Food Affair

Schlemmerfilet Bordelaise, oder: Industriefisch macht glücklich

###Eine Packung Schlemmerfilet Bordelaise. Moment – “Schlemmer”? “Filet”? “Bordelaise”?

Als es wieder einmal in der Kantine das gefürchtete „Schlemmerfilet Bordelaise“ gab, schaute ich auf die graugrüne Kruste, unter der weißes Fleisch herauslappte, und beschloss, dass das so nicht gemeint sein kann. Eigentlich ist an dieser Bezeichnung alles Lüge. Das Schlemmerfilet Bordelaise ist weder Schlemmer noch Filet noch Bordelaise. Es ist ein zusammengestückelter Fischklotz, zugegebenermaßen grätenfrei, belegt mit Semmelbröseln, Gewürzen und Fett, der in einer Aluschale vor sich hinsuppt. Rotwein hat diese Bordelaise nie gesehen, und auch sonst nichts, was entweder eine Sauce Bordelaise oder wahlweise eine Garnitur à la Bordelaise ausmachen würde. Sie hat soviel mit Bordeaux zu tun wie der Toast Hawaii mit Hawaii.

Tatsächlich wurde das Schlemmerfilet Bordelaise im Jahre 1969 von der Firma Iglo erfunden, und zwar als eines der ersten Fertiggerichte überhaupt. Ein Meilenstein in Sachen Convenience-Food, und ein äußerst langlebiger noch dazu. Es gebe da kein Original, der Name „à la Bordelaise“ knüpfe nur an die französische Esskultur an, wird der Hersteller zitiert. Französisch klingt ja immer gut, gerade im Kulinarischen, irgendwie chicque und à la mode. Für Iglo war es eine infrastrukturell bewährte Sache, das Unternehmen machte nämlich schon seit 1959 schon durch den Verkauf einer anderen fischhaltigen Sättigungskomponente Furore – das Fischstäbchen.

Vermutlich muss man das aus dem Zeitgeist heraus verstehen. Wir reden hier von den sechziger Jahren, die haben zwar die Beatles hervorgebracht, aber eben auch den Betonbrutalismus. Nach Jahren der Hausmannskost durfte sich die Fortschrittsbegeisterung auch im Essen austoben und sorgte für allerlei Eingeglastes und Eingedostes auf den Warenregalen. Das Deutsche Tiefkühlinstitut (ja, so etwas gibt es) kümmerte sich bereits seit den fünfziger Jahren darum, den Gedanken an vorgefertigt Eingefrorenes in die Bevölkerung zu tragen. Es war dann nur noch ein kleiner logischer Schritt, die Tiefkühlkette auch dafür zu nutzen, bereits fertig zubereitete Gerichte in die Truhen der Supermärkte zu bringen. Wenn wir schon unser ganzes Vertrauen in die Industrie setzen, mag man sich damals gedacht haben, warum dann nicht auch in industriell gefertigte Lebensmittel? Die Industrie ist gut für uns. Sie macht uns reich und satt.

Exotiksimulation auf Toast

Das Kochen lernten die Deutschen in den fünfziger und sechziger Jahren von zwei Fernsehköchen – und Intimfeinden: Clemens Wilmenrod (hier ein Sendungsausschnitt) und sein Konkurrent Hans Karl Adam. Der gelernte, aber lange Zeit erfolglose Schauspieler Wilmenrod verwendete in seinen beliebten Kochsendungen nicht nur frische Zutaten, sondern auch Dosengemüse oder Fertigsoßen. Köche rümpften kollektiv Nasen, doch Hausfrauen waren begeistert. Die Sendung war ein Straßenfeger, die verwendeten Zutaten am nächsten Tag regelmäßig ausverkauft. Den Kreationen gab Wilmenrod ziemlich funky Namen wie “Arabisches Reiterfleisch” (Bulette) oder “Venezianischer Weihnachtsschmaus” (Schnitzel). Er soll den Toast Hawaii erfunden haben, dafür ist er bis heute bekannt. Wahrscheinlich war es aber ironischerweise sein Konkurrent Hans Karl Adam, der sich für diese berühmt-berüchtigte Exotiksimulation auf Toast verantwortlich zeichnet.

Nein, die Dosenkost hatte zu Beginn keinen schlechten Ruf, eben sowenig wie tiefgekühltes. Bis heute erinnert man sich gern an eine der Reden des einstigen Bundespräsidenten Heinrich Lübke, die von ähnlicher verbaler Umständlichkeit ist wie die berühmte Transrapid-Rede Edmund Stoibers, bei Lübke jedoch teilweise auf eine beginnende Krankheit zurückzuführen war (er war auch davor nie ein begnadeter Redner). Er lobt darin den tiefgekühlten im Gegensatz zum frischen Fisch und sei hier ausschnittsweise zitiert:

„Ich habe in Frankfurt ein Essen, ein Fischessen mitgemacht, wo also die Fische aus den Truhen sofort in die Küche kamen. Und die waren dann von den zuständigen Köchen oder Hausfrauen waren die entsprechend behandelt. Und ich kann nur sagen, es ist zwischen dem und den nicht in, durch die Truhen und die Tiefkühlketten herangebrachten frischen Fische, s’ist gar nicht zu vergleichen. Man behauptet nun, die Hausfrauen beziehungsweise die Fischesser hätten sich an die etwas angegangenen, oder äh, Hautgout ausgegangenen Fische besser gewöhnt, sie wären das gewohnt und liebten das, die, dieses mehr als die Frischen. Ich muss nur sagen, wer das sich nebeneinanderhält, der kann überhaupt keine andere Wahl, Wahl, wählen, das. Ohne die, ohne die Tiefkühlketten werden wir uns späterhin nicht mehr die Ernährung verbessern können.“

Ob die lückenlosen Tiefkühlketten, die in den fünfziger Jahren etabliert wurden, die Ernährung der Deutschen tatsächlich drastisch verbessert haben? Vermutlich nicht durch die Kohlehydratscheiben mit Analogkäsebelag, die landläufig als Pizza durchgehen. Immerhin ist gammliger Fisch im Geschäft oder auf dem Markt heute tatsächlich eine Seltenheit geworden. Und Eingefrorenes ist  – zumindest theoretisch – immer noch besser und vitaminhaltiger als alles, was aus der Konserve kommt.

Das Fischfilet Bordelaise jedenfalls ist Industrieessen, wie das meiste, was fertig abgepackt ist und rund zwofuffzig kostet. Gerade jüngst fand man in der Produktion von “Netto” Plastikteilchen. Auch wenn es unsere Kantine nicht müde wird zu servieren (aber dort gibt es auch noch Erbsen-Karotten-Gemüse, so trocken, dass es von der Gabel kullert) – das Schlemmerfilet Bordelaise gehört jetzt bitte langsam ins Lebensmittelmuseum. Gleich neben die Corned-Beef-Sülze. Und den Toast Hawaii mit Dosenananas und grellroter Cocktailkirsche aus der Packung.

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