Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

03. Sep. 2019
von Dietmar Dath

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Was will das Geld aus dem Netz?

© Netflix/Biennale di Venezia/dpaTimothee Chalamet in einer Szene von “The King”

Als das aus Farbfasern zusammengeschossene, schließlich knallrote „N“ für Netflix das erste Mal auf der Leinwand bei einer Pressevorführung hier im Darsena-Saal so richtig knallen durfte, nämlich vor Beginn von Noah Baumbachs sehr gutem Drama „Marriage Story“, klatschten ein paar Witzbolde Beifall wie sonst, wenn ein großer Name (meistens im Regiefach) da zu lesen steht. Ganz leise stöhnte da jemand rechts hinter mir, bei dem das Zweifeln an der Zukunft des Kinos schon Richtung Verzweiflung sinkt, und zwei Tage später durfte ich an einer Bar einem Helden zuhören, der sich, obwohl ihn „The King“ wahnsinnig interessiert, dieses Werk von David Michôd hier nicht anschauen werde, wie er bekannte, weil das eine Netflix-Produktion im Netflix-Weltvertrieb sei, und wo kämen wir denn da hin, wenn jetzt nicht mehr nur futuristische Thriller und Pop-Drama-Events, sondern auch Historienschinken über Heinrich den Fünften von England uns aus dieser Ecke anspringen dürften, die Catherine Deneuve als reife französische Diva in Hirokazu Kore-edas Festivalauftaktfilm „La Vérité“ mit einer spitzen Bemerkung abfertigen durfte – der Mann ihrer Tochter, so schniefte sie wunderschön pikiert, mache in so „Serien im Internet“ mit, als, na ja, „Schauspieler“.

© Alberto Pizzoli / AFPLily-Rose Depp, Regisseur David Michod, Timothee Chalamet und Tom Glynn-Carney vor der Premiere von “The King”

Netflix will das Kino nicht töten. Netflix will die Filme nicht aus dem Kino locken wie der Rattenfänger von Hameln die Kindlein, um sie irgendwo hinter den Bergen abzumurksen und aufzufressen. Netflix will, das zeigen die Riesenfilmplakate, die der Streamingkonzern hier so hoch und breit wie bezahlbar in die Festivallandschaft hängt, das Kino annektieren, haben, sich drin einrichten, als traue dieser Laden der Wildnis Netz, die ihn geboren hat, selbst nicht so richtig, und baue jedenfalls nicht aufs Fernsehen, weil das, selbst in den ausladenden Querformaten von heutzutage, einfach zu eng ist. Obwohl, vielleicht will Netflix auch was anderes: Neue Filme ermöglichen, die Hollywood nicht mehr hinkriegt („Roma“ zum Beispiel, letztes Jahr hier siegreich gelaufen), und damit die Kreativität, die ja immer ihren Aufträgen davonläuft und ganz frei werden will, dahin bringen, dass sie sich sogar noch neuere ausdenkt, die dann auch Netflix nicht mehr bezahlen will, die aber trotzdem Menschen zum Weinen, Lachen und Sichwundern bringen? Oder ein Durchgang sein von etwas, das weder Kino, noch Fernsehen, noch Streaming ist?

Wenn man es nur wüsste. Wenn nur jemand eine Geschichte davon erzählen würde, von dieser neuen Sorte Magie, wie Papa Schlumpf sagen würde, der Chef der kleinen blauen Zwerge aus Schlumpfhausen – stimmt, kurz vor Start des 76. Filmfests von Venedig ist ja in Deutschland endlich ein neuer Schlümpfe-Band erschienen, Nummer 37, geschrieben von Alain Jost und Thierry Culliford, gezeichnet von Jeroen De Coninck und Miguel Diaz, Titel: „Die Schlümpfe und die Traummaschine“, und handelt diese Story nicht vom Thema dieses Blogeintrags? Ein paar Schlümpfe finden da nämlich im Wald einen Zauberspiegel und ein paar Brillen, und erleben damit genau das, was Streaming auch erleben lässt: Sie sehen, was sie sehen wollen, wann und wie sie es sehen wollen. Der Schleckerschlumpf Torti sieht Leckereien, der schüchterne Schlumpf sieht sich auf einem Date mit Schlumpfine, und selbst Papa Schlumpf wird von Jugenderinnerungen hypnotisiert, bis die Schlümpfe nur noch damit beschäftigt sind, entweder in ihrer alten Mine das Gold zu schürfen, das sie einem Unbekannten von einem weißen Raben überbringen lassen müssen, der ihnen die Traummaschine geschickt hat, oder eben vor der Maschine kleben.

Nur Schlaubi, der Brillenschlumpf, der Phantasielose, erkennt in jenem Spiegel nichts, deckt aber dafür mit Neugier und Beharrlichkeit schließlich den Hintergrund auf: Der Zauberer Gargamel, der die Schlümpfe fangen und verspachteln will oder sonst was Schreckliches mit ihnen anstellen, ist einen Pakt mit einem anderen Zauberer eingegangen, der den Spiegel hergestellt hat, aber nichts Perverses begehrt, sondern nur auf Gold aus ist. Am Ende spielt Schlaubi die beiden Hintermänner der Traum-Medienrevolution in Schlumpfhausen gegeneinander aus und sorgt sogar noch dafür, dass keiner der beiden das Gold behalten kann, das stattdessen wohltätigen Zwecken, vor allem der Verbesserung des Lebens der armen menschlichen Landbevölkerung zugutekommt. Alle Schlümpfe gratulieren ihm, der Zauberspiegel wird zerdeppert, Schlaubi ist ein bisschen zu stolz und hält Vorträge über seine Leistung, und irgendwas hat irgendwer gelernt. Aber ist Netflix jetzt eher Gargamel oder eher der Typ mit dem Spiegel? Ist einer von beiden vielleicht Disney? Wie interpretiert man das jetzt am Besten? Nur Schlaubi weiß es. Und der hält, weil ihm sein Leben und seine Filme lieb sind (wozu braucht er sonst die Brille), ganz fein sein kleines Maul.

03. Sep. 2019
von Dietmar Dath

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02. Sep. 2019
von Dietmar Dath

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Geh mir weg mit deiner Politik

Wieso weiß Costa-Gavras nicht mehr, dass „Politik abfilmen“ und „Politik nachstellen“ nicht dasselbe, nicht mal das Gleiche ist wie „einen politischen Film machen“, nämlich Volkshochschulfernsehen? „Adults in The Room“, sein Film über Griechenland in der Schuldenfalle und die deutsche Vorherrschaft in Europa, in dem man Herrn Varoufakis beim Tolldaherquatschen beobachten darf und die Stimme des Schauspielers, der den Mann spielt, auch noch dabei belauschen muss, wie sie erklärt, was man gerade sieht, ist eine Liebeserklärung an die Griechen, die unter der Austeritätspeitsche bluten, aber Costa-Gavras zeigt nicht die Leute, deren medizinische Versorgung ausblutet, deren Lebensabend sich verfinstert, oder die als junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt herumstehen wie Statisten in ihrem eigenen Leben (na gut, einmal sammeln sie sich auch in diesem Film, nur um sofort wieder schweigend davonzuschleichen), sondern Schauspielerinnen und Schauspieler, die uns die Merkel machen oder den Schäuble (heillos hölzern: Ulrich Tukur, sadly), ausagierte Zeitungsartikel, getanzte Verhandlungen, Zahlen, die per Computeranimation aus den Bilanzen in die Luft springen, Büros, in denen Bilder toter Finanzminister hängen, während Schauspieler die noch nicht toten Finanzminister auch nicht viel lebendiger darstellen.

© Louisa Gouliamaki / AFPRegisseur Costa-Gavras mit dem Varoufakis-Darsteller Christos Loulis bei den Dreharbeiten Mitte März in Athen

Ein Debakel voll völlig richtiger Feststellungen und aufklärender Analyse-Ansätze, die einfach keinen Grund erkennen lassen, warum sie ein Film sein wollten statt ein Buch oder eine Rede vor den Genossinnen und Genossen. Das Ding läuft hier in Venedig außer Konkurrenz, man hätte sonst zwei schlimme Möglichkeiten ertragen müssen: Dass der Kram aus Mitgefühl mit dem Schöpfer und Übereinstimmung in der Sache einen unverdienten Preis kriegt, oder dass er keinen kriegt und besagte Sache damit irgendwie gekränkt wird.

Wahrscheinlich leistet allein die fassungslose Fresse, die Robert Patrick in „The Laundromat“ zieht, als man ihm erklärt, wie das Versicherungsgewerbe beziehungsweise das Investitionswesen darin funktioniert, mehr fürs Verständnis der finanzpolitischen und juristisch-ökonomischen Realität, in der wir leben müssen, als die ganze Mühe, die Costa-Gravas sich mit seinem platten Aufklärschinken gegeben hat.

Klar, der Vergleich ist unfair, denn „The Laundromat“, inszeniert von Steven Soderbergh und geschrieben von Scott Z. Burns, ist eine mit viel von der Wahrheit persönlich grün und blau geschlagenem Humor durchgezockte Hollywood-Komödie, in der Stars wie Meryl Streep, Antonio Banderas und Gary Oldman einander bei den sicheren Händen halten und einen aufgeräumt gesellschaftskritischen Ringelpietz veranstalten, den man mit der Schwerarbeit, die Costa-Gavras seine eher nicht so bekannten Damen und Herren namens Christos Loulis oder Josiane Pinson verrichten lässt, kaum vergleichen kann – wäre da nicht der Umstand, dass beide fasslich machen wollen, wie die ganz große Geldwelt über uns gewittert, und Costra-Gavras genau diese Fasslichkeit mit seinem braven Infotheater verfehlt, während Soderbergh vom Konkreten zum Abstrakten, von Leben und Tod der Verarschten bis zu den Entscheidungen der Verantwortlichen in zügigem Erzählgang etwas abschreitet, das man sogar ein ARGUMENT nennen könnte, eins für eine andere Ordnung des Rechtswesens, der Verwaltung, der Märkte nämlich.

© Claudette Barius/Netflix/APMeryl Streep in “The Laundromat”

Schauspielerei wie die von Patrick, den ich für seine stoisch-skeptisch-vernünftige Selbstpräsentation schon geliebt habe, als er sich noch bei den X-Akten mit Elektrizität und Poltergeistern herumärgern musste, und der in „The Laundromat“ einen spielt, der sich nur wünscht, dass die Hinterbliebenen einer Katastrophe nicht im Regen stehen gelassen werden, macht das, was Soderbergh und Burns da vivisezieren wollen, zu einer Geschichte, die nicht wie bei Costa-Gavras vom „Volk“ handelt, sondern von Personen mit Namen, Adressen, Klamotten am Leib, Wohnungen, Jobs, und das betrifft sogar diejenigen, die den Film gemacht haben: Der Regisseur, verraten die beiden Gauner Mossack und Fonseca, also Oldman und Oldman, einmal beiläufig, hat sein Geld ebenfalls in Sauereien angelegt, anders geht’s ja nicht, und der Drehbuchautor auch.

„The Laundromat“ steht im Wettbewerb, und irgendein Preis für diesen Film, fast egal welcher, zwischen Schauspielanerkennung, Drehbuchwürdigung, Kameralob oder Regieprämie, wäre das, was die Verhältnisse nicht sind, von denen er handelt: voll fair.

02. Sep. 2019
von Dietmar Dath

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31. Aug. 2019
von Dietmar Dath

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Schauspielerinnen spielen Schauspielerinnen

© dpaMarina di Girolamo in “Ema” von Pablo Larrain

Das Beeindruckendste war die Pressekonferenz. Nicht die Pressekonferenz zum Film „Seberg“, in dem die mit jedem Film immer größere Kristen Stewart die eh schon große Jean Seberg spielt. In dieser Pressekonferenz war gar nicht so viel los, fast so wenig wie auf der Pressekonferenz zu „J’accuse“ von  Roman Polanski, auf der eine kluge Frau zu verstehen gab, sie könne nicht für den Regisseur sprechen, so dass sie ungehindert und zu dieser Sache unbefragt fortfahren konnte, mehr oder weniger genau das zu tun. Das Beeindruckendste an „Seberg“ aber war die Szene, in der Stewart als Seberg eine Pressekonferenz gibt, um die Presse anzuklagen, vor der Presse. Sie wirft dieser Weltmacht Medien vor, sie mit Hetze und Lügen schikaniert zu haben, im Auftrag einer größeren, nicht benannten Macht (das FBI steckte dahinter, wenn auch nicht als Auftraggeber im strengen Sinn, aber Seberg sollte als Unterstützerin militanter African-Americans zum Schweigen gebracht werden, der Fall ist authentisch, so war es).

Sie hat ihr Kind verloren, sie hat versucht, sich umzubringen, sie übernimmt für beides die Verantwortung, aber dass andere sie terrorisiert haben, verschweigt sie nicht. Bis dahin habe ich Stewart nicht glauben können, dass sie Seberg ist, aber das ruhige Sprechen, die Würde, das Rückgrat in diesem Moment machen die Wende glaubhaft, man glaubt der Schauspielerin die andere Schauspielerin in dem Augenblick, in dem die Dargestellte nicht mehr schauspielern kann.

© REUTERSDie Schauspieler Kristen Stewart, Jack O’Connell und Regisseur Benedict Andrews.

Ethisch ist es freilich bedenklich, allgemeine Dinge über Wahrheit und die darstellenden Künste und beider Verhältnis an einem besonderen, einem wirklich stattgefundenen Fall zu untersuchen; die Kunst findet da meistens nur, was sie finden will, und tut deshalb besser daran, ihren Gegenstand gleich ehrlich zu erfinden wie Hirokazu Kore-eda seine Schauspielveteranin im Wettbewerbs-Auftaktfilm „La Vérité“, denn so darf Catherine Deneuve, die diese Gestalt verkörpert, bei Nennung des Namens „Brigitte Bardot“ so missbilligend gucken, wie man sich immer schon gedacht hat, dass die Deneuve guckt, wenn man die Bardot erwähnt, und trotzdem fällt es nicht auf die empirische Catherine zurück, weil sie ja eine erfundene Fabienne ist – so wie Scarlett Johansson als Frau anderen Namens keinen wirklichen Mann schlechtmacht, wenn sie Adam Driver als Kerl anderen Namens in „Marriage Story“, einem weiteren Wettbewerbsbeitrag, in dem eine Schauspielerin eine Schauspielerin spielt, dafür zur Verantwortung zieht, weil er ihre Schauspielkarriere gebremst hat, statt ihr dafür dankbar zu sein, dass er es als Theaterregisseur Dank ihrer Mitwirkung an seinen Projekten zu was gebracht hat.

Viel komplizierter als diese leicht durchschaubare, im Film für viele gute Witze und ergreifende Schmerzensdialoge genutzte Konstellation ist das, was die Titeltänzerin „Ema“ in Pablo Larraíns gleichnamigem Film mit ihrem Gatten und Choreographen verbindet – ein Feuer, das Menschen frisst, als Sex verkleidet, und eine dämonische Sorte Familiensinn, die dem Spiel Vater-Mutter-Kind tausendmal gefährlicher werden muss als alle antiautoritären Experimente der Achtundsechziger. Bei „Ema“ hört das Spiel der Frau, die hier eine Frau spielt, welche mit sich und anderen spielt, an keinem der Punkte auf, über die alle anderen Filme sich nicht heraustreten, es wird mit Haut und Haaren der Ernst vom Spiel verschlungen und umgekehrt, das Werk ist komplett pervers und Pablo Larraín ein Irrer. Aber ein sehr ruhiger. Ich meine das als Lob. Ich fürchte mich vor diesem Mann und vor seinem Star, der unbegreiflichen Mariana Di Girolamo. Die sind nicht von hier, von dieser Welt, wo man Handeln einerseits und So-tun-als-ob andererseits unterscheiden kann. Die sind von einem Planeten, wo böse Musik wie Grundwasser unter allem strömt, siedend heiß, von Feuer nicht verschieden. Wer auf eine Pressekonferenz geht, um sich Filme wie „Ema“ erklären zu lassen, wird nicht viel erfahren. Wer aber den Kopf auf den Boden legt, damit dieser Film drüberfahren kann, wird was ganz Besonderes erleben. Demnächst, wie immer, im Kino.

31. Aug. 2019
von Dietmar Dath

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30. Aug. 2019
von Dietmar Dath

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Lustig? Traurig? Lebensbedrohlich? Abwarten.

Wo von so vielen Leuten dauernd so viel kommuniziert wird wie auf diesem Filmfest, per Kunstwerk, von Angesicht zu Angesicht, mittels Handy und Computer, wird ungeheuer viel missverstanden. Mir ging es gleich beim ersten Gang übers Gelände so, als eine freundliche junge Italienerin auf einmal vor mir stand, die Augen aufriss, als wäre ich wer, und etwas rief wie: „Triihl Fereffe!“ Erst als ich ihr mit etwas wie Englisch und unbeholfenen Gesten bedeutete, dass ich nicht verstand, konnte sie mir dabei helfen, ihre Begeisterung zu begreifen: Ich trug ein T-Shirt mit dem Logo des erfundenen Clubs „Tric“ aus der Fernsehserie „One Tree Hill“, und ihr italienisch-englischer Ausruf bezog sich, wie ihre Handbewegungen Richtung T-Shirt mir schließlich begreiflich machten, auf diese Show und ihre Meinung dazu: „Tree Hill Forever!“, was denn sonst?

Wenn man was nicht kapiert, ist das immer, als hätte man was verpennt, als wäre man nicht wach genug, um unter Menschen zu gehen. Allzu schöne oder schlimmer Erlebnisse erwischen uns als Unausgeschlafene, deshalb sagt Adam Driver zu Scarlett Johansson in „Marriage Story“, einem der besseren Filme im diesjährigen Wettbewerb, ja auch, er habe das Gefühl, er träume.

© Vendor House Productions/dpaMila Alzahrani in Haifaa al-Mansours “The Perfect Candidate”

Ein Film, bei dem mir das diesmal bis zur letzten Einstellung so ging, als ein blaues Auto sich in den saudi-arabischen Feierbandverkehr einfädelt, mit der Heldin des Films am Steuer, um die man bis dahin oft so große Angst hat, dass man gar nicht dazu kommt, zu merken, wie sehr man sie bewundert, heißt „The Perfect Candidate“; die Regisseurin Haifaa al-Mansour hat ihn gedreht, eine der wenigen Frauen im Wettbewerb (wieder mal, denn kein Feminismus kann je so langweilig sein wie die Gründe, aus denen man auf ihm bestehen sollte). Die Heldin ist Ärztin in ihrem Land, von dem ich nur weiß, dass es da Öl gibt und ein Königshaus und Schläge für Meinungen und Lebensgefahr für staatlich unerwünschte Sorten Liebe.

Die Ärztin will einen besseren Job als denjenigen, den sie hat, in einer Notfallklinik, vor der eine schlammige Straße seit Ewigkeiten darauf wartet, asphaltiert zu werden. Erst sieht man von der Schauspielerin Mila Alzahrani, die diese Frau spielt, die alle „Doktor Maryam“ nennen, nur durch den Niqab-Sehschlitz, und man hört und erkennt, wie sie sich mit nichts als präzisen Worten und Blicken wehrt, wenn etwa ein halsstarriger alter Patient nicht von ihr, sondern nur von einem Mann untersucht werden will. Sie möchte an einer medizinischen Konferenz teilnehmen, um dort eine neue Stelle zu suchen oder wenigstens ein paar Kontakte zu diesem Zweck zu knüpfen, aber ihre Flugerlaubnis ist abgelaufen, und ihr Vater, der legal ihr Vormund ist, kann sich nicht drum kümmern, denn er ist Musiker und mit seiner Band unterwegs (die religiöse Extremisten fürchten muss, deren Hass auf Musik sehr weit geht, entgegen den Wünschen und Bemühungen seitens liberaler Kräfte im Königshaus – die Haltung der Bandmitglieder ist fast so tapfer wie die von Doktor Maryam: „Drohungen gab es immer, aber das Neue ist, jetzt haben Musiker Unterstützung.“).

Doktor Maryam wird auf einem Amt vorstellig, um ihre Flugerlaubnisverlängerung selbst zu erwirken, aber da an diesem Tag nur Leute vorgelassen werden, die sich für eine  Kandidatur in der nächsten Lokalwahl anmelden wollen, meldet sie sich kurzerhand an und ist damit auf einmal Politikerin. Ihre Reiseerlaubnis kriegt sie zwar trotzdem nicht, aber dafür fällt ihr sehr schnell ein Programm ein: Sie will, dass die Straße vor ihrer Klinik endlich asphaltiert wird, verspricht das auch den Frauen, die ihre Schwestern für eine Wahlparty mobilisieren („Wollt ihr euch durch den Schlamm kämpfen, wenn euren Kindern was passiert?“) und weigert sich zunächst, daraus „eine Frauenrechte-Sache“ zu machen, es geht ihr wirklich um die Sache, die Straße – bis sie erleben muss, wie wenig man sie, die Tochter einer Sängerin und eines Musikers, als Kandidatin ernst nimmt (selbst ihre jüngere Schwester sieht die Kandidatur nur als verrückte Idee, und fürchtet, der Tratsch darüber werde „ihr Leben zerstören“).

Eine Wahlveranstaltung für Männer, bei der Doktor Maryam nur per Video zugeschaltet ist, weil sie sich nicht mit ihnen im selben Raum aufhalten darf, wird beinah zur Katastrophe (ein Idiot beschimpft sie, woraufhin sie ins Zelt stürmt), am Ende reagiert die etablierte Macht mit einem Baubeginn auf der Straße vor der Wahl, die Doktor Maryam deshalb verliert, wenn auch nur knapp – sogar der Opa mit der Armverletzung, der sie zunächst nicht an sein Krankenbett lassen wollte, hat für sie gestimmt, sie sei nämlich eine gute Ärztin und deshalb auch eine gute Politikerin, nämlich die Zukunft, erklärt er mit rührender Ernsthaftigkeit am Ende.

© ReutersDie saudi-arabischen Schauspielerinnen Dhay (l.) und Mila Al Zahrani in Venedig

Was meine ich, wenn ich sage, dass ich diesen Film bis zum Schluss nicht verstanden habe, erst in der allerletzten Szene, ich kann ihn doch schließlich nacherzählen? Was ich meine, ist, dass ich zwar gesehen, gehört und (in Gestalt der englischen Untertitel) auch gelesen habe, was da passiert, aber nicht wusste, was es als Film bedeutet: Wohne ich einer Tragödie bei, wird diese Frau sterben, wird sie leiden, wie sehr, oder ist das eine Farce, deute ich das gerade richtig, diese Szene auf dem Amt, die mir vorkommt wie ein Sketch von Loriot, also lustig, darf ich lachen, oder werde ich das gleich bereuen, hat das was mit Kafka zu tun, muss ich den Koran kennen?

Erst als mir das klar war, verstand ich, dass ich mich der Erzählerin hinter der Kamera und der Darstellerin davor diesmal ausliefern muss, dass ich nicht ganz wach sein kann, nicht eher aufwachen werde als bis zum Ende (es war keine Tragödie, sondern ein Stück Hoffnung), dass ich, wie immer bei Verständnisproblemen, schlafe, aber so, wie man schlafen würde, wenn man nicht wirklich schläft, sondern träumt, dass man schläft, und zwar deshalb, weil jemand anderer diesen Traum gemacht hat, damit man hineingeht und hindurchgeht, ohne zu wissen, worauf das alles hinausläuft.

Richtig, denke ich auf einmal, so war das ganz am Anfang, als Kind, bei den ersten Filmen, beim ersten Mal Fernsehen. Und es kommt nur wieder, wo man sich nicht alles selbst aussuchen kann, was läuft. Wie beim Festival halt, und beim Leben.

30. Aug. 2019
von Dietmar Dath

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29. Aug. 2019
von Dietmar Dath

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Bitte keine Erbaulichkeiten

Nahe bei der Polizeibarriere auf der Badestrandseite hat die Feuerwehr jetzt einen Baum zerlegt. Die Bruchstücke liegen neben- und aufeinander wie Ideen zu einem Baum, den niemand mehr daraus bauen will. Manche Filme sind auch so, zum Beispiel „Ad Astra“ von James Gray, sicher eine der kostspieligsten Produktionen, die dieses Jahr im Wettbewerb um die Goldenen Löwen stehen, die das Filmfest von Venedig vergibt.

Das Ding ist eine Astronautenstory, irgendwie auch ein Science-Fiction-Film (aber einer, der sich überall da, wo sein Genre besondere Aufmerksamkeit verlangen würde, nicht besonders leiden kann und seinen eigenen Voraussetzungen dauernd den Spaß daran vermiest, zu sich zu kommen), vor allem aber soll das die Geschichte des Raumfahrers Brad Pitt sein, der seinem Vater, dem Raumfahrer Tommy Lee Jones, Jahrzehnte nach dessen Verschwinden irgendwo auf Höhe der Neptunbahn hinterhergeschickt wird, weil… ja, wieso eigentlich?

© 20th Century Fox/dpaBrad Pitt als Roy McBride in “Ad Astra”

Das Publikum soll sich eins der Holzstücke greifen, die da zum groben Haufen zusammengeschmissen wurden: Brad Pitts Figur macht immer, was man ihr sagt, deshalb nimmt sie diese Mission an, nein, falsch, Brad Pitts Figur nimmt die Mission an, weil sie vor lauter Bindung und Liebe davonrennen will (zu einer von Liv Tyler gespielten Frau nämlich, die hier so unglaublich wichtig ist, dass wir ständig mit Zärtlichkeitsszenen beschenkt werden, in denen Pitts Astronaut und sie einander herzen, aber nicht wichtig genug, dass sie wenigstens einen Namen oder die Andeutung einer eigenen Geschichte kriegt), obwohl andererseits, irgendeine Strahlung (was mit Antimaterie oder so), die stärker statt schwächer wird, je mehr sie sich ausbreitet, bedroht ja alles Leben auf der Erde (die Physik in „Ad Astra“ ist nämlich das Allerletzte), und um sie aufzuhalten muss Brad Pitt irgendwas in die Luft jagen, deshalb bricht er auf, um, na, und so weiter, ist ja auch egal.

Jedenfalls findet er am Ende, nach langweilig konventionell aus dem Kinderbilderbuch importierten Bildern von Mond, Mars und Jupiter, heraus, dass wir Menschen ganz arme Zäpfchen sind, denn „alles, was wir haben, sind wir selbst einander“ oder so, nichts wie zurück in der Arme der Frau ohne Persönlichkeit.Was wohl auf dem Zettel stand, mit dem der Regisseur Gray für dieses Ding das Geld zusammengesammelt hat? „Irgendjemand muss mal ‚Interstellar‘ für besonders dumme Familientherapeuten machen?“

Das Garstigste an der Suppe ist die permanent und penetrant wiederholte Behauptung, es ginge darum, die irdischen Beziehungen wichtiger zu nehmen als irgendwelche der Welt entrückten Träume und Ideale, denn erstens ist es gemein, denen, die von einer Flucht aus der hiesigen Wirklichkeit träumen, ihren Eskapismus vorzuwerfen, weil nämlich Leute, die vom Fliehen träumen, Gefangene sind, und man sich über Gefangene nicht lustig macht und sie auch nicht belehren soll, sondern freilassen – und zweitens hat die Brad-Pitt-Gestalt, die dieser ja durchaus tüchtige Schauspieler mit vollem Einsatz seiner leidenden Augenbrauen spielt, ganz offensichtlich keine menschlichen Beziehungen, also was soll dieses Getue darum, die wären das Entscheidende? Er sieht nichts, er erlebt nichts, nicht mal am leeren Abgrund zwischen den Sternen, er arbeitet nur ein Drehbuch ab, das samt seiner Umsetzung so doof ist, dass ich mich schon drauf freue, das Ding noch mal im Detail zu rezensieren, wenn es demnächst in Deutschland ins Kino kommt.

© Netflix/dpa Scarlett Johansson, Azhy Robert Son und Adam Driver in Noah Baumbachs Marriage Story

Erbauliches Hollywoodkino, das Lektionen in Lebensführung und für Realismus und gegen Träume austeilt, ist wirklich die größte Pest – weswegen die Freude über einen Film wie „Marriage Story“ von Noah Baumbach mit Scarlett Johansson und Adam Driver umso größer ist, denn da geht es zwar um den teils  fratzenhaft witzigen, teils herzzerreißend traurigen Tod einer Ehe und einer Liebe, um einen Sorgerechtskrieg und das Scheitern eines gegenseitigen Unterstützungspaktes zwischen einem Theaterregisseur und einer Schauspielerin, um eine Messerverletzung und lauter solche drastischen Sachen, aber man wird eben nicht belehrt, sondern geradeaus unterhalten: Spätestens als sich Johansson eine berauschend haifischhafte Laura Dern zur Anwältin nimmt, was Driver erst mit Alan Alda (als weise alte juristische Raupe) und dann mit Ray Liotta (als angestochener Alpha-Affe) kontert, ist ein Ensemble beieinander, dem man tagelang zuschauen möchte bei Dialogen, Monologen (tolle Entscheidung der Regie: Das Kennenlernen wird nicht per Rückblende gezeigt, sondern von Johansson erzählt, auf dem Sofa, minutenlang, glorreich), Hickhack, Zusammenbruch, Selbstfindung und so Zeug.

Liegt es an der Musik von Randy Newman, dass das alles so viel besser ist als das erkennbar zigfach teurere Getue von James Gray? An Johanssons und Drivers Gesangseinlagen zum Schluss, jeweils vor ihren Freundeskreisen, womit fast ein Musical draus wird? Nein, es liegt daran, dass der Film im Gegensatz zu „Ad Astra“ keine Sekunde lang so tut, als würde hier über Allgemeines gesprochen, damit man in sich gehe und das ausführe, was da vorgekaut wird, sondern über spezifische Personen, denen man nichts abgucken kann, weil ihr Fall eben ein besonderer ist – so wünscht man ihnen nur, sie mögen mit heiler Haut davonkommen, und genau diese Güte, die man plötzlich in sich spürt, ist ein viel wichtigerer Lernerfolg als das Begreifen der platt wahren Idee „strebe nicht in die Ferne, sondern hilf dem armen Hund direkt neben dir“ bei Gray.

So kann das hier gern weitergehen: Wenn die Rohrkrepierer dermaßen exemplarisch schiefgehen, und die Hits so unmittelbar reinhauen, dann ist der Wettbewerb ganz bei sich, dann kann alles draus werden.

29. Aug. 2019
von Dietmar Dath

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21. Aug. 2019
von F.A.Z. - Feuilleton

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Viele Stars und einige Kontroversen in Venedig

© Biennale di Venezia/dpaRoman Polanskis neues Werk wird im Wettbewerb von Venedig Premiere feiern: Szene aus „J’accuse (An Officer and a Spy)“.

Zumindest die Filmauswahl der diesjährigen Festspiele von Venedig verspricht alles, was ein spannendes Festival auszeichnet: hochkarätige Filme, viel Starglamour und mehr als eine Kontroverse. Denn bereits im Vorfeld wurden hitzige Diskussionen ausgelöst. Schließlich ist die Anzahl der Regisseurinnen im Wettbewerb dieser 76. Ausgabe aufs Neue verschwindend gering, und Streamingdienste wie Netflix sind prominent vertreten. Für besonderen Wirbel sorgte außerdem bereits, dass Roman Polanskis neuer Film zu sehen sein wird.

Unser Filmkritiker Dietmar Dath wird auch in diesem Blog vom Festival berichten.

Los geht es am Mittwoch, dem 28. August, mit dem Familiendrama „The Truth“. Der Japaner Kore-eda Hirokazu, der im vergangenen Jahr in Cannes die Goldene Palme für „Shoplifters“ gewann, drehte dafür erstmals außerhalb seiner Heimat und vereint nun Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Ethan Hawke auf der Leinwand. Auch in den Tagen darauf werden zahlreiche Stars über den roten Teppich der Lagunenstadt laufen: Erwartet werden Meryl Streep, Brad Pitt, Johnny Depp, Scarlett Johansson und Robert Pattinson. Für den Abschlussfilm könnte am 7. September schließlich noch Mick Jagger vorbeischauen.

Das unterstreicht auch, wie wichtig das Filmfest für Hollywood geworden ist. Immerhin konnte sich Venedig als erste große Bühne für mögliche Oscarkandidaten etablieren – viele Filme, die in Vorjahren auf dem Lido Weltpremiere feierten, gewannen später Oscars, darunter „Roma“, „La La Land“ und „Shape of Water“.

Zu den Hollywood-Schwergewichten zählen in diesem Jahr gleich mehrere Filme: In „Joker“ spielt Joaquin Phoenix den legendären Schurken und Batmans Erzfeind, „Ad Astra“ hingegen ist ein Science-Fiction-Thriller, der mit Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Ruth Negga, Liv Tyler und Donald Sutherland äußerst starträchtig besetzt ist. „Waiting for the Barbarians“ mit Johnny Depp und Robert Pattinson wiederum basiert auf einer Buchvorlage des Südafrikaners J. M. Coetzee und handelt von Immigration und Rassismus.

Für Gesprächsstoff dürften auch die Produktionen von Streamingdiensten sorgen. Während das Festival Cannes im Streit um Vertriebsrechte Werke von Streamingdiensten rigoros aus dem Wettbewerb ausschloss, ist Venedig in dieser Hinsicht offener. So haben es Steven Soderberghs Drama „The Laundromat“ mit Meryl Streep und Gary Oldman über die Panama-Papiere sowie Noah Baumbachs Scheidungsdrama „Marriage Story“ mit Scarlett Johansson und Adam Driver in das Rennen um den Goldenen Löwen geschafft.

Noch kontroverser wurde allerdings die Ankündigung aufgenommen, dass von den 21 Beiträgen im Wettbewerb gerade einmal zwei von Frauen stammen – die Quote ist damit weiterhin gering. Immerhin wird die Jury in diesem Jahr von der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel geführt, die damit die erst siebte Frau in dieser Position ist. Außerdem ist einer der Filme zugleich ein kleiner Erfolg für Deutschland: „The Perfect Candidate“ der Regisseurin Haifaa Al Mansour aus Saudi-Arabien ist eine deutsche Koproduktion.

Wahrscheinlich wird aber ein Mann all diese Debatten in den Hintergrund drängen: Roman Polanski. „J’accuse (An Officer and a Spy)“ ist das neue Werk des 86 Jahre alten Regisseurs, das im Wettbewerb Premiere feiern wird. Die Oscarakademie hatte ihn 2018 im Zuge der #MeToo-Bewegung ausgeschlossen; in seinem Fall geht es um sexuellen Missbrauch eines 13 Jahre alten Mädchens im Jahr 1977. Ob Polanski nun selbst nach Venedig kommt? Das ist noch unklar. Allein mit der Einladung löste Festivaldirektor Alberto Barbera eine Kontroverse aus, die während des Filmfests sicher noch einmal aufflammen wird. (dpa)

21. Aug. 2019
von F.A.Z. - Feuilleton

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25. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Hurra

Einer der drei überragenden Filme des Festivals musste der Gewinner werden, und es wurde Bong Joon Ho. Sein „Parasite“ war ein Höhepunkt in den letzten Tagen des Festivals. Bong hat schon einige Filme in Cannes gezeigt, und sein Drama mit komischen Momenten über die Infiltrierung eines superreichen Haushalts durch eine superarme, aber auch superclevere Familie ist ein hochverdienter Gewinner dieses Festivals.

In Cannes geht es anders zu als bei den Oscars. Jeder Film darf nur einen Preis gewinnen, und so war mit der Palme für das beste Drehbuch für Céline Sciammas großartigen „Portrait de la jeune fille en feu“ klar, dass die Goldene Palme und auch der Große Preis des Festivals – eine Art zweiter Preis – nicht an die Französin für ihren ungewöhnlichen Kostümfilm gehen würde. Dasselbe galt für Pédro Almodovars „Dolor y Gloria“, als Antonio Banderas als überragender Schauspieler des Festivals den Darstellerpreis entgegen nahm, ihn Almodovar widmete und meinte: „Das Beste kommt noch.“ Das ist ein großes Versprechen. Auch Mati Diop, die mit „Atlantique“ einen meiner Lieblingsfilme in diesem Jahr gedreht hat, in dem sie die Flüchtlingsfrage einmal von der anderen Seite zeigt – von Dakar aus gesehen -, war unter den Gewinnern. Der Große Preis des Festivals wird hoffentlich für Rückenwind bei der Kinoauswertung auch jenseits von Frankreich sorgen. Ihr wunderbar poetischer Film, in dem sich verschiedene Erzähl- und Glaubenstraditionen kreuzen, sei jedem empfohlen, der meint, er müsse für Verständnis der Sorgen von wohlversorgten Menschen in Europa werben.

Es gab allerdings zwei Überraschungen, zu denen ich nun sagen kann: Ehrlich? Der Regiepreis für die Brüder Dardenne für “Le jeune Ahmed”. Die beiden haben schon zwei Goldene Palmen unter dem Gürtel und noch einige andere Preise. In diesem Jahr kamen sie wieder mit einem in seiner Machart typischen Dardenne-Film über einen muslimischen Jungen, der sich auf den Jihad vorbereitet, indoktriniert von einem Iman, und seine Lehrerin töten will. Das abrupte Ende des Films zeigt, dass das Drehbuch eine überkomplexe Situation in einer unterkomplexen Erzählung nicht bändigen konnte. Es war einer der schwächsten Dardenne-Filme seit Jahren, umso erstaunlicher, dass er hier die Regie-Palme gewann.

Dasselbe gilt für Emily Beecham in Jessica Hausners „Little Joe“. Mir hat der Film überhaupt nicht gefallen, und Emily Beecham in ihrer zombiehaften Darstellung einer Botanikerin auch nicht. Aber so geht`s. Insgesamt ein schönes Ergebnis am Ende dieses herrlichen Festivals.

25. Mai. 2019
von Verena Lueken

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24. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Meine Favoriten

Die letzten Filme sind gelaufen, und die Kritikerlisten in den täglichen Magazinen, die für die Jury gar nichts zu bedeuten haben, stehen zum großen Teil. Hier sind meine Favoriten. Meine Favoriten heißt: So würde ich die Preise vergeben. Nicht: Das sind meine Tipps für die Preisvergabe. Die habe ich nicht. Eine Jury ist ein haariges Biest. Es bilden sich Koalitinen. Deals werden gemacht. Niemand kann wissen, wohin das führt.

Obwohl längst mal wieder eine Frau dran wäre, die Goldene Palme zu gewinnen – Jane Campion ist mit dem „Piano“ immer noch die einzige, und das ist unfassbare 26 Jahre her: Dieses Jahr sollte Pédro Almodovar derjenige sein, der sie kriegt. Sein „Dolor y Gloria“ war für mich der überzeugendste Film des Wettbewerbs. Allein die Szene des ersten Begehrens, das den kleinen Jungen sicherheitshalber in eine Ohnmacht schickt, ist diesen Preis wert. Ich wäre aber auch sehr zufrieden, wenn sich die Jury für „Portrait de la jeune fille en feu“ von Céline Sciamma entscheiden würde. Und auch gegen Bong Joon Ho und seinen „Parasite“ hätte ich gar nichts einzuwenden.

Céline Sciamma hätte die Goldene Palme verdient.

Drei Kandidaten für die Goldene Palme, hinter denen ich mit ganzem Herzen stehen würde: Das gab es schon sehr lange nicht mehr (oder überhaupt noch nie?). Was für die Qualität des Festivals in diesem Jahr spricht. Wenn es fair zuginge, was bei Preisverleihungen meistens nicht der Fall ist, sollten sich die drei großen Preise (Goldene Palme, Großer Preis, Jurypreis) auf diese drei Filme verteilen. Dann wäre ich froh.

Die Ärgernisse waren geschickterweise auf die letzten zwei Tage gelegt worden, als der Hunger nach guten Filmen schon nicht mehr so groß war. Gab es also Filme, die hoffentlich nichts gewinnen werden? Oh ja. Quentin Tarantino sollte leer ausgehen. Ebenso Terrence Malick mit seinen sauberen Bauern unter katholischem Himmel. Und dass Abdellatif Kechiche mit seinen dreieinhalbstündigen ZickZack-Schnipseln von schwingenden Frauenhintern („Mektoub, My Love: Intermezzo“) nichts kriegen wird, sollte sich von selbst verstehen. Ebenso wird Justine Triet für ihren unfasslich dämlichen „Sibyl“, so vermute ich, nicht in die nähere Wahl kommen. In meine auf jeden Fall nicht.

Favoriten Almodóvar und Banderas

Bei den Schauspielern ist Antonio Banderas aus dem Almdovar-Film meine erste Wahl. Möglich wäre auch Pierfrancesco Favino in der Titelrolle von Marco Bellocchios „Il Traditore“, einem Mafia-Film, den ich überflüssig fand, wenn auch sehr gut gemacht. Aber ich finde seit der „Paten“-Trilogie mehr oder weniger alle Mafia-Filme entbehrlich. Es sei denn, jemand fände mal einen anderen Ansatz. Frauen, Kinder zum Beispiel. Aber Favino war großartig, ungewöhnlich, überzeugend. Bei den Schauspielerinnen sind meine Favoritinnen das Paar Noémie Merlant und Adèle Haenel aus „Portrait de la jeune fille en feu“. Regiepreise: siehe oben. Wenn sich die Hauptpreise anders verteilen, als ich mir das wünsche, kommt jeder der oben Genannten auch für die Regie-Palme infrage. Dort wäre aber auch Mati Diop für „Atlantique“ eine Kandidatin, die von mir aus übrigens gern auch  den Großen Preis oder den Jurypreis kriegen kann. Und der brasilianische „Bacurau“ des Duos Kleber Mendonca Filho & Juliano Dornelles muss auch unter den Preisträgern sein.

Meistens gibt es noch irgendeinen besonderen Preis, den die Jury aus dem Ärmel zieht. Mal sehen. Am Samstag Abend ist es soweit.

24. Mai. 2019
von Verena Lueken

3
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23. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Hat niemand Stars gesehen?

Langsam trudeln die ersten Gesamtbewertungen des Festivals ein, vor allem in den Branchenpublikationen. Die drei großen, „Variety“, „Hollywood Reporter“ und „Screen“, sind englischsprachig. Und bei ihnen steht zu lesen: Alles gut und schön in diesem Jahr, aber wo bitte bleiben die Stars? Die einzigen, die sie in dieser Kategorie gelten lassen, sind offenbar Brad Pitt und Leonardo DiCaprio. Leider können die nicht jeden Abend über den roten Teppich laufen, so wie gestern. Ah, und Elton John schon auch. Es ist ein paar Tage her, dass er hier war und draußen am Steg des Strands vom Carlton Hotel ein Lied sang.

Keine Stars in Cannes: Wer waren noch gleich diese drei?

Keine Stars. Das ist lustig. Schon am ersten Abend trotteten Bill Murray, Adam Driver, Chloë Sevigny, Selena Gomez und Tilda Swinton in den Festivalpalast, im dem Charlotte Gainsbourg und Javier Bardem kurz darauf das Ereignis für eröffnet erklärten. Antonio Banderas, Penelope Cruz, Marion Cotillard, Jean Dujardin, Isabelle Huppert, um nur einige zu nennen – Oscarpreisträger darunter -, folgten. Und am Abend der Tarantino-Premiere hätte jemand nur die Namensschilder auf den reservierten Sitzen abzuschreiben brauchen, um die Stardichte zu messen. Da saßen in einer Reihe Ruben Ostlund, Walter Salles und Timothée Chalamet und dahinter Andie MacDowell.

Am selben Tag war Song Kang ho in Cannes, der in dem großartigen Wettbewerbsfilm „Parasite“ von Bong Joon Ho eine Hauptrolle spielt. Er ist der koreanische Superstar schlechthin, und das nicht erst seit „The Host“. Zhang Ziyi, die First Lady des chinesischen Kinos, gab eine Masterclass. Alain Delon bekam die Ehren-Palme. Anouk Aimée und Jean-Louis Trintingnant, die Stars von „Ein Mann und eine Frau“ von vor sehr langer Zeit, haben mit Claude Lelouch, dem Regisseur von damals, eine Art Fortsetzung gedreht. Von dem Applaus, mit dem die Vorstellung endete, konnte Tarantino nur träumen.

Frankreich ist eine Filmnation. Die Franzosen lieben ihre Stars und die aus anderen Ländern auch. Sie brachten Hollywood und den Studiofilmen die intellektuelle Anerkennung in den späten Fünfzigern, die bis heute ihre Aufmerksamkeit für das, was sie die siebte Kunst (hier stand in einer frühen Fassung: die vierte! Ein Versehen, es war spät, Nachsicht erbeten) nennen, schärfen. Ganz egal, woher sie kommt. Anders als in den Vereinigten Staaten laufen fremdsprachige Filme in Frankreich nicht unbedingt schlechter als die eigenen.

Die Amerikaner indessen, so scheint es, können sich fremde Namen nicht so gut merken. Aber vielleicht hat es ja eine Wirkung auf die Kollegen, wenn der Oscar für den besten fremdsprachigen ab nächstem Jahr für den „besten internationalen Film“ vergeben wird. Während der Rest des Landes sich in Abkapselung übt, könnte wenigstens im Filmgeschäft gelten: Raus aus der Provinz Hollywood. Das wäre was.

Meine Bewertung des Festivals kommt in der Nacht vom Freitag auf Samstag. Mit Favoritenliste, wie jedes Jahr. Die Palmen werden Samstag Abend vergeben.

23. Mai. 2019
von Verena Lueken

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22. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Es war einmal in Hollywood

Quentin Tarantino ist mit seinem von vielen sehnsüchtig erwarteten Film an der Quelle seiner Träume angekommen: im Hollywood der späten Sechziger, als die Stars des Schwarzweiß-Fernsehens verblassten, während die Sonne des New Hollywood langsam aufging. „Once Upon a Time in Hollywood“ sagt das schon im Titel: Es war einmal. Und im Rückspiegel erscheinen Männer in schnellen Autos, junge Frauen in knappen Shorts, nackte Füße an der Windschutzscheibe, viele Drinks, Joints und LSD, Hippies, die Manson-Familiy und herrliche Villen in den Hollywood Hills. Dazu ein Soundtrack erlesener Trash- und Hitsongs der Zeit. Eine Szene mit Bruce Lee, für die Mike Moh, der ihn spielt, sämtliche Bruce-Lee-Filme nochmal gesehen hat und trotzdem vermutlich zum Teil auf dem Boden des Schneideraums gelandet ist. Ein typischer Tarantino also? Ja. Mit etwas weniger Gewalt und etwas mehr Freundschaft, aber alles in allem kein Aufbruch zu neuen Ufern.

Margot Robbie, Quentin Tarantino, Leonardo DiCaprio und Brad Pitt vor der Premiere von “Once Upon a Time in Hollywood” in Cannes

Warum auch? Der Auflauf zur Premiere seines Films war erwartungsgemäß riesig, die Karten die am heißesten begehrten des Städtchens für einen Abend. Dennoch ging auch hier das Leben weiter, führten Menschen an der Promande ihre Hunde aus, blinzelten ins Licht, wie sie das in diesen verregneten Tagen selten tun konnten, und beobachteten die Yachten, die in der Bucht ankern. Zweihundert Meter weiter schrien die Filmfans ihren Helden zu: Brad! Leo! Quentin! Nach Margot Robbie, die in dem Film Sharon Tate spielt, riefen nicht so viele. Aber sie strahlte zwischen den Männern genauso, wie sie das später im Film ebenfalls tut.

Aber worum geht es eigentlich? Ist aus der Zeit, in der die schräg gegen den Himmel zeigenden Neonlichter der mexikanischen Schnellrestaurants in L.A. alle ungefähr zur selten Zeit eingeschaltet wurden, was ein spezifisches Geräusch macht und schön aussieht, etwas hängengeblieben, das heute von Interesse ist? Oder ist es nur Nostalgie, gepaart mit exquisitem Handwerk, die sich noch einmal in eine untergegangene Zeit versenkt?

Leonardo DiCaprio in einer Szene des Films

Die letzten Filme von Tarantino waren Blutbäder. Dieser ist das erst am Schluss. Aber immer noch kann der Regisseur an keiner Frau vorbeigehen, ohne mit der Kamera an ihrem Hintern entlangzustreifen oder gleich ganz an ihm hängenzubleiben. Vielleicht liebt er auch deswegen diese Zeit so sehr, weil damals noch niemand daran Anstoß nahm.

Weil es Kino ist, ist alles erlaubt. Das ist die Haltung von Tarantino zur Gewalt in seinen Filmen. In seinem neuen macht er das sogar zum Thema: „Let`s go and kill the people who taught us to kill“, heißt es an einer Stelle – und dann kommt es anders. Man kann das mögen, wie das Premierenpublikum offenbar. Als eine Frau mit zermatschtem Gesicht von einem Feuerwerfer auch noch in Brand gesteckt wurde, johlte es. Klatschte, als ein Hund einen Mann entmannte. Und feierte am Ende die ganze Mannschaft mit langem Applaus. Wenn auch nicht mit dem längsten, den ich in diesem Jahr hier gehört habe.

22. Mai. 2019
von Verena Lueken

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21. Mai. 2019
von Verena Lueken

4
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Tarantino war im Kino

Ist es Traum oder Alptraum eines jungen Filmemachers, wenn Quentin Tarantino in seiner Premiere auftaucht? Schwer zu sagen. Midi Z aus Myanmar war offenbar vorbereitet. Er stand mit zwölf seiner Teamkollegen auf der Bühne und erklärte, sein Film sei als Film im Film strukturiert, ein Format, dass auch Tarantino mag. Deshalb sei es fast ganz natürlich, sozusagen selbstverständlich, dass er auftauche: „Hi, Quentin.“ Der winkte zurück, stand auf, hob den Arm in einer Imperatorgeste und setzte sich wieder. Tarantino, für den eine ganze Sitzreihe freigehalten worden war, die sich mit Beginn der Vorstellung aber füllte, war während des gesamten Films überaus aufmerksam. Lehnte sich vor, saß aufrecht, schlief nicht. Ich weiß das, weil ich hinter ihm saß.

Der Film hieß „Nina Wu“ und lief in der Nebenreihe Un certain regard. Die beiden Hauptdarstellerinnen waren Wu Ke-xi in der Titelrolle und Sung You-hua als ihre beste, aber auch zwielichtige Freundin. Das ist das einzige, was ich mit Sicherheit über diesen Film, der in Taiwan auf Mandarin produziert wurde, sagen kann. Mehre Erzählstränge verdrehen sich möbiusbandartig ineinander, oder ist es immer derselbe? Midi Z arbeitet mit Wiederholungen, leichten Variationen, neuen Motiven, viel Rot und viel Geschrei, und mysteriöse Dumplings haben auch ihren Auftritt.

Kino ist Kontext – und der Kontext, den die Anwesenheit von Tarantino schuf, hieß Harvey Weinstein, #MeToo, sexualisierte Gewalt beim Casting und am Set, die ganze Chose, die seit den ersten Enthüllungen über Weinsteins Nötigungen, Übergriffe, möglicherweise Vergewaltigungen aufgebrochen ist.

Tarantino, der Harvey Weinstein seine Karriere verdankt und mit seinem neuen Film zum ersten Mal ohne diesen genialen Strippenzieher auskommen muss (eine Position, aus der heraus er seine Schweinereien begangen hat), hat sich schnell von ihm distanziert. Gegenüber Uma Thurman, die ihm respektloses Verhalten am Set vorwarf, hat er sofort um Vergebung gebeten.

Es geht nicht um ihm, wenn „Nina Wu“ den Eindruck hinterlässt, der Film sei ein Re-enactment vieler Erzählungen billigsten Missbrauchsverhalten in der Filmindustrie. Es soll auch eine poetischere Ebene geben, die ich nicht verstanden habe. Was ich gesehen habe, war dies: wie ein Produzent verschiedene Frauen zum Casting kommen lässt, Sexszenen zum Vorsprechen aussucht, und Darstellungsmöglichkeiten prüft, indem er die Frauen als Hunde auf dem Hotelteppichboden herumkriechen lässt. Möglicherweise galt die Aufmerksamkeit Tarantinos nicht nur diesem Werk, sondern auch dem Saal, in dem es aufgeführt wurde. Es war nämlich das Kino, in dem am Dienstag Nachmittag die erste Pressevorführung seines hier heiß erwarteten Films „Once Upon a Time in Hollywood“ stattfinden wird. Eine Projektion in 35mm. Um neunzig Minuten versetzt beginnt die Gala nebenan im großen Saal. Und am Montag schon hatte man den Eindruck, es wird sich um eine historische Stunde handeln.

Der Aufmarsch auf dem roten Teppich wird jedenfalls eindrucksvoll sein. Und historisch insofern, als Tarantino auf den Tag genau vor 25 Jahren am selben Ort „Pulp Fiction“ vorstellte. Der Film wurde damals gemischt aufgenommen. Er war der letzte Film des Festivals, und manche haben ihn gehasst, manche als einen Weg in die Zukunft gefeiert, weil er etwas Neues ins Kino brachte, eine neue Coolness, die eine alte ablöste. Tarantino gewann die Goldene Palme. Und auch damit wurde Harvey Weinstein für mehr als zwanzig Jahre der König von Cannes. Der alle Parties beherrschte. Jeden Raum. Der die Puppen tanzen ließ, wie es damals hieß. Erst seit kurzem wissen wir, was das eigentlich bedeutete.

21. Mai. 2019
von Verena Lueken

4
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20. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Ehrenpalme für Alain Delon

Die meisten Stars, bei allem, was man so über sie hört, möchte ich nicht in meiner entfernten Verwandtschaft haben. Die meisten haben keine Manieren, sind eitel, anmaßend, selbstmitleidig und sicher noch eine ganze Menge anderer Dinge, die mir nicht gefallen. Rechts oder auch rechtsradikal sind einige, misogyn eine ganze Menge, und nicht alle engagieren sich für den Klimaschutz. Also? Keine Preise mehr für sie?

Alain Delon mit seiner Ehrenpalme

Das war die Frage, als das Festival sich entschloss, einem der größten Stars des französischen Nachkriegskinos die Ehrenpalme für sein Lebenswerk zu geben: Alain Delon, inzwischen dreiundachtzig. Fraglos ein Schauspieler, der in fast all seinen Rollen den Kinoraum füllte mit einer Präsenz, einer Technik auch, die umwerfend waren. Und sehr gut über die Zeit gekommen sind, wie eine Wiederaufführung von Joseph Loseys „Mr. Klein“ aus dem Jahr 1976 vor Augen führte. Der Film war eine interessante Wahl für diesen Abend der Preisverleihung. Denn es geht um einen französischen Kunsthändler im Paris des Jahres 1942, der die Notlage vieler Juden ausnutzt, die ihre Kunst verkaufen müssen. Einer rächt sich. Und Mr. Klein / Alain Delon wird einer von ihnen. Deportiert. Rechtlos. Jüdisch. Interessant war die Wahl, weil Joseph Losey (mit dem Delon eine ganze Reihe von Filmen drehte) Kommunist war und Alain Delon mit den Le Pens befreundet ist. Auch das wurde ihm und dem Festival im Vorfeld als Ausschlusskriterium für diesen Preis vorgeworfen. Doch das Festival blieb bei seinem Standpunkt. Es zeichne Künstler aus. Keine Meinungen. Nicht einmal Haltungen. Es gab eine Petition gegen Delon, mit angeblich mehr 20.000 Unterschriften. Aber am Abend selbst machte niemand Krawall. Im Gegenteil. Alain Delon wurde gefeiert.

Und das war richtig so. Niemand war aufgerufen, etwas anderem zu applaudieren als seiner Lebensleistung im Kino. Er selber sagte das in seiner kurzen Dankesrede auch noch einmal. Und er sagte noch etwas: Nicht ein Regisseur macht einen Star. Nicht ein Film macht einen Star. Es ist das Publikum. Und hatte damit alle auf seiner Seite.

Die Kameraleute der Fernsehanstalten haben eine harte Zeit an solchen Abenden. Längst haben sie immer wieder ihre Kamera über das Plakat geschwenkt, das überall im Festivalpalast hängt und von dem Alain Delon in sehr jungen Jahren umwerfend schön auf einen hinabblickt. Dann bringen sie sich eng an eng in ihren Smokings hinter der letzten Stuhlreihe im abschüssigen Kinosaal in Position, haben eigentlich die beste Sicht zur Bühne hin, aber wenn Alain Delon den Saal betritt, springen vor ihnen alle auf und halten ihre Mobiltelefone hoch, um selbst zu filmen. Und die Fernsehkameras schauen auf tausend Rücken und sonst nichts.

Vater und Tochter auf dem roten Teppich

Alain Delon hatte seine Tochter dabei, die für ihren Vater sprach und nicht versuchte zu verbergen, wie bewegt sie war. Tränen auf allen Seiten gehören zu solchen Abenden sowieso dazu. Natürlich bedankte sich Delon auch noch selbst, nachdem er den Kasten mit der Goldenen Ehrenpalme in der Hand hielt und die Menschen so lange applaudiert hatten, bis auch er tränenüberströmt dastand. Er sagte, das Schwerste sei der Abschied. Dieser Preis werde ihm postum zu Lebzeiten verliehen. Nun bereite er sich darauf vor zu gehen. Und das wolle nicht tun, ohne sich zu bedanken. Beim Publikum.

Viele seiner Meinungen sind indiskutabel. Aber wie Alain Delon diesen Tag hinter sich brachte, das hatte Klasse weit über die Rührung hinaus.


20. Mai. 2019
von Verena Lueken

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19. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Familienromanzen

Vermutlich ist die Zeit bald vorbei, dass bei Werner Herzog immer auch von Klaus Kinski geredet wird. Jetzt, da Herzog für eine Sonderveranstaltung in Cannes ist, wird er aber immer wieder danach gefragt. Wie es war, als Klaus Kinski damals, 1982, als „Fitzcarraldo“ gezeigt wurde, mit dem Rolls-Royce auf den roten Teppich gefahren werden wollte, und einen seiner gefürchteten Wutausbrüche bekam, weil das nicht möglich war.

Niemand fährt mit dem Auto auf den roten Teppich, das ist eiserne Regel. Und Regeln in Cannes werden eingehalten. Vermutlich hat seitdem niemand mehr diesen Wunsch geäußert. In diesem Jahr macht kein Rolls-Royce, sondern das Selfie-Verbot den Sicherheitsleuten Arbeit. Wenn man in einer Galavorstellung vom Auditorium aus den Aufmarsch auf dem roten Teppich beobachtet, hat das Slapstick-Qualität. Denn etwa jeder zweite Besucher muss zurechtgewiesen werden, lächelt dann doch noch mal kurz ins Handy, bevor er oder sie es wieder dahin steckt, wo es Beulen macht, in den Täschchen der Damen oder Jacken der Männer. Die Männer, die dafür sorgen sollen, dass die Mobilgeräte gar nicht erst gezückt werden, laufen von einem verlorenen Posten auf den anderen.

Schnell doch noch ein Selfie: Mathieu Kassovitz (l.) mit anderen Gästen vor der Premiere von “Les Misérables” am 15. Mai in Cannes

 Der rote Teppich für Werner Herzog lag in diesem Jahr auf der Rückseite des Festivalpalasts, denn sein Film „Family Romance, LLC“ lief im offiziellen Beiprogramm. Auch Herzog, inzwischen 76 Jahre alt, gehört zu den Männern, die unermüdlich weiterarbeiten. Drei Filme hat er in den letzten Monaten fertiggestellt, neben diesem Spielfilm zwei Dokumentationen über große Männer, über Michail Gorbatschow den einen, den anderen über Bruce Chatwin.

Werner Herzog am Samstag in Cannes

„Family Romance“ ist auf Japanisch gedreht. Herzog spricht kein Japanisch und versteht es auch nicht, aber von solchen Hindernissen hat er sich nie von einer Idee abhalten lassen. Das Thema: Offenbar kann man in Japan Menschen mieten, damit sie die Stelle verschwundener oder toter Freunde oder Verwandter einnehmen. Oder sich für einen Fehler, den man gemacht hat, beim Chef entschuldigen. Oder sich als Paparazzi verkleiden und mit Kameras hinter einem her sind, damit eine in den sozialen Medien Aufmerksamkeit bekommt.

In „Alpeis“ hat Yorgos Lantimos, der in diesem Jahr hier in der Jury sitzt, über die Geschäftsidee der Miet-Trauernden einen Spielfilm gedreht, der bizarr und komisch und todaurig war und an merkwürdigen griechischen Schauplätzen spielte. Herzog war in Japan. Aber sein Japan sieht aus wie in zahllosen Hobbyfilmchen von Urlauben dort. Die Kirschblüte aus Drohnensicht. Die Marionetten-Wahrsagerinnen im Kasten. Die heiligen Hunde mit roten Lätzchen.  

Es war tatsächlich eine Familienromanze, das sagte er vor Beginn zur Begrüßung, denn bei der Produktion waren seine Frau und auch sein Sohn dabei, wie jetzt in Cannes auch. Muss man traurig darüber sein, dass der Regisseur von „Fitzcarraldo“ mit einem solchen Filmchen nach Cannes kommt? Einem Film, in dem lange Minuten einem Igel in einem Igelstreichelzoo gewidmet sind und der Anleitung, wie dessen rosafarbener Bauch richtig zu massieren sei? Ich glaube nicht. Werner Herzog hat seine Sicht der Welt nie infrage gestellt. Wenn sie mir lachhaft erscheint, voller Klischees, ohne Bilder, die uns mehr zeigen als ein schlecht gemacht Tourismusprospekt, würde er vermutlich sagen: ist das mein Problem.

19. Mai. 2019
von Verena Lueken

6
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18. Mai. 2019
von Verena Lueken

7
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Jede Party hat ihren Preis

Abtanzen mit Leo: Szene aus Tarantinos “Once Upon a Time in Hollywood”

Gerade veröffentlichte ein englisches Branchenmagazin die Preise für Eintrittskarten zu den beliebtesten Vorführungen und Parties. Schwarzmarktpreise, versteht sich. Kein Ticket wird hier offiziell verkauft. Wer für die Eröffnung mit Jim Jarmuschs „The Dead Don’t Die“ 5500 Dollar bezahlt hat, um im Orchester zu sitzen, werden wir nicht erfahren. Auf dem Balkon war das schon für 2800 Dollar zu haben, die Party danach musste einem weitere 2500 Dollar wert gewesen sein. Doch an den meisten anderen Tagen kosten die Eintrittskarten fürs Kino nur zwischen 1000 und 2000 Dollar, allerdings ist für „Rocketman“, Tarantino und „Rambo“ zum Abschluss unter 2300 Dollar nichts zu machen gewesen: Die Preise für diese Filme gehen hoch auf 4500Dollar.     

Kino ist ein Volksvergnügen, deshalb sind die Partys danach teurer. So stand es in “Screen Daily” zu lesen: 6000 Dollar für die Elton-John-Party, 8000 für die von Chopard, 11.000 bei Vanity Fair, alles Feste mit strikter Einladungspolitik und penibel kontrollierten Namenslisten.  Aber irgendwie kommen die Leute, die soviel Geld bezahlt haben, offenbar doch überall rein, mit falschen Identitäten vermutlich? Die hat hier sowieso fast jeder. Am teuersten ist der Eintritt, so will ich es mal nennen, für die „AMFAR Night Before – Leonardo DiCaprio Villa Dinner Party mit Tarantino“. Er kostet 13.500 Dollar. Termin ist der 22. Mai. Vielleicht ist die eine oder andere Restkarte noch da. Vielleicht aber ist das Ganze auch ein großes Betrugsgeschäft, und es gibt gar keine Tickets, selbst nicht für soviel Geld?

Es traf sich gut, dass ich bei einem Mittagessen am selben Tag (auf Einladung) einen Kollegen von der „Bunten“ traf, der vermutlich der berühmteste Gesellschaftsreporter Deutschlands ist und gern Auskunft gab, wie er das macht – überall eingeladen zu sein, auf allen Listen zu stehen, von einer Party zur nächsten zu hüpfen, und das schon seit vielen vielen Jahren und natürlich ohne zu bezahlen. Von Elton John zu Chopard, vom Hotel Eden Rock in Antibes zur exklusiven Starvilla in den Bergen hinter Cannes. Die verblüffende Auskunft des Kollegen: Er telefoniert herum. Ich hatte gedacht, er sortiert zu Hause in München schon seit Anfang Mai die Einladungen, sagt zu oder ab, wählt aus. Weit gefehlt. Er überlegt,wo er hinwill, und dann hängt er sich ans Telefon. Meistens ist es mit einem Mal nicht getan. Alles, was im privaten Umgang absolut verboten, unangemessen, peinlich ist, ist im Business offenbar Geschäftsgrundlage. Sich selbst einladen! So kommt man zum Ziel. Sollte die Party das Ziel sein.

Ob es für Maradona eine Party geben wird, habe ich den Fachmann vergessen zu fragen. Der Fußballer, der größte aller Zeiten nach oder mit Pelé, wie viele meinen, wird für den Dokumentarfilm von Asif Kapadia erwartet. Nach „Senna“ und „Amy“ ist „Diego Maradona“ die dritte übermächtige Persönlichkeit, der Kapadia sich gewidmet hat, mit dem Unterschied, dass dies kein Nachruf ist.

Ich gehe, vor allem in Cannes, lieber ins Kino als auf Parties. Und das schon seit zwölf oder dreizehn Jahren. Bei Pédro Almodovars „Dolor y Gloria“ stellte sich plötzlich und unerwartet, wie es immer heißt, das Gefühl ein, nicht Almodovars Leben finde dort auf der Leinwand statt, fiktionalisiert, stilisiert und so weiter, sondern stilisiert und auf verdrehte Weise auch meines, meines als Kritikerin, so viele Filme habe ich von ihm in Cannes schon gesehen, an so viele erinnerte mich dieser. Vielleicht laden die Verantwortlichen genau für dieses melancholische Gefühl immer wieder dieselben Leute ein: um nicht allein alt zu werden. Sondern gemeinsam mit diesen großen Künstlern.

18. Mai. 2019
von Verena Lueken

7
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17. Mai. 2019
von Verena Lueken

7
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Der alte Hase und die Debütantin

Taron Egerton als Elton John in “Rocketman”

Wie viele Arten des Prominentenkults es gibt? Mindestens drei, mit Untergruppen. Die erste ist klar: Hingehen, wo die Berühmtheit ist, Handy draufhalten, posten. Die zweite ist eine Ableitung: Hingehen, wo ein Monitor steht, auf dem übertragen wird, was die Berühmtheit gerade macht, Handy draufhalten, posten. Die dritte ist eine weitere Ableitung: Sich erzählen lassen, wo eine Berühmtheit war, mitschreiben, weitererzählen.

Was Sie hier lesen, ist eine Mischung aus allen dreien. Elton John war da. Wegen des Films „Rocketman“, der seine Geschichte erzählt, der seine volle Unterstützung hatte, in dem er aber nicht mitspielt. Ob er zur Premiere an die Croisette kommen würde, schien eine Weile unklar. Doch er kam, als Teil seiner Abschiedstour. Verbreitete schon von weitem Menschenwärme. Zum Fotocall trug er einen herrlichen türkisfarbenen Anzug mit passender Brille, flirtete und schien sich auf den Abend zu freuen. Auf die Premiere. Vielleicht auch auf den Auftritt auf dem roten Teppich in Gesellschaft seines Mannes und des Filmteams und neben den Darstellern seiner jüngeren Ichs. Es sind zwei.

Elton John beim Photocall in Cannes

Das war morgens, und wer es verpasst hatte, konnte den ganzen Tag im Festivalpalast von Monitor zu Monitor laufen und es sich ansehen. Draußen an der Strandpromenade liefen dieselben Bilder auf riesiger Projektion, aber die Sonne störte. Am Abend kam Elton John wieder. Er hatte sich umgezogen, natürlich, dunkel, mit dem Filmtitel graffitiartig auf den Rücken des Smokingjacketts gesprüht. Statt der türkisfarbenen hatte er seine herzförmige, brillantengerahmte rote Brille auf und eine Rakete am Revers und verbreitete wieder Menschenwärme. Und wurde vor der Premiere und danach in einer Weise beklatscht, die selbst ihn rührte, der sehr viel Applaus in seinem Leben schon bekommen hat.

Wie fühlt es sich an, wenn es das erste Mal ist? Am selben Ort einige Stunden früher erlebte das Mati Diop. Ihr Langfilmdebüt „Atlantique“ zog mehr Afrikaner in festlichen Roben an als Elton John, auch die Botschaft von Senegal war vertreten. Die Erwartungen an Mati Diops Film waren riesig und positiv, trotzdem hatte sie als Debütantin, als junge, als erste farbige Frau im Wettbewerb, nichts, was in der Filmindustrie zählt, worauf sie sich stützen konnte. Keinen Ruhm vorab, noch keine große Karriere, keinen unerschütterlichen Ruf. Nur ihren Film. Das galt auch für ihr Team.

Mati Diop (Mitte) mit ihren senegalesischen Schauspielern Mama (links)Sane und Ibrahima Traore (rechts)

Die Spannung war immens. Entlud sich erst einmal im Applaus für jeden Vorspanntitel, jeden Namen, jede Firma, die dort genannt wurden. Doch als es losgeht, als die ersten Bilder einer Großbaustelle in Dakar auf der Leinwand stehen, als die Arbeiter vergeblich ihren Lohn einfordern und dann auf der Ladefläche eines Kleinlasters in die Stadt zurückfahren, ihre T-Shirts vom Wind gebläht, und sich erst nach einer Weile der Blick zum Meer hin öffnet, das ihre Sehnsucht ist und ihr Grab werden wird, da ist klar: Dies wird einer der Filme des Festivals, der unvergessen bleibt. Der Applaus hinterher übermannte die Regisseurin wie ihr Team. Er dauerte lange, Tränen flossen. Vielleicht gewöhnen sie sich daran. Andererseits – auch Elton John hat geweint. Immer noch.

Szene aus “Atlantique”

17. Mai. 2019
von Verena Lueken

7
2750

   

15. Mai. 2019
von Verena Lueken

7
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Ein Mädchen beim Rodeo

Wer über die Vereinigten Staaten etwas erfahren will, was nicht in der Zeitung steht und nicht aus dem Marvel Cinematic Universe kommt, ist in Cannes in diesem Jahr ganz gut aufgehoben. Auch wenn Jim Jarmuschs Zombie-Film, was die Lage seines Landes anging, eher unergiebig war mit seinen hölzernen Horrorfilm- und Selbstzitaten und einer Art zu filmen, die an Arbeit auf Autopilot grenzte.

Szene aus “Bull”

Ganz anders Annie Silverstein. „Bull“ heißt ihr Film einfach, es ist ihr Langfilmdebüt (mit einem Kurzfilm war sie schon mal hier), und statt mit großer Posen inszenierte sie ihre Figuren und ihre abgehängte Welt irgendwo in Texas mit genauer Beobachtung und einer herben, zurückhaltenden Zärtlichkeit. Wer nicht weiß, was das ist, kann es hier lernen. „Bull“ ist mehreres – die Geschichte vom Aufwachsen eines jungen Mädchens, Kris, und allen Überforderungen, die damit zusammenhängen, in der Schule, der Sexualität, zu Hause. Zu Hause besonders, denn das besteht hier nur aus einer Großmutter, die Diabetes hat, und einer kleinen Schwester; die Mutter ist im Knast. Und es ist die Geschichte einer unwahrscheinlichen Freundschaft zwischen Kris und ihrem Nachbarn Abe, der beim Black Rodeo arbeitet. Seine besseren Zeiten liegen hinter ihm, er versucht, den Anschluss nicht ganz zu verpassen, dazu gehören Eisverbände auf die Prellungen, OxiCodin für die Schmerzen, und eine Menge Alkohol. Kris bricht einmal bei ihm ein und schmeißt für ein paar Freunde eine Party mit seinem Gin, seitdem muss sie für ihn arbeiten. Die Welt dieser Figuren ist, anders als bei Jarmusch, aus dem Kino fast gänzlich unbekannt, arm, das vor allem, nicht immer gut ausgeleuchtet, abgeschnitten von allem, was im Rest der Welt passiert, und nur mit den Folgen konfrontiert. Nach dem Film draußen staunt man über die Croisette, die Sonne und das Meer.

Ein guter Augenblick, wieder fliegen zu gehen in Laurie Andersons VR-Installation „Falling off Snow Mountain“. Heute hat es geklappt. Das ist bei VR nicht die Regel, oft braucht es mehrere Anläufe, bis die Technik läuft, die jung ist und unausgereift und immer noch die großen schweren Brillen braucht und die Steuerungsgeräte, die man in den Händen halten muss. Aber als es im dritten Anlauf tatsächlich losging, und ich die Arme ausbreitete, am Handgelenk ein rotes Licht erkannte und auf dieses Zeichen hin die Hände auf den Rücken legte und dann die Arme nach vorn schnellen ließ – da hob ich tatsächlich ab. Und landete irgendwann auf dem Mond, die Milchstraße vor mir. Und unter tausend Sternschnuppen vergaß ich Texas, OxiCodin, Trump und Jim Jarmusch und schwebte eine Viertelstunde lang durchs All. Ein All, in dem ein Einhorn auftauchte und eine Riesengiraffe und ein Esel, auf dem ich zu reiten schien. In einem Film ein paar Stunden vorher hatte es psychotrope Drogen gegeben, die Sache kam mir also gar nicht sonderbar vor. Die Erde tauchte auf und ging wieder unter, und Laurie Anderson erzählte in ihrer Tante-am-Lagerfeuer-Stimme davon, wie wenig wir den Sternen anhaben können. Alles andere, was wir anfassen, geht ja kaputt. So war das neben ein paar ziemlich guten Filmen die beste Nachricht dieses Tages: bis auf weiteres sind die Sterne vor uns sicher.

15. Mai. 2019
von Verena Lueken

7
2049

   

15. Mai. 2019
von Verena Lueken

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Die Phalanx des Kinos steht

Nur eine der Großen des Kinos, wie Cannes es feiert, fehlte am Eröffnungsabend. Das war Agnès Varda. Sie ist vor einigen Wochen gestorben. Auf der Bühne stand ein Regiestuhl mit ihrem Namen. Und das Plakat in diesem Jahr, das überall im Ort in den Geschäften hängt und riesig groß am Festivalpalast, zeigt ein herrliches Foto von ihr. Da steht sie auf den Schultern eines Assistenten und schaut durch eine Kastenkamera auf einem Stativ, das wiederum auf einem hohen Holzgestell steht. Das Bild hat eine eigene Dynamik. Agnès Varda sieht aus, als setzte sie zum Sprung an, und der Assistent lacht und ich würde mich nicht wundern, wenn sie einfach abheben und aus dem Foto fliegen würden. Als Agnès Varda starb, starb mit ihr diese Lust am Sehen, am Zeigen, am Inszenieren von Geschichten, die vor Leben so sprühten wie diese Frau. Im vergangenen Jahr war sie noch hier und demonstrierte neben Cate Blanchett, die ungefähr doppelt so groß ist wie sie es war.

Erinnerung an Agnès Varda in Cannes

Was dem Rest der Kinowelt bleibt, ist die Beschwörung des Kinos. Das taten alle zum Auftakt. Schwärmten von der gemeinsamen Erfahrung. Dem öffentlichen Raum. Der gesellschaftlichen Bedeutung. Der Kraft des gemeinschaftlichen Guckens. Warum hört sie niemand? Warum sind die Kinos leer? In Frankreich nicht so leer wie bei uns, aber leerer als in den letzten Jahren auch hier.

Am Abend der Eröffung des Festivals sollte das anders sein. Und zwar mit Hilfe des Festivals. Es übertrug nämlich die Veranstaltung in sage und schreibe 600 Kinos im ganzen Land. Dort konnten die Zuschauer miterleben, wie Edouard Baer (in der Rolle von Anke Engelke bei der Berlinale) die Internationale Jury vorstellte. Wie auch Alejandro González I ñárritu die Kinoerfahrung beschwor. Wie schließlich, endlich Charlotte Gainsbourg und Javier Bardem das Festival für eröffnet erklärten. Die festen Regeln des Festivals sorgten dafür, dass das Ganze äußert glamourös aussah.

Ganz anders Laurie Anderson. Sie ist zu Gast bei der Quinzaine des Réalisateurs. Das ist die Nebenreihe mit eigenen Regeln (ohne Smoking, dafür mit Netflix), die einst als Gegenfestival zum etablierten gegründet wurde und bis heute nicht Teil des offiziellen Programms ist, sondern friedlich koexistiert. Laurie Anderson hat mit ihrem künstlerischen Partner Hsin-Chien Huang („das Gehirn dieser Operation“, sagte sie) eine Installation aus drei Virtual Realities mitgebracht. Titel: „Go Where You Look!“ Der Ort: das ehemalige Leichenschauhaus von Cannes. Die Sache fand bei strahlendem Sonnenschein am Nachmittag statt, Laurie Anderson trug einen kleinen Hut und verwandelte sich, während sie sprach, in ein junges Mädchen, wie es immer geschieht, wenn sie über ihre Kunst redet.

„Dies ist eine neue Art von Kino“, sagte sie. „Wohin damit? Es findet keinen Platz in einer Box, wie es das Kino ist. Es ist eine Kunst, in die wir hineingehen werden. Wie auch in die Musik.“ Während im Festivalpalast kurz darauf alle von lebendiger Anwesenheit an einem Ort sprachen, sagte Laurie Anderson: „Jeder erlebt in diesem neuen Kino etwas anderes allein.“ „Falling Off Snow Mountain“ heißt die Installation, die eine ganz andere Art von Zukunft fürs Kino verspricht als wir es kennen. Laurie Anderson will fliegen, wie in ihren Träumen. Wie Angès Varda. Ich werde mehr von diesen VR-Stücken erzählen, morgen und immer, wenn das alte Kino dafür Platz und Zeit läßt.

15. Mai. 2019
von Verena Lueken

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06. Mai. 2019
von F.A.Z. - Feuilleton

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Die 72. Filmfestspiele von Cannes

Mit Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, Ken Loach, den Dardenne-Brüdern und Terrence Malick gehen 2019 einige prominente Namen in das Rennen um die Goldene Palme von Cannes, das stand lange fest. Anfang Mai kam noch ein großer dazu: Auch der amerikanische Regisseur Quentin Tarantino („Pulp Fiction“) will seinen neuen Film „Once Upon a Time in Hollywood“ (Es war einmal in Hollywood) im Wettbewerb des Filmfestivals präsentieren. Das Drama mit Leonardo DiCaprio, Margot Robbie und Brad Pittsoll im Los Angeles der späten sechziger Jahre zwischen Hippie-Bewegung und den Morden der Sekte um Charles Manson spielen.

Das Festival wird am 14. Mai eröffnet werden. Präsident der Jury der 72. Internationalen Filmfestspiele ist der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu. Er übernimmt den Vorsitz von Cate Blanchett, die das Festival 2018 geleitet hatte. Der französische Schauspieler Alain Delon, der mit Filmen wie „Der eiskalte Engel“ und „Der Leopard“ Weltruhm erlangte, erhält die goldene Ehrenpalme. Die Festspiele dauern bis zum 25. Mai. In diesem Blog wird Verena Lueken aus Cannes berichten.


Margot Robbie in Quentin Tarantinos “Once Upon a Time in Hollywood” 

06. Mai. 2019
von F.A.Z. - Feuilleton

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17. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Tempel zur Reinigung

„Long live the struggle of the Sudanese people!” Der Kampfruf von Suhaib Gasmelbari verlieh der Preisverleihung bei der Berlinale am Samstagabend eine unvermutete politische Dimension. 1700 Gäste waren gekommen, es wäre spannend gewesen, hätte man eine kleine Umfrage abhalten können: Haben Sie in den letzten Wochen vom Kampf des sudanesischen Volkes Notiz genommen? Es gab durchaus Berichte in den Zeitungen, aber so richtig Schlagzeilen machen Demonstrationen für eine bessere Regierung in einem afrikanischen Land nicht. Der Film, für den Suhaib Gasmelbari mit dem Glashütte-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde, heißt “Talking About Trees”, er erzählt von vier Veteranen des Kulturbetriebs im Sudan, und von der Tatsache, dass man von einem Kulturbetrieb nicht wirklich sprechen kann. Das hat historische und politische Gründe, die Protagonisten sind alle alt genug, um viele von diesen Gründen quasi am eigenen Leib erfahren zu haben.

Die Berlinale ging als Fest der Freundschaft zu Ende. Früher sprach man von Völkerfreundschaft, und zwei Systeme versuchten, einander wechselseitig die Völker abspenstig zu machen. Heute kommen bei einem kulturellen Großereignis im Westen alle Völker zusammen: Suhaib Gasmelbari hat eine französische Produzentin, Angela Schanelec hat einen serbischen Kameramann, der Argentinier Manuel Abramovich (Silberner Bär der Kurzfilmjury für “Blue Boy”) hat einen rumänischen Creative Producer, und der israelische Regisseur Nadav Lapid hat einen tunesisch-französischen und einen Schweizer Produzenten, und er hat seinen Film “Synonymes” in Paris gedreht.

Manuel Abramovich und Bogdan Georgescu

Am Ende des Abends gab es für “Synonymes” den Goldenen Bären für den besten Film. Das war dann zu diesem Zeitpunkt schon keine Überraschung mehr. Die Verleihung der Bären folgt einem Protokoll, sie soll spannend sein, aber ein bisschen Planung muss auch sein. So kann man im Grunde schon beim Vorlauf am roten Teppich erkennen, die sich der Abend entwickeln könnte. Der goldene Handschuh war zum Beispiel schon draußen vor der Tür nicht eben stark repräsentiert, Fatih Akin wurde nicht gesichtet, Jonas Dassler immerhin kam. Die beiden deutschen Vertreterinnen im Wettbewerb waren beide mit Entourage erschienen: Nora Fingscheidt und Angela Schanelec. Beide erhielten einen wichtigen Preis, Schanelec für die beste Regie (Silberner Bär für “Ich war zuhause, aber”), Fingscheidt den Alfred-Bauer-Award für einen Film, der künstlerische Perspektiven eröffnet (“Systemsprenger”).

In dem Moment, in dem diese beiden Preise durch waren, muss Nadav Lapid gewusst haben, dass er nun Favorit auf den Hauptpreis war, und als Francois Ozon für den Großen Preis der Jury (Silberner Bär für “Grace à Dieu”) auf die Bühne gerufen wurde, konnte Lapid innerlich jubeln. Denn nun war nur noch sein Film übrig.

Die Entscheidung für “Synonymes” ist auch Ausdruck einer Jury-Zusammensetzung, die intellektueller und cinephiler (und sinnvollerweise auch kleiner) war als der übliche Mix aus Funktionen und Regionen: unter dem Vorsitz von Juliette Binoche wurde der Wettbewerb der 69. Berlinale mit plausiblen Entscheidungen abgeschlossen.

Den leidenschaftlichsten Moment gab es allerdings bei einer Entscheidung, die noch im Vorfeld der Bären lag: Der GWFF-Preis für den besten Erstlingsfilm ging an “Oray” von Mehmet Akif Büyükatalay, eine Auseinandersetzung mit dem Buchstaben islamischer Regeln und dem Geist der freien Zuneigung. Der junge Regisseur dankte seinen zwei Familien (der richtigen in Hagen in NRW, und der Kunstfamilie in Köln an der KHM), und bekannte sich dann zu der Religion, der am Samstagabend gehuldigt wurde: er rief dazu auf, „an das Kino zu glauben“, und brachte sehr unmittelbar zum Ausdruck, wieviel es ihm bedeutete, in diesem „Tempel“ gewürdigt zu werden. „Tempel aber müssen zerstört und neu aufgebaut werden.“

Zu den wichtigsten Errungenschaften der Religion des Kinos zählt der Umstand, dann man damit Tempel einreißen kann, ohne auch nur einem Ziegelstein etwas zuleide zu tun. Das mit dem Aufbauen ist wieder eine andere Sache. Dafür sind im kommenden Jahr bei der Berlinale einige neue Menschen zuständig. Lang lebe in jedem Fall der Kampf des sudanesischen Volkes.

17. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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16. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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Das Ende der Geschichte in Zeitlupe

1994 war ich zum ersten Mal bei einer Berlinale. Als Filmkritiker war ich ein Anfänger, als Berlin-Besucher auch. Das Festival fand damals noch im Westen statt, in einem Kudammkino, das es heute nicht mehr gibt, liefen in der Retro die Filme von Erich von Stroheim. Zu den Pressevorführungen des Wettbewerbs musste man in die Akademie der Künste am Hanseatenweg. Das Forum fand im Delphi statt, das ist bis heute so, allerdings war das Arsenal, zu dem das Forum gewissermaßen gehörte, noch unweit des KaDeWes und nicht, wie heute, in den Quartieren am Potsdamer Platz.

Im Delphi fand 1994 der Höhepunkt meiner Initiation in die Welt der großen Filmfestivals statt. Die Vorführung von „Sátántangó“ begann schon am Nachmittag. Siebeneinhalb Stunden mit einem ungarischen Film in Schwarzweiß, der jeden Unterschied zwischen kommunistischer und postkommunistischer Apokalyptik belanglos werden ließ. Ein Film in Zeitlupe über das Ende der Geschichte.

Ich war von der ersten Szene an, in der eigentlich nur Pferde unruhig herumlaufen, gebannt, musste aber irgendwann raus. Ein Interview mit dem australischen Regisseur Peter Weir stand auf dem Programm, das war der andere Höhepunkt in diesem Jahr, einen Begegnung mit dem Mann, der “Picknick am Valentinstag” gemacht hatte, und nun mit “Fearless” bei der Berlinale zu Gast war. Jeff Bridges spielte einen Mann, der einen Flugzeugabsturz überlebt, danach aber nicht mehr derselbe ist. Peter Weir erwies sich als höflicher, kluger Mann, das Interview lief gut.

Danach eilte ich ins Delphi zurück. Ich erinnere mich nicht, wie „Sátántangó“ ausging, um ehrlich zu sein, könnte ich nicht einmal mehr mit Sicherheit sagen, dass ich danach bis zum Schluss geblieben bin. Die zwei Stunden, die mir zwischendurch fehlten, ließen sich an diesem Tag sowieso nicht mehr aufholen.

Vielleicht fünfzehn Jahre später wollte ich mit „Sátántangó“ noch einmal Ernst machen. Und zwar dieses Mal wirklich. Ich las das Buch von László Krasznahorkai, besorgte mir die DVD – inzwischen war das Zeitalter der Beamer angebrochen – und machte mich voller Erwartung an die Arbeit. Über ein Wochenende verteilt wollte ich die 450 Minuten Schwarzweißaufnahmen aus einem verregneten ungarischen Provinzkaff endlich vollständig schauen.

Aber es ist wie verhext: ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, ob ich das damals geschafft habe. In dem Buch steckt ein Lesezeichen eher in der Mitte, danach sind keine Unterstreichungen mehr. Jetzt weiß ich nicht, ob ich die abgebrochene Lektüre auf den Film projiziere, oder die Ereignislosigkeit des Films auf meine Erlebnisse damit, oder vielleicht passiert ja sogar eine Menge, und ich habe es vergessen – oder doch nie gesehen. Dass es sich bei „Sátántangó“ um einen Höhepunkt der Filmgeschichte handelt, kann ich, glaube ich, in jedem Fall, vertreten.

Heute Nachmittag lief eine digital restaurierte Fassung. Eigentlich hätte ich da unbedingt hin gemusst. Allerdings möchte ich um halb sieben zum Fußball. Jetzt bin ich unschlüssig: vielleicht heute nur den halben Film anschauen? Wenn ich um neun aus dem Olympiastadion ins Delphi zurückkomme, dann könnte ich in jedem Fall den Schluss sehen. Aber dann fehlt mir wieder gerade der Teil, der damals wegen des Interviews ausfiel. Ich seh’s schon, das wird noch eine Lebensaufgabe mit „Sátántangó“. Vielleicht lese ich jetzt erst mal das Buch zu Ende. Und zwar am besten noch mal von Anfang an.

16. Feb. 2019
von Bert Rebhandl

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