Food Affair

Warum warmes Wasser Wunder wirkt

Heißes Wasser bewirkt mitunter Wunder, besonders am Morgen.Warmes Wasser trinkt man am besten morgens auf nüchternen Magen.                Foto dpa

Politiker möchte man auch nicht sein: tagsüber endlose Sitzungen diverser Parteigremien, die man nur mit großen Mengen Filterkaffee übersteht, und abends dann Treffen mit Tabaklobbyisten oder Abgesandten aus dem Wahlkreis, die man nur mit großen Mengen Bier übersteht. In Maßen genossen, mögen beide Getränke der Gesundheit nicht schaden, übermäßiger Kaffee- wie Bierkonsum führt allerdings mindestens zu einer funktionellen Dyspepsie, vulgo: zu einem Reizmagen. So auch bei Henning Scherf, dem früheren Bremer Bürgermeister und Wegbereiter großer Koalitionen, der einst dienstlich aus China zurückkam mit einer Angewohnheit, für die er bekannter werden sollte als für sein politisches Wirken: der nämlich, statt Kaffee, Tee oder Bier viel warmes Wasser zu trinken.

Alles, was heutzutage in China passiert, wird in der westlichen Welt für schlecht befunden (Imperialismus, Menschenrechtsverletzungen, Konsumwahn, Umweltverschmutzung, Produktpiraterie, und so fort), alles, was vor einigen tausend Jahren in China passierte, hingegen für gut. Was leistet nun das warme Wasser, auf das die Chinesen schon so lange schwören, oder was leistet es möglicherweise? Durchstreift man die einschlägigen Internetseiten, ist etwas kryptisch von der „Ausschwemmung überflüssiger Feuchtigkeitsansammlungen“ die Rede und von einer damit einhergehenden Abnahme des Körpergewichts. Leber und Nieren würden entlastet, der Stoffwechsel werde angeregt, das Empfinden für unterschiedliche Aromen resensibilisiert. Weniger Krebserkrankungen, weniger Herzinfarkte, weniger Müdigkeit, mehr Strahlkraft der Haut und einiges mehr. Kurz: Warmes Wasser könnte das Allheilmittel sein. Sicherheit – im Sinne wissenschaftlich fundierter Fakten – wird man nie bekommen, zumal unsere Spezies mit dem Manko leben muss, nur über einen einzigen Körper zu verfügen. Der Mensch, der warmes Wasser trinkt, wird nie wissen, wie es ihm ohne warmes Wasser ergangen wäre, ohne die „Intervention“, wie man in der empirischen Sozialforschung sagt. Oder anders, ähnlich: Der Mensch, der warmes Wasser trinkt und schlank, fit und ohne ernsthafte Erkrankungen durchs Leben geht, wird seinen beneidenswerten Zustand kaum exklusiv auf den regelmäßigen Genuss des warmen Wassers zurückführen können. Die Ungewissheit besteht also hinsichtlich scheinbarer Kausalitäten, selektiver Wahrnehmung und möglicher Deduktionsfehler, vom Fehlen „intersubjektiver Nachprüfbarkeit“, wie die Sozialwissenschaftler sagen, ganz zu schweigen.

Überraschend mag erscheinen, dass man selbst bei der Zubereitung warmen Wassers Fehler machen kann, denn weder mit einem leichten Erwärmen, noch mit einem kurzen Abkochen ist es getan. Erst durch längeres Kochen erhalte man gereinigtes, dünnflüssiges Wasser, das leichter in die engen Körperzwischenräume eindringen und sogenannte – furchtbares Wort – Stoffwechselschlacken abtransportieren könne. Auch solle das Wasser nicht heiß, sondern unbedingt warm getrunken werden, nicht weit entfernt von der Temperatur des menschlichen Körpers. Gegen die Aussicht, mit derart geringem Aufwand und ohne Zuzahlung das eigene Wohlbefinden signifikant steigern zu können, kann niemand etwas haben. Die Börsianer, die man grundsätzlich nie beim Wort nehmen sollte, verwenden für eine risikolose Ertragschance den Begriff Free Lunch – der Begriff passt doch ganz gut.

Doch ganz so einfach ist es dann leider doch nicht: Man mag bei dem Wort „ganzheitlich“ inzwischen auf Durchzug schalten, wird es doch seit Jahren ausgesprochen inflationär benutzt, häufig nur, um sich dafür zu rechtfertigen, dass man sich um störende Details nicht kümmern will oder kann. Doch die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) zeichnet sich eben genau durch ihren, ja: ganzheitlichen Ansatz aus, und da ist es mit warmem Wasser allein nicht getan. Die Literaturliste zum Thema TCM ist lang. Wer die englische Sprache nicht scheut, erhält – beispielsweise – in dem Buch „88 Chinese Medicine Secrets“ von Angela Hicks einen ausgesprochen guten Überblick und kann bei strenger Befolgung der vielen Ratschläge wohl wirklich hundert Jahre alt werden. Vielleicht.

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