Food Affair

Food Affair

Wie wir intelligenter essen

08. Jun. 2016
von Diana von Kopp
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Haben gestillte Kinder bessere Chancen?

IMG_0232 copyHm, später Mathe-Leistungskurs oder doch lieber Physik? Foto: privat

„Breastfed at Tiffany´s“ lautet der Titel eines aktuellen wissenschaftlichen Artikels, verfasst wurde er von Thierry Hennet von der medizinischen Fakultät der Universität Zürich.

Anmutig wie ein Frühstück im Abendkleid, wie es die bezaubernde Audrey Hepburn in dem gleichnamigen Film zelebriert, ist Stillen freilich nicht immer. Jedenfalls nicht gleich. Mal fließt zu viel Milch, mal zu wenig, mal zum falschen Zeitpunkt. Glücklich ist diejenige, die Quark im Kühlschrank hat, um die Schwellungen bei Milchstau zu kühlen.

Letztendlich hilft wohl nur das Glücks- und Bindungshormon Oxytozin, das während des Stillens massenhaft ausgeschüttet wird, den Optimismus zu bewahren.

Wer allerdings aussehen will wie Audrey Hepburn, gibt lieber gleich das Fläschchen. Doch halt! Schließlich gibt es die unbestreitbaren Vorteile der Muttermilch. In dem Bericht im Wissenschaftsmagazin “Trends in Biochemical Sciences” heißt es: „Stillen verringert die Zahl der Säuglingssterblichkeit und verhindert Infektionen. Neben den bekannten Faktoren, ist vor allem die strukturelle Reichhaltigkeit der Muttermilch und deren flexible Anpassung an die kindlichen Bedürfnisse enorm.“ Was aber bedeutet strukturelle Reichhaltigkeit im Detail? Weiterlesen →

08. Jun. 2016
von Diana von Kopp
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01. Jun. 2016
von Melanie Mühl

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Wie gefährlich ist Salz wirklich?

Ein Tablett mit einer großen und einer kleineren Schale Pommes frites und dazugehörige Mayonnaise und Ketchup, aufgenommen am 18.01.2016. Pommes frites sind eine belgische Spezialität, Foto: Thomas Muncke [ Rechtehinweis: picture alliance ]Die Deutschen essen zu viel Salz – und zu viele Pommes wohl auch                   Foto Picture alliance

Wer sein Essen kräftig salzt, lebt ungesund. Diese in der komplizierten Ernährungswelt simple Botschaft hatte bislang etwas zutiefst Beruhigendes; denn wenn das Essen fad geraten war, wusste man zumindest: nachsalzen ja, aber nur sehr, sehr wenig. Auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Ernährung heißt es: „Würzen Sie kreativ mit Kräutern und Gewürzen und wenig Salz“ – was auch immer „wenig“ genau bedeutet – „wenn Sie Salz verwenden, dann angereichert mit Jod und Fluorid.“

Die Zeiten des überkritischen Salzkonsums indes sind womöglich vorbei.

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01. Jun. 2016
von Melanie Mühl

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18. Mai. 2016
von Gerald Wenge
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Noch ein bisschen Nackthafer, Schatz?

AFPQuinoa ist eine großartige pflanzliche Eiweißquelle – geschmacklich aber gewöhnungsbedürftig  AFP

Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit, sagt der Volksmund, beginnen wir also mit dem Gemecker der neunjährigen O., und zwar im O-Ton.: „Nudeln, Reis, Kartoffeln, Nudeln, Reis, Kartoffeln … – ich will auch mal was anderes essen!“

In dem Wissen, dass O. am Ende garantiert nichts anderes essen wird als Nudelnreiskartoffeln, begeben wir uns zum “Store-Check” in den Bio-Supermarkt und unterziehen das erstaunlich reichhaltige Angebot einer genaueren Sichtprüfung. Da stehen sie alle, die Alternativen, auf fünf Meter Breite und zwei Meter Höhe: Bulgur, Grünkern, Amaranth, Linsen, Quinoa, Couscous, Hirse, Buchweizen, Bergerbsen, Polenta, Canihua, Gerstengraupe, Kamut, Emmer, Einkorn und Nackthafer, abgepackt in 500-Gramm-Beuteln, die zwischen 2,99 und 6,99 Euro kosten. Ist das viel? Ein Bier beim Hamburger SV, das der mobile Kellner aus einer Art Ghostbuster-Fass zapft, das er auf seinem Rücken trägt, kostet 4,20 Euro. Immer wieder ist im viel zitierten Internet zu lesen, dass die Deutschen im internationalen Vergleich einen sehr, um nicht zu sagen: zu geringen Anteil ihres verfügbaren Nettoeinkommens für Lebensmittel ausgeben. Wie also lassen sich 4,99 Euro sinnvoller ausgeben als für 500 Gramm Nackthafer? Die Zubereitung ist denkbar einfach: bisschen Wasser, bisschen Salz, bisschen warten – fertig. Und das gilt für fast alle Nudelreiskartoffelalternativen.

Doch das interessiert Kinder wie O. nicht. Kindern geht es zunächst einmal um den Namen. Canihua? Klingt wie ein Hund bei Yakari, also eigentlich ganz sympathisch, doch wenn Erwachsene es einem als Nahrungsmittel verkaufen wollen, ist dieser Name verdächtig, wenn nicht gefährlich. Einkorn, das könnte aufgrund der Ähnlichkeit zum positiv konnotierten Einhorn funktionieren. Tut es aber nicht. Bohnen, Linsen … zu Unrecht schlecht beleumundet in Deutschland, das bekommen auch Kinder mit, keine Chance. Gerstengraupe? Undenkbar, welches Kind würde sich einen Löffel Raupen in den Mund schieben? Couscous, das könnte klappen, das klingt wie Kuss-Kuss – klappt aber nicht, obwohl es sich um geschmacklich gänzlich harmlosen Weizenmatsch handelt. Das Matschige ist dann genau das Problem, denn auch und gerade das Kinderauge isst mit.

In Kinderohren klingt nichts besser als das Wort Kichererbsen. Wer Kichererbsen auf den Tisch bringen will, muss eine Planungszeit ansetzen, die die für eine Polarexpedition noch übersteigt. Mindestens zwei Stunden, lieber aber eine ganze Nacht weichen die anfangs steinharten Kichererbsen ein, dann erst werden sie gekocht, nicht aber Basmati-erprobte zwanzig Minuten, das wäre zu einfach: geschlagene neunzig Minuten. Die Kochseite Mamas-Rezepte.de empfiehlt: „Am Abend vor dem Kochen die getrockneten Kichererbsen in einen Kochtopf geben und mit etwa der dreifachen Höhe von den eingefüllten Kichererbsen mit kaltem Wasser begießen. Auf diese Weise die Kichererbsen 12 Stunden oder länger einweichen. Vor dem Kochen rechtzeitig die Kichererbsen durch ein Sieb abseihen (Hinweis des Verfassers: das Verb „abseihen“ bei Bedarf googeln), das Einweichwasser dann wegschütten. Die Kichererbsen wiederum in den Kochtopf geben und mit frischem, leicht gesalzenem Wasser begießen. Den Topfinhalt einmal aufkochen, dabei bildet sich ein weißer Schaum an der Oberfläche, diesen abschöpfen und entsorgen (unbedingt außer Sichtweite des Kindes, sonst ist alles vorbei, bevor es überhaupt begonnen hat). Die Kichererbsen bei etwas zurückgedrehter Heizstufe zugedeckt mit einem Deckel etwa neunzig Minuten kochen.“ Auf der Seiten essen-und-trinken.de hört es sich ganz ähnlich an: „Getrocknete Kichererbsen müssen zunächst für mindestens 12 Stunden eingeweicht werden. Das Einweichwasser sollte entsorgt werden (Anmerkung, nicht Hinweis des Verfassers: man denkt bei diesem Wort an Gorleben, an Giftmüll). Vor dem Kochen werden die Kichererbsen noch einmal gründlich gespült. Die Kochzeit beträgt dann etwa noch zwei Stunden. Wenn Sie die Kichererbsen 24 Stunden einweichen, verkürzt sich diese Zeit auf etwa 30-40 Minuten.“ Wann das Mittagessen fertig ist? Man weiß es nicht. Tage später. Gegessen werden die Kichererbsen vom Kind dann eh nicht, es ist also egal.

Nach zwei Wochen ein weiterer, b.a.w. letzter Anlauf, diesmal beginnend mit Nackthafer, der einen irritierenderweise an Jürgen Drews denken lässt. Beim Kind kurze Freude über den Namen, dann lustloses Gestocher mit spitzer Gabel – und am Ende gibt es Pfannkuchen, den Nackthafer essen die Erwachsenen. Die weitere Versuchsanordnung ist schnell erzählt: Quinoa, Amaranth, Buchweizen, Polenta, Hirse, Kamut … alles abgelehnt, gefordert werden Reis, Nudeln, Kartoffeln. „Aber du wolltest doch mal was anderes essen!“ „Aber doch nicht sowas!“

Da stehen sie nun alle, die angebrochenen, zurückgewiesenen Nudelreiskartoffelalternativen. Zum Glück halten sie sehr lange. „Und du darfst eines nicht vergessen“, wie Wolf Haas seinen namenlosen Ich-Erzähler in den Brenner-Romanen gelegentlich sagen lässt: Kochst du deinen Gästen Reis oder Nudeln als Beilage, wirst du leicht mit den ganzen Mikrowellenbenutzern in einen Topf geworfen. Drapierst du hingegen Emmer oder Canihua auf den großen weißen Tellern, giltst du ganz sicher als Koch.

 

18. Mai. 2016
von Gerald Wenge
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11. Mai. 2016
von Melanie Mühl

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Woher kommt mein Boeuf Bourguignon?

Auch niedliche Tiere schmecken gut Foto dpaAuch niedliche Tiere schmecken gut                                                                                  Foto dpa

Als ich neulich meinen Vater, der auf dem Land lebt, besuchte, fragte ich ihn, woher er und seine Frau ihre Nahrungsmittel beziehen. Er guckte mich verdutzt an, als sei meine Frage an Banalität nicht zu überbieten und sagte: „Na, aus dem Kühlschrank!“

Vor kurzem hat die Heinrich Böll Stiftung ein hervorragendes Buch unter dem Titel „Iss was?! Tiere, Fleisch & ich“ herausgegeben, das die Massentierhaltung und die global miteinander verknüpften Verwertungsketten anhand von Piktogrammen, Bildchen und kurzen Texten erklärt. Im Vorwort blickt die Autorin Barbara Unmüßig auf ihre eigene Kindheit zurück: „Ich erinnere mich an die Vielfalt der Pflanzen, an Weizen, Gerste und Hafer, an Rüben, Kartoffeln und sogar Tabak – alles habe ich auf den Feldern wachsen sehen. Ich war stolz darauf, all die Namen zu kennen, und erstaunt, was damals meine Freundinnen aus der Stadt alles nicht wussten. Wo das Essen herkommt, wie es gelagert, verarbeitet und zubereitet wird, habe ich in allen Einzelheiten erfahren.“

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11. Mai. 2016
von Melanie Mühl

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04. Mai. 2016
von Diana von Kopp
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Es geht um die Wurst

ILLUSTRATION - Eine Currywurst mit Aufschrift "Volkswagen Originalteil" und ein VW-Logo liegen am 19.02.2016 auf einem Teller in Hannover (Niedersachsen). Die Currywurst-Produktion bei Volkswagen hat 2015 erneut den Autoabsatz der Hausmarke abgehängt. In seiner Fleischerei in Wolfsburg produzierte das Unternehmen im vergangenen Jahr über 7,2 Millionen Currywürste. Foto: Julian Stratenschulte/dpa (zu dpa "VW verkauft erneut mehr Currywürste als Autos" vom 19.02.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++VW verkauft mehr Currywürste als Autos                                                                                    Foto dpa

Ist derzeit von Volkswagen die Rede, denkt jeder automatisch an den Abgasskandal – dabei ist Volkswagen mehr als dieser Skandal, denn seit Jahrzehnten gehört neben den Autos ein anderes Produkt zum Kerngeschäft. Und dessen Erfolgsgeschichte kann keine noch so schlechte Unternehmensnachricht etwas anhaben: die Wurst. Mehr als  sieben Millionen Stück sind 2015 verkauft worden, das ist mehr als ein VW-Golf Käufer findet. Weiterlesen →

04. Mai. 2016
von Diana von Kopp
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27. Apr. 2016
von Melanie Mühl
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So lieben Veganer

Activists with People for the Ethical Treatment of Animals(PETA), pose in front of Union Station as they celebrate Earth Day and promote a vegan diet in Columbus Circle April 22, 2016 in Washington, DC. / AFP PHOTO / Brendan SmialowskiPETA-Aktivistinnen werben mit ihrem (fast) nackten Körper für vegane Ernährung    Foto AFP

In Liebesdingen hat es der vegan lebende Mensch wahrlich nicht leicht. Der ideale Partner für einen Veganer, der in der Regel nicht aus Spaß, sondern aus moralischen Gründen auf tierische Produkte verzichtet, ist schließlich ein ebenfalls vegan lebender Mensch. Deren Anteil an der Gesamtbevölkerung ist allerdings lächerlich gering (höchstens ein Prozent), weshalb der Veganer genauso wie der Vegetarier oder Flexitarier Abstriche bei der Partnerwahl machen muss, die bei ihm allerdings besonders krass ausfallen dürften. Wie also lieben Veganer? Weiterlesen →

27. Apr. 2016
von Melanie Mühl
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13. Apr. 2016
von Gerald Wenge
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Bloß nichts aus der Diabetikerecke!

ZitronenkuchenEine vorbildliche Kalorienbombe                                                                                       Foto ullstein Bild

 

Da ist zum Beispiel Michael. Michael ist 48 Jahre alt und sieht aus wie Robert Atzorn mit 38. Als Michael dreizehn war, bekam er im Beisein seiner Mutter, die sofort in Tränen ausbrach, welche über Wochen nicht versiegen sollten, die Diagnose Diabetes mellitus. Mit vierzehn nahm Michael an, nie erwachsen zu werden. Mit siebzehn ließ er sich an einen anderen Arzt überweisen, einen jungen Burschen mit dem Auftreten eines Börsenhändlers, der ihm sagte, eine Diabeteserkrankung sei „heutzutage längst kein Beinbruch mehr“ – keine glückliche Formulierung, wie Michael fand, ein Beinbruch wäre ihm weitaus lieber gewesen. Seit 2010 ist Michael Inhaber einer W3-Professur an einer Hochschule in Nordrhein-Westfalen. Er erfreut sich bester Gesundheit.

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13. Apr. 2016
von Gerald Wenge
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30. Mrz. 2016
von Diana von Kopp
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Das ist die perfekte Ernährung

###Reis, Thunfisch, Algen: muss ja nicht täglich sei, aber oft       Foto dpa

Ein Rhetorik-Seminar für Angestellte. Auf einem Tisch liegen, gleich neben dem Obstkorb, mit Puderzucker bestäubte Schokocroissants. Die Seminarteilnehmer, mit einem mehr oder weniger großen Verzichtswillen ausgestattet, begnügten sich mit Kaffee. Vorerst. In der ersten Pause, nach der Vorstellungsrunde und einer nicht sonderlich kräftezehrenden Aufwärmübung, warf der Erste seine Zurückhaltung über Bord und genehmigte sich ein Croissant. Und die Umstehenden?

Kommentierten das Verhalten: Frau D. fand das Croissant „verführerisch“, Herr M. winkte sofort ab, er mache Weight Watchers– ein einziges Croissant zu essen bedeute, bereits ein Drittel der erlaubten Tagesdosis an Kalorien aufgebraucht zu haben. Frau A. nickte heftig, laut ihrem Fitnessband müsse sie sich dafür zwei Stunden quälen, worauf sie keine Lust habe. Der allgemeine Konsens: „man muss auch mal verzichten können“.

Soweit die Theorie. Praktisch war es unmöglich den warmen Zuckerduft im Raum zu ignorieren. Weight Watchers hin oder her, in der nächsten Pause war es um Herrn M. geschehen. Und plötzlich fand auch Frau D., dass es zum Kaffee einfach dazu gehöre – das Croissant auf ihrem Teller zerlegte sie umständlich in mehrere Teile, von denen sie die Hälfte in den Müll warf. Frau A. besaß nicht nur ein Fitnessband, sondern offenbar auch umfangreiche Ernährungskenntnisse. Die Zutaten des Croissants fand sie bedenklich.

Um es kurz zu machen: am Ende des Tages waren schließlich trotz aller guten Vorsätze beinahe sämtliche Seminarteilnehmer eingeknickt.

Das ist insofern kurios, weil unverhältnismäßig viel Energie in eine bestimmte Frage (ja oder nein) fließt, die im Grunde ganz simpel zu beantworten ist. Doch Rationalität und Essen (gemeint sind Gelüste, nicht Ernährungsweisheiten) sind wie Feuer und Wasser. Bewusst und unbewusst kämpfen wir unentwegt an der Verführungsfront. Manchmal gewinnen wir, manchmal nicht. Mit Blick auf den Körperumfang und die Gesundheit verlieren die Amerikaner offensichtlich besonders häufig, was auch an der Fast Food Kultur liegt, die das Land fest im Griff hat. Kein Wunder, dass dort der Dokumentarfilm “Super Size Me” gedreht wurde, in dem der Regisseur Morgan Spurlock seinen Körper in einem Selbstversuch mit Fast Food mästet. Ganz anders die (zengeschulten) Japaner. In keiner Stadt weltweit gibt es mehr Sternerestaurants als in Tokio, insgesamt verfügt Japan derzeit über 29 Restaurants mit drei Michelin Sternen. In den Vereinigten Staaten sind es 13.

Dass laut einer soeben veröffentlichten großen Studie des „National Center for Global Health and Medicine“ in Tokio, Japaner nach wie vor eine der höchsten Lebenserwartungen haben, liegt zwar nicht an der hohen Zahl ihrer Sternerestaurants. Aber die Zahl zeigt, dass Japan ein kulinarisches Ausnahmeland mit einer besonderen Esskultur ist. Die Ernährungsweise der Japaner ist körner- und sojabohnenreich, sie essen viel frischen Fisch, vergleichsweise wenig verarbeitete Lebensmittel und wenig Fett. Interessant ist: Die offiziellen Ernährungsrichtlinien geben keine allgemeingültige, „korrekte“ Ernährungsweise vor. Illustriert werden die Richtlinien nicht als Pyramide, sondern als Kreisel, auf dem keine einzelnen Nahrungsmittel abgebildet sind, sondern Gerichte. Warum? „Diese auf Gerichte basierende Darstellungsweise, so der Hauptautor der Studie Kayo Kuratani in einem Interview, „ist nicht nur leicht von jenen zu verstehen, die die Speisen kochen, sondern auch von jenen, die sie essen.“ Unmissverständlich wird auch die Bedeutung sportlicher Betätigung klargemacht: um den als Glas illustrierten Griff des Kreisels spurtet eine Figur.

An der Studie (https://www.bmj.com/content/352/bmj.i1209) waren 80 000 Probanden im Alter zwischen 45 und 75 beteiligt, die über einen Zeitraum von 15 Jahren detaillierte Angaben über ihre Ernährung und ihren Lebensstil machten. Das Ergebnis: eine sich an den japanischen Ernährungsrichtlinien orientierende Lebensweise ließ die Gesamtmortalität signifikant, nämlich um 15 Prozent, sinken. Auch das Risiko von Herz-Kreislauf -Erkrankungen sank. Zusammenfassend heißt es: „Unsere Ergebnisse legen nahe , dass ein ausgewogener Konsum von Getreide, Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Eier, Sojaprodukte, Milchprodukte, Süßwaren und alkoholische Getränke zur Langlebigkeit durch die Verringerung der Gefahr des Todes beitragen kann, vor allem von Herz-Kreislauf- Erkrankungen.“

An Ausgewogenheit dachte vermutlich auch Frau A., jedenfalls wurde sie später noch mit einem Apfel in der Hand gesichtet. Gesundes beruhigt das Gewissen nach einem kalorienreichen Ausrutscher, was man in der Psychologie Dissonanz mindernde Strategie nennt. Wobei schon der als Ausrutscher empfundene Griff zum Croissant unser angespanntes Verhältnis zum Essen zeigt. Vielleicht schulen wir uns demnächst besser alle ein bisschen im Zen-Buddhismus.

 

30. Mrz. 2016
von Diana von Kopp
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10. Mrz. 2016
von Bertram Eisenhauer
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Und plötzlich war ich ein Vertrauter

###Weil ich ein Dicker bin                           Foto Getty

 

Da schreibt man nun ein Buch darüber, wie es sich anfühlt, ein dicker Mensch zu sein, wie das auf den Körper und die Seele und das Leben insgesamt durchschlägt, und man schreibt über die Gelüste nach Big Mac und Nutella, über die Scham, über die Schmerzen im Rücken und, ja, auch über Momente von Einsamkeit, und eines Tages merkt man: Man hat was Wichtiges vergessen. Einen ganz entscheidenden Hinweis. Man merkt es in dem Moment, da ein Fernsehteam, das über das Buch einen Fünf-Minuten-Beitrag für ein Boulevardmagazin macht, einen bittet, vor der Kamera einen Hamburger zu essen. Nun will man für das eigene Werk ja ein wenig Werbung machen, aber die nette Redakteurin hat die Bitte noch nicht fertig ausgesprochen, da weiß man: Auf keinen Fall darfst du das machen. Denn beim Essen sieht kaum jemand souverän aus, aber als Dicker kannst du damit nur vollständig verlieren. Weil es wirkt, als sei genau das deine Standardhaltung und -beschäftigung im Leben: Beißen, Kauen, Schlingen.

So ein Buch ist eben, hoffentlich, ein Bildungserlebnis. Für den Leser hoffentlich, aber auch für den Autor. Denn, ehrlich, bis ganz zum Ende hatte ich nicht durchdacht, wie sehr ich durch die Veröffentlichung zu einem öffentlichen Patienten werden würde – und auch zu einem Vertrauten mir eigentlich fremder Menschen. Aber das hat vermutlich damit zu tun, dass das Übergewicht ins Herz dessen geht, was Menschen als ihre Identität sehen, und dass es als Problem und Phänomen auf die eine oder andere Weise beinahe jeden betrifft.

Machen Sie selbst mal den Test. Wenn Sie im Kollegenkreis plaudern, sagen Sie: „Ich bin gerade auf Diät.“ Vor allem wenn Ihr Gegenüber eine Frau ist, werden Sie in etwa der Hälfte der Fälle als Antwort zu hören kriegen: „Ich auch.“ In der anderen Hälfte wird sie Ihnen entgegnen, mit einem Seufzer: „Ja, ich müsste auch mal wieder anfangen.“

Mir scheint es, als sei das Essen in den vergangenen paar Jahren der neue Sex geworden: ein Thema, das ausgiebig diskutiert, das zum Ziel leidenschaftlich vorgebrachter Gebote und Verbote wird, an dem eine ganze gesellschaftliche Suchbewegung, die Frage nach dem ethischen Leben im hochentwickelten Kapitalismus, deutlich wird. Auch beim Essen wird das Private – der Griff in den Kühlschrank – immer stärker zum Politischen.

Leute wie ich, der ich schon Schwierigkeiten mit dem richtigen Essen hatte, bevor sich die Frage, ob es zusätzlich auch das korrekte Essen sei, noch kaum stellte, sehen diese Intensivierung des Diskurses mit einer gewissen Sorge. Weil sich dadurch nämlich die Neigung, anhand ihres Essverhaltens ein Werturteil über Menschen zu treffen, noch verschärfen könnte.

Andererseits: Auch wenn ich weiß, dass „Normalgewichtige“ Dicke oft mit einem stillen Ressentiment betrachten – seit ich über meine Kondition geschrieben habe, ist mir auch eine Menge goodwill begegnet. Schon die Vorveröffentlichung einiger Seiten aus meinem Buch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und online („Mein Bauch, mein Leben und ich“, F.A.S. vom 24. Januar) hatte eine Reihe von Offerten hervorgebracht: Eine Qigong-Lehrerin schlug mir ein Basisseminar im Gebirge vor, bei dem symbolisch eine Waage in den Müll geworfen werden soll, um die ständige Fixierung auf das Gewicht zu brechen; ein Veranstalter von Video- und Online-Coachings, der selbst dauerhaft 45 Kilo abgenommen hat, bot mir einen seiner Kurse an, inklusive eines einfachen „Tricks, der automatisch zum Fettverlust führt“; eine PR-Agentur, die eine Therapeutin vertritt, die eine eigene Methode zur Gewichtsreduzierung und -regulierung entwickelt hat, möchte sie und mich zusammenbringen; die Adipositas-Koordinatorin eines Krankenhauses will mich über eine Magen-OP beraten.

Doch was besonders auffällig und in vielen Fällen berührend ist: wie oft Menschen, die ich gar nicht kenne, mir erzählen, dass sie ebenfalls ein Problem mit dem Essen und dem Gewicht haben. Ich habe den Eindruck, dass sie gegenüber Unbekannten, wie ich zunächst einer bin, sonst nicht so offen reden; selbst sich Freunden darüber anzuvertrauen ist ja nicht leicht, so offensichtlich das Problem auch ist. Sich einem Leidensgenossen mitzuteilen beschämt sie weniger. Ich habe sogar das bestimmte Gefühl, dass es sie danach drängt, darüber zu sprechen, und dass es sie erleichtert, und sei es nur kurz. Es ist, als trüge ich so eine Art inoffizielles Therapeutendiplom um den Hals, auf dem geschrieben steht: „Ich bin dick, was belastet Sie?“

So berichtet eine Tontechnikerin, eine zierliche Person, mir nach der Aufzeichnung eines Radiointerviews, sie habe innerhalb eines Jahres mehr als zwanzig Kilo verloren: „Die ersten zehn nach der Trennung von meinem Mann; mit diesem Schwung habe ich dann weitergemacht.“ Ich sage ihr, sie könne sich glücklich schätzen, dass sie auf emotionalen Stress reagiert, indem sie weniger isst; ich, leider, esse eher mehr.

Eine andere Frau hat, wie sie per Mail mitteilt, erfolgreich abgenommen, macht in ihrem Umfeld aber keine große Sache daraus: „Ich habe den Eindruck, dass, wenn ich darüber spreche und mich andere dafür loben, sofort eine gewisse Erwartungshaltung entsteht: ‚Na, dann mach mal auch weiter so, hoffentlich schaffst du es, du musst jetzt dranbleiben.‘ Haha, als ob ich das nicht selber wüsste! Aber den psychologischen Druck, der dadurch entsteht, lasse ich mir nicht mehr gefallen!! Es ist schließlich mein Leben, mein Körper und mein inneres Gemüt.“ Eine andere Leidensgefährtin erzählt von ihrem jahrelangen Ringen mit den überflüssigen Kilos, inklusive Eierdiät, Wodkadiät, Kohldiät, Low Carb, FDH, Nulldiät – und von ihren Selbstvorwürfen, sie könnte eine jüngst diagnostizierte Krebserkrankung durch ihr exzessives Gewicht mitverschuldet haben.

Diese kurze Vertrautheit, die ja eigentlich privat ist, lässt sich manchmal auch herstellen, wenn andere zusehen. Mit Susanne Fröhlich, die vor ein paar Jahren mit „Moppel-Ich“ ein höchst erfolgreiches eigenes Buch über den „Kampf mit den Pfunden“ (Untertitel) vorgelegt hat, plauderte ich in ihrer Sendung „Fröhlich lesen“ im MDR, als seien wir Geschwister, so jedenfalls kam es mir vor – Geschwister, die genau wissen, wie es ist, in einer bestimmten Umgebung und mit dem gleichen Knacks aufzuwachsen.

Wenn es ums Übergewicht geht, hat fast jeder so seine Geschichte, direkt oder indirekt. Eine Leserin, selbst nicht übergewichtig, schreibt, ihr Freund sei ebenfalls sehr dick. Das sei nie ein Problem für sie gewesen; nun, da sie von der Heimlichtuerei erfahren hat, mit der viele Dicke ihre Not bemänteln, gesteht sie, sie wisse aber nicht, wie er das empfinde.

Eigentümlich auch, wie sich immer wieder auch Normalgewichtige mit dem Dicken solidarisieren – sobald sie von seiner Bedrängnis mal erfahren haben. „Ich kenne das ja auch mit dem Heißhunger“, sagen sie dann, oder: „Bei mir sind es die Zigaretten.“ Ich bin nie ganz sicher: Ist das nun ein echtes Bedürfnis nach Solidarisierung oder eher der Wunsch nach psychologischer Entlastung, weil einem selbst eine Drangsal erspart geblieben ist?

Vielleicht, denke ich, ist das Übergewicht ja einer jener menschlichen Makel, die uns mitgegeben sind und an denen wir uns beweisen müssen. Im Laufe eines Radiogesprächs erzähle ich ein wenig von den Schwierigkeiten des Dicken in romantischen Angelegenheiten und dass einem dabei der schwergewichtige eigene Körper ganz schön im Wege stehen kann. Danach meldet sich eine Hörerin; sie sei blind, sagt sie, und sie habe sich bei meiner Schilderung daran erinnert gefühlt, dass viele Männer sie erst mal nur als „die Blinde“ sähen – und erst dann als Frau. Jeder hat so seine Geschichte.

„Weil ich Dicker bin. Szenen eines Lebensgefühls“ ist im C. Bertelsmann Verlag erschienen; 336 Seiten, 19,99 Euro.

10. Mrz. 2016
von Bertram Eisenhauer
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03. Feb. 2016
von Diana von Kopp

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Haben wir eine natürliche Fettbremse?

###Pommes? Ohne Salz und Glutamat schmecken sie einfach nur fettig.      Foto ddp images

Pommes, Hamburger, Kroketten? Scheußlich! Frittiertes schmeckt mir seit jeher nicht und vermutlich war ich das einzige Kind, dass seine Pommes einzeln mit einer Serviette ausquetschte, damit sie nicht nach Fett schmeckten. Meine Eltern waren übrigens keine Ökos. Sonntags aßen wir meistens „gutbürgerlich“, also Fleisch, von dem ich das Fett sorgfältig abtrennte. War ich einmal nicht sorgfältig genug, spürte meine Zunge detektivisch nach. (Unter meinem Tellerrand versteckte ich heimlich die Ergebnisse der Detektivarbeit.)

All das fiel mir neulich wieder ein, als ich auf eine australische Studie stieß. Dort hieß es, dass der Body Mass Index und die Fähigkeit, Fett zu schmecken, in einem direkten Zusammenhang stehen.

https://www.medicalnewstoday.com/articles/305129.php

Als Maßnahme gegen Übergewicht empfehlen die Wissenschaftler, die Zunge auf die Erkennung von Fett zu trainieren. Denn eine hohe Sensibilität für Fett verhindere einen Überkonsum. Moment! Verfügt unsere Zunge etwa über eine natürliche Fettbremse? Und wie funktioniert „fettig“ schmecken?

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03. Feb. 2016
von Diana von Kopp

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27. Jan. 2016
von Ursula Scheer

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Und wenn er explodiert?

###Unterschätzt: Der Schnellkochtopf                         Foto Rainer Wohlfahrt

 

Meine Großmutter war eine fortschrittliche Frau. Anfang der achtziger Jahre hatte sie ihre Küche längst komplett durchtechnisiert, und wenn man der inzwischen gewucherten Legende glaubt, ging es zu wie in einer Fabrik, wenn das elektrische Messer sägte, das Einschweißgerät schweißte, die Küchenmaschine rotierte, der Handmixer aufrehte, die elektrischen Knethaken zulangten, die Tiefkühltruhe brummte und – als Krönung des Ganzen – der Schnellkochtopf fauchend seinen Überdruck entlud. Dieses Gerät, fand sie, war das unverzichtbarste von allen, weshalb sie allen Frauen – ja, so war das damals noch – in der Familie Schnellkochtöpfe schenkte, ob sie wollten oder nicht, und sich eine generationenübergreifende Schnellkochtopftradition entwickelte. Studentenhaushalt ohne Schnellkochtopf? Undenkbar. Als ich auszog, bekam auch ich so ein Ding eingepackt, basta.

 

Wofür braucht man überhaupt einen Schnellkochtopf? Prinzipiell für alles.

Andere hatten aus meiner Sicht komplett überflüssiges Zeug wie Tupperware zum Salatsoßeschütteln (geht auch in einer Schüssel gerührt) oder Keimgläser für ihr Kressebeet (gibt‘s auch fertig gewachsen zu kaufen). Ich hatte meinen Schnellkochtopf. Und die erste Frage der anderen war immer dieses entsetzte: Explodiert der auch nicht? Nein, tut er nicht. So ein Topf hat einen Bajonettverschluss, da fliegt nicht einfach so der Deckel weg, und wenn man ihn tatsächlich einmal auf dem Herd vergisst oder aus anderen Gründen im Inneren der Druck zu hoch wird, spuckt der Schnellkochtopf denselben durch sein Überdruckventil aus. Zweite Frage: Wofür braucht man überhaupt einen Schnellkochtopf? Prinzipiell für alles. Im Internet gibt es Rezepte von Babybrei bis Hundefutter. Und prinzipiell für nichts, weil man all das natürlich auch in einem ganz normalen Topf kochen kann.

Aber so ist das letztlich bei allen Küchengeräten seit der Erfindung des Ur-Schaschlikspießes in der Steinzeit: Wem einmal eines das Leben leichter gemacht hat, der kann nicht mehr verstehen, dass andere immer noch ohne am Herd stehen. Mag die Zahl der Schnellkochtopf-Verächter auch Legion sein, er hat einfach unschlagbare Vorteile. Die Hersteller kehren immer drei hervor, nämlich dass man mit einem Dampfdrucktopf wesentlich schneller kocht, dadurch vitaminschonender und vor allem energiesparend. Bis zu siebzig Prozent zeitersparnis, bis zu 50 Prozent Energieersparnis heißt es da.

Wenn die Pellkartoffeln nicht eine halbe Stunde auf dem Herd vor sich hinbrodeln, sondern nach 12 Minuten fertig sind, ist das schon ein Punkt. Salzkartoffeln nach sechs Minuten. Und sie schmecken besser, weil sie nicht in Wasser ausgelaugt wurden, sondern im Dampf gegart wurden. Bei Gemüse ist der Unterschied noch größer. Das Prinzip des Schnellkochtopfs funktioniert auch, wenn einem die Spielereien mit Siebeinsätzen schon zu kompliziert sind.

Zwei Fingerbreit Wasser rein gießen, Gargut dazulegen, Würze je nachdem, Deckel schließen, Garstufe eins für Zartes und zwei für Grobes über den Ventilregler einstellen (oder irgendetwas dazwischen), aufs Feuer stellen und los geht‘s. Sobald genug Dampf im Topf ist, macht es klick, der Druck steigt, aus dem Ventil schiebt sich ein Zapfen mit Ringen, die die Garstufen anzeigen. Die hält man, solange nötig, stellt danach den Topf kurz unter einen kalten Wasserstrahl, der Druck fällt, man kann ihn öffnen, fertig. Das klingt komplizierter, als es ist. Man kann auch Gulasch im Schnellkochtopf kochen. Fertig nach zehn Minuten. Sellerie am Stück dito. Braten, Fisch, Geflügel, Hülsenfrüchte, Couscous, indisches Curry, was auch immer. Schneller geht eigentlich nur Fast Food.

 

Jaha!, rufen da die Verächter, da haben wir es, Schnellkochtopfköche folgen der Fastfoodmentalität: Hauptsache schnell und durch. Was natürlich nicht stimmt. Wahres Kochen ist ein sinnliches Erlebnis!, argumentieren die Verächter weiter, bei dem man ganz nah an den Zutaten und der Speise im Werden sein soll, damit alles à point gerät und in schönster Ruhe bei niedrigen Temperaturen seine Aromen entfaltet. Als ob aus dem Dampfdrucktopf nur lieblos durcherhitzter Matsch käme. Dabei ist für alle, die den Dreh raus haben, selbst knackiger Blumenkohl kein Problem.

Wenn Liebe zur Sinnlichkeit der Nahrungszubereitung allerdings bedeuten soll, dass die Bude noch tagelang nach dem Eintopf riechen muss, der stundenlang auf kleiner Flamme simmerte, am besten bei leicht geöffnetem Deckel, dann ist es bei mir damit wirklich nicht weit her. Eine ordentliche Bolognese kriegt man nicht anders hin, aber für Suppen und Brühen aller Art ist der Schnellkochtopf etwas, das vielleicht unromantisch klingt oder sogar unkulinarisch, aber wirklich nicht zu unterschätzen ist: ein sensationeller Beitrag zum weitgehend mieffreien Kochen.

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27. Jan. 2016
von Ursula Scheer

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20. Jan. 2016
von Kerstin Holm
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Esst mehr Kohl!

###Kohl sollte häufig auf dem Speiseplan stehen       Foto Your Photo Today

Wer in diesem Winter der Depression, der steigenden Preise, sinkenden Löhne und der Schließungen von Krankenhäusern und Kindergärten in russischen Dörfern unterwegs ist, der macht auch eine Reise zu den Müttern. Genauer zu den Grundlagen einer mitteleuropäischen Kultur, dort wo sie, nicht von einem freundlichen Klima oder vom Handel begünstigt, sich selber ernähren muss. Was viele russische Städter nebenher tun, die Speisekammer mit selbstgezogenen, eingelegten Gurken, Tomaten, Pilzen aufzustocken, das ist für Dorfbewohner das A und O. Im Sommer ziehen sie Kohl, Kartoffeln, Kürbisse, Karotten, gehen regelmäßig auf Pilzsuche, und der Besuch in einem gastfreundlichen Holzhaus im Rjasaner Gebiet lehrt nicht nur, warum hierzulande die häusliche Küche prinzipiell als der Restaurantküche überlegen gilt, sie versetzt auch an die Quellen unserer eigenen, nämlich der ehrlichsten Arme-Leute-Kulinarik, die die Slawen treuer bewahren als wir selbst.

Das alte Sprichwort „Schtschi und Getreidebrei sind unserer Speise“ („Schtschi da kascha – pischtscha nascha“) hat auf dem Land nie an Aktualität verloren. Die urrussische Kohlsuppe Schtschi wird aus frischem oder Sauerkraut oder einer Mischung aus beiden mit magerer oder fetter Fleischeinlage hergestellt. Sie ist im Winter ein dicker Eintopf. Mit geschmorter roter Beete, Knoblauch und etwas Essig verwandelt sie sich in Borschtsch. Wenn man Oliven, Kapern, Zitronenscheiben, eingelegte Gurken oder Pilze hinfügt, wird eine Soljanka daraus, die nebenbei als Katerfrühstück lebensrettende Dienste tut. Im Frühjahr kocht man aus Brennnesseln oder Sauerampfer erfrischende, leichte „grüne Schtschi“. Als Beilage oder Morgenmahlzeit, die Kraft zum Schneeschaufeln gibt, reicht die Hausfrau orangefarbenen Kürbisbrei auf Milchbasis, der mit Hirse oder Mais angedickt wird. Zu Pilzgerichten passt am besten Buchweizengrütze. Dazu kommt die unter Katharina der Großen aus Übersee eingeführte Kartoffel als gekochte, gebratene, gebackene oder zu Püree verarbeitete Universalnahrung als Beilage für alles.

Eine weitere tragende Säule dieser Bauernküche, Würste und Speck, wird teuerungsbedingt für immer mehr Russen wieder unerschwinglich wie zur Sowjetzeit. Dabei schätzen selbst hartnäckige Patrioten vor allem deutsche, polnische, weißrussische Wurstsorten, die aus natürlichen, gut gewürzten Rohstoffen bestehen, im Gegensatz zur vaterländischen Produktion mit ihren Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern. Aus der entbehrungsreichen Sowjetepoche stammt auch die Bezeichnung „Wurst-Emigration“ fürs Auswandern um eines höheren Lebensstandards willen, das heißt in den Westen. In dem ironisch bedauernden Unterton des Wortes klingt nach, dass die vielen Gebildeten, die es vermochten, diesem prekären Staat den Rücken zu kehren, eigentlich besonders dringend gebraucht wurden, weshalb ihr Weggang die Lage der Dableibenden noch prekärer machte.

Die Zielländer der „Wurstemigration“, also die westeuropäischen, sind indes selbst kulinarisch schon längst weitergewandert, Richtung Süden und Südwesten, in die Basilikum-, Parmesan- und Roseweinzone. Grünkohleintöpfe, Krautwickel, Kartoffelaufläufe werden heute vor allem von Lokalpatrioten und Nostalgikern goutiert, das Gros der urbanen Mittelklasse bevorzugt leichtere Aromen, ernährt sich lieber von Pizza, Pasta und jener klassischen, dem Individualcharakter der frischen Bestandteile hervorhebenden italienischen Kochkunst, die in der Renaissance für eine Elite kreiert wurde und nach dem 2. Weltkrieg die westliche Welt eroberte. Der Mensch strebt ins Helle, Ferne, Duftige, er will Gewicht abwerfen und von seinen Wurzeln weg. Dabei trug selbst Italien noch lange das Joch der Kohleintöpfe und Getreidebreie. Umso wichtiger werden daher Europas Kulturen, die – und sei es dank ihrer wirtschaftlichen Rückständigkeit – die ursprünglichen, bodennahen Geschmacksbotschaften von Mutter Erde, denen viele Völker sich entfremdet haben, noch zu würdigen wissen.

20. Jan. 2016
von Kerstin Holm
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13. Jan. 2016
von Melanie Mühl
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Hundetüten für Feinschmecker

###Essen für den Hund?         Foto Getty Images

 

In Frankreichs Restaurants werden sich in Zukunft einige Gäste die Haare raufen, denn seit diesem Jahr läuft im Feinschmeckerland eine Art Umerziehungsprogramm: aus Doggy-Bag-Verachtern sollen Doggy-Bag-Enthusiasten werden. Gewissermaßen von oberster Stelle zur Minimierung der Essensabfälle verordnet sind alle Hotels und Restaurants, die täglich mehr als 180 Essen servieren, in Zukunft angehalten, Boxen zur Mitnahme von Essensresten vorrätig zu haben und ihren Kunde offensiv anzubieten. Mit der Vorstellung, die Reste eines Boeuf Bourguignon in einer Styroporschachtel nach Hause zu tragen, dürften allerdings nicht nur Franzosen Schwierigkeiten haben. Es fängt schon beim Namen an: Doggy Bag, also Hundetüte. Obwohl diese Mitnahmepraxis von Menüresten bekanntlich schon lange nichts mehr mit Hunden zu tun hat, sind die Hundeknochen- und Napfassoziationen freilich trotzdem da. Für den französischen Kulturbürger brechen jedenfalls harte kulinarische Zeiten an.

Als Doggy-Bag-Ursprungsland gilt Amerika. Die Box soll 1943, als das Essen wegen des Zweiten Weltkriegs rationiert worden war, in Kalifornien erfunden worden sein. “The Oxford Companion to Food” zitiert den einst populären Spruch: „Are you happy over dinner? Don’t have all the fun alone. Remember the pup who`s waiting. And take him al luscious bone.” Zumindest offiziell war die Hundetüte für den hungrigen Hund zu Hause gedacht.

Was in Amerika bis heute auch aufgrund der absurd großen Portionen gang und gäbe ist, darüber rümpft man andernorts aus historischen und kulturellen Gründen die Nase. Während es, so der französische Soziologe Jean Pierre Corbeau, in bürgerlichen und aristokratischen Kreisen früher üblich war, nicht alles aufzuessen, um zu unterstreichen, dass an Lebensmitteln kein Mangel herrschte, aß man in den unteren Schichten eine Mahlzeit auf, was schon Kindern gelehrt wurde. In Frankreich, wo die Portionen nichts Angsteinflößendes haben, und auswärts zu essen nicht derart weit verbreitet ist wie in Amerika, ist der man Doggy Bags zudem schlicht nicht gewöhnt. Dort sind Reste Reste und keine potentiell aufwärmbaren Mahlzeiten.

Doch nicht nur in Frankreich, auch in Großbritannien hat das Doggy Bag ein erhebliches Imageproblem. Essensreste waren einst Symbol für Reichtum und Adel. Sie ernährten, so der Historiker Colin Spencer, andere – zum Beispiel Küchenangestellten. Im Mittelalter bekamen die im Hof wartenden Bettler was die Küchenangestellten übrig gelassen hatten.  Spencer glaubt, dass dieses es-sich-leisten-zu-können-Gefühl etwas übrig zu lassen in Restaurants nach wie vor vorhanden ist. Nach dem Motto: „Ich muss nicht aufessen“.

Der amerikanische Verbraucherpsychologe Brian Wansink brachte in einem Interview den aus der Verhaltensökonomie stammenden Endowment-Effekt (Besitztumseffekt) ins Spiel, um unser Doggy-Bag-Unbehagen zu erklären. Wir tendieren dazu, einem Gut, das wir besitzen, einen wesentlich höheren als den tatsächlichen Wert zuzuschreiben. Dass dieses irrationale Verhalten auch bei Essensresten, die wir ja, wenn auch verpackt, wiederbekommen, greifen soll, scheint zumindest fragwürdig.

In der konkreten Situation hängt die Entscheidung  für oder gegen das Doggy Bag von vielen Faktoren wie etwa der Preisklasse des Restaurants und dem Verhalten der Tischgesellschaft ab. Ist man die einzige Person, die ihre Menüreste mitnehmen möchte? Wie wichtig ist einem die Meinung der anderen, wir groß ist also die Angst, als knauserig und unkultiviert zu gelten?

Um den Doggy-Bag-Ruf aufzupolieren, schlug der französische Hotel- und Gaststättenverband übrigens schon vor einiger Zeit eine Umbenennung vor: in „le gourmet bag“.

 

 

 

 

13. Jan. 2016
von Melanie Mühl
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30. Dez. 2015
von Melanie Mühl
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Landleben light

###Noch ist das Kaninchen glücklich                                                   Foto Interfoto

 

Wenn vom Selbstversorger die Rede ist, dann ist der Begriff Trend nicht weit, wobei der moderne Selbstversorger mittlerweile urban farmer heißt und urban gardening betreibt, also dem Motto grow your own folgt. Das kann beispielsweise bedeuten, dass er Kresse auf einem Wattebausch züchtet und auf seinem Fenstersims ein kleiner Tomatenstrauch steht. Zumindest die Frage, woher die Kresse und die Tomaten kommen und wie beides Erntereife erlangt hat, wäre bei dieser Version der Selbstversorgung geklärt. Aber was ist mit den Eiern im Kühlschrank? Hatten die Hühner genügend Platz, Sitzstangen zum Ruhen und Einstreu zum Scharren? Wie oft bekamen sie Antibiotika verabreicht? Und was ist mit dem Obst und Gemüse? Ist es so pestizidbelastet, dass die Gesundheit in Gefahr ist?

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30. Dez. 2015
von Melanie Mühl
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23. Dez. 2015
von Diana von Kopp
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Oh du schreckliches Weihnachtsessen

hilft bestens gegen Kaugeräusche: geräuschabschirmende KopfhörerHelfen bestens bei Misophonie: geräuschabschirmende Kopfhörer                                                   Illustration Sonja Hansen

 

Weihnachtsessen gehören zu den heikelsten familiären Veranstaltungen überhaupt. Läuft es gut, tauscht man sich entspannt über Urlaubserlebnisse, die hervorragenden Schulnoten der Kinder oder die Herkunft der Weihnachtsgans aus. Läuft es weniger gut, kreist das Gespräch bald um allerlei kleinere und größere Gebrechen, um Lebensmittelunverträglichkeiten wie Laktoseintoleranz etwa oder Allergien (Sellerie, Tomaten, Paprika etc.), weshalb früher oder später jeder am Tisch die Verdauungsprobleme seiner Sitznachbarn kennt. Für all jene, die unter Misophonie, sprich, dem Hass auf Geräusche, leiden, läuft es so oder so katastrophal. Bezieht sich diese Geräuschintoleranz auf das Ticken von Uhren, lässt sich die Sache zwar noch handhaben, indem man die Uhr des Gastgebers von der Wand montieren – zu Irritationen wird ein solcher Schritt jedoch allemal führen. Wer hingegen Kaugeräusche, Schmatzen, Schlürfen, Kieferknacken und Zähneklappern hasst, für den ist ein Weihnachtsessen der wahr gewordene Alptraum.

Betrachtet man die Ergebnisse  einer Studie, die 2014 im Journal of Clinical Psychology veröffentlich wurde, findet dieser Alptraum womöglich in mehr Haushalten als gedacht statt. Jeder Fünfte der insgesamt 483 Studienteilnehmer litt unter Misophonie, jeder zehnte sogar stark. Die Neurowissenschaftler Pawel und Margaret Jastreboff gelten als Pioniere auf diesem Gebiet und forschen seit den neunziger Jahren zum Thema. „Betroffene Personen”, schreiben sie, “sind unfähig, alltägliche Geräusche zu tolerieren, die bei anderen Menschen normalerweise keine Reaktionen hervorrufen.“ Kaugeräusche eben. Wenn Ihr Sitznachbar also seltsam verkrampft sein sollte, könnte es daran liegen, wie Sie hörbar die Gans in Ihrem Mund zerteilen. Diese Kaugeräusche können sogar regelrechte körperliche Qualen verursachen, bis hin zu Panikattacken. In milderen  Fällen bittet ein Misophoniker seinen Sitznachbarn einfach darum, etwas leiser zu essen.

Meine Oma sprach bei dieser Gelegenheit uns Enkeln gegenüber gerne von Tischmanieren und hob mahnend den Finger. Ein Diagnoseverfahren, das Guy Fitzmaurice vom Misophonia Zentrum in London entwickelt hat,  hätte ihr  wohl eine Misophonie vierten Grades bescheinigt.

Gezählt wird von Null bis Zehn. Stufe vier bedeutet: „Die betroffene Person zeigt eine minimale Reaktion, beispielsweise indem sie die störende Person bittet, etwas leiser zu sein, sich diskret ein Ohr zuhält oder sich entfernt.“

Ungewöhnlich finde ich das ja eigentlich nicht. Auf Zugfahrten beispielsweise wechsle ich durchaus den Sitzplatz, wenn Mitreisende munter den Inhalt ihres Kühlschrankes vor dem Verderben retten. Das macht einen noch längst nicht zum Misophoniker, redete ich mir ein – und wollte innerlich abwinken. Interessehalber las ich doch weiter und erschrak bei Stufe Sieben: „ mögliches Auftreten unerwünschten sexuellen Begehrens und wiederholte Gedanken an Trigger-Person sowie an das störende Geräusch bzw. die Umgebung, auch noch nach Jahren.“ Augenblicklich fiel mir ein Ereignis ein, das fünfzehn Jahre zurückliegt, aber offensichtlich Spuren bei mir hinterlassen hat. Und zwar buchte ich im Internet einen zweiwöchigen Segelurlaub in Griechenland. Herrlich hätte es sein können, wäre da nicht dieser Sportlehrer aus Berlin mit derselben Idee gewesen. Dummerweise kaute er den ganzen Tag Kaugummi. Und war völlig immun gegenüber meiner Bitte, es doch wenigstens für die Dauer eines gemeinsamen Ausflugs im Schlauchboot zu unterlassen. Sein Schmatzen war so laut, dass es sogar das sanfte Plätschern an der Bordwand übertönte. Kaugummi kauende Menschen sind mir seitdem ein Graus.

Erinnern Sie sich an den Film Harry und Sally? Man könnte mit dem Wissen über Misophonie die berühmteste Szene ganz neu interpretieren. Möglicherweise leidet Sally unter Misophonie und beginnt nur deshalb im Restaurant laut zu stöhnen, weil Harry in sein Pastrami Sandwich beißt, als sei er ein Löwe, der eine Antilope reißt. Immerhin hört er auf zu schmatzen, als Sally  von heftiger Erregung geschüttelt mit beiden Händen auf den Tisch trommelt.

Gut möglich, dass das Schmatzen das ein oder andere Paar endgültig auseinander treibt. Wer seinen Partner nicht verlieren und den quälenden Geräuschen dennoch ein Ende setzen will, muss sich selbst ändern. Laut Arjan Schröder, Kognitionswissenschaftler an der Universität Amsterdam, handelt es sich bei Misophonie um einen Lernprozess, eine (Fehl-) Verknüpfung zwischen einem neutralen Geräusch und einer aversiven Emotion. Wer anfange, Situationen zu meiden, mache alles nur noch schlimmer. Das ist ehrlich gesagt schwer vorstellbar. Dem Kaugummikauer und mir hätte es sehr gut getan, sich aus dem Weg zu gehen, was aber schwierig ist, wenn man gemeinsam in einem Boot sitzt. Das ist wie beim Weihnachtsessen – da kann man sich auch nicht so leicht ausklinken.

23. Dez. 2015
von Diana von Kopp
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