer Truppen in Afghanistan.

„What We Left Unfinished“ von Mariam Ghani

„The April Revolution“ ist Fragment geblieben, ein Zeugnis für die vielen Unterbrechungen und Umbrüche in der Geschichte des Landes. Die Künstlerin Mariam Ghani beschäftigt sich seit längerer Zeit mit den Überresten der Filmproduktion aus dem Jahrzehnt, in dem Afghanistan unter kommunistischer Herrschaft war, während die USA muslimische Fundamentalisten dafür bezahlten, diese Herrschaft anzugreifen. Daraus wurde ein langer Bürgerkrieg. 1996 übernahmen die Taliban die Macht in Kabul, und vernichteten nebenbei auch einen Großteil der Filmbestände der Behörde Afghan Films. Was davon verschont blieb (unter anderem deswegen, weil eine geheimnisvolle Figur aus den Reihen der Taliban sich, gegen die strenge Ideologie seiner Gruppe, für das Kino interessierte), bildet nun die Grundlage für „What We Left Unfinished“ (Forum).

Mariam Ghani

Am Mittwoch saß ich Mariam Ghani in einer Interview-Lounge im Berlinale-Palast gegenüber. Für unser Gespräch war eine halbe Stunde reserviert. Ich hatte mich vorbereitet, natürlich den Film gesehen, ihre Webseite studiert, und über sie gelesen. Dabei entging mir ein wichtiges Detail, das mir erst während des Gesprächs dämmerte: als sie von ihrer Familie erzählte, von ihrer Kindheit in Amerika, von ihrem Vater, da erinnerte ich mich an eine große, enorm spannende Geschichte, die ich 2016 im New Yorker über den Präsidenten von Afghanistan gelesen hatte. Der heißt doch …

Die Sache war mir zu heikel, um sie während des Interviews direkt anzusprechen, denn ich hatte ja ein Band mitlaufen, und ich hoffte, die Aufzeichnung auch als Audio-Dokument verwenden zu können.

Nachdem ich das Telefon ausgeschaltet hatte, fragte ich Mariam Ghani: „Der Präsident von Afghanistan heißt, wenn ich mich nicht täusche, Aschraf Ghani. Besteht eine Verwandtschaft?“ „Er ist mein Vater“, sagte sie.

Das Gespräch mit Mariam Ghani als Audio (in Englisch)


14. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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13. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Intelligenz und Intuition

Am Dienstag lief mit „Ich war zuhause, aber“ von Angela Schanelec der dritte deutsche Beitrag im Wettbewerb. Ich habe im Lauf der Jahre mehrfach ausführlich mit der Regisseurin über ihre Filme gesprochen. Dabei brauchen wir immer ein bisschen, bis wir ins Gespräch kommen. Denn mit den üblichen Fragen („Warum haben Sie das gemacht?“, „Was haben Sie sich dabei gedacht?“) kommt man bei Angela Schanelec nicht weit. Sie meint, und mit Recht, dass die Filme eigentlich schon die Antwort sind. Trotzdem gibt es natürlich eine Menge, was sich explizieren lässt. Manches wird schriftlich ergänzt, und so habe ich schließlich ein Protokoll einer Reflexion, die vielleicht doch ein wenig helfen kann, zu „Ich war zuhause, aber“ einige Verständnishorizonte zu öffnen.

Angela Schanelec

Der Titel

Der Titel war das erste, was ich geschrieben habe. Wahrscheinlich hatte ich dadurch das Gefühl, an meinem eigenen Film „Ich bin den Sommer über in Berlin geblieben“ (1994) weiter zu schreiben, und dann war da natürlich der Titel des Films von Yasujiro Ozu: „Ich wurde geboren, aber“ . Ich glaube, das ist der schönste Titel, den man sich vorstellen kann. Bei Ozu geht es um das Bild, das sich die Söhne von ihrem Vater machen, und dieses Bild ist bei mir eine Leerstelle. Und darum kreist der Film, nicht nur, aber auch.

Die Idee

Es hat angefangen mit der Geschichte des Jungen, der nicht mehr da ist beziehungsweise der auftaucht, nachdem er nicht mehr da war, und der nicht einzuschätzen ist, in den man nicht dringen kann, der sich ganz unabhängig bewegt. Im Grunde wie ein Erwachsener, oder wie der Vater, den er nicht mehr hat. Aber er ist erst 13. Und was bedeutet das dann für die Anderen, was bedeutet das für seine Mutter. Das hat mit Nachmittag angefangen, dass ich versuche, etwas über das Verhältnis Mutter und Sohn rauszufinden.

Das lange Gespräch mit dem Filmemacher

Ich finde es schön, eine Schauspielerin sagen zu lassen, dass das Spiel immer Lüge ist.

Hamlet

Bei Hamlet gibt es auch das Verschwinden des Vaters. Ich weiß aber gar nicht, ob dieser Inhalt so den Ausschlag gegeben hat. Hamlet ist verzweifelt und auf sehr schmerzhafte Weise bei Verstand. Da ist etwas Körperliches, was mich beim Übersetzen zu dieser Figur hingezogen hat wie zu einem Menschen, den man sehr gerne verstehen möchte, aber man kann es nicht, und die Empfindung dieser Lücke, dieses Versagens, von der kann man sich nicht mehr befreien. Es ist das Bedürfnis, den Anderen erfassen zu wollen. Und natürlich ist es schmerzlich, wenn er dann geht. Und ebenso schmerzlich ist es, Ich spreche von der Liebe zwischen Mann und Frau, wenn diese Lücke geschlossen wird, und die Liebe damit endet. Ich glaube, das ist von Marguerite Duras, es ist jedenfalls nicht von mir: die eigentliche Liebe, die wirkliche, entscheidende Liebe, in der man gibt ohne zu nehmen, das ist die zwischen Mutter und Kind.

Verstehen

Ich glaube auch, dass das, was wir mit Verstehen meinen, völlig überbewertet ist. Es gibt das Verständnis, aber es gibt auch das Missverständnis, aus dem etwas entstehen kann, was dann existiert und wahr ist. Wir aber wollen immer verstehen, und weil es so überbewertet ist, verlässt man sich darauf, aber im nächsten Moment ist es nicht mehr existent und man weiß nicht mehr, wieso man glaubte, sich darauf verlassen zu können. Jemanden zu verstehen hat eine große Kraft, aber nur für einen Moment. Der Wert dieses Moments ist nicht zu messen und unwiderruflich, aber es ist ein Moment. Es ist sinnlos, zu bedauern, dass er vergeht. Woran also halten wir uns fest?

Kindertheater

Mein Bedürfnis, Hamlet mit Kindern zu machen, hat mit der Sprache zu tun. Sie die Sätze sagen zu lassen. Dahinter steht die Frage, inwieweit Spielen bedeutet, etwas zu sagen, in einer Sprache, die bereits Ausdruck ist – was heißt das überhaupt? Dialog müsste doch eigentlich Zurückkehren zum Sagen sein. Und können wir herausfinden, ob das so ist, indem wir die Sätze einen 13 Jährigen sagen lassen? Die Kinder spielen in genau dem Maße, in dem es ihnen passiert, zu spielen. Sie nehmen sich nichts vor, weil was sie sagen, viel zu weit weg ist von ihnen. Das, was sonst verdeckt ist durch das „Schauspiel“, liegt jetzt offen.

Ideen

Es gibt nicht Ideen hinter etwas. Man schreibt eine Szene und dann sucht man den Ort dafür. Ich schaue mich um, in dem Fall mit dem Kameramann, und wir sprechen darüber: Kann es dieser Ort sein? Spielfilm bedeutet ja eigentlich nur, etwas passieren zu lassen, was sonst nicht passieren würde.

Der Kameramann Ivan Markovic

Ivan Markovic ist jung. Ich habe zwei seiner Kurzfilme gesehen, und dann auch einen langen Film, „All the cities of the north“ von Dane Komljen. Er zeigt jetzt auch einen eigenen Film im Forum. Über ihn kam es am Ende auch zu der Koproduktion mit Serbien. Die ganze Zusammenarbeit war ein Glücksfall.

Kinderwunsch

Wenn es eine Mutter gibt, ist immer das Gegenbild auch präsent: eine Frau, die kein Kind haben möchte. Natürlich ist das eine interessante Frage, die ich nicht erschöpfend erörtern kann – deswegen mache ich einen Film darüber: Warum pflanzen wir uns überhaupt fort? Klar, darauf gibt es eine Antwort, aber was ist die Ausprägung heute, in dieser Welt? Womit ist man konfrontiert, wenn man sich diese Frage stellt?

Lehrer

Ich habe nie Lehrer gesehen, die sich so verhalten, aber ich fände es interessant, wenn sie sich so verhalten würden. Ich glaube, dann würde mehr zum Ausdruck kommen von ihrer Situation und Befindlichkeit, als wenn sie das ständig zudecken. Diese Umkehrung: die Kinder sind die Weisen und die Lehrer sind die Hilflosen, gibt es immer wieder in diesem Film.

Die Hauptdarstellerin Maren Eggert

Die Verbindung zwischen Intelligenz und Intuition ist bei Maren eins. Sie begreift, und das führt aber nicht zu einer Überlegung, sondern zu einer Handlung Die Handlung kann auch Sprechen sein. Ich finde sie sehr schön, ich habe Lust, sie zu fotografieren. Ihre Größe.

Tiere

Ich dachte an die Bremer Stadtmusikanten. Das Märchen handelt von Tieren, die von Menschen nicht mehr gebraucht werden, und die sich zusammentun und in ein Haus ziehen und in der Gemeinschaft nicht zu überwältigen sind, sondern stark.

Publikum

Man wirft mir manchmal vor, ich würde etwas verweigern, aber ich verweigere nichts.

13. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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12. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Unterricht in Utopie

Szene aus „One Second“

Wann muss ein Film eigentlich fertig sein, damit die Berlinale ihn zeigen kann? Manchmal wird buchstäblich bis zur letzten Minute an Details gearbeitet, hier noch ein Stück Ton hinzugefügt, dort noch die Lichtbestimmung optimiert. Dass die Postproduktion aber noch im Gange ist, während das Festival schon läuft, das ist dann doch ein bisschen sehr auf Kante genäht. Gestern wurde jedenfalls bekannt gegeben, dass „One Second“ von Zhang Yimou „aufgrund von technischen Problemen bei der Post-Production“ aus dem Wettbewerb zurückgezogen wurde. Damit sind nur noch 16 Filme in der Konkurrenz um den Goldenen Bären. „One Second“ wäre der letzte Beitrag im Wettbewerb gewesen, das kann man möglicherweise als einen Hinweis darauf sehen, dass da von vornherein eine äußerst knappe Zeitkalkulation vorlag.

Gestern Abend habe ich im Forum einen Film gesehen, der mit Sicherheit zu den aktuellsten im diesjährigen Programm zu zählen ist: „Nos défaites“ von Jean-Gabriel Périot wurde im Mai und Juni 2018 gedreht, im Dezember wurde dann aber noch eine längere Passage hinzugefügt, und damit gibt es nun aus Frankreich einen Debattenbeitrag, bei dem man fast noch die Druckerschwärze riechen kann. Das ist nun zwar ein Bild, das gar nicht in die digitale Welt passt, das aber daran erinnert, dass das Kino auch einmal so etwas wie ein Flugblattmedium sein sollte – also das Gegenteil des schwerfälligen Apparats, den man normalerweise damit verbindet.

Périot hat in der Pariser Vorstadt Ivry-sur-Seine mit einer Schulklasse gearbeitet, die sich für das Wahlfach Kino zusammengefunden hatte. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren zum Zeitpunkt der Dreharbeiten um die 16 Jahre alt. Sie nahmen sich gemeinsam Filme aus der Zeit um 1968 vor, also just aus der Zeit, in der das Kino als revolutionäres Medium seine langwierigen Produktionsrhythmen aufgeben sollte, und schnelle Interventionen in die Arbeitskämpfe versuchte. Selbst in dieser intensiven Phase der Agitation vergaßen die französischen Filmemacher aber nicht auf die Bedeutung von Kultur. So stammt aus dieser Zeit auch eine Szene, in der ein Mädchen einem Jungen ein Gedicht von Heine vorliest, das einen Horizont für ein neues Zeitalter öffnet.

Heine heißt in Frankreich „Ein“, man muss sich davor eines dieser Häkchen als Lautzeichen denken, über das wir uns im Kindesalter beim Asterix-Lesen abgehaut haben – oder eben abgeaut! Périot dreht mit den jungen Leuten also Revolutionsfilme nach, dazwischen stellt er Fragen: „Ce quoi le politique pour toi?“ „Was ist eine Klasse?“ „Was ist eine Gewerkschaft?“ Die Antworten sind enorm interessant, denn man sieht in diesem Moment politischen Subjekten dabei zu, wie sie sich konstituieren. Eines der Mädchen wirkt anfangs ein wenig unbedarft, entwickelt dann aber einen Begriff von Politik, der so überraschend und auch systematisch ist, dass man aus dem Staunen kaum mehr herauskommt.

„Nos défaites“ hat dann eben im letzten Moment noch einen Nachspann bekommen, der sich mit den Protesten in Frankreich beschäftigt. Die „Gelben Westen“ forderten Macron heraus, die Proteste der „élèves“ in den „lycées“ wurden daneben meist nur beiläufig erwähnt. Die Stimme der Heranwachsenden zählt eben nicht so richtig. In „Nos défaites“ zählt sie.

Ich hatte kurz vor Beginn des Films die Pressemitteilung über Zhang Yimou gelesen, und dachte dann zwischendurch mehrfach daran, wie „Nos défaites“ sich im Wettbewerb der Berlinale machen würde. Eine „wild card“ im besten Sinn, eine Alternative zu dem doch recht gleichförmigen Ablauf aus mittelmäßigen Qualitätskinobemühungen, die in Berlin dominieren. Es wäre ein utopischer Akzent, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Jugendlichen in dem Film sich für das Kino auch in praktischer Hinsicht interessieren: manche von ihnen würden gern einmal in diesem Bereich arbeiten. Das Schlimmste, was man ihnen vor dem Hintergrund ihrer derzeitigen Träume prophezeien könnte, wäre im Grunde, dass sie in dem Kino Karriere machen, das derzeit in Europa dominiert. Da müsste man dann einer neuen Generation die Revolutionsfrage stellen.

12. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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11. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Langsame Erlösung

Es ist noch gar nicht so lange her, da war dauernd von 1968 die Rede. Das hatte mit dem runden Geburtstag des globalen Revoltenjahrs zu tun. Das nächste Jahr mit einem ähnlichen Bedeutungsstatus wäre dann 1979, und tatsächlich kann man derzeit vielerorts lesen, welche Weichen für die Gegenwart damals gestellt wurden. Ein Jahr nach 1979 wurde die Berlinale-Sektion Panorama gegründet, die dieses Jahr also 40 wird. Den Rückblick auf die „Seele des Programms“, den Wieland Speck kuratiert hat, kann man sich durchaus nicht nur mit filmhistorischem, sondern auch mit allgemeinhistorischem Interesse ansehen.

Mit dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan begann 1979, wie man heute meint, die letzte Phase des Zerfallsprozesses der kommunistischen Regimes. Was daraus hervorging, beschäftigt die Welt bis heute. Einen denkbaren, anderen Verlauf vor allem für Russland kann man sich vielleicht erträumen, wenn man „100 Tage, Genosse Soldat“ (1990) von Khusein Erkenov sieht, einen lyrischen Film über eine Gruppe von Angehörigen der Sowjetarmee. Das homosoziale bis offen homosexuelle Milieu beim Militär könnte man im heutigen Russland nicht mehr so zeigen, ohne einen Aufschrei der nationalen Gruppen zu provozieren. Erkenov ging es aber offensichtlich nicht nur darum, die Schönheit von jungen Männern aus dem Volk in Uniform mystisch zu überhöhen, er hatte auch eine Idee von Mutterland, in das die Soldaten auf ihren Kurzurlauben immer wieder zurückkehren.  Für einen kurzen historischen Moment, den „100 Tage, Genosse Soldat“ einfängt, war ein anderes Russland denkbar, ein Russland auch mit einer anderen Männlichkeitskultur, in der die sadistischen Rituale beim Militär in elegischen Rückblenden und assoziativen Schnitten ins Leere laufen.

„Sto dnei do prikaza“ („100 Tage, Genosse Soldat“, 1990) von Khusein Erkenov

Als Wieland Speck den Film von Erkenov seinerzeit für das Panorama sichtete, mag er auch an seinen eigenen Kurzfilm „Das Geräusch rascher Erlösung“ aus dem Jahr 1983, der ebenfalls in der Auswahl zu der „Seele des Programms“ gezeigt wird: ein Traumstück um zwei Schwule, die einander im richtigen Leben verfehlen (obwohl sie Telefonnummern ausgetauscht haben), die aber in einer fantasierten Szene zusammenfinden. Burt Lancaster geistert als Kasernenoberster durch die Bilder, eine Gänse rupfende Carmen wird selbstverständlich von einem Mann gespielt, die Ruinenlandschaften rund um Berlin lassen schon an den weiten Osten denken, der sich bald darauf mit dem Fall der Mauer öffnen sollte – und aus dem dann Erkenov und andere kamen.

Von den vielen Filmen zum Thema Aids, die das Panorama im Lauf der vierzig Jahren gezeigt hat, ist wahrscheinlich „Wilde Nächte“ von Cyril Collard einer der bekanntesten. Dazu haben auch die äußeren Umstände beigetragen: Collard verfilmte weitgehend seine eigenen Erfahrungen mit einer HIV-Infektion, er machte sein Aufbegehren gegen die Notwendigkeiten von „safer sex“ und letztlich sein eigenes Sterben in einen Film ein, der mit großem Pathos gegen die Regeln verstieß, die zur Bekämpfung von Aids aufgerichtet wurden.

Der Riss, der damals durch die schwulen Communities ging, ist an einem der unbekannteren Beiträge im Panorama 40-Programm gut zu ersehen: In „Buddies“ (1985) von Arthur J. Bressan übernimmt ein junger Mann namens David die Aufgabe, regelmäßig den Patienten Robert zu besuchen. David, der nicht infiziert ist, ist anfangs abgestoßen, gar nicht wegen der Krankheit, sondern weil Robert ein paar Mal respektlose Bemerkungen macht. „Buddies“ lässt aus dieser Zweierkonstellation ein komplexes Bild der schwulen Kultur in Amerika seit den späten 1970er Jahren entstehen. Der Vorspann ist erschütternd: aus einem Nadeldrucker kommt ein schier endloses Dokument mit Namen (aus New York), denen allen zwei Informationen zugeordnet sind: „deceased“, gestorben, und „AIDS“. Die „Seele des Programms“ von 40 Jahren Panorama ist immer wieder so schmerzvoll wie die Geschichte, die das Festival umgab.

„Buddies“ (1985) von Arthur Bressan Jr.

11. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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1970

   

10. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Pioniere in Neustadt

Die Berlinale geht in ihren vierten Tag. Ich habe inzwischen hinreichend Filme gesehen, um hier einmal drei hervorzuheben – aus den Reihen neben dem Wettbewerb. Die genannten Filme sind noch in weiteren Vorführungen zu sehen.

„Temblores“ von Jayro Bustamante (Panorama)

2015 war der Regisseur aus Guatemala mit „Ixcanul“ im Wettbewerb vertreten, und nach „Temblores“ fragt man sich, warum es dieses Mal nur für das Panorama gereicht hat – eine präzise Gesellschaftsstudie aus einem der Länder, gegen die Donald Trump eine Mauer bauen möchte, würde doch gerade der angeblich so „politischen“ Berlinale gut anstehen. Bustamante erzählt von Pablo, einem Mann in mittleren Jahren, verheiratet mit der schönen Isa, zwei Kinder. Pablo verliebt sich in einen Mann, er entdeckt seine Homosexualität, und Bustamante legt anhand dieses Konflikts die Menschenbilder frei, von denen das Leben von privilegierten Menschen in Guatemala geprägt ist. Eine evangelikale Kirche spielt eine bedeutende Rolle, vor allem aber ist alles auf ein Verständnis von Männlichkeit ausgerichtet, dem Pablo sich entzieht. Ironischer Höhepunkt ist ein Moment, in dem Isa der Schwiegermutter eine geläufige psychologische Herleitung für Homosexualität entgegenschleudert: Das eigentliche Motiv für den Machismo wäre demnach ein Madrismo, ein Mutterkult. Bustamante ist aber viel zu klug, und viel zu nuanciert, um Erklärungen zu privilegieren. Sexualität ist für ihn der Schlüssel zu allem.

„Temblores“ („Tremors“) von Jayro Bustamante

„Fortschritt im Tal der Ahungslosen“ von Florian Kunert (Forum)

Neustadt in Sachsen liegt in einem der hintersten Winkel der Republik. In der DDR hieß es von den Bewohnern von Neustadt, sie wären die „Ahnungslosen“, weil Informationen immer ihre Zeit brauchten, um in das enge Tal vorzudringen. Syrische Flüchtlinge kamen 2015 auch nach Neustadt, sie wurden dort in einem ehemaligen Fabriksgebäude untergebracht, man kann nicht wirklich von einem Wohnquartier sprechen, es sei denn, man wollte eine Betonwand unter sich und eine über sich schon als solches bezeichnen. Florian Kunert arrangiert in seinem Dokumentarfilm eine aufschlussreiche Begegung: Pioniere von damals treffen auf Pioniere von heute. In der DDR war die ganze Gesellschaft auf Fortschritt ausgerichtet, in Neustadt sollte ein Kombinat für landwirtschaftliche Großgeräte die Nahrungsmittelproduktion auf amerikanische Dimensionen bringen. Die Pioniere der DDR sind heute im frühen Rentenalter, und bringen den Syrern Deutsch bei. Einer kann sogar Arabisch. Kunert misst verordnete Utopien (Integration, Sozialismus) nicht aneinander, sondern zielt auf einen milden Blick auf schräge historische Analogien. Archivmaterial von einem Staatsbesuch von Hafis al-Assad (dem Vater des heutigen Massenmörders) bei Erich Honecker zählt zu den Höhepunkten des Films: Syrien war auch einmal verordnet progressiv.

„Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“ von Florian Kunert

„Born in Evin“ von Maryam Zaree (Perspektive Deutsches Kino)

Die Schauspielerin Maryam Zaree kennt man aus der Rolle von Kalila, der Ehefrau des Gangsters Tony Hamady in der Serie „4 Blocks“. Sie wurde im Iran geboren, im deutschen Medienorientalismus macht das aber keinen so großen Unterschied. Die näheren Umstände ihrer Geburt hat Maryam Zaree nun mit dem Dokumentarfilm „Born in Evin“ ins Auge gefasst. In dem Wikipedia-Eintrag wird Teheran als Geburtsort genannt. Eine ebenso korrekte wie irreführende Angabe, denn de facto kam Maryam Zaree eben in Evin zur Welt, einem berüchtigen Gefängnis im Norden der iranischen Hauptstadt. Ihre Mutter war zu dieser Zeit, wenige Jahre nach der Revolution von 1979, in Evin inhaftiert, und brachte unter extremen Umständen ihre Tochter zur Welt. Inzwischen leben beide schon lange in Deutschland, die Mutter ist eine erfolgreiche Psychologin, sie hat einen jüdischen Mann, die Tochter ist Schauspielerin. Über die besonderen Umstände der Geburt von Maryam wird nicht gesprochen. Dieses Tabu bricht Maryam Zaree mit den Recherchen, von denen der Film „Born in Evin“ erzählt: im Umrissen wird hier eine Geschichte der iranischen (exilierten) Opposition erkennbar, und man erfährt eine Menge über das grausame Regime im Iran. Im Zentrum steht aber die Beziehung zweier Frauen: Maryam Zaree und ihre Mutter. Für beide wurde Deutschland zu einer neuen Heimat, beide haben dieses Land auf ihre Weise enorm bereichert.

„Born in Evin“ von Maryam Zaree

10. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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09. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Ganz normaler Wahnsinn

Am Freitag habe ich mir eine etwas peinliche Absage eingehandelt. Ich hatte eine Email geschrieben, weil ich mit der Schauspielerin Valerie Pachner sprechen wollte. Nicht lang, vielleicht zehn Minuten, telefonisch hätte gereicht. Ich wollte sie etwas fragen über einen Film, den sie vor zwei Jahren gedreht hat, und der immer noch nicht heraußen ist: „Radegund“ von Terrence Malick. Valerie Pachner ist Österreicherin und spielt dort die Ehefrau des Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter, der 1943 in Berlin ermordet wurde. So eine Email schreibt man natürlich nicht direkt an die Schauspielerin, das geht an eine Agentur, von dort kommt dann irgendwann eine Antwort, aus der man sehr schön herauslesen kann, wie es gerade um die Karriere der Schauspielerin, das berufliche Renommee von einem selbst und das Prestige von dem Medium steht, für das man arbeitet.

Die Antwort von der Agentur von Valerie Pachner war ein wenig peinlich für mich, weil sie einen Grund für eine (immerhin nur vorläufige) Absage enthielt, der mir eigentlich bekannt sein hätte können: Sie spielt die Hauptrolle in „Der Boden unter den Füßen“ von Marie Kreutzer, einem österreichischen Film, der heute im Wettbewerb der Berlinale Premiere hat.

Valerie Pachner in „Der Boden unter den Füßen“

Meine Frage war also ungefähr so passend gewesen, als wollte ich jemand einen Tag vor der Hochzeit etwas nach einer früheren Beziehung fragen. Gänzlich abschreiben muss ich mein Begehr nicht: wenn erst „der ganz normale Wahnsinn um einen Wettbewerbsbeitrag“ bei der Berlinale vorbei wäre, dann könne man noch einmal über ein Telefonat reden, wobei der Umstand, dass Valerie Pachner zur Berlinale von Dreharbeiten zu einem ziemlich großen Mainstream-Film (der neue „Kingsman“) angereist kommt, die Sache nicht unbedingt erleichtert.

Die Sache mit „Radegund“ hat mit der Berlinale direkt gar nichts zu tun. Es ist nur so, dass der Film derzeit als verschollen gelten muss. Das ist bei Terrence Malick nicht so ungewöhnlich, denn der Regisseur gilt selbst auch als verschollen, jedenfalls lässt er sich sehr selten bei offiziellen Anlässen sehen. In Berlin ist er relativ häufig und gern, das gilt als gut verbürgt, bezieht sich aber auf die Privatperson. Da „Radegund“ teilweise in Babelsberg produziert wurde, konnte man mit einer Festivalpremiere bei der Berlinale rechnen. Das dachten wir voriges Jahr, und auch dieses Jahr dachte ich wieder daran, als vor Weihnachten die ersten Filme für die 69. Berlinale genannt wurden. Aber „Radegund“ bleibt verschwunden.

Ein Kollege, den ich neulich nach einer Einschätzung fragte, löste das Mysterium eher profan auf: „Na, dann halt Cannes.“ Aber das muss sich auch erst einmal bestätigen. Inzwischen bin ich mit „Radegund“ schon an einem Punkt, an dem es mir lieber wäre, das Rätsel würde sich vertiefen, und Terrence Malick würde noch lange über seiner mystischen Deutung eines katholischen Antifaschisten aus dem Innviertel brüten.

Währenddessen kann ich auf der Berlinale in den nächsten Tagen meine Augen offenhalten und vielleicht doch die eine oder andere Information über die Dreharbeiten einholen. Ich könnte versuchen, Franz Rogowski zu erwischen, der in dem neuen Film von Angela Schanelec mitspielt („Ich war zuhause, aber“, Wettbewerb).

Franz Rogowski in „Ich war zuhause, aber“

Ich könnte auch nach August Diehl Ausschau halten, der in „Radegund“ die Hauptrolle spielt. Am meisten würde mich ein Hintergrundgespräch mit Ulrich Matthes interessieren, der eine besonders interessante Rolle hat: er spielt Lorenz Schwaninger, den Schwiegervater von Franz Jägerstätter, einen allen Quellen nach hoch anständigen Mann. Wenn ich jetzt an das Management von Ulrich Matthes schreibe, wird es sicher irgendeine wichtige Theaterpremiere geben, die einen „ganz normalen Wahnsinn“ verbreitet, und ich werde mich gedulden müssen.

Ein paar Tage habe ich immerhin noch Zeit, bis dann Cannes die ersten Filme meldet. Nach allem, was ich so höre, sind alle die genannten Schauspieler übrigens genau so gespannt darauf, „Radegund“ endlich zu sehen. Dieter Kosslick könnte ich natürlich auch fragen. Aber der spart sich die Geschichten mit Malick sicher für seine Memoiren auf.

09. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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08. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Nur wegen ihm hier

Wild entschlossen: Anke Engelke und Dieter Kosslick bei der Eröffnung der Berlinale

Gestern musste ich lange über einen Satz von Ange Engelke nachdenken. Deutschlands berühmteste Komödiantin hat einmal mehr die Berlinale-Eröffnung moderiert. Mit Dieter Kosslick bildet sie längst ein eingespieltes Duo, sie hat das Wort, er hat den Applaus, dieses Mal noch ein bisschen mehr, denn es ist ja die letzte Berlinale mit Dieter Kosslick als Direktor. Das konnte Engelke nur mit einer Liebeserklärung bewältigen: „Ich bin nur wegen dir hier.“ Und dann noch eine Absage an einen anderen Mann: „Wegen Lars von Trier bin ich nicht hier.“

Da traf es den Dänen allerdings nur wegen des Reims. Man kann sich vorstellen, wie die Gagschreiber (von denen man sich einmal mehr die berühmte Winnie-Schäfer-Frage stellte, nämlich, was sie eigentlich beruflich machen) an dieser Zeile gebastelt haben. „Wegen Michael Hanecke stell ich dich nicht in die Ecke?“ „Neben Christopher Nolan hat du dich mir empfohlen?“ Da kann man ja gleich nach einem Reim auf Kosslick selbst suchen, oder, weil der Nachname halt sperrig und der Träger ohnehin ein Ranschmeißer ist, auf Dieter.

Sie waren gestern alle nur wegen Dieter hier: die Politiker, die Stars, die deutsche Film- und Kulturprominenz von Maren Kroymann abwärts. Kroymann forderte übrigens eine Beschäftigungsgarantie für Anke Engelke bei der Berlinale. Sie sollte auf den Schreibraum ausgeweitet werden. Und auch für die Modeschöpfer, die sich immer diese Kreationen einfallen lassen – gestern passend zum Streamingthema das Kleid „Kabelsalat“.

Der Satz, von dem ich eingangs sprach, fiel bei der Vorstellung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller. Als Gastgeber darf er immer eine Rede halten, und Engelke kündigte ihn so an: „Ihm haben wir es zu verdanken, dass Serien wie ,4 Blocks‘ nicht nur reine Fiktion sind.“ Hm. „4 Blocks“ ist ja bekanntlich diese Serie über arabische Clans in Neukölln, die megamäßig Schutzgeld und Drogenprofite einfahren, und damit den Berliner Immobilienmarkt erhitzen. Was hat Michael Müller damit zu tun? Gut, der Satz war als Witz gemeint, aber Witze sind ja nur dann richtig gut, wenn in ihnen eine halb verborgene Wahrheit steckt.

Witze sind ja auch häufig ein wenig „kritisch“, wie der gestern gegen die Deutsche Bahn, mit der die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg auch in zehn Tagen zur Abschlusszeremonie noch nicht in Berlin wäre. „Ich bin nur wegen dir nicht hier“, könnte sie dann irgendwo bei einem Halt auf offener Strecke eine kleine Hymne auf das Wort Stellwerkstörung anstimmen („Hinter jeder Stellwerkstörung/eine COhoch2-Verschwörung“, bei COhoch2 müsste man an eine reimtechnische Chiffre für den Begriff Doktormabusige Lobby für die Entschleunigung der deutschen Bemühungen um die Dekarbonisierung von Wirtschaft und Kultur denken). Das wäre aber Populismus, denn die Deutsche Bahn ist besser als ihr Ruf, und sie fährt ja nur bis Flensburg.

Der Witz über Michael Müller lässt sich entweder auf seine Sicherheitspolitik münzen – unter einem anderen Bürgermeister wäre Neukölln nicht mehr länger Vorstadt von Beirut, sondern Vorhut von Prenzlberg, und jede Geschichte über organisiertes Verbrechen mit Migrationshintergrund wäre reine Fiktion. Oder sie lässt sich auf seine Medienpolitik münzen – unter einem anderen Bürgermeister wäre Berlin niemals zu der Hauptstadt der Serienproduktion geworden, und „4 Blocks“ existierte allenfalls als unverkäufliches Drehbuch im Computer eines Autors, der nachmittags in der U-Bahn die Motz verkaufen muss, um abends ein wenig an dem Charakter mit der Raubtierfellunterhose feilen zu können. „4 Blocks“ wäre in dieser Version auch Fiktion, aber anders. Nämlich niemals gemacht worden. Weil niemand daran geglaubt hätte.

Nun glaubt aber alle Welt an „4 Blocks“, und Teile dieser Welt glauben sogar, dass Neukölln so ist wie in „4 Blocks“. Das wäre dann wieder der Müller-Witz auf Ebene eins (Fiktionalität eins, sozusagen). Fiktionalität zwei ist, wenn Filme oder Serien nicht entstehen, und Fiktion eins bleiben.

Anke Engelke hatte dann auch noch über Monika Grütters einen Witz. Sie stellte sie als „Black Panther“ vor, in Anspielung auf einen wichtigen neueren Superheldenfilm. Vielleicht war da „Wonder Woman“ gemeint, der andere wichtige neuere Superheldenfilm, in dem erstmals die Frauen das Kommando bei den Superheldentaten übernommen haben?

Nicht so wichtig. Wegen Lars von Trier war am Donnerstagabend niemand hier, wegen Michael Müller auch nicht, alle waren wegen Anke Engelke hier, die wegen Dieter hier war. Das 69. Kiezvolksfest des Kinos mit dem lustigen Direktor kann hiermit beginnen.

08. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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07. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Das Wetter vor 22 Jahren

Letzte Vorbereitungen: An der Fassade des Zoo-Palastes wird das Logo der Berlinale aufgehängt.

Und nun zum Klima. Heute beginnt die Berlinale, und am Samstag soll es in Berlin 9 Grad haben. Gefühlt immer noch 6. Das sind 16 zu viel. Das A-Festival mit dem roten Schal wurde doch 1977 eigens vom Juni auf den Februar verlegt, wegen der Folklore. Berlin war Frontstadt im Kalten Krieg, da passte es einfach besser, wenn Stars fröstelnd über den Roten Teppich huschten. Lange gehörte es dann zum Identitätskern des Festivals, dass der Berliner Winter hinten raus, also so Mitte Februar, einen Tanz mit dem sibirischen Bären abhielt. Dieser Identitätskern ist inzwischen ungefähr so stabil wie der Eisschild in der Antarktis, von dem kürzlich zu lesen war, dass er Klimakaries hat. Die 69. Berlinale wird warm werden.

Sie hat auch selbst ihren Teil zu dieser Erwärmung beigetragen. Der „carbon footprint“ eines Filmfestivals dieser Dimension dürfte den einer Klimakonferenz zwar nicht erreichen, aber wenn man alle Flugkilometer zusammenrechnet, die für eine Ausgabe der Berlinale so auflaufen, kommt man vermutlich auf das Jahresemissionsbudget eines mittleren Entwicklungslandes. Immerhin muss man Dieter Kosslick zugute halten, dass er in einer Hinsicht früh etwas dagegen getan hat. Ich erinnere mich an eine Vorführung von Pat Garrett & Billy the Kid, dem Western von Sam Peckinpah, in dem Bob Dylan mitspielt. Es muss im Jahr 2004 oder so gewesen sein.

Die Projektion war digital, man sprach damals noch nicht von 2K oder 4k oder 44K, sonst hätte es wohl geheißen: 0,04K. Das Bild war ungefähr so durchschüssig wie die Ozonschicht in den achtziger Jahren. Ich dachte mir damals: das wird noch lange nichts mit diesen immateriellen Bildern. Da hatte ich wohl Murphy und Moore verwechselt. Der eine geht davon aus, dass Unglück sich potenziert, der andere hat eine (nicht im strengen Sinn) vergleichbare Rechnung über Datenkapazitäten angestellt. In geradezu atemberaubenden Tempo hat die Filmindustrie etwas vollzogen, wovon sich die Autoindustrie eine Menge abschauen könnte: heute kommen die Filme aus einer Blackbox namens DCP, wenn nicht überhaupt schon nur noch aus der Leitung.

Für die Flugkilometer bei der Berlinale ist das eine gute Nachricht, denn früher flogen ja nicht nur die Stars, die Agenten, die Kritiker und die Fans nach Berlin, sondern auch viele Tonnen Zelluloid. Ein Überbleibsel dieser alten Technologie könnte man sich heute, wo auf der Berlinale untertags noch nichts los ist, im Silent Green ansehen. Das ist ein Kulturquartier im Wedding, das mit einer imposanten Ausstellungshalle aufgemöbelt wurde, in der am Mittwochabend schon einmal das Forum Expanded eröffnet wurde. Für Dieter Kosslick ist es die letzte Berlinale, er ist auf Abschiedstournee, also ließ er sich auch bei dieser Sektion blicken, die sich nicht zuletzt seinem Expansionskurs für das Festival verdankt: Seit 14 Jahren gibt es diese Abteilung für die Grenzbereiche zwischen Film und Bildender Kunst.

In der diesjährigen Ausstellung des Forum Expanded gibt es jedenfalls eine Installation, die allein schon einen Besuch im Silent Green lohnt: Wosa (Coyote’s Burden Basket) von Heike Baranowsky. Aufnahmen von einem Krater im Death Valley, zwei Filme aus jeweils 2931 Einzelbildern. Ein echtes Filmerlebnis mit 35mm-Kopie, ratterndem Projektor und viel zweiter Natur. Ich habe ein Handyfoto gemacht, um einen vagen Eindruck von dieser Installation zu machen.

Im Ergebnis, also in der Projektion, sieht das dann so aus:

Dieter Kosslick hatte einen naheliegenden Witz ins Silent Green mitgebracht: Er versuchte einen Reim auf Roter Teppich. Der wird am Donnerstagabend erstmals ausgerollt. Vom Wetter reden wir dann erst wieder, wenn es umschlägt.

07. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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05. Feb. 2019
von F.A.Z. - Feuilleton

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Jenseits des Bärenrennens

Projektionen: Szene aus dem Wettbewerbsbeitrag „Yi miao zhong (One Second)“ von Zhang Yimou

Am Donnerstag beginnen die 69. Berliner Filmfestspiele. Insgesamt 17 Filme konkurrieren um den Goldenen und die Silbernen Bären, darunter Fatih Akins „Der Goldene Handschuh“, Lone Scherfigs „The Kindness of Strangers“ oder der chinesische Film „Yi miao zhong“ von Zhang Yimou. Doch die Berlinale besteht nicht nur aus ihrem Wettbewerb. Was es in den Tagen bis zum 17. Februar sonst noch zu erleben und entdecken gibt, davon wird der Filmkritiker Bert Rebhandl in diesem Blog berichten.

05. Feb. 2019
von F.A.Z. - Feuilleton

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07. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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Breitwand, durch den Türspalt gesehen

© picture allianceZhang Yimou (links), der Fachmann für geschmackvoll Übertriebenes, mit den Schauspielern Guan Xiaotong und Kai Zheng bei der Pressevorführung von „Ying“

Die coolste Show (was nicht heißt: der beste Film, gute Filme sind ja noch mehr und anderes als Show) des Festivals hat die Volksrepublik China vorbeigeschickt, schön, schwer, scheppernd und blutig. Es hat sogar der Allerbesten gefallen, die neben mir saß und sonst ja eigentlich nicht dauernd rotes Zeug im Film rumspritzen sehen muss, um sich unterhalten zu fühlen. Aber bei „Ying“, möglicher deutscher Titel: „Schatten“, vom Fachmann für geschmackvoll Übertriebenes Zhang Yimou, wird vor perfekt aufeinander abgestimmten schwarzen, weißen und allenfalls grauen Hintergründen im kühlen Dauerregen um die zu erobernde altchinesische Stadt, die Pläne des Königs, Doppelgängerrätsel, Verrat, den Konkubinenstatus der Königsschwester und das beste Solo auf der Laute gekämpft, dass es nur so ratscht und rasselt, inklusive Regenschirm aus Messern, und die gefährlichsten Blicke werden nicht auf dem Schlachtfeld getauscht, sondern dringen durch Türspaltöffnungen  und betreffen Geheimnisse eher intimer als militärischer Art, von denen letztlich alles abhängt.

Was will man denn sonst noch, als Ausblick darauf, wie das Blockbusterkino aussehen wird, wenn die lieben Chinesen nach dem nächsten großen echten Krieg (oder vielleicht bevorzugterweise: stattdessen) die Weltherrschaft übernehmen? Nichts will man sonst noch, ist doch perfekt. Das Festival selber war natürlich nicht perfekt, aber voll genug mit solchen Momenten, auch kleineren, zum Beispiel bei den Kurzfilmen – wann, wenn nicht auf Festivals, kriegt man denn heute noch Kurzfilme zu sehen? Und wo kommen die guten her, wenn nicht abermals aus China, wie zum Beispiel „Na Li“ (ungefähr: „Da unten“) von Yang Zhengfan, der einfachsten Idee überhaupt: Eine Hausaußenwand mit erleuchteten Fenstern, in einem Raum spielt ein Kind mit Seifenblasen, in einem anderen steigt eine Party, draußen ist es dunkel, dann schreit wer und wir belauschen Leute, die sich darüber unterhalten, ob man nachsehen soll, was unten passiert, oder die Polizei rufen, oder lieber nicht, wir müssen ja morgen alle früh raus. Die reine Wahrheit über Städte von China bis Amerika oder Europa also, und keine ganz angenehme, aber eben deshalb: Spitzenfilm, elf Minuten, alles klar.

Nicht so toll, aber im Wettbewerb: „Capri-Revolution“ von Mario Martone, eine endlose Hippie-Nackthopserei mit historischem Kostümkram, in der ein Malerjesus einer Ziegenhirtin das Fliegen beibringt, hoffentlich kommt das bald ins deutsche Kino, damit man es nicht besprechen und auch sonst komplett ignorieren kann, vielleicht reicht das als kleine Strafe für Herrn Martone. Bestraft wurde auch der Schwachsinnige, der nach der Pressevorführung von Jennifer Kents „Nightingale“, einer auf historischen Recherchen beruhenden Vergewaltigungs- und Rache-Geschichte aus dem kolonialen Australien, als die strafgefangenen Weißen dort sozial unter den Militärs, aber über den Ureinwohnern standen, bei der Einblendung des Namens der Regisseurin laut auf italienisch „Hure“ in den Saal gebrüllt hat. „Nightingale“ ist nicht nur ein Film von einer Frau, der einzige im Wettbewerb, sondern über Unrecht, das an Frauen  begangen wurde, aber das hinderte den Idioten nicht daran, als sein Name bekannt wurde, im Internet zu erklären, es sei zwar ein Wutausbruch gewesen, den er jetzt bedaure, er habe es aber doch nicht frauenfeindlich gemeint (man will nicht mal wissen, wie er das im Hirn zusammengekocht hat oder was er, wenn nicht das Wort „Hure“, das die Frauenhasser im Film mehrfach gebrauchen, um ihren Status gegenüber der Hauptfigur zu befestigen,  wohl gerufen hätte, wenn der Film von einem Mann gedreht worden wäre). Die Akkreditierung hat man ihm entzogen, seine Erklärung, er habe doch nur „Buh!“ rufen wollen und dann stattdessen eine „übertriebene“ Alternative gewählt, weil ihm nicht ganz klar gewesen sei, dass er sich nicht in geselliger Runde mit seinen Kumpels (die man auch nicht kennenlernen will) befunden habe, hat ihn nicht davor bewahrt, jetzt woanders nach Gelegenheiten zu suchen, die politischen Botschaften von Filmen durch sein Verhalten zu bestätigen (vielleicht geht er ja jetzt in irgendein Multiplexkino und schreit rassistisches Zeug während „Black Panther“).

Weniger Schönes und Schönes, so sind Festivals zusammengesetzt, genau wie im Leben oder wie das heißt. Na gut, Bilänzchen, die diesjöhrigen Löwen-Ahnungen:

Wird wohl gewinnen (und soll‘s ruhig): „Roma“ von Alfonso Cuarón, wer sonst kann persönliche und historische Geschichten dermaßen nahtlos miteinander verfugen?

Sollte gewinnen (wird‘s aber vielleicht sogar): „Nuestro Tiempo“ von Carlos Reygadas, alle Kunstmittel des Films für alle Gefühlswirklichkeiten der Liebe, das ist schon was.

Könnte gewinnen (ist der Jury aber wohl zu finster witzig): „The Favourite“ von Giorgos Lanthimos, Kammerkillerkomödie zwischen drei Frauen.

Gewinner der (offenen, noch schlagenden, sehr grusligen) Herzen: „Suspiria“  von Luca Guadagnino. Ich würde mich für das Original ja mit jedem prügeln, aber nicht mit Guadagnino, der hat es nämlich verstanden und einleuchtend neu ausgelegt.

Sonderpreis für ein Popkonzert, das irgendwie ein Film war oder umgekehrt: „Vox Lux“ von Brady Corbet, hat zwar einige Schwächen und fällt zum Schluss leicht ab, aber wer will Natalie Portman nicht als seltsame Legierung von Taylor Swift, Miley Cyrus und Sia erleben? Weiß nicht, wer. Ich schon.

Ach so, eins noch: Wahrscheinlich kommt alles ganz anders, im Urteilsvermögen der Jury fällt plötzlich der Strom aus und Florian Henckel von Donnersmarck kriegt sämtliche Ehren für sein enormes Monumentum „Werk ohne Autor“, weil: Dieses Opus ist für die Kunst und gegen Hitler, ein mutiges, ungewöhnliches Statement, wie man es nicht alle Tage sieht oder was. Mehr Zeug dieser Art dann garantiert im nächsten Jahr, herzlichen Glückwunsch!

07. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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04. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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Schau, Plätze! Na und?

© FestivalWillem Dafoe als Vincent van Gogh in „At Eternity‘s Gate“

Willem Dafoe als Pinselheiliger Vincent Van Gogh sagt, er sehe, wenn er vor einer flachen Landschaft stehe, nichts als die Ewigkeit, und er frage sich, ob er der einzige sei, der sie so sieht. Wie er sich die Landschaft als Künstler erwandert, zeigt uns der Film „At Eternity’s Gate“ vom … na gut, Künstlerkollegen des Verewigten, Julian Schnabel, als mehrfach wiederholte Begehung des Terrains rund um Arles, Frankreich: Spazier Spazier, Klavier Klavier. Die Musik ist in diesem Werk entweder aufdringlich oder abwesend, dazwischen gibt’s nichts, Glückwunsch zu dieser Radikalität – und zur Besetzung, denn Willem Dafoe sieht tatsächlich genau aus wie Van Gogh auf seinen kaputtesten Selbstporträts, sowas kann er, Dafoe sah ja auch schon genau aus wie Pasolini oder Jesus, und wird sicher, wenn es eines Tages verlangt ist, genau aussehen wie Jogi Löw oder Hillary Clinton.

Nicht auf Ähnlichkeit, sondern auf Intensität setzt im selben Film Oscar Isaac als Paul Gaugin, bei dem die häufigen Wechsel aus dem Französischen ins Englische, die „At Eternity‘s Gate“ durchgängig vermerkwürdigen, völlig natürlich wirken, als wollte er sagen: Nicht nur Landschaften, auch Sprachräume sind Schauplätze, die man im Kino erforschen kann, ohne sie je ganz betreten zu müssen, man hängt immer ein bisschen in der Luft dabei, zwischen zwei Szenen, zwischen zwei Einstellungen – sehr schön, auch wenn die Monotonie einiger Erzähleinfälle, die keine sind (Takes übereinander blenden, wiederholen, Spazier Spazier, Klavier Klavier), solche graziösen Sachen dann leicht aus dem Ablauf drängeln, in den dann Dafoe sie wieder zurückzerren muss, mit verzweifeltem Gehabe, stiller Inbrunst und so Kram. Immerhin zeigt uns Schnabel, der von Bildender Kunst ja irgendwas versteht, nicht nur fertige Gemälde, sondern auch die Hand beim Malen, das sind dann ein paar putzige kleine Youtube-Tutorials für Hobbykünstler, gegen die ernsthaft niemand was haben kann, der die Notwendigkeit von Medienkompetenzpädagogik einsieht.

© FestivalJuli Jakab im Film „Napszállta“ von Laszlo Nemes

Völlig egal sind solche lehrhaften Strategien dagegen László Nemes, der zumindest die Feinschmeckercommunity auf dem Festival mit seinem klassizistischen Hutmachermysterium „Napszállta“ (Sonnenuntergang) absolut geplättet hat. Das Ding spielt 1913 in Budapest, „dieser staubigen Stadt“, wie ein österreichisch-ungarischer Monarchennichtsnutz darin einmal in wienerischem Deutsch sagt, aber was für ein lichtgeküsster Staub ist das, jedes Körnchen beseelt, der ganze bedrohliche Mummenschatz durchherrscht vom Schöpferwillen und –können des Urhebers, und die Hauptdarstellerin Juli Jakab als Waisenmädchen Irisz Leiter auf der Suche nach einem tödlichen Familiengeheimnis und der satanischen Realität hinter der Fassade zieht sich die Hutnadel aus dem Haar, als hätte sie das schon tausendmal gemacht, als wohne sie direkt vor dem Ersten Weltkrieg und müsste, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, nur noch schnell das alteuropäische Machtgefüge selbst (verkörpert durch den ebenfalls höchst rühmenswerten Vlad Ivanov) besiegen. Das Ende ist fast dasselbe wie in Thomas Manns „Zauberberg“, nur viel schlimmer, und wer erstklassige Historienschinken liebt, musste im Saal zustimmend nicken, als ein italienischer Kritiker in den Abspann mit erstickter Stimme „Leone!“ rief, was den Löwen meint, den man dem Film verleihen soll.

Wie Schnabel Arles sieht und Nemes sein Ungarn ist damit fixiert, nämlich jeweils auf die persönlichen Absichten zurechtgeschnitten, was allerdings auch schief gehen kann, wie man merkt, wenn man direkt vergleicht, wie zwei verschiedene Absichten dieser Art dieselben Schauplätze behandeln – sie nämlich einmal plätten bis zur totalen Berechenbarkeit und einmal öffnen, das man denkt: Das ist ja interessant da, was leben da wohl für Leute? Ich rede vom wilden Westen, der, wie sich auf dem Festival entdecken ließ, weil zwei Western hier in direkter Konkurrenz um die Löwen stehen, mal konventionell und höchstens ein bisschen lau ironisch aussieht, nämlich bei den Coens in „The Ballad of Buster Scruggs“ (amüsant, aber wie man früher sagte: nicht abendfüllend, und zwar trotz Überlänge), das andere mal bei Jacques Audiard in „The Sisters Brothers“, einem anfangs unscheinbaren, dann mit jedem Dialog, jeder Handlung, jeder Landschaftsaufnahme wachsenden echten Großtableau über eine Gegend, wo die Menschen ihre Gesetze selber machen müssen, aber nicht mal wissen, wie man sich die Zähne putzt.

Das Goldgräbertal der Coens sieht ausgedacht und zusammengeborgt aus (sogar die Tiere sind teils im Computer ausgebrütet worden), während das Edelmetall im Fluss von Herrn Audiard leuchtet wie die Sünde und es also richtige Männer braucht, ihm zu widerstehen, und noch richtigere Männer, ihm zu erliegen. Schauplätze sind sehr wichtig, aber nicht einfach als Drehorte – auch wenn man dem Veteranen, der an der Festivalgeländebar von Dario Argentos Zeit in München für „Suspiria“ (1977) erzählt, gern zuhört (stimmt das wirklich, sind Fassbinder UND David Bowie damals vorbeigekommen?) -, das Entscheidende am Schauplatz ist, ob er aussieht, als käme man da nur mit der Seele hin statt zu Fuß wie zu der Ausstellung über die Geschichte des Festivals, die gerade im Hotel des Bains hängt, wo ein Frankfurter Lieblingskollege immer hin will, weil er den Schuppen aus dem Kino kennt.

04. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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02. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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Talent und Tränen

© Ettore Ferrari/EPATun was sie können: Bradley Cooper und Lady Gaga während eines Fototermins für „A Star Is Born“

Wenn Leute etwas sehr gut können, warum sollen sie dann nicht immer das Gleiche machen? Joel und Ethan Coen zum Beispiel – kaum wird das Buch, das ihr neuer Film und diesjähriger Venedigwettbewerbsbeitrag ist, „The Ballad of Buster Scruggs“, ein buchstäblicher Band mit einem desolaten Baum und einem Glenn-Danzig-Rinder-Totenschädel drauf, von einer ruhigen, sicheren Hand aufgeschlagen, sind wir mitten im Land der Schelmengrotesken und Narrenpossen, deren Muster alles, was die beiden je fabriziert haben, so brav gehorcht, dass man manchmal denkt, vielleicht waren die Hofnarren im Mittelalter ja auch die allerberechenbarsten Menschen ihrer Zeit. Der Film ist selbstverständlich ganz toll, die Abfolge voneinander weitgehend völlig isolierter Episoden hätte besser nicht sequenziert werden können (ein paar Witze, dann Schauder, Action, moralische Abgründe, in die Liam Neeson einen Mann ohne Arme und Beine schmeißt, damit das Publikum nicht weiß, ob es hier auch Szenenapplaus geben darf oder sich schütteln soll vor Abscheu), und ab dem Moment, da der disziplinierteste Nebendarsteller der Welt, Clancy Brown, sich auf spektakulärstvorstellbare Weise aus dem Trubel verabschiedet, schaltet das Nervensystem auf Daueramüsement.

James Franco wird gleich zweimal aufgehängt, was will man mehr? Vielleicht will man weniger: Nicht so clever, bitte („Tarantino mit Hirn“ trifft die Stimmung ganz gut, aber man ahnt plötzlich, dass Tarantino eben da gut ist, wo er halt keins hat), nicht so routiniert, und dass die Indianer wilde Tiere sind, wäre auch nicht nötig gewesen. „Man kann zu gut sein“ schrieb Peter Hacks über Percy Bysshe Shelley (das ist der Typ, der dieses berühmte Gedicht über das Massaker geschrieben hat, von dem der neue Mike-Leigh-Film handelt, der hier auch im Wettbewerb mitorgelt) und meinte wohl: immer nur Hürden ohne Fehler überspringen ist nicht genug für Weltklasse-Arbeit, nicht mal dann, wenn die Hürde hoch hängt. Na gut, also, Fairness: „The Ballad of Buster Scruggs ist das Gescheiteste, was seit „Westworld“ mit Cowboymaterial gemacht wurde.

Ebenfalls dasselbe wie immer bietet in Venedig Olivier Assayas mit „Doubles vies“: Schnelle Dialoge als Zeitdiagnosen, diesmal im Pariser Verlagsmilieu, wo die Digitalisierung das gute alte Buch irgendwie bedroht, aber Juliet Binoche hat keine Angst, sie ist ja ein Fernsehstar namens Selina, die sogar mit, hallo Meta-Witz, der berühmten Schauspielerin Juliette Binoche bekannt ist, die sie deshalb bittet, ein Hörbuch einzulesen, weil nur so die Karriere eines totalen Schlaffi-Schriftsteller-Affen revitalisiert werden kann, mit dem Selina eine Affäre hat, während ihr Mann, der Verleger des Affen, mit seiner Digitalisierungsbeauftragten ins Bett geht, die außerdem selbstverständlich irgendwie queer ist, aber total ehrgeizig usw. – ein rundum freundlicher, lebensbejahender, oft lustiger Film, wie er wohl nur in Frankreich usw. usw. usw. – was ganz anderes aber, nicht das immer Gleiche, macht Bradley Cooper, der führt nämlich neuerdings Regie. Was dabei rausgekommen ist, läuft auf diesem Festival außer Konkurrenz und heißt „A Star is Born“, der Titel bezieht sich auf Lady Gaga, die hier die Sängerin Ally spielt, die Cooper als Rockstar Jackson Maine entdeckt, das Drehbuch ist uralt (Jawohl, der Hit von Moss Hart) und… wie soll ich sagen… also… man geht halt rein, zwischen zwei Kritiklieblingen, zwischen Arthouse und Arthouse, in diese Riesenschnulze über die Liebe zur Musik, die Probleme der kreativen Doppelverdienstpartnerschaften, Alkoholismus, Familienlasten, Freundschaft, und es ist, wie nennt man das denn, wenn… also… ich meine, klar, man darf auch mal eine romantische Tragödie oder Komödie mögen, ja sogar sehr, sehr doll mögen, wenn Michelle Pfeiffer mitspielen und Al Pacino und solche anerkannten Edelkräfte… aber dass Lady Gaga so selbstvergessen unter lauter Drag Queens „La Vie en Rose“ schmettern kann, dass Bradley Coopers Bart so zärtlich knistert, wenn die schreckliche Wahrheit sich offenbart, und dass… ja… wie kann man das jetzt… wie sagt man… die Frau drei Sitze neben mir hat bis zum Schluss die Fassung gewahrt, aber dann fing sie auch an zu heulen, so schön war das in diesem Schmalz. Ich hab’s genau gesehen, durch den eigenen Tränenschleier.

02. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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01. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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Gewinner? Jetzt schon? Echt?

© Claudio Onorati/EPADer griechische Regisseur Yorgos Lanthimos auf dem 75. Filmfestival Venedig

Merkwürdig wäre es ja schon, wenn in der zweiten Woche des Festivals noch was Besseres als „The Favourite“ von Yorgos Lanthimos oder „Roma“ von Alfonso Cuarón gezeigt würde; die Jury müsste sich nicht schämen, wenn sie einem dieser Kerle das Dings aushändigte und den Rest der Veranstaltung zur unbeschwerten Spaßzone ohne Konkurrenzdruck erklärte – ernsthaft, erstens, Lanthimos: Emma Stone als verarmte Adlige, die sich an Rachel Weisz als der bevorzugten Hofdame der von Olivia Colman gegebenen launischsten Königin von England aller Zeiten vorbei ins Herz, ins Hirn und ins Bett der Monarchin hochintrigiert, wo sie dann im gelben Kerzenlicht finster komödiantische Politik macht, bei der die Männchen, die vorher Staat, Krieg und Geld geregelt haben, nur noch Statisterie sind: Festlich verdorbender wird’s nicht mehr, und wer rauskriegt, ob dieser Film eine Tragödie oder eine Komödie ist, gewinnt eine komplette Psychoanalyse mit Hasen- oder Entenbraten als Zugabe.

Lanthimos wird seit Jahren auf zunehmend steilerer Kurve das extreme Gegenteil von schlechter, und mit diesen drei Schurkinnen, die zugleich Heldinnen sind, hat er Figuren gefunden, die sein infames Talent nicht nur aushalten, sondern sich mit ihm in der gemeinsamen Kunst suhlen, bis es quietscht (es geht allerdings mehr um Nager als um Schweine). Eine ganz andere formatherausfordernde Frauengestalt hat dem Festival der andere eigentlich-jetzt-schon-Sieger Alfonso Cuarón beschert: Das Hausmädchen Cleo, das er in seinem Schwarzweißmonument „Roma“ so ziemlich allem aussetzt, was Herzen zertrümmern kann, vom Privatunglück bis zur historischen Katastrophe, hat der mexikanischen Schauspielerin Yalitza Aparicio die beängstigend große Aufgabe gestellt, sich gegen turmhohe Ereigniswellen zu behaupten; der unscheinbare Filmbeginn in einer Art höherer Puppenstube im Mexiko City der frühen Siebziger gibt dem Regisseur Gelegenheit, seine in der Zukunft und im Weltall schon unter Beweis gestellte Gabe voll auszuspielen, Wechselwirkungen zwischen unaufhaltsamen, zerstörerischen, das Menschenmaß übersteigenden Kräften zu lenken, damit jemand wie Sandra Bullock oder eben Frau Aparicio sich dagegenwerfen kann, um irgend etwas zu retten, das es wert ist, gerettet zu werden (wie die Königin bei Lanthimos so schön sinnlos, aber existenziell sagt: Wir müssen für das kämpfen, wofür wir kämpfen), in diesem Fall das Prinzip „Aufrichtigkeit“, gegen das alle anderen im Film verstoßen, während allein Cleo die Balance hält, bis auch sie das Gleichgewicht verliert, dabei aber auf eine Art ihrer Umgebung zur viel zu lange überfälligen Anerkennung der Wahrheit verhilft, die man nicht anders nennen kann als magisch (ganz früher, vor der allerlängsten Zeit, hieß Magie ja: etwas opfern, damit die Geister, Götter und anderen Schadens- wie Schutzmächte den Menschen ernst nehmen).

Das ist oft spannend bis kurz vor der Ohnmacht, aber natürlich kein Unterhaltungskino; umso bemerkenswerter, dass Netflix Geld in „Roma“ investiert hat. Wenn irgendwas den Zweck des Lichtspielhauses erfüllt, dann so ein Film. Die Bereitschaft der Streamingriesen, sich damit zu arrangieren, könnte das störrischste Autorenfilmemachervolk, das nicht wie Cuarón mit jenen neuen Sponsoren arbeiten will, früher oder später dazu bringen, von Netflix und Co so zu sprechen wie die akademischen Mäuse beim Dichter Karl Mickel von den Katzen, die sie mit den Tigern und Löwen (also dem klassiscgen Filmverleihwesen in seinen reichsten Zeiten): „Unsere ganze praktische Politik muss also darauf gerichtet sein, der Katze die Maße der ursprünglichen Löwen und Tiger zurückzugeben, weil dann a. wir ihnen als geringe Portionen schlichtweg aus dem Blickfeld herausfielen und b) das Verhältnis der Reaktionszeiten zu unseren Gunsten entscheidend sich ändern müsste.“

01. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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31. Aug. 2018
von Dietmar Dath

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Ahnungen, Warnungen und Wahn

„The Mountain“-Regisseur Rick Alverson mit den Schauspielern Hannah Gross und Tye Sheridan auf dem Roten Teppich in Venedig

Schon beim Verlassen der Fähre, gerade am Lido angekommen, warnt die Allerbeste: Wenn du hier an der großen Straße noch Bargeld holen willst an diesem Geldautomaten, musst du das an den ersten drei Tagen machen, sonst ist das Ding dauernd nur noch leer. Am nächsten Morgen, vor dem Eröffnungsfilm von Damien Chazelle, sagt der nette arabische Kollege, den man manchmal hier, manchmal auf der Berlinale und manchmal drei Jahre gar nicht trifft, nachdem ich ihm ein Ohr abgekaut habe, weil einer meiner Lieblingsregisseure, bei mir tatsächlich jeder einzelne seiner vier großen Filme gefallen hat, hier einen neuen zeigen will: Der Typ ist gut, stimmt schon, aber ich glaube, er lässt langsam nach, der letzte war schon nicht mehr so unberechenbar, und wenn er uns diesmal das Geheimnis auflöst, was das alles soll, seine Obsessionen und Zwangsvorstellungen, seiner unglücklichen Liebesgeschichten und so weiter, dann wirst du sehen, der kocht auch nur mit Wasser, dann wird die Enttäuschung entsetzlich sein.

Als nächstes warnt bzw. mahnt ein Gebäude: ein Hotel, in dem ich bei meinem ersten oder zweiten Mal hier prima eingeklemmt gehaust habe, in so einem als Zimmer vermieteten Postfach für Menschen, ist verrammelt und offenbar ruiniert, nicht mal mit dem Zusammenpferchen Wehrloser in Minizellen kann man also offenbar stabile Gewinne erzielen. Schließlich erzählt eine  Freundin der Allerbesten, die einen der Filme, die hier angeblich zum allerersten mal gezeigt werden, schon gesehen hat, davon, dass der noch schlechter sei als alle, die der verantwortliche Idiot zuvor verbrochen hat, obwohl das kaum mehr vorstellbar scheint und also die düsterste Vorhersage von allen ist.

Natürlich sehe ich den Eröffnungsfilm „The First Man“ von Damien Chazelle in so einer Stimmung auch gleich als Warnung: Was, wenn all die technischen Triumphe der Menschheit (na gut, der Amis) im zwanzigsten Jahrhundert, von wegen Mondlandung und Hollywood, nur kurz aufleuchtende und sofort wieder verlöschende Glühwürmchen waren, wenn es im All und auf der Welt letzlich um nix geht und man sich besser um die eigenen Leute kümmert, die Nächsten, die Familie, statt großen Breitwandideen hinterherzuträumen? Kaum aber erwäge ich das, sagt mir ein Film, der mich noch viel übler warnen will, dass Familien und Nächste in einem entsetzlichen Abschnitt der Psychiatriegeschichte völlig damit einverstanden waren, den seelisch leidenden Elektroschocks durch die Körper zu jagen und ihnen das Hirn mit dicken Nadeln kaputtzustechen.

Der Film heisst „The Mountain“, gedreht hat ihn Rick Alverson, unterstützt vom dämonisch distanzierten Kameramann Lorenzo Hagerman, und erzählt wird die Geschichte eines jungen Fotografen, der einen Quacksalber begleitet, welcher merkwürdigen Menschen die Seelen tötet und davon noch nicht mal besonders gut lebt. Der schiefe Arzt ist Jeff Goldblum, der den Film im Regen betritt, als wäre er lieber woanders; der Junge, den er für sich Bilder seiner Opfer knipsen lässt, ist Tye Sheridan, der in Spielbergs „Ready Player One“ neulich noch den puren Lebenswillen im virtuellen Durcheinander dargestellt hat, hier aber aus mal wachen, mal trüben Augen eine Situation beobachtet, bis sie ihn in sich hineinsaugt. Autofahrten durch Gruselwälder, Blut an Goldblums Händen und die unerfreulichste Art, von Sex zu handeln: Dieser Film hat alles, was Leute vermissen, denen es zu gut geht, ich hatte wirklich schon lustigere Depressionen als während der letzten zwanzig Minuten der Vorführung. Zwar übertreibt es der immer sehenswerte Denis Lavant am Ende ein bisschen mit den metaphysischen Monologen, den hätte man zügeln können (auch im Wahn gilt: You don‘t want too much of a good thing), aber insgesamt verhält sich dieses finster-klare Zeug zu dem Kuckucksnest, über das Jack Nicholson einst geflogen ist, wie ein Tiefseegraben zu eine Pfütze. Tiefe Verzweiflung, ruhig ausgerollt, toll fotografiert; ob das einen Preis kriegt oder nicht, man wird‘s nicht so bald vergessen.

 

31. Aug. 2018
von Dietmar Dath

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29. Aug. 2018
von F.A.Z. - Feuilleton

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„First Man“ eröffnet Filmfest Venedig

© Filippo Monteforte/AFPDie Jury: Christoph Waltz (l.), Taika Waititi, Naomi Watts, Malgorzata Szumowska, Trine Dyrholm, Nicole Garcia, Jury-Präsident Guillermo Del Toro, Sylvia Chang und Paolo Genovese auf dem Lido

Mit einem Drama über den Astronauten Neil Armstrong wird das Filmfestival Venedig an diesem Mittwochabend eröffnet. In dem Film „First Man“ verkörpert Ryan Gosling den Mann, der im Jahr 1969 als erster Mensch den Mond betrat. Regie führte Damien Chazelle, der zuletzt mit dem Musical „La La Land“ weltweit Erfolge feierte.

„First Man“ ist einer von 21 Beiträgen, die im diesjährigen Wettbewerb um die Hauptpreise konkurrieren. Darunter ist auch der neue Film des deutschen Oscarpreisträgers Florian Henckel von Donnersmarck („Das Leben der Anderen“). Er stellt „Werk ohne Autor“ auf dem Lido vor. Das Werk mit Tom Schilling in der Hauptrolle basiert lose auf der Biografie des Künstlers Gerhard Richter.

Weitere Beiträge im Wettbewerb sind der Western „The Ballad of Buster Scruggs“ der Brüder Ethan und Joel Coen sowie „Peterloo“ des Briten Mike Leigh. Alfonso Cuarón („Gravity“) zeigt das in Schwarz-Weiß-gedrehte „Roma“.

Außer Konkurrenz stehen unter anderem „A Star is Born“ mit Lady Gaga und „Dragged Across Concrete“ mit Mel Gibson auf dem Programm. Außerdem feiert „The Other Side of the Wind“ von Orson Welles in einer Sonderaufführung Premiere – das Werk wurde viele Jahre nach dem Tod des Regisseurs nun mit Hilfe des Streamingdienstes Netflix fertiggestellt.

Die höchste Auszeichnung des Festivals ist der Goldene Löwe für den besten Film. Die internationale Jury wird die Preise am 9. September vergeben. Ihr Vorsitzender ist in diesem Jahr der Mexikaner Guillermo del Toro, der 2017 selbst mit „Shape of Water“ den Goldenen Löwen gewann.

Die Filmfestspiele in Venedig sind die ältesten der Welt. In diesem Jahr findet das Festival zum 75. Mal statt. In diesem Blog wird Dietmar Dath davon berichten.

29. Aug. 2018
von F.A.Z. - Feuilleton

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19. Mai. 2018
von Verena Lueken

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Goldene Palme für „Burning“ – das wäre gerecht. Eine Wunschliste

Wenn es gerecht zuginge, wäre der große Gewinner dieses seltsam ungleichmäßigen, teilweise sehr schlechten Festivals mit einigen tollen Filmen Lee Chang-Dong und sein alle überragender Film „Burning“ nach einer Kurzgeschichte von Murakami. Er steht weit oben auf meiner Favoritenliste wie auch auf der sehr vieler Kollegen. Die Punktetabelle eines Branchenblatts hat er fast gesprengt, so viele Sternchen wurden da vergeben.

© FestivalSzene aus „Burning“

Das heißt für die Entscheidung der Jury gar nichts. Viele Schauspieler in einer Jury wie hier machen die Sache vollends unberechenbar. Trotzdem habe ich letzte Nacht meine Palmen-Wunschliste zusammengeträumt, nicht zu verwechseln mit einer Prognose, die in diesem Jahr unmöglich zu treffen ist:

Goldene Palme – „Burning“, was sonst

Großer Preis der Jury – „Shoplifters“ von Hirokazu Koreeda

Beste Darstellerin – Zhao Tao. in „Ash Is Purest White“ von Jia Zhangke

Bester Darsteller – Jafar Panahi in seinem „3 Faces“ (das wäre was!)

Beste Regie – Jean-Luc Godard für „Le Livre d`Image“

Bestes Drehbuch – „Leto“ von Kirill Serebrennikow

Spezialpreis der Jury – „BlackkKlansman“ von Spike Lee

© Festival„Shoplifters“von Hirokazu Koreeda

© Festival„Ash Is Purest White“ von Jia Zhangke

© Festival„3 Faces“ von Jafar Pahani

© Festival„Le Livre d`Image“ von Jean-Luc Godard

© Festival„Leto“ von Kirill Serebrennikow

Wahrscheinlich kommt es anders. Heute Abend wird es verkündet, mit großem Tamtam auf und hinter dem roten Teppich. Noch einmal große Garderobe, noch einmal kein Selfie. Die Journalisten sitzen gemütlich nebenan und rufen ihre Favoriten in den Raum, stöhnen oder springen begeistert auf und klatschen.  Es ist der einzige Abend, an dem es ein bisschen zugeht wie im Fußballstadion. Immer ist irgendwer sehr enttäuscht. Kommentar folgt.

 

19. Mai. 2018
von Verena Lueken

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17. Mai. 2018
von Verena Lueken

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Mit Dany Cohn-Bendit durch la belle France

© AFP Photo / Anne-Christine PoujoulatDaniel Cohn-Bendit (l.) und Romain Goupil dieser Tage in Cannes

Was ist das eigentlich für ein Land, das dieses Festival ausrichtet? Das so viel Stolz in seine Filme, seine Kinokultur legt? Was hat sich geändert seit 1968, als es auch hier beim Festival krachte und die Sache abgeblasen wurde? Lässt sich zwischen dem, was hier in diesem Jahr angesichts der offensichtlichen Krise des Festivals schmerzhaft diskutiert wird, und dem Rest des Landes überhaupt eine Verbindung herstellen?

Das sind Fragen, mit denen ich mich in den Film „La Traversée“ von Romain Goupil (außer Konkurrenz gezeigt) aufmachte, der sich dann als etwas ganz anderes herausstellte. Es geht nicht ums Kino, nicht um Cannes, nicht einmal um 1968, wie der Pressetext glauben machte. Dafür sah ich ein Roadmovie mit Dany Cohn-Bendit, der mit Goupil quer durch die Republik fährt und mit Leuten spricht. Mit Eisengießern und Milchbauern, mit Eisherstellern und Krankenpflegerinnen, mit Fischern und Fabrikbesitzern, mit Polizistinnen und Flüchtlingen und denen, die ihnen helfen. „Mein Gott, sie laufen. Sie laufen ununterbrochen“, sagt ein Mann und die Tränen kullern ihm über die Wangen, als hätte er gehört, was die Frau nebenan gerade sagte, nämlich dass sie wisse, sie habe keine Lösung für das Problem der Völkerwanderung, könne aber bei denen, die über die Berge in ihr Dorf kommen, für einen Augenblick der Ruhe sorgen. Bevor sie weiterlaufen.

Für die gut zwei Stunden, die dieser Film dauerte, konnte man vergessen, wo man war. Und sah Menschen zu, die ganz woanders sich ihre Gedanken machen, und Cohn-Bendit mit seiner neugierigen, nie hochnäsigen Interviewtechnik bringt sie dazu, sie uns mitzuteilen.

Natürlich sind die zwei älteren Herren, Helden ihrer Tage, eitel. Natürlich wissen sie das selber und machen sich darüber lustig. Entscheidend ist ihr genuines Interesse an den Menschen in diesem Land, daran, warum etwa die Hälfte den Staat immer vor die Freiheit setzen würde, wie es am Anfang heißt, den Staat, der sie im Zweifelsfall weder schützt noch unterstützt. Auch dazu gab es übrigens einen Film. „En guerre“ hieß er, gedreht von Stéphane Brizé, ein solides Stück realistisches Kino um einen Streik, der nicht erfolgreich endet.

Zurück zur Fahrt durch Frankreich: Cannes fühlte sich danach noch unwirklicher an als sowieso. Der rote Teppich noch mehr bourgeois. Viele Filme noch weiter an den wesentlichen Fragen vorbei. Auf einige fanden Goupil und Cohn-Bendit auch keine Antwort. Warum wird einer, der früher Maoist war, Anhänger von Le Pen? Er konnte es selbst nicht sagen.

Aus der Welt von Cannes kam dann die Nachricht, der Preis der Quinzaine, des Festivalsarms, der sich der Revolte von 1968 verdankt, sei an Gapsar Noe für „Climax“ gegangen. Wenn Sie vergessen haben, was das war, schauen Sie noch einmal in die „Aufforderung zum Tanz“ vom 13. Mai.

Bald ist hier Schluss. Noch vier Filme. Und dann die Palmen.

17. Mai. 2018
von Verena Lueken

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2019