Food Affair

Warum Diäten nicht funktionieren

###Zeichnung Sonja Hansen

Spätestens nach Weihnachten werden wir wieder mit absurden Tipps fürs schnelle Abnehmen überschwemmt werden. Dieser Diätenirrsinn wird sich dann zuverlässig bis zum Sommer auf einem hohen Niveau halten, so wie jedes Jahr. Bei wem dann weder die “Schlank-in-30-Tagen-Bikini-Diät” noch die “Low-Carb-Diät” funktionieren, darf sich dann wie ein Versager fühlen – und das völlig zu Unrecht!

Warum, können wir nun schwarz auf weiß nachlesen. Eine aufwendige Studie von Wissenschaftlern des Weizmann Instituts im israelischen Rehovor, an der 800 Probanden teilnahmen, sorgte unlängst für Aufsehen.

Eine Woche lang wurde der Blutzuckerspiegel der Teilnehmer alle fünf Minuten gemessen. Per App informierten sie die Forscher zudem detailliert über ihr Schlaf- und Essverhalten, Stressmomenten, sportliche Betätigung und sonstige Aktivitäten.

Die Erkenntnis: „Allgemeine Ratschläge zur Ernährung und Diätempfehlungen für die Bevölkerung sind ziemlich fragwürdig und nur von begrenzter Wirksamkeit“, so der Wissenschaftler Eran Segal. Was für den einen gesund ist, muss es noch lange nicht für den anderen sein. Jeder Mensch ist anders. Das klingt banal, doch die Ernährungswissenschaft tendiert dazu, alle über einen Kamm zu scheren. „Manchmal haben die Teilnehmer komplett gegensätzlich auf eine Mahlzeit reagiert.“ Dass die Unterschiede zwischen den Individuen so groß seien, sei von der Ernährungswissenschaft noch viel zu wenig berücksichtigt worden. Segal konstatiert riesige Lücken in der Forschung. Bei einer Teilnehmerin ließen zum Beispiel Tomaten den Blutzuckerspiegel dramatisch in die Höhe schießen, bei anderen Teilnehmern stieg der Blutzuckerspiegel nach dem Verzehr von Sushi stärker als nach einem Eis. Möglicherweise ist ein Marzipancroissant am Morgen eben doch genau das Richtige. Weshalb? Laut Wissenschaftlern spielt die Darmbakterienflora eine Rolle, ebenso das Alter, der Body-Mass-Index und die Bewegungsgewohnheiten. Benötigt würden deshalb keine allgemeinen Diät-Empfehlungen, sondern individuell maßgeschneiderte Ernährungsratschläge, um einen erhöhten Blutzucker zu kontrollieren. „Vielleicht gehen wir ganz falsch an die Epidemien Übergewicht und Diabetes heran. Wir tun so, als ob wir wüssten, was wir dagegen tun können und dass es nur daran liege, weil die Leute nicht auf uns hören und weiter unkontrolliert essen. Vielleicht hören uns die Leute schon zu, aber wir geben ihnen die falschen Ratschläge.“

Einerseits ist das eine ungeheuerliche Aussage, andererseits illustriert sie nur die Geschichte der Wissenschaft. Erkenntnisse sind niemals in Stein gemeißelt. Was gestern noch schädlich war und auf der Tabuliste stand, kann heute problemlos konsumiert werden. Immer wieder kommt es vor, dass Lebensmittel plötzlich in völlig neuem Licht erscheinen – Stichwort Flüssigkeitsräuber Kaffee. Beim Spinat zum Beispiel wurde schlicht die Kommastelle beim Eisengehalt falsch gesetzt, was ihn auf dem wissenschaftlichen Papier gesünder machte, als er in Wahrheit auf dem Teller ist.

Dicke Eltern, dicke Kinder?

Diätratgeber bedienen zwar die Bedürfnisse einer Optimierungsgesellschaft perfekt,  transportieren aber inhaltlich oft Humbug. Diesen Humbug zerlegt unter anderem die Psychologin Traci Mann in ihrem Buch „Secrets froom the eating lab“ in seine Einzelteile. Eine Attacke, mit der sie sich unter Diät-Experten etliche Feinde gemacht haben dürfte. Traci Mann schätzt klare Ansagen und beginnt ihr erstes Kapitel mit den Worten: „Diäten funktionieren nicht.“ Dafür gibt es ein paar einleuchtende Erklärungen, zum Beispiel unsere Gene: die Beziehung zwischen ihnen und dem (Über-) Gewicht ist eng. Sind die eigenen Eltern dick, ist die Wahrscheinlichkeit, selbst füllig durchs Leben zu gehen, größer als bei schlanken Eltern. Gene , so Traci Mann spielten eine unbestreitbare Rolle bei der Regulierung des Gewichts. „Die meisten von uns haben ein genetisch festgelegt Gewichtsbereich. Wenn wir versuchen, über oder unter diesem Bereich zu leben, kämpft unser Körper mächtig damit , sich anzupassen.“

Auch unsere Willenskraft macht uns einen Strich durch die Abnehmrechnung. Schließlich leben wir in einer paradiesischen Nahrungsmittellandschaft. Der Garten Eden ist dagegen ein Witz. Wir sind von Verlockungen umstellt. Diät halten bedeutet, diesen Verlockungen permanent zu widerstehen und ein Meister der Selbstkasteiung zu werden. Plätzchen und Lebekuchen? Gestrichen! Frische Pasta mit Steinpilzen? Gestrichen! Weißbrot mit Nutella? Gestrichen! Belgische Waffeln? Gestrichen! Je mehr wir uns versagen, je verbissener wir unsere Essgelüste kontrollieren, desto stärker wird allerdings unser Verlangen. Selbst asketisch veranlagte Menschen ziehen bei der Dauerverführung irgendwann den Kürzeren. Ingrid Fedoroff von der University of British Columbia konnte bereits vor Jahren in einem Versuch zeigen, dass die kraftzehrende Selbstkontrolle Gefahren birgt. Die Probanden wurden erst zehn Minuten lang Pizzaduft ausgesetzt, danach durften sie essen – so viel sie wollten. Das Ergebnis: Die im Alltag bewussten, bemüht kontrollierten Esser aßen besonders viel.

Fazit: Jetzt sämtliche guten Ernährungsvorsätze über Bord zu werfen wäre freilich zu kurz gegriffen. Das Verzichtsgerede, mit dem wir dauerbeschallt werden, hilft allerdings auch nicht weiter. Am besten, man hält sich an folgende japanische Weisheit: Hara hachi bun me, was so viel bedeutet wie, „iss, aber nur so viel, dass du zu 80 Prozent voll bist.“

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