Food Affair

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Wie wir intelligenter essen

Wie Google das Gewicht seiner Mitarbeiter kontrolliert

| 28 Lesermeinungen

###© ReutersSo muss eine Currywurst aussehen, damit man sie sofort essen möchte. Wäre sie nur nicht vegetarisch.

Heute zum Beispiel gibt es „Currywurst mit Pommes“ und morgen dann „Schweineschnitzel mit Champignonrahm, Fingermöhren und Kroketten“. Das Dessert: “Palatschinken ‘Nuss Nougat’ mit Vanilleeis”. Die Salatbar ist überschaubar, wobei oft die übrig gebliebenen Nudeln vom Vortag verarbeitet werden. Nein, es handelt sich hier natürlich nicht um Googles Kantinen-Menü, dessen Dokumentation den Umfang dieses Blogs auch sprengen würde, da der Internetgigant mit etlichen durchdesignten Restaurants, Bistros, Cafés und Micro-Küchen aufwartet, die so ziemlich jeden kulinarischen Wunsch erfüllen. So speisen wir in der FAZ-Kantine, die „Casino“ heißt. Fest steht: Veganer haben hier verloren, Paleo-Freunde gewonnen. Stünden die Google-Leute vor den brutzelnden Cevapcicis und dampfenden Sättigungsbeilagen, sie würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und in den Hungerstreik treten.


Ich esse mittags gerne mal einen Burger mit Pommes und zum Nachtisch Pfannkuchen, wobei ich das zweistündige Tief, in das ich sofort falle, in meinen Arbeitsplan einrechne – kommt ja nicht täglich vor. Solche selbstverschuldeten Kreativitätslöcher wären bei Google undenkbar. Ich würde gefeuert.
Nein, stimmt gar nicht, da ich bei Google ernährungstechnisch niemals so tief sinken würde. Der Konzern ist nicht nur für seine Datensammelwut berühmt, sondern auch für seinen vermeintlich fürsorglichen Überwachungsblick auf sämtliche Angestellten. Die Google-Formel lautet: Gesunde, sprich topernährte Mitarbeiter sind glücklich und glückliche Menschen leisten Hervorragendes. Sie sind innovativ und kreativ. Das Essen, ob Sushi, Thai, Indisch oder was auch immer, ist deshalb kostenlos und steht den Google-Arbeitern vierundzwanzig Stunden sieben Tage in der Woche zur Verfügung, damit sie bloß nicht auf die Idee kommen, den Campus und damit den direkten Manipulationsradius zu verlassen.
Von meinem Büro in die Feuilleton-Kaffeeküche sind es praktischerweise nur wenige Schritte. Dummerweise funktioniert der Kaffeeautomat nicht immer einwandfrei, bisweilen fließt statt Milch Kakao und manchmal fließt auch gar nichts. Auch das wäre bei Google undenkbar. Um den kleinen Hunger oder Durst zu stillen, geht man einfach in irgendeine Micro-Küche, wo die (gesunden) Snacks nur auf den Verzehr zu warten scheinen. Um auch die verbliebenen Ignoranten eines gesunden Lebensstils auf den Pfad der Ernährungserleuchtung zu führen, lädt der Konzern Celebrity-Köche und Experten ein, die Vorträge über gesunde Ernährung halten. Vielleicht durfte in diesem Rahmen ja auch schon einmal Gwyneth Paltrow, die sich im Internet als Health-Guru inszeniert, ihren Optimierungs- und Detox-Unsinn verbreiten.

Der Nachteil an kostenlosem Essen: Es ist auch ohne Hunger extrem verführerisch. Nur: Google will keine vollgefutterten Mitarbeiter und arbeitet deshalb mit psychologischen Tricks. Der Essenskosmos ist in Wahrheit eine ausgeklügelte Manipulationslandschaft. Sobald man sie betritt sticht sofort die Salatbar ins Auge, denn Menschen neigen dazu, das zu nehmen, was sie als erstes sehen. Süßigkeiten wie M&M‘s sind in opaken Behältern verstaut – man könnte auch sagen versteckt – was die Kalorienzufuhr der Mitarbeiter drosselt. Scott Giambastiani, der Küchenchef, formulierte Googles Ernährungs-Mission gegenüber Deutschlandradio Kultur einmal so: „Wir wollen die gesündeste Belegschaft des Planeten schaffen. Und wir sehen, dass Googler mit kleinen Tellern etwas weniger essen. Dann werden sie später am Tag nicht so müde. Das hält sie auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit und zahlt sich für Google in gewissem Sinne aus.“ Da kleinere Teller aber nicht zwangsläufig bedeuten, dass der hungrige „Googler“ auch die richtige, also gesunde Wahl trifft, hilft ihm bei der Entscheidungsfindung ein Ampelsystem. Mit einem grünen Punkt gekennzeichnete Lebensmittel dürfen jederzeit gegessen werden. Die gelb markierten nur gelegentlich und rot heißt: Bitte nicht so oft! Man nennt diese Verhaltenssteuerung Nudging, was soviel bedeutet wie: einen Schubs in die richtige Richtung geben. So ein Schubs, schreiben Richard Thaler und Cass Sunstein in ihrem Buch „Nudge“, funktioniert zum Beispiel auch dann, wenn hinter dem Buffet ein Spiegel hängt: Die Menschen greifen vermehrt zu Obst und seltener zu Donuts. Offenbar sieht man sich selbst lieber mit einem Apfel in der Hand.
Das Google-Essensprogramm ist jedenfalls ein wichtiger Teil der gigantischen Optimierungsschleife, in die der Konzern seine Mitarbeiter von Beginn an schickt. Stellt sich die Frage, was mit jenen geschieht, die sich trotz Nudging nicht von roten Punkten abschrecken lassen und die falsche Wahl treffen? Zählt Google heimlich Kalorien? Und verdonnert die Sünder zu einem Fortbildungskurs in Sachen Ernährung? Tönt ein Alarm, wenn man zur Sprite-Dose greift?
Die vermeintlich freie Wahl ist Mitarbeitersteuerung im großen Maßstab – und das selbst in der Kantine, was meine Zuneigung zur FAZ-Kantine sofort intensiviert. Das Gefährliche an der um sich greifenden Gesundheits- und Ernährungsobsession samt Dauerberieselung mit „Healthy-Lifestyle“-Tipps ist, dass inzwischen (siehe Google) gesunde Ernährung zu einer Art moralischer Verpflichtung geworden ist. In ihrem klugen Buch „Wellness Syndrome“ schreiben Andé Spicerm und Carl Cederström, dass der Druck, unsere eigene „wellness“ zu maximieren genau zum Gegenteil führen kann, nämlich, dass wir uns immer schlechter fühlen. „Wir beginnen zu glauben, dass jemand, der gesund und glücklich ist, eine moralisch gute Person ist, während kränkelnde und unglückliche Menschen moralisch gescheitert sind.“ In einer optimierten Ernährungswelt sind Fehlgriffe nicht vorgesehen. Dicke und Unsportliche sind die Verlierer, denn wer scheitert, dem fehlt schlicht der Wille.
Das beliebteste Kantinenessen der Deutschen ist laut einer aktuellen Umfrage übrigens die Currywurst. Und das ist mal eine wirklich gute Nachricht.


28 Lesermeinungen

  1. Buecherwurm55 sagt:

    Nur kein Neid!
    Als Mutter einer Googlerin kenne ich sowohl die Kantinen in Dublin wie auch die Kantine in Mountain View in Kalifornien und da ist nichts aber auch gar nichts in irgend einer Weise manipuliert. Sie können mir glauben, dass ich den Blick auf die Dinge durch die Tätigkeit meiner Tochter nicht verloren habe und sozialen Netzwerken, Suchmaschinen und den Geschehnissen im Internet nicht unkritisch gegenüber stehe, aber hier wird der Versuch unternommen, nun aber doch unbedingt ein weiteres “Haar in der Suppe” zu finden. Das Essen ist ausgewogen und abwechslungsreich, jeder Geschmack findet, was das Herz begehrt und ich habe niemanden gesehen, der von der Pommesausgabe weggezerrt wurde, weil er zum 2. Mal oder öfter Nachschub geholt hat. Die Desserts lassen keine Wünsche offen und die Kühltheke ist gefüllt mit Mineralwasser, Säften und….na was wohl…Coca Cola. Ach ja nicht zu vergessen das Frühstück bei Goggle in Los Angeles, das uns mit Rührei, Speck und Bratwürstchen lockte und einer köstlichen Auswahl frischem Obst, Smoothies und vielem mehr. Auch dort wurde niemand vom Frühstück gezerrt

    Welches Unternehmen hat nicht lieber fitte, ernährungsbewusste Mitarbeiter als solche, die nach fettem Kantinenessen träge auf ihrem Bürostuhl hängen?
    Gerade in Amerika können Sie an jeder Ecke sehen, wohin falsche Ernährung führt…also bitte Kirche im Dorf lassen und Blick auf die wirklich wichtigen Themen richten, z.b. schlechte Ernährung unserer Kinder in Kitas und Schulen, weil das Geld fehlt.

  2. Gerdisen sagt:

    Ich verstehe nicht ...
    … was mit diesem Artikel ausgesagt werden soll? Dass für eine gesunde Ernährung der Mitarbeiter gesorgt wird ist alles andere als verwerflich. Dass diese dann auch effektiver arbeiten, anstatt die halbe Arbeitszeit zu verschlafen kann auch nicht negativ aufgefasst werden. Vielleicht sollte die Autorin auch lieber von Zeit zu Zeit einmal zum Salat greifen. Dann kommen sicher auch ein paar neue Ideen über interessantere Artikel auf, anstatt zwanghaft ein Unternehmen schlecht dastehen lassen zu müssen.

    • mmuehl sagt:

      Schade, offenbar haben Sie den Artikel missverstanden (oder nicht verstanden…?) Es geht um Optimierungsbestrebungen in vielerlei Hinsicht – und darum, Manipulationsmechanismen zu erkennen und durchdachter zu handeln. Niemand sagt, dass Googles Essensangebot verwerflich sei, im Gegenteil!

  3. phoneman sagt:

    Freiheit bedeutet Untergang
    40 -60 Stunden Woche
    Hochleistung am Kunden!

    Beim Hunger hört der Spass auf !
    Also Essen wir

    Ungezügelt und Hemmungslos.
    Pizza , Döner, Chinagrill , Sandwich

    Ergebnis:
    Fett und Unproduktiv.

    Google geht den einzigen richtigen Weg.

    Dein Körper ist dein Tempel , halte ihn Sauber !

    http://www.phoneman.de

    • ThorHa sagt:

      Eine Runde Bestätigung für Frau Mühl:
      Essen als Religionsersatz. War wohl doch ein historischer Fehler, die Entchristianisierung Europas.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  4. PublicDomain sagt:

    Titel eingeben
    Ich hatte einmal gelesen: “Entweder man hat Zeit, etwas für seine Gesundheit zu tun, oder man hat später Zeit für seine Krankheiten”.
    Nach einer tiefen Venenthrombose in der rechten Wade im letzten Jahr musste sich etwas ändern: Weniger Fleisch, mehr Obst, Gemüse und Dinkelprodukte und natürlich mehr Sport. Das mit dem Sport war nicht so einfach. Ich musste bei Null wieder anfangen. Mittlerweile ist die alte Fitness wieder hergestellt.
    Um soviel zu sagen: Der Ansatz von Google ist richtig, auch wenn das Unternehmen ein Eigeninteresse daran hat. Es ist eine Win-Win Situation für den Mitarbeiter. Gesundheit ist eine Lebensqualität, die man zu schätzen weiß, wenn man sie nicht mehr hat.

  5. Ceh3PO sagt:

    Gut das ich nicht bei der FAZ arbeite
    Bei uns, der 1&1, gibt es keine kostenlosen Currywürste, dafür kostenloses Obst und Getränke.

    https://diskutierbar.com

  6. gatonegro333 sagt:

    Der Verführung Knospen lassen schneller rosten!
    Ferdernden Schrittes trabenich die Treppe hinauf, einen Apfel halte ich lässig inmder Hand, allerdings den aus Cupertino ;-)
    Lässig denke ich an die Zeit zurück, als ich noch 25 Kilo wertvoller war.
    Sollte ich etwa zu einem Genußverweigerer konvertiert sein, welch entsetzliche Vorstellung, dochnich lernte über viele Jahre, Genuß und Körper zu balancieren.
    Jetzt kann mich die fetttropfende Bratwurst nur noch selten animieren, ein guter italienischer Salat ist mir dagegen eine Freude.
    Was durchlaufen wir täglich für eine gigantische Verführung, sei es vor dem TV, sei es im Internet, ständig versucht uns jemand einzureden, kauf dieses,, konsumier jenes, esse dies!
    Da wäre mir die Verführung von Google ausnahmsweise mal eine Freude,
    Gutes, gesundes und dazu leckeres und dazu noch kostenfrei, Google ich komme.
    Dem Autor sei die Geschichte seines Seins zum Studium angeraten.
    Wie ist sein Geschmack und Appetit entstanden, wie entwickelte sich der Heußhunger auf Junk? Wird schon klein Otto von Mcdoof geprägt oder von Fritten-Buden und gab es keine elterliche Küche, die weniger auf gesottenes und fett triefendes baute, als auf Gesundes.
    Der Autor identifiziert einen Gegensatz zwischen Gesund und schmackhaft, auch das ist Resultat einer Verführung, leider meist mit schwergewichtigen Folgen. Gesundes ist lecker, appetittlich für die, die sich von der guetemFee haben verführen lassen.
    Essen wird immer minderwertiger, kaum eine Leberwurst im Supermarkt, die nicht überwiegend salzig schmeckt, man kann keinen verdammten Kartoffelsalat mehr essen, der nicht eklig süß ist. Doch Salz+Fett oder Zucker+Fett sind billiger, als wertvolle Zutaten wie Gurken, Zwiebeln,,teure Gewürze und gekochte Eier, die frühermden Kartoffelsalat so schmackhaft machte. Jetzt macht man ihn aus Kartoffeln, Zucker und gehärteten Fetten, das ist billiger als teure Zutaten.
    Eine Masse aus zerkleinerten Knorpeln,mund sonstigen gestrunze, das macht einen leckeren Burger aus. Mithilfe von Nitritpökelsalz, welches eifrig Krebs anlockt, und der üblichen Chemieküche aus Emulgatoren, Stabilisatoren wird daraus noch eine halbwegs erträgliche Masse und extrem billig in der Produktion.
    Liebe FAZ-Redakteure, hoffentlich überlebt ihr Euer Casino noch langemund schreibt trotz dieser Massen an Abfallessen, um das deutsche Wort zu benutzen, noch in der Lage gute Artikel zu schreiben.
    Dennoch empfehle ich, ohne erhobenen Zeigefinger, schnellstmögliche geistige Einkehr, baldige Abkehr um eine Umkehr zum besseren und genußreicherem Leben zu starten. FAZ-Casino: Restart bidddeschöööön!

  7. ananda2 sagt:

    Google vergibt das Essen gratis
    Klar, dass die nicht wollen, dass man Schrott isst.

    Und ein bisschen in die gesunde Ecke lenken.

    ist ja wohl auch notwendig bei den Amis, die dermaßen ungesund essen, von den großen Lebensmittelmultis wie Coca-Cola, Nestle, Burger King, MacDonalds, Kelloggs und Co. manipuliert bis zum Ultimo.

    Wäre toll, wenn sich hiesige Kantinen ein Beispiel nehmen würden. Dann könnte man auch dort wieder essen.

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