Formfrei

Was haben sie ihm getan?

Zuerst kam das Erdbeben. Ein fürchterliches Erdbeben. Fürchterlich selbst für japanische Verhältnisse. Sozusagen die Mutter aller Erdbeben. Schlimm genug.

Dann folgte der Tsunami. Nicht irgendein Tsunami. Kein Tsunami, wie ihn die Küstenbewohner Japans gewohnt waren. Kein Tsunami, wie sie ihn früher schon so oft erlebt hatten; wie er sie jedesmal überraschte, sie dabei oft genug überrannte. Kein Tsunami, wie sie sich hernach noch besser vor ihm schützen wollten, mit hohen und noch höheren Mauern. Nein. Der Tsunami! Er kam. Er kam schnell und er war furchtbar. Zu Tausenden sog er sie ein. Und zu Tausenden spuckt er sie jetzt wieder aus. Jetzt, wo er mit ihnen fertig ist. Leblos, sinnlos – angespült wie stinkendes Treibholz am Strand. Zehntausend Tote, einfach so. Wegen einer „9“ auf irgendeiner Skala – was immer das auch genau bedeuten mag.

Spätestens ab jetzt redet die Welt über eine Katastrophe. Von nun an ist nichts mehr mit „business as usual“, für die Weltgesellschaft nicht und ihre Nachrichtenmedien auch nicht. Und für die obdachlosen, verletzten, trauernden, frierenden, ihre letzten Lebensmomente aushauchenden, von den Naturgewalten zertrümmert in ein Trümmerfeld geworfenen Japaner sowieso nicht. Für die verzweifelt um Hilfe Schreienden nicht, und für die noch verzweifelter nach ihren Kindern Suchenden auch nicht.

Aber damit nicht genug. Das war nur das Vorspiel. Die tausenden Toten nur Statisten. Der Zorn eines zynischen Gottes hat viele Gesichter: Erst jetzt erreicht das Stück sein Finale. Doch selbst das kann nicht so sein, wie man es sich wünscht: kurz und schmerzlos. Und wenn schon nicht schmerzlos, dann wenigstens kurz. Nein: Eine Tragödie in drei Reaktoren bildet das Hauptstück: eins, drei und vier. Selbst zwei darf einen Part übernehmen, kurz zwar, aber nicht unbedeutend für die Dramaturgie. Zuerst brennt ein Reaktor, und kaum ist er so halbwegs unter Kontrolle, brennt der nächste. Was schief gehen kann, geht schief; was explodieren kann, explodiert. Beben folgt auf Beben; Systeme versagen, Menschen versagen. Und wo jedes Katastrophen-Movie der 70er-Jahre längst ins Parodistische gekippt wäre, gibt es in diesem Plot noch eine Draufgabe: dieses Abklingbecken in Reaktor 4, da liegen doch noch heiße Brennstäbe drinnen, die könnte man doch… Und tatsächlich: Brennen sollen sie, diese Stäbe!

Und der Mensch wehrt sich und der Mensch windet sich: Meerwasser, Hubschrauber, Ersatzstromleitungen. 180 Helden, einen qualvollen Tod vor Augen, deren Namen die Welt vermutlich nie erfahren wird. Wie es derzeit aussieht umsonst. Ausgerechnet den Japanern, die im Zweiten Weltkrieg schon einmal die Gewalt des Atoms am eigenen Leib zu spüren bekamen, droht erneut die Strahlenpest. Mit einer Katastrophe wären sie fertig geworden; mit zwei wahrscheinlich auch noch. Aber das, diese heimtückische Verschwörung der Elemente, war zuviel. 

Wäre ich ein gottgläubiger Mensch, dann würde ich mich fragen: Warum? Was haben sie ihm bloß getan?

Die mobile Version verlassen