Food Affair

Wie Google das Gewicht seiner Mitarbeiter kontrolliert

###© ReutersSo muss eine Currywurst aussehen, damit man sie sofort essen möchte. Wäre sie nur nicht vegetarisch.

Heute zum Beispiel gibt es „Currywurst mit Pommes“ und morgen dann „Schweineschnitzel mit Champignonrahm, Fingermöhren und Kroketten“. Das Dessert: “Palatschinken ‘Nuss Nougat’ mit Vanilleeis”. Die Salatbar ist überschaubar, wobei oft die übrig gebliebenen Nudeln vom Vortag verarbeitet werden. Nein, es handelt sich hier natürlich nicht um Googles Kantinen-Menü, dessen Dokumentation den Umfang dieses Blogs auch sprengen würde, da der Internetgigant mit etlichen durchdesignten Restaurants, Bistros, Cafés und Micro-Küchen aufwartet, die so ziemlich jeden kulinarischen Wunsch erfüllen. So speisen wir in der FAZ-Kantine, die „Casino“ heißt. Fest steht: Veganer haben hier verloren, Paleo-Freunde gewonnen. Stünden die Google-Leute vor den brutzelnden Cevapcicis und dampfenden Sättigungsbeilagen, sie würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und in den Hungerstreik treten.


Ich esse mittags gerne mal einen Burger mit Pommes und zum Nachtisch Pfannkuchen, wobei ich das zweistündige Tief, in das ich sofort falle, in meinen Arbeitsplan einrechne – kommt ja nicht täglich vor. Solche selbstverschuldeten Kreativitätslöcher wären bei Google undenkbar. Ich würde gefeuert.
Nein, stimmt gar nicht, da ich bei Google ernährungstechnisch niemals so tief sinken würde. Der Konzern ist nicht nur für seine Datensammelwut berühmt, sondern auch für seinen vermeintlich fürsorglichen Überwachungsblick auf sämtliche Angestellten. Die Google-Formel lautet: Gesunde, sprich topernährte Mitarbeiter sind glücklich und glückliche Menschen leisten Hervorragendes. Sie sind innovativ und kreativ. Das Essen, ob Sushi, Thai, Indisch oder was auch immer, ist deshalb kostenlos und steht den Google-Arbeitern vierundzwanzig Stunden sieben Tage in der Woche zur Verfügung, damit sie bloß nicht auf die Idee kommen, den Campus und damit den direkten Manipulationsradius zu verlassen.
Von meinem Büro in die Feuilleton-Kaffeeküche sind es praktischerweise nur wenige Schritte. Dummerweise funktioniert der Kaffeeautomat nicht immer einwandfrei, bisweilen fließt statt Milch Kakao und manchmal fließt auch gar nichts. Auch das wäre bei Google undenkbar. Um den kleinen Hunger oder Durst zu stillen, geht man einfach in irgendeine Micro-Küche, wo die (gesunden) Snacks nur auf den Verzehr zu warten scheinen. Um auch die verbliebenen Ignoranten eines gesunden Lebensstils auf den Pfad der Ernährungserleuchtung zu führen, lädt der Konzern Celebrity-Köche und Experten ein, die Vorträge über gesunde Ernährung halten. Vielleicht durfte in diesem Rahmen ja auch schon einmal Gwyneth Paltrow, die sich im Internet als Health-Guru inszeniert, ihren Optimierungs- und Detox-Unsinn verbreiten.

Der Nachteil an kostenlosem Essen: Es ist auch ohne Hunger extrem verführerisch. Nur: Google will keine vollgefutterten Mitarbeiter und arbeitet deshalb mit psychologischen Tricks. Der Essenskosmos ist in Wahrheit eine ausgeklügelte Manipulationslandschaft. Sobald man sie betritt sticht sofort die Salatbar ins Auge, denn Menschen neigen dazu, das zu nehmen, was sie als erstes sehen. Süßigkeiten wie M&M‘s sind in opaken Behältern verstaut – man könnte auch sagen versteckt – was die Kalorienzufuhr der Mitarbeiter drosselt. Scott Giambastiani, der Küchenchef, formulierte Googles Ernährungs-Mission gegenüber Deutschlandradio Kultur einmal so: „Wir wollen die gesündeste Belegschaft des Planeten schaffen. Und wir sehen, dass Googler mit kleinen Tellern etwas weniger essen. Dann werden sie später am Tag nicht so müde. Das hält sie auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit und zahlt sich für Google in gewissem Sinne aus.“ Da kleinere Teller aber nicht zwangsläufig bedeuten, dass der hungrige „Googler“ auch die richtige, also gesunde Wahl trifft, hilft ihm bei der Entscheidungsfindung ein Ampelsystem. Mit einem grünen Punkt gekennzeichnete Lebensmittel dürfen jederzeit gegessen werden. Die gelb markierten nur gelegentlich und rot heißt: Bitte nicht so oft! Man nennt diese Verhaltenssteuerung Nudging, was soviel bedeutet wie: einen Schubs in die richtige Richtung geben. So ein Schubs, schreiben Richard Thaler und Cass Sunstein in ihrem Buch „Nudge“, funktioniert zum Beispiel auch dann, wenn hinter dem Buffet ein Spiegel hängt: Die Menschen greifen vermehrt zu Obst und seltener zu Donuts. Offenbar sieht man sich selbst lieber mit einem Apfel in der Hand.
Das Google-Essensprogramm ist jedenfalls ein wichtiger Teil der gigantischen Optimierungsschleife, in die der Konzern seine Mitarbeiter von Beginn an schickt. Stellt sich die Frage, was mit jenen geschieht, die sich trotz Nudging nicht von roten Punkten abschrecken lassen und die falsche Wahl treffen? Zählt Google heimlich Kalorien? Und verdonnert die Sünder zu einem Fortbildungskurs in Sachen Ernährung? Tönt ein Alarm, wenn man zur Sprite-Dose greift?
Die vermeintlich freie Wahl ist Mitarbeitersteuerung im großen Maßstab – und das selbst in der Kantine, was meine Zuneigung zur FAZ-Kantine sofort intensiviert. Das Gefährliche an der um sich greifenden Gesundheits- und Ernährungsobsession samt Dauerberieselung mit „Healthy-Lifestyle“-Tipps ist, dass inzwischen (siehe Google) gesunde Ernährung zu einer Art moralischer Verpflichtung geworden ist. In ihrem klugen Buch „Wellness Syndrome“ schreiben Andé Spicerm und Carl Cederström, dass der Druck, unsere eigene „wellness“ zu maximieren genau zum Gegenteil führen kann, nämlich, dass wir uns immer schlechter fühlen. „Wir beginnen zu glauben, dass jemand, der gesund und glücklich ist, eine moralisch gute Person ist, während kränkelnde und unglückliche Menschen moralisch gescheitert sind.“ In einer optimierten Ernährungswelt sind Fehlgriffe nicht vorgesehen. Dicke und Unsportliche sind die Verlierer, denn wer scheitert, dem fehlt schlicht der Wille.
Das beliebteste Kantinenessen der Deutschen ist laut einer aktuellen Umfrage übrigens die Currywurst. Und das ist mal eine wirklich gute Nachricht.

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